{"id":53482,"date":"2021-10-29T12:13:05","date_gmt":"2021-10-29T10:13:05","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=53482"},"modified":"2021-10-29T12:34:28","modified_gmt":"2021-10-29T10:34:28","slug":"archaeologen-der-goethe-universitaet-legen-geschichte-des-bergbaus-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/archaeologen-der-goethe-universitaet-legen-geschichte-des-bergbaus-frei\/","title":{"rendered":"Arch\u00e4ologen der Goethe-Universit\u00e4t legen Geschichte des Bergbaus frei"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ob der Name \u201eMontafon\u201c tats\u00e4chlich von dem Wort f\u00fcr \u201eMuntafune\u201c oder \u201eGrubenberg\u201c kommt? Die fr\u00fchesten Quellen machen dies jedenfalls glaubhaft. Was Arch\u00e4ologen der Goethe-Universit\u00e4t jedoch herausgefunden haben: Schon in sp\u00e4tkeltischer und r\u00f6mischer Zeit ist in dem 39 Kilometer langen Tal im \u00f6sterreichischen Vorarlberg Bergbau betrieben worden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Beitragsbild_Bergbau-Montafon.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Beitragsbild_Bergbau-Montafon.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-53483\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Beitragsbild_Bergbau-Montafon.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Beitragsbild_Bergbau-Montafon-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption>Bartholom\u00e4berg. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Bergbaulandschaft der Knappagruaba am Bartholom\u00e4berg wurde mit ihren zahlreichen sehr gut erhaltenen Abraumhalden und Stollenmundl\u00f6chern 2012 als herausragendes Kulturdenkmal in das Denkmalbuch der Republik \u00d6sterreich eingetragen.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Bergbaus im Montafon ist offenbar von einer langen Kontinuit\u00e4t gepr\u00e4gt. Wie Forschungen der Goethe-Universit\u00e4t in j\u00fcngster Zeit gezeigt haben, wurden die Erzlagerst\u00e4tten schon seit sp\u00e4tkeltischer Zeit \u00fcber viele Jahrhunderte hinweg genutzt: Bis ins Sp\u00e4tmittelalter hinein, mehr als 1500 Jahre lang sind hier Bodensch\u00e4tze wie Eisen, Kupfer und Silber abgebaut worden. Dass es aber bereits in keltischer und r\u00f6mischer Zeit Aktivit\u00e4ten im Berg gab, war bislang nicht bekannt. Die neuen Erkenntnisse machen das Montanrevier zu einem der bemerkenswertesten in den Alpen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDamit hatten wir nicht gerechnet\u201c, sagt R\u00fcdiger Krause, Professor f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte am Institut f\u00fcr Arch\u00e4ologische Wissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt. Zwar h\u00e4tten bereits die montanarch\u00e4ologischen Forschungen der vergangenen Jahre gezeigt, dass das kleine Montanrevier am Bartholom\u00e4berg eine sehr spannende und besondere Forschungsregion ist, aus der aus Bergbauhalden, alten Oberfl\u00e4chen und aus Mooren viele Funde und Befunde dokumentiert, Proben geborgen und zahlreiche Daten gewonnen werden konnten. So erbrachte die interdisziplin\u00e4re Untersuchung etwa von fossilem Bl\u00fctenstaub (Pollen), Schwermetallen oder die Radiokarbondatierung von H\u00f6lzern und Holzkohlen erstaunliche Einblicke in bisher unbekannte Phasen des Bergbaus aus sp\u00e4tkeltischer Zeit (3.\/2. Jahrhundert v. Chr.).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-53484\" width=\"325\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-1.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-1-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><figcaption>Der Grabungsschnitt 2021 liegt am Westende der Knappagruaba am steilen Hang. Grabungsarbeiten der Frankfurter Wissenschaftler und Studenten. Foto: R\u00fcdiger Krause<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Montanarch\u00e4ologische Quellen zum r\u00f6mischen Bergbau in den Ostalpen waren bisher unbekannt. Die sp\u00e4rlichen historischen Quellen zum fr\u00fch- und hochmittelalterlichen Bergbau im Montafon wurden jedoch in den vergangenen Jahren durch die Frankfurter interdisziplin\u00e4ren Forschungen wesentlich erweitert. Neue arch\u00e4ologische Ausgrabungen, arch\u00e4obotanische Untersuchungen an den Mooren und Analysen der Schwermetalleintr\u00e4ge in Mooren und B\u00f6den durch Prof\u2019in Dr. Astrid Stobbe von der Goethe-Universit\u00e4t haben erstaunliche Einblicke in neue und bisher unbekannt Phasen der Bergbaugeschichte am Bartholom\u00e4berg erbracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neuen Ausgrabungen mit studentischer Beteiligung unter Leitung von Prof. R\u00fcdiger Krause haben im September in der Knappagruaba nun eine kleine Sensation offenbart: Vier Wochen dauerte die Ausgrabung, die in mehreren Grabungsschnitten am steilen Berghang vonstattenging. An den Oberfl\u00e4chen waren Spuren fr\u00fcheren Bergbaus gut erkennbar, sie bestanden aus Abraumhalden aus Taubgestein, den runden in den Fels gehauenen Sch\u00e4chten und aus den Hinweisen auf tiefer gelegene Eisenerzg\u00e4nge. Erstmals konnten diesen Herbst montanarch\u00e4ologische Befunde aus r\u00f6mischer Zeit freigelegt werden, die nicht nur f\u00fcr das kleine Montanrevier, sondern weit dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die Ostalpen einmalig sind. Ausgegraben wurden bis in drei Meter unter der Oberfl\u00e4che zwei verf\u00fcllte Bergbausch\u00e4chte, die im Bereich einer Vererzung abgetieft wurden. Davon zeugen an der Oberfl\u00e4che des Felsens Kl\u00fcfte mit Eisenoxyden und Quarzg\u00e4ngen, die den sogenannten Eisernen Hut \u2013 also die Oxidationszone eines Erzganges, bilden. Wie tief die Sch\u00e4chte in den Untergrund reichen, das soll zuk\u00fcnftig durch Rammkernbohrungen herausgefunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn r\u00f6mischer Zeit wurde hier Eisenerz im Schachtbergbau gewonnen. Die chronologische Einordnung wird durch zehn kleine Fragmente von typisch r\u00f6mischen Keramikgef\u00e4\u00dfen untermauert, und das war eine gro\u00dfe \u00dcberraschung\u201c, berichtet Krause. Mehrere 14C-Radiokarbondatierungen an Holzkohlen hatten bereits im Vorjahr vermuten lassen, dass an dieser Stelle in der r\u00f6mischen Kaiserzeit bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. Aktivit\u00e4ten stattgefunden haben. Zusammen mit den r\u00f6mischen Keramikscherben sind sie ein untr\u00fcglicher Beleg f\u00fcr die Erzgewinnung. Unsicher bleibt, ob die Bergleute auch tats\u00e4chlich R\u00f6mer waren. Pollenprofile und vegetationsgeschichtliche Befunde zeigen jedoch, dass das inneralpine Tal seit der Bronzezeit besiedelt war. Die Arch\u00e4ologen gehen davon aus, dass die lokale Bev\u00f6lkerung der sp\u00e4ten Eisenzeit den Bergbau betrieben und r\u00f6misches Geschirr (Keramik) benutzt hat.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-53485\" width=\"325\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-2.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_Bergbau-Montafon-2-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><figcaption>Bartholom\u00e4berg, Knappagruaba. Studenten der Goethe-Universit\u00e4t bei Grabungsarbeiten im Bereich der Bergbaubefunde. Im Hintergrund ist die Verf\u00fcllung eines verf\u00fcllten, runden Bergbauschachtes zu erkennen. Foto: R\u00fcdiger Krause<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des fr\u00fchen Bergbaus im Montafon setzt sich nach der r\u00f6mischen Antike &#8211; wie historisch \u00fcberliefert, im fr\u00fchen Mittelalter in karolingischer Zeit im 9. Jahrhundert und im Hochmittelalter im 11.\/12. Jahrhundert mit einer Bl\u00fctezeit der Silbergewinnung fort. 1319 wird erstmals eine Silbergrube am Berg <em>Muntafune<\/em> in einer Urkunde \u00fcberliefert. Allerdings weisen Daten und Befunde aus Moorprofilen darauf hin, dass bereits Bergbauaktivit\u00e4ten vor der Nennung von acht Eisenschmelz\u00f6fen im Churer Reichsurbar 843\/844 n. Chr. vorliegen und wir derzeit von einer Kontinuit\u00e4t von der Sp\u00e4tantike in das Fr\u00fchmittelalter und die Karolingerzeit ausgehen d\u00fcrfen. Sein H\u00f6hepunkt d\u00fcrfte im Hochmittelalter und im Sp\u00e4tmittelalter gelegen haben, in der Folge wurde der Bergbau im 15.\/16. Jahrhundert bis zu seinem Niedergang um 1600 nach den zahlreichen Bergbaubelegen wie Stollenmundl\u00f6cher und Abraumhalden sowie nach den historischen Quellen zu schlie\u00dfen, im industriellen Ma\u00dfstab durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der langj\u00e4hrigen Forschungen der Goethe-Universit\u00e4t ist die ungew\u00f6hnlich gut erhaltene Halden- und Bergbaulandschaft seit 2012 als herausragendes Kulturdenkmal in das Denkmalbuch der Republik \u00d6sterreich eingetragen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob der Name \u201eMontafon\u201c tats\u00e4chlich von dem Wort f\u00fcr \u201eMuntafune\u201c oder \u201eGrubenberg\u201c kommt? Die fr\u00fchesten Quellen machen dies jedenfalls glaubhaft. 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