{"id":60114,"date":"2022-07-01T13:49:09","date_gmt":"2022-07-01T11:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=60114"},"modified":"2023-09-07T11:54:07","modified_gmt":"2023-09-07T09:54:07","slug":"das-unbehagen-ist-ein-erster-ansatzpunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/das-unbehagen-ist-ein-erster-ansatzpunkt\/","title":{"rendered":"\u201eDas Unbehagen ist ein erster Ansatzpunkt\u201c"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"wp-block-heading\">Interview mit der Soziologin und Sozialpsychologin Prof. Vera King zum Auftakt der Tagung \u201eDas vermessene Leben\u201c<\/h4>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_multitasking.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_multitasking.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60119\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_multitasking.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_multitasking-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u201eAuch das ber\u00fchmte Multitasking ist ja eine Illusion, denn es bedeutet vor allem, dass man mehr fragmentiert, Konzentrationszeiten verringert\u201c, sagt die Sozialpsychologin Prof. Vera King.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/event\/das-vermessene-leben-transformationen-der-digitalen-gesellschaft\/all\/\">Am 1. und 2. Juli findet am Campus Westend der Goethe-Universit\u00e4t und im Internet eine gro\u00dfe Tagung statt:<\/a> Unter dem Titel \u201eDas vermessene Leben\u201c widmen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen den Folgen der Digitalisierung f\u00fcr Gesellschaft und Individuum. In Vortr\u00e4gen und Panels geht es um rechtliche, psychische und soziale Fragen, die die Digitalisierung der menschlichen Kommunikation aufwirft. Die Tagung bildet den Abschluss des von der Volkswagenstiftung gef\u00f6rderten Verbundprojekts \u201eDas vermessene Leben\u201c der Soziologin Prof. Vera King (Goethe-Universit\u00e4t), der Psychologin Prof. Beninga Gerisch (Internationale Psychoanalytische Universit\u00e4t Berlin) und des Soziologen Hartmut Rosa (Universit\u00e4t Jena). <em>Goethe-Uni online<\/em> sprach mit Vera King im Vorfeld der Tagung. King lehrt an der Goethe-Universit\u00e4t Soziologie und Sozialpsychologie, ist Direktorin des Siegmund-Freud-Instituts und Sprecherin des Projekts \u201eDas vermessene Leben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Das <strong>Programm <\/strong>der Tagung finden Sie <a href=\"https:\/\/www.fb03.uni-frankfurt.de\/115918086.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Goethe-Uni online: Sie selbst forschen seit Jahren zum Thema Digitalisierung und richten den Blick vor allem auch auf die problematischen Begleiterscheinungen. Wie ist Ihr pers\u00f6nlicher Blick auf die Digitalisierung \u2013 eher optimistisch oder eher pessimistisch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right has-medium-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eEs w\u00e4re unsinnig zu glauben, dass man Digitalisierung r\u00fcckg\u00e4ngig machen oder aufhalten sollte.\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_prof-vera-king.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_prof-vera-king.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60120\" style=\"width:343px;height:237px\" width=\"343\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_prof-vera-king.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/beitragsbild_prof-vera-king-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 343px) 100vw, 343px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Vera King:<\/strong> Zun\u00e4chst w\u00fcrde ich sagen, dass wir alle davon profitieren. Es gibt eine F\u00fclle von praktischen Vorteilen. Ganz abgesehen davon w\u00e4re es unsinnig zu glauben, dass man Digitalisierung r\u00fcckg\u00e4ngig machen oder aufhalten sollte. Aber es gibt Schattenseiten und destruktive Mechanismen, daher m\u00fcssen die Menschen und die Gesellschaften sich dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, wie Digitalisierung genutzt, organisiert und reguliert wird und welche Folgen sie hat. Anlass zur Zuversicht ist, dass es viele Ans\u00e4tze gibt, auch in wissenschaftlicher Hinsicht, die bei der Regulation helfen k\u00f6nnten, und dass die Sensibilit\u00e4t daf\u00fcr gestiegen ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Worum wird es bei Ihrer Tagung gehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sehen durchaus die produktiven Seiten, die Chancen und die Vorteile, aber wir wollen mit unserer Forschung dazu beitragen, die problematischen Aspekte genauer zu analysieren. Das reicht von rechtlichen Regulierungsfragen, wie sie Frau Prof. Spieker thematisieren wird, bis hin zur Selbstverst\u00e4ndigung, was es kulturell bedeutet, was f\u00fcr soziale Beziehungen im Privatleben und in Arbeitskontexten, aber auch, wie es sich auf die Beziehung zu sich selbst und zum eigenen K\u00f6rper auswirkt. Im Projekt \u201eDas vermessene Leben\u201c haben wir all diese Aspekte untersucht, im Fokus standen dabei die Sozialen Medien. Die Ergebnisse wollen wir mit Blick auf die Frage er\u00f6rtern, wie gesellschaftliche Bedingungen zusammenwirken mit individuellen Praktiken und Verarbeitungsformen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie das noch etwas n\u00e4her erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Projekt baut auf dem Vorg\u00e4ngerprojekt auf im selben Verbund, das auch von der VolkswagenStiftung gef\u00f6rdert wurde und den Titel trug \u201eAporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne\u201c. Da ging es um die Logiken der Optimierung in der zeitgen\u00f6ssischen Moderne. Aus der Erkenntnis, dass Digitalisierung hierf\u00fcr eine gro\u00dfe Rolle spielt, ist dann das jetzige Verbundprojekt entstanden, in dem digitale Mechanismen der Optimierung untersucht werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Hatte die Pandemie und die damit einhergehende forcierte Digitalisierung Auswirkungen auf Ihr Projekt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Teil hat sich die Untersuchung mit der Pandemie \u00fcberschnitten. Die Auswirkungen von Corona wurden dann miterhoben. Im Frankfurter Teilprojekt liegt der Schwerpunkt auf Social Media, und das hat ja w\u00e4hrend der Corona-Pandemie eine gro\u00dfe Rolle gespielt: Es wurde noch mehr Zeit mit digitalen Medien verbracht, weil andere M\u00f6glichkeiten der Begegnung beschr\u00e4nkt waren, und man konnte sehr gut sehen, welche Funktion bestimmte Umgangsweisen mit den sozialen Medien f\u00fcr die Verarbeitung der Krisen gewonnen haben. Insofern war es unbeabsichtigt auch ein wenig Corona-Folgenforschung, aber es sind keine grunds\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderungen in den Auswertungen eingetreten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center has-medium-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eWie durch ein Brennglas: Vorteile und Schattenseiten\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Kausalit\u00e4t war auf den Kopf gestellt: Weil Begegnungen nicht m\u00f6glich waren, wurde digitale Kommunikation wichtiger. Sonst ist es eher so, dass sich bei wachsender Digitalisierung die Begegnungen verringern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Man m\u00f6chte sich ja nicht vorstellen, wie viele Dinge unterbrochen worden w\u00e4ren, worauf wir alle h\u00e4tten verzichten m\u00fcssen, wenn wir keine digitalen Ger\u00e4te gehabt h\u00e4tten. Man hat die Vorteile klar gesehen, und wir haben gesehen, wo es noch Defizite bei der Ausstattung gibt. Wir haben aber auch wie durch ein Brennglas gesehen, welche Schattenseiten es hat, wenn das Leben sich ganz transformiert ins Digitale.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Werden Sie dar\u00fcber in Ihrem gemeinsamen Er\u00f6ffnungsvortrag sprechen, in dem es um \u201eneue Normalit\u00e4ten und Pathologien\u201c geht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da muss ich etwas ausholen: In unseren beiden Forschungsprojekten haben wir beispielsweise so genannte Normalbiographien mit Menschen verglichen, die irgendwann im Leben als Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen diagnostiziert worden sind \u2013 zum Beispiel wegen Depressionen oder Burnout oder Essst\u00f6rungen, bei denen Optimierung auch eine sehr gro\u00dfe Rolle spielt. Wir wollten die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten in der digitalen Nutzung finden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und wie gro\u00df sind die Gemeinsamkeiten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beide Projekte haben gezeigt, dass es Analogien gibt in Bezug auf die psychische Verarbeitung der digitalen Kommunikation. Zwischen Personen, die psychische Erkrankungen haben, und jenen ohne Diagnose, deren Umgang mit sozialen Medien oder mit Selftracking manchmal recht verzweifelt suchtartige Formen annimmt, gibt es allenfalls quantitative Unterschiede, weniger qualitative. Nat\u00fcrlich sind Menschen mit einer psychischen Vorgeschichte verletzlicher, aber strukturell \u00e4hneln sich beide Gruppen in Bezug auf ihre Verarbeitungsmechanismen: Aus bestimmten nichtproduktiven Zirkeln kommt der Einzelne einfach nicht heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche \u201enichtproduktiven Zirkel\u201c w\u00e4ren das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich meine zum Beispiel, dass viele Menschen Anerkennung in sozialen Medien suchen, was aber systematisch immer verfehlt wird, weil es sich letztlich allenfalls um einseitige und eher selbstbezogene Best\u00e4tigung handelt. Anerkennung und eine tiefere Form der Bezogenheit gibt es, strukturell bedingt, kaum in dieser Art von Kommunikation. H\u00e4ufig wird das Bem\u00fchen dann aber noch mehr gesteigert, noch mehr Intensit\u00e4t hineingelegt. So wird die Frustration noch gr\u00f6\u00dfer. Diese Risikozirkel, die dann suchtartige Schleifen bilden, sind \u00e4hnlich bei Patienten und Nichtpatienten. In unserem Er\u00f6ffnungsvortrag wollen wir zeigen: Es gibt ein Potenzial f\u00fcr \u201esoziale Pathologie\u201c, also die derzeitige Situation bietet eher ung\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr konstruktive Entwicklung des Individuums. Diese ung\u00fcnstigen Bedingungen f\u00fchren dazu, dass pathologische Zirkel wie eine auf Dauer gestellte Anerkennungssuche, bei der man permanent frustriert wird, gesellschaftlich normalisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center has-medium-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em><em>\u201eInteressanterweise ist hierbei der Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gar nicht so gro\u00df\u201c<\/em><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Als Erwachsener denkt man ja in erster Linie an Kinder- und Jugendliche. Kapitulieren wir als Gesellschaft vor dieser Entwicklung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Personen untersucht zwischen 25 und 45 Jahren in der so genannten Rushhour des Lebens, denn da sind die Optimierungsanforderungen besonders gro\u00df. Am Sigmund-Freud-Institut haben wir aber auch Jugenderhebungen gemacht. Interessanterweise gibt es bei den Erwachsenen vergleichbare Formen wie bei den Jugendlichen, der Unterschied ist gar nicht so gro\u00df. Bei beiden Altersgruppen gilt: Je intensiver die Personen involviert sind in diese mediale digitale Welt, desto gr\u00f6\u00dfer ist auch das Unbehagen an dieser Welt. Die Subjekte versp\u00fcren dieses Gef\u00fchl von Unbehagen, kommen aber nicht ohne weiteres raus. Um zu Ihrer Frage zu kommen: Immerhin ist dieses Unbehagen ein Ansatzpunkt f\u00fcr eine wachsende gesellschaftliche Selbstverst\u00e4ndigung, f\u00fcr potenzielle Ver\u00e4nderung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Es scheint, die gesamt Bev\u00f6lkerung ist suchtgef\u00e4hrdet. Da w\u00e4re doch auch eine politische Debatte an der Zeit. Haben Sie den Eindruck, dass das die gew\u00e4hlten Volksvertreter auf dem Schirm haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zum Beispiel viele medienp\u00e4dagogische Konzepte, die gut sind. Ich glaube trotzdem, dass das Netz, so wie es strukturiert ist \u2013 eingebettet in eine gesellschaftliche Logik der Steigerung, der stetigen Optimierung und des Wettbewerbs, andererseits noch immer wenig reguliert \u2013 diese negativen Zirkel in gro\u00dfem Ma\u00dfstab beg\u00fcnstigt. Dazu m\u00fcsste es wirklich mehr Verst\u00e4ndigung und Ver\u00e4nderungen geben, denn das hat massive Auswirkungen \u2013 nicht nur in Hinblick darauf, was die Leute tun, wenn sie im Netz sind, sondern auch mit Blick auf die Fragmentierungen all dessen, was offline stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center has-medium-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDie gesamte menschliche Kommunikation findet \u201agest\u00fcckelt\u2018 statt.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was genau meinen Sie mit \u201eFragmentierung\u201c?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ja nicht so, dass man hier digitale Kommunikation hat und dort eine nichtdigitale analoge Kommunikation. Das ganze Leben ist komplett durchformt und durchdrungen, das hei\u00dft die gesamte menschliche Kommunikation findet \u201egest\u00fcckelt\u201c statt. Das ist noch viel zu wenig im Bewusstsein. Es hat massive kulturelle Auswirkungen: f\u00fcr die Individuen, f\u00fcr die Art, wie gearbeitet wird, wie Beziehungen gestaltet werden, wie man sich selbst versteht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Seit der Pandemie kommt es mir so vor, als w\u00e4ren die Menschen st\u00e4rker \u00fcberfordert als zuvor. Hat dies seinen Grund auch in der Fragmentierung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und das wird tats\u00e4chlich untersch\u00e4tzt. Menschen, die viel arbeiten, stellen immer mehr fest: Einerseits ist es extrem praktisch, dass man durch die Digitalisierung so viele Dinge verdichten und gleichzeitig machen kann. In der Corona-Pandemie waren die Wege kurz: Mit einem Klick von einer Sitzung zur n\u00e4chsten wechseln und zwischendurch noch Mails durchsehen. Diese Verdichtung, die durch die Technologie erm\u00f6glicht, aber auch erzwungen wird, wurde durch die Pandemie nochmal hochgradig intensiviert. Das birgt enorme Potenziale der \u00dcberforderung, weil es ja faktisch nicht funktioniert. Man kann nicht unbegrenzt Dinge gleichzeitig aufnehmen und erledigen. Auch das ber\u00fchmte Multitasking ist ja eine Illusion, denn es bedeutet vor allem, dass man mehr fragmentiert, Konzentrationszeiten verringert. Das f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zum Gef\u00fchl der \u00dcberforderung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind ja auch beim Clusterprojekt ConTrust als Principal Investigator involviert. Welche Aspekte des Themas sind hier relevant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei ConTrust geht es darum, wie Vertrauen im Konflikt entsteht, und eine Arbeitsgruppe befasst sich explizit mit der Rolle der Medien. In unserem Verbundprojekt \u201eDas vermessene Leben\u201c wiederum haben wir untersucht, wie Messen und Vergleichen zwar Verl\u00e4sslichkeit und Objektivierung erh\u00f6hen sollen, aber unter den gegebenen Bedingungen oft Misstrauen und Entfremdung verst\u00e4rken. Denn typischerweise werden unter Steigerungsdruck eher die Zahlen optimiert als die Praxis selbst: Es geht dann also mehr um Praktiken der Simulation als um echte Verbesserung. Einen weiteren Schwerpunkt bei ConTrust innerhalb der Arbeitsgruppe Demokratie bilden interdisziplin\u00e4re Analysen, aber auch erste Erhebungen zum zeitgen\u00f6ssischen Autoritarismus. Was passiert da im digitalen Raum?&nbsp; Von Radikalisierung und Abschottung hat jeder schon mal geh\u00f6rt. Aber welche Rolle spielt hierbei, was ich vorhin beschrieben habe, die systematische \u201eVerwechslung\u201c von sozialen Beziehungen mit digitaler <em>Connectednes<\/em>s? Erste Befunde wird unser Team aus dem SFI zusammen mit Prof. Ferdinand Sutterl\u00fcty in einem Panel der Tagung vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was kann die Wissenschaft zur gesellschaftlichen Verst\u00e4ndigung beitragen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufgabe der Wissenschaft als Ort der Selbstreflexion ist es, auf die Probleme hinzuweisen. Wir sagen nicht: Digitalisierung ist schlecht, werft alle eure Technologien weg. Sondern wir wollen deutlich machen, dass es einer gesellschaftlichen Verst\u00e4ndigung und Aufkl\u00e4rung bedarf, und auch einer ver\u00e4nderten Praxis, damit Digitalisierung hilfreich verwendet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Interview: Dr. Anke Sauter<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit der Soziologin und Sozialpsychologin Prof. Vera King zum Auftakt der Tagung \u201eDas vermessene Leben\u201c Am 1. und 2. 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