{"id":59554,"date":"2022-06-15T11:09:24","date_gmt":"2022-06-15T09:09:24","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=59554"},"modified":"2022-06-15T11:09:25","modified_gmt":"2022-06-15T09:09:25","slug":"frobenius-hat-die-fotografie-sehr-geschaetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/frobenius-hat-die-fotografie-sehr-geschaetzt\/","title":{"rendered":"\u00bbFrobenius hat die Fotografie sehr gesch\u00e4tzt\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit fast 30 Jahren k\u00fcmmert sich Peter Steigerwald um das fotografische Bildarchiv des Frobenius-Instituts f\u00fcr kulturanthropologische Forschung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der ber\u00fchmte Ethnologe Leo Frobenius (1873\u20131983) hat von seinen Reisen in ferne L\u00e4nder viel mit nach Hause gebracht. Vor allem \u00fcber die Kopien von Felsbildern aus der ganzen Welt war in den vergangenen Jahren h\u00e4ufig zu lesen; Ausstellungen in Berlin, Mexico City, Z\u00fcrich und Frankfurt zogen ein gro\u00dfes Publikum an. Aber Frobenius hat auch die Fotografie sehr gesch\u00e4tzt und intensiv genutzt. Davon zeugt die umfangreiche fotografische Sammlung am Frobenius-Institut an der Goethe-Universit\u00e4t. Kaum jemand kennt diese Sammlung so gut wie Peter Steigerwald, der sich seit fast 30 Jahren um diesen wertvollen Bestand k\u00fcmmert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Beitragsbild_UR-3.22_Frobenius.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Beitragsbild_UR-3.22_Frobenius.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59556\" width=\"447\" height=\"311\"\/><\/a><figcaption>Den Fotografen im Blick: Gedrehte Spiegelung im rechten Auge des Kriegsgefangenen Lusani Ciss\u00e9, aufgenommen von einem vom Milit\u00e4r beauftragten Fotografen in einem deutschen Lager.<br>(Ausschnitt aus einem Portr\u00e4t auf 13&#215;18 cm Glasnegativ, vor 1918, FoA-07-8302).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass er sich einmal beruflich mit fernen Weltregionen und deren Kultur besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, das war Peter Steigerwald nicht unbedingt in die Wiege gelegt. 1959 in Aschaffenburg geboren, aufgewachsen im nahen Blankenbach, leistete er nach dem Abitur in Alzenau Zivildienst in einem Altenheim. Die Arbeit mit den alten Menschen, mit Menschen \u00fcberhaupt, gefiel ihm gut, und so studierte er nach der Zivizeit Sozialarbeit an der Fachhochschule in W\u00fcrzburg. Doch Peter Steigerwald hatte noch weitere Interessen: Seit seiner Jugend war er begeistert mit der Kamera unterwegs, probierte verschiedene Fotografiertechniken aus und experimentierte viel. Auch dieser Bereich kam f\u00fcr eine berufliche Zukunft in Betracht. Um sich nicht sofort entscheiden zu m\u00fcssen, absolvierte er zwei Studieng\u00e4nge parallel: Neben der Sozialarbeit war er auch f\u00fcr Kommunikationsdesign eingeschrieben \u2013 Schwerpunkt Fotografie. Mit seiner Abschlussarbeit \u201eZeitgeschichten\u201c wandte er sich 1985 der Ausf\u00fchrung von Langzeitbelichtungen mit einer Gro\u00dfbildkamera zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fotografieren und die damit verbundene Technik haben ihn nach dem Studium mehr angezogen als die Sozialarbeit, und so arbeitete er zun\u00e4chst in Frankfurt in zwei Betrieben der damaligen analogen Halbton-Druckvorstufe. \u201eDa habe ich handwerklich viel von dem gelernt, was ich am Frobenius-Institut sp\u00e4ter gut brauchen konnte\u201c, erkl\u00e4rt er. Als er 1992, die Zusage des Instituts in der Tasche, nach Hause radelte, dachte er allerdings: \u201eDas machst Du jetzt zwei Jahre, dann sieht man weiter.\u201c Aus den zwei Jahren sind nun fast 30 geworden. In der Werbebranche wollte er nicht landen, sich Raum f\u00fcr das freie fotografische Arbeiten bewahren. 1990 war er mit der Einrichtung eines kleinen Ateliers, der Anschaffung eines gro\u00dfen Halbton-Trommelscanners und Ger\u00e4ten der Sensitometrie in die Selbstst\u00e4ndigkeit gestartet, das Konservatorische spielte dabei eine wichtige Rolle. Das Frobenius-Institut gestattete die Nebent\u00e4tigkeit dauerhaft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fesselnde Pers\u00f6nlichkeit<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59557\" width=\"270\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><figcaption>Peter Steigerwald im August 2018 auf dem Theodor-W.-Adorno-Platz der Goethe-Universit\u00e4t. Gerade hat er mit seiner 8&#215;10\u201cPlaubel-Kamera mit einer Langzeitbelichtung das Wasserbassin<br>und die Campus-Architektur fotografiert.<br>Foto: Stephan G. Weis<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vielleicht war es auch die Pers\u00f6nlichkeit von Leo Frobenius, die ihn so sehr fesselte \u2013 und inspirierte. Denn Frobenius nutzte die Fotografie durchaus nicht nur als reine Dokumentationstechnik. Er fertigte beispielsweise auch Stereobilder an, wof\u00fcr er von einem Kamerahersteller ausgestattet worden war. \u201eAuf der Kongoreise von 1904 gingen gleich ein paar Kameras kaputt, und es blieb ihm zun\u00e4chst nur die 13&#215;18-Stereokamera. So sind zahlreiche Bilder mit plastischer Wirkung entstanden\u201c, erkl\u00e4rt Steigerwald, was ihn selbst zur Stereofotografie brachte, die er noch heute betreibt. Direkt im Anschluss an die zahlreichen Reisen des Leo Frobenius wurden die mitgebrachten Fotografien, die gro\u00dfteils aus Glasplatten bestanden, in Katalogen dokumentiert. Diese Kataloge fielen im Zweiten Weltkrieg allesamt den Bomben zum Opfer, die Originale allerdings blieben erhalten. Es dauerte bis in die 1980er-Jahre, bis die Kataloge rekonstruiert waren. Frobenius selbst hat weder Zerst\u00f6rung noch Rekonstruktion miterlebt: Er starb 1938 in Italien.<\/p>\n\n\n\n<p>Um das Jahr 2000 wurde dann die Digitalisierung der Kataloge in die Wege geleitet, die unter Peter Steigerwalds \u00c4gide vonstattenging. Schon zuvor begann er mit der Konservierung der Originale \u2013 und f\u00fchrte \u00fcber eine ausgefeilte Technik die analoge Sicherung weiter. \u201eDas war mir immer sehr wichtig, denn die Informationsdichte ist hier doch h\u00f6her als beim Digitalen. Man wei\u00df ja auch nicht, wie lange die Daten erhalten bleiben\u201c, so der Archivar. Angetan ist Peter Steigerwald von der Negativk\u00fchlkammer, die mit Mitteln des Hessischen Wissenschaftsministeriums gekauft wurde. Die Luft in der Kammer wird bei konstant 13 Grad Celsius best\u00e4ndig trocken gehalten, so dass die Zersetzung des empfindlichen Materials erheblich abgebremst wird. \u201eGelatine und Silber in den Negativen sind sehr empfindlich gegen\u00fcber Stoffen aus der Umgebung\u201c, erkl\u00e4rt Steigerwald.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Hochwertige Digitalisierung<\/h4>\n\n\n\n<p>Rund 70 000 Aufnahmen, fast alle in Schwarz-Wei\u00df, umfasst das Fotoarchiv des Frobenius-Instituts, allesamt sind zwischen 1904 und 1980 bei Forschungsreisen des Instituts entstanden, vor allem in Afrika, aber auch in Australien, Ozeanien, S\u00fcdamerika, Europa und Asien. Um die Best\u00e4nde auf lange Zeit hin zu sichern, werden nach und nach sogenannte Interpositive auf Polyester-Silberfilm kopiert. Diese Interpositive lassen sich an einer speziellen Reprostation mit modernster Technik in hochwertige Digitalisate umwandeln. Mithilfe einer 100-Megapixel-Kamera konnte Peter Steigerwald innerhalb von knapp drei Monaten 2400 Negative der Expedition alpha XXII digitalisieren, die das Institut 1938 und 1939 in die Kimberley-Region in Australien gef\u00fchrt hat. Dabei handelt es sich um ein DFG-gef\u00f6rdertes Projekt. \u201eDie Qualit\u00e4t ist nicht vergleichbar mit den bisher vorliegenden Scans\u201c, begeistert sich Steigerwald. Die Bilder werden im Internet weltweit recherchierbar sein, sobald sie vom Projektteam mit Beteiligung der australischen Partner freigeschaltet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Herausforderung war es, die gro\u00dfformatigen Felsbildkopien fotografisch zu konservieren und wie das gesamte fotografische Material \u00fcber eine Datenbank verf\u00fcgbar zu machen. Bis zu zehn Meter sind diese Bilder gro\u00df \u2013 eine Herausforderung f\u00fcr den Konservator, die er mithilfe seiner eigenen analogen Gro\u00dfbildkamera und einem Farbfilm von einzigartiger Haltbarkeit l\u00f6ste. Bei der Digitalisierung mussten die einzelnen Aufnahmen am Bildschirm penibel zusammengesetzt werden \u2013 ein perfektes Archiv f\u00fcr alle Druck- und Onlinepublikationen zum Thema Felsbilder.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Experte f\u00fcr die Reproduktion von Negativen<\/h4>\n\n\n\n<p>Das Institut erh\u00e4lt Anfragen von Wissenschaftlern aus aller Welt, von Verlagen und Medien auf der Suche nach Bildern. Dar\u00fcber hinaus ist Peter Steigerwalds Fachwissen im Zusammenhang mit den zahlreichen Ausstellungsprojekten des Instituts gefragt, die er bei der Planung, Vorbereitung und Durchf\u00fchrung nach Kr\u00e4ften unterst\u00fctzt. Die Ausstellungen \u201eIm Schatten des Kongo\u201c im Weltkulturen Museum und \u201eGefangene Bilder\u201c im Historischen Museum gingen gar auf Steigerwalds Initiative zur\u00fcck \u2013 Erstere zeigten Frobenius\u2018 Stereoaufnahmen. Das Spezialwissen in Sachen Reproduktion von Negativen hat er sich fr\u00fch erarbeitet und immer wieder erweitert, auch Aufs\u00e4tze und Textbeitr\u00e4ge hat Steigerwald dar\u00fcber verfasst. So viel Expertise ist selten geworden. \u201eDas findet man sonst nur am Smithsonian Institute in Washington\u201c, mutma\u00dft er. Immer wieder hat er auch Praktikanten in seine Arbeiten eingeweiht. Wie es weitergeht, wenn er in drei Jahren in den Ruhestand gehen wird, das wei\u00df man heute noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59558\" width=\"484\" height=\"308\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius-2.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bild_UR-3.22_Frobenius-2-300x191.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><figcaption>Das T\u00fcrschild ist selbst schon Geschichte: Es zeigt Leo Frobenius mit seiner Leica bei den Pyramiden von Gizeh und schm\u00fcckte \u00fcber Jahre den Eingang zur Fotoabteilung in der Liebigstra\u00dfe. (DIAFE XI, 1933, Foto: Elisabeth Pauli oder Hans<br>Rhotert, FoA-11-KB02-14)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vom ersten Tag am Frobenius-Institut an habe ihn fasziniert, mit Fotografien zu tun zu haben, die noch nie jemand \u201eso nah\u201c gesehen hat. Und auch wenn er selbst noch nie Gelegenheit hatte, nach Afrika oder Lateinamerika zu reisen, so hat er doch das Gef\u00fchl, dass ihm die fremden Regionen ein wenig n\u00e4her ger\u00fcckt sind \u2013, und zwar in einer historischen Dimension. Er liebt es, die Aufnahmen genau zu studieren und Details zu entdecken. Die alten Fotografien sind oft gestochen scharf und geben in der Vergr\u00f6\u00dferung ungeahnte Informationen preis \u2013 etwa das Konterfei des Fotografen, das sich im Auge eines abgebildeten Kriegsgefangenen aus Afrika spiegelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Frobenius selbst scheint ihm manchmal seltsam vertraut zu sein: \u201eIch habe ein positives Verh\u00e4ltnis zu ihm.\u201c Sicher gebe es berechtigte Kritik aus heutiger Perspektive. Aber letztlich habe sich Frobenius doch sehr um die Ethnologie und um das Wissen \u00fcber zum Teil schon verlorene Kulturen verdient gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Weitere Informationen unter <a href=\"https:\/\/www.frobenius-institut.de\/ueber-die-bewahrung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.frobenius-institut.de\/<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit fast 30 Jahren k\u00fcmmert sich Peter Steigerwald um das fotografische Bildarchiv des Frobenius-Instituts f\u00fcr kulturanthropologische Forschung. 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