{"id":59524,"date":"2022-06-13T12:19:45","date_gmt":"2022-06-13T10:19:45","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=59524"},"modified":"2022-06-13T12:19:45","modified_gmt":"2022-06-13T10:19:45","slug":"lesezentrum-im-gehirn-bildet-einen-wortfilter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/lesezentrum-im-gehirn-bildet-einen-wortfilter\/","title":{"rendered":"Lesezentrum im Gehirn bildet einen Wortfilter"},"content":{"rendered":"<p><strong>W\u00f6rter zu erkennen ist die Grundlage, um die Bedeutung eines Textes zu erfassen. Wenn wir lesen, bewegen wir unsere Augen sehr effizient und schnell von Wort zu Wort. Dieser Lesefluss wird in der Regel nur dann gest\u00f6rt, wenn wir einem Wort begegnen, das wir nicht kennen. Ein internationales Team von Forscher*innen der Universit\u00e4t Wien und der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt hat nun in Experimenten mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) herausgefunden, dass die Unterscheidung von bekannten W\u00f6rtern und unbekannten Zeichenketten im Sinne eines Filterprozesses ein gutes Modell f\u00fcr die Hirnaktivierungsmuster ist, welche in Lesestudien beobachtet werden. Dieser Filter ist in einem f\u00fcr die visuelle Worterkennung wichtigen Gehirnareal, im linken unteren Schl\u00e4fenlappen, verortet. Diese Ergebnisse erschienen aktuell in der Fachzeitschrift PLOS Computational Biology.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Schrift ist und bleibt eine wichtige Informationstechnologie&#8220;, sagt Benjamin Gagl, vormals Postdoktorand am Institut f\u00fcr Sprachwissenschaft der Universit\u00e4t Wien und dem Institut f\u00fcr Psychologie an der Goethe-Universit\u00e4t. Gagl untersuchte mit einem internationalen Team unter Leitung von Christian Fiebach die kognitiven und neuronalen Prozesse der Worterkennung. Schnell stellten die Forscher*innen fest, dass psychologische Theorien keine ausreichend pr\u00e4zisen Annahmen \u00fcber die genauen Funktionen eines der am h\u00e4ufigsten bei Studien zur Worterkennung aktivierten Hirnareale, dem linken unteren Schl\u00e4fenlappen, machen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wortfilter als ein Baustein f\u00fcr effizientes Lesen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Um diese Wissensl\u00fccke zu schlie\u00dfen, entwickelten Gagl und Kolleg*innen ein Modell, das etablierte Verhaltensbefunde aus der Psychologie nutzt, um die Aktivierungsst\u00e4rke dieses Leseareals im Gehirn vorherzusagen. Das Modell nimmt hierbei an, dass diese Gehirnregion im Sinne eines Filters bereits bekannte W\u00f6rter von sinnlosen oder noch nicht bekannten Buchstabenfolgen trennt und nur bekannte W\u00f6rter zu nachfolgenden Prozessen der Bedeutungsverarbeitung \u201epassieren\u201c l\u00e4sst. Unbekannten W\u00f6rtern wiederum begegnen wir oft, etwa, wenn wir etwas Neues lernen. Diese erfordern eine andere Art der Verarbeitung im Gehirn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses \u201eLexikalische Kategorisierungsmodell\u201c kann das Leseverhalten der Versuchsteilnehmer*innen gut beschreiben, aber auch sehr pr\u00e4zise Vorhersagen \u00fcber Gehirnaktivierungen treffen, wie das Team von Wissenschaftler*innen um Gagl und Fiebach anhand von drei fMRT-Experimenten demonstrierte. Dar\u00fcber hinaus konnten sie in einer Verhaltensstudie zeigen, dass die Leseleistung besser wird, wenn Versuchsteilnehmer*innen genau diesen Filterprozess trainieren. So konnten die Forscher*innen einen bis jetzt nicht beschriebenen Kernprozess des Lesens identifizieren und seine genaue Lokalisation im Gehirn beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Computermodelle als Baustein f\u00fcr eine exakte Gehirnforschung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihre Studie kombinierten die Forscher*innen um Gagl und Fiebach Methoden aus der Gehirnforschung und der Computermodellierung. Diese Kombination erlaubte erstmals eine pr\u00e4zise Vorhersage von Aktivierungsmustern im linken Schl\u00e4fenlappen unseres Gehirns w\u00e4hrend der Worterkennung. Zentrale Rolle in dieser Studie spielt hierbei, dass in drei Studien mittels fMRT gezeigt werden konnte, dass die Aktivierung in genau dieser Region im linken Schl\u00e4fenlappen von dem Modell vorhergesagt wurde.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neue M\u00f6glichkeiten zur Kompensation von Leseschw\u00e4chen?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>&#8222;Diese Ergebnisse sind ein Meilenstein f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis von Leseprozessen&#8220;, so Fiebach. &#8222;Die exakte Modellierung von kognitiven Prozessen im menschlichen Gehirn wird es uns erm\u00f6glichen, Denk- und Wahrnehmungsprozesse wesentlich besser zu verstehen. Dies k\u00f6nnte neue Trainingsans\u00e4tze zur Kompensation von Funktionsst\u00f6rungen aufzeigen, wie etwa im Bereich der Lese- und Rechtschreibschw\u00e4che.&#8220; Gagl unterstreicht dies: &#8222;Die Kombination dieser Methoden stellt eine Br\u00fcckentechnologie dar, um die Anwendung grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse in p\u00e4dagogischen und klinischen Settings zu forcieren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Publikation<\/strong> in PLOS Computational Biology: Gagl, B., Richlan, F., Ludersdorfer, P., Sassenhagen, J., Eisenhauer, S., Gregorova, K. &amp; Fiebach, C. J. (2022). The lexical categorization model: A computational model of left-ventral occipito-temporal cortex activation in visual word recognition. 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