{"id":59570,"date":"2022-06-15T14:13:00","date_gmt":"2022-06-15T12:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=59570"},"modified":"2022-06-24T12:21:23","modified_gmt":"2022-06-24T10:21:23","slug":"soziologin-untersucht-die-elternschaft-lesbischer-queerer-paare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/soziologin-untersucht-die-elternschaft-lesbischer-queerer-paare\/","title":{"rendered":"Soziologin untersucht die Elternschaft lesbischer\/queerer Paare"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitrag_soziologie-studie-lesbisch-queere-paare.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitrag_soziologie-studie-lesbisch-queere-paare.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59571\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitrag_soziologie-studie-lesbisch-queere-paare.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/beitrag_soziologie-studie-lesbisch-queere-paare-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption>Prof. Sarah Speck, Dr. Sarah Dionisius, Helga L\u00f6hr, Vorsitzende F\u00f6rderkreis Cornelia Goethe Centrum\nund Gerhild Frasch, 2. Vorsitzende (v. l. n. r.). Foto: Lecher<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Vater plus Mutter plus Kind ist gleich Familie: Weil diese simple Gleichung schon lange nicht mehr gilt, hat die Soziologin Sarah Dionisius in ihrer Dissertation an der Goethe-Universit\u00e4t die Situation untersucht, dass lesbische beziehungsweise sich als queer verstehende Paare Eltern werden: mithilfe von Reproduktionstechnologien, das hei\u00dft insbesondere nach einer Samenspende. Daf\u00fcr hat sie mit 21 entsprechenden Paaren Interviews gef\u00fchrt und analysiert, inwieweit die Elternschaft traditionelle Vorstellungen von Familie, Verwandtschaft und Geschlecht aufweicht, erweitert beziehungsweise neu gestaltet. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hat sie beobachtet, dass f\u00fcr Paare, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, schon der Zugang zu Reproduktionstechniken eingeschr\u00e4nkt sein kann: \u201eEs gibt ja in Deutschland noch kein Reproduktionsmedizin- Gesetz\u201c, betont Dionisius. So bleibe es letztlich die Entscheidung der behandelnden \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, ob sie lesbische Paare mit Kinderwunsch behandelten. \u201eIn meiner Arbeit stelle ich Paare vor, denen wurden in Reproduktionskliniken immer wieder Steine in den Weg gelegt, so dass sie sich schlie\u00dflich f\u00fcr privat organisierte Samenspenden entschieden\u201c, sagt Dionisius. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie beschreibt, wie sich lesbische Paare aktiv und selbstbestimmt die Prozesse hin zum Schwangerwerden aneignen und umdeuten \u2013 teils in einer gyn\u00e4kologischen Praxis, teils in privatem Rahmen. So berichtet Dionisius etwa von der privaten Zeremonie eines Paares, in der eine Partnerin das Sperma des Samenspenders auf eine Spritze aufzieht, in den Geb\u00e4rmutterhals ihrer Partnerin einf\u00fchrt und damit in gewisser Weise die Rolle des Samenspenders \u00fcbernimmt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Auf die Kontakte kommt es an <\/h4>\n\n\n\n<p>Ob in einem \u00e4rztlichen Umfeld oder ganz im privaten Kontext: Entscheidend f\u00fcr die praktische Umsetzbarkeit eines nicht heterosexuellen Elternwerdens seien das Wissen, die Informationen, die Kontakte und die Medien der LSBTIQ-Community (lesbisch-schwulbisexuell- transgender-intersexuell-queer), hebt Dionisius hervor. Wie sie in ihrer Arbeit schildert, k\u00f6nnen lesbische Paar mit Kinderwunsch auf diese Weise Kontakt bekommen \u2013 sowohl zu nicht heterosexuellen Rollenvorbildern, die Kinder bekommen und gro\u00dfgezogen haben, als auch zu Beratungsstellen f\u00fcr \u201eRegenbogenfamilien\u201c, ebenso wie zu Samenbanken und zu M\u00e4nnern, die zu einer Samenspende bereit sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn lesbische und sich als queer verstehende Paare schlie\u00dflich ein Kind erwarten, machten sie in mancher Hinsicht \u00e4hnliche Erfahrungen wie heterosexuelle Paare: Beide Elternteile h\u00e4tten unterschiedliche Zug\u00e4nge zu Schwangerschaft und Geburt, ebenso wie in einer heterosexuellen Beziehung die V\u00e4ter von den k\u00f6rperlichen Erfahrungen Schwangerschaft, Geburt und Stillen ausgeschlossen sind. \u201eDie meisten der untersuchten Paare finden kreative L\u00f6sungen f\u00fcr die unterschiedlichen Erfahrungsm\u00f6glichkeiten\u201c, berichtet Dionisius, \u201eund damit unterscheiden sie sich letztlich gar nicht so sehr von heterosexuellen Paaren\u201c, \u201esie erleben zum Beispiel gemeinsam die Ultraschalluntersuchungen, sie besuchen zusammen einen Geburtsvorbereitungskurs\u201c. Insbesondere die Erfahrung der Geburt und der allerersten Zeit nach der Geburt reduzierten die Differenz zwischen leiblicher und nicht leiblicher Elternschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn lesbische \u2013 oder allgemeiner: nicht heterosexuelle Frauen-Paare \u2013 Eltern werden, k\u00f6nnen allerdings auch an verschiedenen Stellen Unterschiede zur traditionellen Elternschaft\/Familiengr\u00fcndung bestehen: \u201eWenn sich lesbische Paare ihren Kinderwunsch erf\u00fcllen, erfahren Begriffe wie Familie, Verwandschaft, Geschlecht eine Umdeutung und m\u00fcssen neu ausgehandelt werden\u201c, sagt Dionisius, \u201edas bedeutet gleichzeitig eine Herausforderung f\u00fcr heteronormative Zug\u00e4nge\u201c. Sie hat bei jedem dieser drei Begriffe Gleichzeitigkeiten beobachtet: \u201eZum Beispiel gibt es Frauen-Paare, die versuchen, eine lesbische Kleinfamilie zu gr\u00fcnden \u2013 sie sind also stark an dem Modell der heterosexuellen Kernfamilie orientiert.\u201c Andere n\u00e4hmen ihre besondere Lebens- und damit Familienform zum Anlass, alle famili\u00e4ren Konventionen aufzubrechen und beispielsweise zu dritt oder zu viert Eltern zu sein: die Frau, die das Kind geboren habe, ihre Partnerin, der Samenspender und vielleicht sogar dessen Partner.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Keine automatischen Muttergef\u00fchle <\/h4>\n\n\n\n<p>Auch bei der Interpretation von Verwandtschaft kann Dionisius eine Zweiteilung feststellen: \u201eZum einen gibt es Paare, f\u00fcr die entsprechen die Verwandtschaftsbeziehungen automatisch den biologischen Gegebenheiten.\u201c Die Frau, die das Kind geboren und gestillt habe, sei die \u201erichtige\u201c Mutter, w\u00e4hrend ihrer Partnerin gegen\u00fcber dem Kind eher eine Nebenrolle zukomme. \u201eAndererseits ist mir zum Beispiel ein Paar begegnet\u201c, erinnert sich Dionisius, \u201ebei dem die leibliche Mutter w\u00e4hrend der Schwangerschaft gar nicht so leicht eine Beziehung zu dem Kind aufbauen konnte; diese entwickelte sich erst nach der Geburt durch soziale Interaktion mit dem Kind.\u201c Die nicht leibliche Mutter habe sich bei diesem Paar hingegen ganz klar als Mutter gef\u00fchlt, weil sie schon vor der Geburt \u00fcber das Betasten des Bauchs ihrer Partnerin sowie durch das Sp\u00fcren der Kindsbewegungen und das Betrachten der Ultraschallbilder emotional mit dem Kind verbunden gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Begriff Geschlecht schlie\u00dflich beobachtet Dionisius die entsprechende Gleichzeitigkeit: \u201eDa gibt es Frauen, die orientieren sich stark an traditionellen Bildern von Frauen und Mutterschaft, f\u00fcr die ist klar: Wenn ich das Kind bekomme, bleibe ich erstmal zu Hause, ich nehme die meiste Elternzeit, und ich bin dann auch die prim\u00e4re Ansprechperson f\u00fcr das Kind.\u201c Die Mehrzahl der Frauen habe sich allerdings Sorgearbeit und Lohnarbeit gleichm\u00e4\u00dfig aufgeteilt und mit dem traditionellen Verst\u00e4ndnis von Mutterschaft gebrochen; dabei habe sich das Frauenbild der Beteiligten tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert: \u201eEine Frau hat im Interview zum Beispiel erz\u00e4hlt \u201aIch dachte immer, ein Papa baut mit seinem Kind H\u00fctten und geht klettern, und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das ja genauso machen kann\u2018\u201c, berichtet Dionisius.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat f\u00fcr ihre Dissertation viel Anerkennung erhalten \u2013 insbesondere den Cornelia Goethe Preis 2021, der ihr (pandemiebedingt) im April 2022 \u00fcberreicht wurde. \u201eDas ist eine gro\u00dfe Ehre f\u00fcr mich\u201c, freut sie sich, \u201eweil ich das Cornelia Goethe Centrum schon in meiner Studienzeit in Frankfurt sehr gesch\u00e4tzt habe und die Unterst\u00fctzung der Geschlechterforschung f\u00fcr etwas ganz Wesentliches halte\u201c. Dass sie jetzt diesen Preis bekommen habe, ist f\u00fcr Dionisius nicht nur eine Auszeichnung ihrer Arbeit, \u201esondern auch Anerkennung f\u00fcr die Paare, die ich interviewt habe, eine W\u00fcrdigung ihrer Lebensweisen und dessen, was sie mir erz\u00e4hlt haben\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universit\u00e4t K\u00f6ln wird sich Dionisius \u2013 im Anschluss an ihre Elternzeit \u2013 auch weiterhin mit der Elternschaft und Familiengr\u00fcndung lesbischer und sich als queer verstehender Paare besch\u00e4ftigen. Allerdings plant sie, die Perspektive zu wechseln: \u201eMich interessiert dann sozusagen die andere Seite, n\u00e4mlich Kinder und Jugendliche, die aus einer Samenspende entstanden sind, und ich m\u00f6chte wissen, was \u201aVerwandtschaft\u2018 und \u201aFamilie\u2018 f\u00fcr sie bedeuten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Autorin: Stefanie Hense<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>CORNELIA GOETHE PREIS 2022: Wissenschaftspreis des F\u00f6rderkreises des Cornelia Goethe Centrums f\u00fcr Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverh\u00e4ltnisse<br><\/strong><br>Der F\u00f6rderkreis des Cornelia Goethe Centrums f\u00fcr Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverh\u00e4ltnisse der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main vergibt f\u00fcr das Jahr 2022 zum 17. Mal den mit 2000 Euro dotierten Wissenschaftspreis f\u00fcr eine herausragende Dissertation oder Habilitationsschrift im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung. Ausgezeichnet wird eine hervorragende wissenschaftliche Leistung, die die Bedeutungen der Geschlechterverh\u00e4ltnisse, die symbolischen Konstruktionen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit oder die erkenntniskritische Perspektive der Frauen- und Geschlechterforschung in der Wissenschaft reflektiert und neue Denkanst\u00f6\u00dfe gibt. Der Preis wird im Fr\u00fchjahr 2023 im Rahmen der Mitglieder- versammlung des F\u00f6rderkreises des Cornelia Goethe Centrums \u00fcberreicht. Die wissenschaftlichen Arbeiten, die von einer Jury beurteilt werden, m\u00fcssen an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main in den Jahren 2020\u20132022 eingereicht worden sein.<br><br><strong>Einzureichen sind: <\/strong>Die Arbeit in einfacher Ausfertigung (sowie als PDF), die Gutachten zur Arbeit, Bewerbungsschreiben und ein Lebenslauf in elektronischer Form (PDF-Format). <br><br><strong>Bitte schicken Sie die kompletten Unterlagen an: <\/strong>F\u00f6rderkreis des Cornelia Goethe Centrums, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main, Hauspostfach PEG 4, Theodor-W.-Adorno-Platz 6, 60629 Frankfurt\/Main. Cgcentrum@soz.uni-frankfurt.de <br><br><strong>Einsendeschluss: <\/strong>1. 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