{"id":59258,"date":"2022-06-03T08:45:00","date_gmt":"2022-06-03T06:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=59258"},"modified":"2022-06-01T09:33:36","modified_gmt":"2022-06-01T07:33:36","slug":"ein-neuer-band-des-frankfurter-instituts-fuer-sozialforschung-ueber-normative-paradoxien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/ein-neuer-band-des-frankfurter-instituts-fuer-sozialforschung-ueber-normative-paradoxien\/","title":{"rendered":"Ein neuer Band des Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung \u00fcber \u00bbNormative Paradoxien\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Zusammenf\u00fchrung von Theorie und Empirie im Zeichen gesellschaftskritischer Zeitdiagnose war von Anfang an Ziel und Markenzeichen der sogenannten Frankfurter Schule. Diese Geschichte begann, als 1930 der Sozialphilosoph Max Horkheimer die Leitung des 1924 er\u00f6ffneten Frankfurter Instituts f\u00fcr Sozialforschung \u00fcbernahm. Dass das vor fast einem Jahrhundert begonnene Projekt verschiedene Phasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und mehrfachen Krisen erlebte, kann nicht verwundern. Umso erstaunlicher ist, wie das Projekt erneut Fahrt aufnahm, als 2001 Axel Honneth, Sch\u00fcler von J\u00fcrgen Habermas und dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl f\u00fcr Sozialphilosophie, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Direktor des Instituts wurde.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">M\u00fcndigkeit als normativer Orientierungspunkt <\/h3>\n\n\n\n<p>An einstige ruhmreiche Zeiten mit Theodor W. Adorno als Direktor und der Buchreihe \u201eFrankfurter Beitr\u00e4ge zur Soziologie\u201c als Publikationsorgan f\u00fcr \u00f6ffentlichkeitsrelevante Forschungen des Instituts ankn\u00fcpfend, begann 2002 eine neue, das thematische Spektrum erweiternde Reihe \u201eFrankfurter Beitr\u00e4ge zur Soziologie und Sozialphilosophie\u201c. Als ersten Band publizierte das Institut unter dem sarkastisch- kritisch klingenden Titel \u201eBefreiung aus der M\u00fcndigkeit\u201c und mit dem programmatischen Untertitel \u201eParadoxien des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus\u201c eine Sammlung erster \u00dcberlegungen zur Bestimmung eines neuen Forschungsthemas. In der Einleitung des neuen Direktors hie\u00df es damals: \u201eIm Gegensatz zu der wachsenden Tendenz, paradoxale Verl\u00e4ufe sozialer Entwicklungen aus einer neutralen Beobachterperspektive zu analysieren, bleiben die Diagnosen des vorliegenden Bandes zumeist einer performativen Perspektive verhaftet, indem sie im Interesse des durch soziale Gegenl\u00e4ufigkeiten bedrohten Fortschritts erfolgen. [\u2026] Insofern darf die Lossagung von veralteten Traditionsbest\u00e4nden der Kritischen Theorie nicht bis zum Punkt der Preisgabe ihres emanzipatorischen Anspruchs vorangetrieben werden; die \u201aM\u00fcndigkeit\u2018, von der im Titel des vorliegenden Bandes behauptet wird, dass sie unter parasit\u00e4rer Verwendung ihrer eigenen Prinzipien heute bedroht ist, bleibt der normative Orientierungspunkt fast aller hier versammelten Beitr\u00e4ge.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Verlagerung der Aufmerksamkeit auf paradoxale Verl\u00e4ufe sozialer Entwicklungen entfiel auch die Konzentration auf die Produktionssph\u00e4re als entscheidend f\u00fcr das Schicksal des industriellen Kapitalismus. Stattdessen begann eine neue zeitdiagnostische Orientierung kritischer Theorie als interdisziplin\u00e4res Unternehmen \u2013 charakterisiert als \u201eVersuch, soziale Paradoxien im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus zu untersuchen\u201c, allerdings ohne die Hoffnung, je zu einer aktuellen interdisziplin\u00e4ren gesamtgesellschaftlichen Analyse gelangen zu k\u00f6nnen. Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter war die Konkretisierung und Profilierung des neuen Forschungsschwerpunktes so weit fortgeschritten, dass der Philosoph Axel Honneth und der Soziologe Ferdinand Sutterl\u00fcty in \u201eWESTEND\u201c \u2013 der \u201eNeuen Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung\u201c, die nach jahrzehntelanger Unterbrechung an die Stelle der alten \u201eZeitschrift f\u00fcr Sozialforschung\u201c des von Horkheimer geleiteten Instituts trat \u2013 das neue \u00fcbergreifende Projekt des Instituts so zu formulieren vermochten, dass es zum Leitfaden einer spezifischen Forschungsrichtung werden konnte. \u201eNormative Paradoxien der Gegenwart \u2013 eine Forschungsperspektive\u201c lautete der Titel des zwei Dutzend Seiten umfassenden Textes.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:19px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:37% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitragsbild_rolf-wiggershaus.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-59260 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitragsbild_rolf-wiggershaus.png 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitragsbild_rolf-wiggershaus-300x208.png 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:16px\">Dr. Rolf Wiggershaus ist Philosoph und Publizist, er ist als Historiker der Frankfurter Schule bekannt geworden. Seine Studie \u00fcber ihre Geschichte und Bedeutung sowie seine Einf\u00fchrungen \u00fcber Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und J\u00fcrgen Habermas gelten als Standardwerke. Foto: Renate Wiggershaus<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:28px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Diese \u201eForschungsperspektive\u201c er\u00f6ffnet nun ein weiteres Jahrzehnt sp\u00e4ter den Band 32 der \u201eFrankfurter Beitr\u00e4ge zur Soziologie und Sozialphilosophie\u201c \u2013 \u201eNormative Paradoxien. Verkehrungen des gesellschaftlichen Fortschritts\u201c \u2013 und bietet einen ausgezeichneten Leitfaden f\u00fcr die Lekt\u00fcre und Einsch\u00e4tzung der darauffolgenden, jeweils ein halbes Dutzend Beitr\u00e4ge umfassenden \u201eTheoriegeschichtlichen Perspektiven\u201c und \u201eMaterialen Studien\u201c.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wandel mithilfe der Paradoxie erkl\u00e4ren<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eDas Verwirrende, ja Perplexe an der gegenw\u00e4rtigen Situation\u201c, so formulieren Honneth und Sutterl\u00fcty pr\u00e4gnant die Forschungsperspektive, \u201ebesteht wohl darin, dass die normativen Leitideen der vergangenen Jahrzehnte zwar weiterhin eine performative Aktualit\u00e4t besitzen, untergr\u00fcndig aber ihre emanzipatorische Bedeutung verloren oder gewandelt zu haben scheinen, weil sie vielerorts zu blo\u00df legitimierenden Begriffen einer neuen Stufe der kapitalistischen Expansion geworden sind.\u201c Es gehe um den Versuch, diese gewandelte, schwer zu durchschauende Form der normativen Entwicklung mittels der Kategorie der Paradoxie zu begreifen. Damit sei die eigent\u00fcmliche Tatsache gemeint, \u201edass heute viele der erfolgreich institutionalisierten Prinzipien der vergangenen Jahrzehnte insofern eine nahezu entgegengesetzte Bedeutung annehmen, als sie unter dem Druck sozialer Umst\u00e4nde zu normativen Mitteln der entsolidarisierenden, entm\u00fcndigenden Integration\u201c w\u00fcrden, und das oft ohne Verabschiedung und Aufgabe der zun\u00e4chst richtungsweisenden moralischen Anspr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unter dem Titel \u201eTheoriegeschichtliche Perspektiven\u201c versammelten Beitr\u00e4ge geben sich betont geistes- bzw. ideengeschichtlich. Sie konzentrieren sich jeweils auf einen Autor \u2013 auf Alexis de Tocqueville, Friedrich Nietzsche, Max Weber, Georg Simmel, Siegfried Kracauer, Albert O. Hirschman. Das ergibt eine vielf\u00e4ltige Folie f\u00fcr die \u201eMaterialen Studien\u201c im zweiten Teil, in denen es um aktuelle Entwicklungen und Tendenzen geht, die wie eine Verkehrung gesellschaftlicher Fortschritts- und Emanzipationsversprechen wirken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das thematische Spektrum der Beitr\u00e4ge reicht von Arbeitswelt und Internet bis zu Paarbeziehungen und Kindeswohl. Von aktualit\u00e4tsbezogener produktiver Fortsetzung eines von Beginn an f\u00fcr das Institut f\u00fcr Sozialforschung mal mehr, mal weniger charakteristischen Themas zeugt der Beitrag von Stephan Voswinkel \u00fcber \u201eParadoxale Widerspr\u00fcche in der gegenw\u00e4rtigen Arbeitswelt\u201c. Er setzt ein mit der Feststellung einer \u00fcbergreifenden \u201epragmatischen Paradoxie\u201c, deren pointierte Formulierung lautet, dass Besch\u00e4ftigte gleicherma\u00dfen selbstorganisiert arbeiten wollen und arbeiten sollen. Beleuchtet wird das anhand von Kontrollformen indirekter Steuerung, einer Arbeitszeitflexibilisierung ohne symmetrische Reziprozit\u00e4t oder dem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Selbstverwirklichungs- und Karriere- Orientierung. Dabei wird deutlich, dass es eine relevante Kategorie von Arbeitenden und Arbeiten gibt, bei denen emanzipative normative Intentionen zutage treten, gleichzeitig aber offenbleibt, ob es unter den Bedingungen kapitalistischer \u00d6konomie je zu mehr als einer \u201everkehrten Form\u201c normativer Fortschritte kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kindeswohl schl\u00e4gt in sein Gegenteil um<\/h3>\n\n\n\n<p>Je verschiedener die Themenfelder, desto faszinierender ist es, die Produktivit\u00e4t des Schl\u00fcsselbegriffs \u201enormative Paradoxien\u201c zu erleben. \u201eParadoxien des Kindeswohls. Verkehrungen eines rechtsstaatlichen Prinzips\u201c lautet der Titel des Beitrags von Ferdinand Sutterl\u00fcty. Die Rechtsentwicklung zumindest in den L\u00e4ndern des Westens zeigt, so Sutterl\u00fcty, eine deutliche Tendenz: Schon das Kind soll seinem Entwicklungsstand entsprechend in allen es betreffenden Angelegenheiten als selbstbestimmtes Wesen und in diesem Sinn als vollwertig gelten. Die Rekonstruktion der normativen Fundierung des gesetzlichen Kindeswohlkonzepts dient Sutterl\u00fcty als Grundlage f\u00fcr die Analyse der paradoxalen Effekte dieses Rechtsgutes und seiner institutionellen Umsetzung. Zu diesen paradoxalen Effekten geh\u00f6rt die von ihm so genannte \u201eUnterminierungsparadoxie\u201c. Gerade die Bem\u00fchung, dem Kindeswohl mit den Mitteln des Rechts zur Verwirklichung zu verhelfen, ist zur Verkehrung ins Gegenteil geeignet. Beispiele daf\u00fcr sind F\u00e4lle, in denen die Kindesmutter dem Vater Kindesmisshandlung vorwirft, der Kindesvater der Mutter Vernachl\u00e4ssigung. So wird der elterliche Rekurs auf das Kindeswohl im Rechtsstreit kontraproduktiv f\u00fcr das Kindeswohl.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine empirische Studie zu Paar- Arrangements und Geschlechter- Konstruktion bei heterosexuellen Paaren mit Familienern\u00e4hrerin bildet die Grundlage von Sarah Specks Beitrag \u201eUngleiche Gleichheit in Paarbeziehungen. Paradoxe Umschl\u00e4ge und immanente Kritik\u201c \u2013 wie einige andere Beitr\u00e4ge die \u00fcberarbeitete Fassung eines bereits fr\u00fcher erschienenen Textes. Die leitende Fragestellung war lapidar formuliert: \u201eMacht er (auch) die W\u00e4sche, wenn sie (auch) die Br\u00f6tchen verdient? Und bilden sich neue Weiblichkeiten und M\u00e4nnlichkeiten heraus?\u201c Die Antworten, die vor allem aufschlussreich f\u00fcr das \u201eindividualisierte Milieu\u201c von Akademikerinnen und Akademikern in urbanen Zentren sind, demonstrieren: Trotz eines Leitbildes von Gleichheit herrscht drastische Ungleichheit der Belastungen und der Selbstbilder. Unterschiedliche Gewichtungen und Umwertungen werden zu Arrangements der Entsch\u00e4rfung von Konflikten und erlauben die Aufrechterhaltung einer \u201eIllusion der Gleichheit\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Glanzst\u00fcck des Bandes ist der Beitrag von Kai-Olaf Maiwald und Sarah Speck \u00fcber \u201eDie neue Unsichtbarkeit von Ungleichheit. Normative Paradoxien im Geschlechterverh\u00e4ltnis\u201c. Wieder ist die Persistenz von Ungleichheiten vor dem Hintergrund der allgemeinen Geltung von Gleichheit als Norm das Thema, diesmal untersucht anhand von Einzelinterviews mit den Mitgliedern von einem Dutzend Familien der gebildeten Mittelschicht. Als ein wesentlicher Faktor normativer Verkehrung erweisen sich individualisierende Zurechnungen von geschlechtsspezifischem Verhalten. Die individualisierende Zurechnung, so eins der pointierten Res\u00fcmes von Maiwald und Speck, \u201eerm\u00f6glicht den Eltern eine Entlastung von der Reflexion ihres eigenen Anteils ab der geschlechtlichen Sozialisation der Kinder. Doch sie vermitteln den Kindern auf diese Weise auch keinerlei reflexives Instrumentarium \u00fcber die bestehende Geschlechterordnung\u201c. Der Beitrag schlie\u00dft mit einer Warnung, die auch in den \u00fcbrigen anklingt: Die Geltung der Gleichheitsnorm droht nicht nur dazu zu f\u00fchren, dass tats\u00e4chliche Ungleichheiten nicht mehr wahrgenommen werden, sondern dar\u00fcber hinaus auch dazu, dass inkorporierte Strukturen der Ungleichheit eine neue Selbstverst\u00e4ndlichkeit bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Autor: Rolf Wiggershaus<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Adorno-Vorlesung vom 29. Juni bis 1. Juli 2022 <\/strong><br><br>Seit 2002 veranstaltet das Institut f\u00fcr Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag j\u00e4hrlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. In diesem Jahr widmet sich die Philosophin Linda Mart\u00edn Alcoff der historischen und kulturellen Rekonstruktion von Race und damit verbundenen Identit\u00e4ten: Welche Erfahrungen entstehen aus der konstitutiven Beziehung von Race, History and Culture? Wie sind bestimmte Vorstellungen von Race mit konkreten, regressiven wie progressiven, Praktiken und Lebensweisen verbunden? Und inwieweit braucht es neue Ans\u00e4tze, um die Narrative des Rassismus und ihr Fortbestehen zu \u00fcberwinden und gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse zu transformieren?<br><br>N\u00e4here Informationen demn\u00e4chst unter <a href=\"https:\/\/www.ifs.uni-frankfurt.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.ifs.uni-frankfurt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zusammenf\u00fchrung von Theorie und Empirie im Zeichen gesellschaftskritischer Zeitdiagnose war von Anfang an Ziel und Markenzeichen der sogenannten Frankfurter Schule. 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