{"id":60331,"date":"2022-07-15T08:50:00","date_gmt":"2022-07-15T06:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=60331"},"modified":"2022-07-12T13:50:40","modified_gmt":"2022-07-12T11:50:40","slug":"hidden-champions","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/hidden-champions\/","title":{"rendered":"\u00bbHidden Champions\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Blick auf einige Frankfurter Nobelpreiskandidaten, die zwar von der Jury in Stockholm nicht ber\u00fccksichtigt wurden, gleichwohl als herausragende Forscherpers\u00f6nlichkeiten ein Aush\u00e4ngeschild der Goethe-Universit\u00e4t waren und sind.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nimmt man sich einen Nachmittag Zeit, um durch die verschiedenen Stadtviertel von Frankfurt zu spazieren, begegnen einem vielerorts die Spuren Frankfurter Wissenschaftspioniere, so flaniert man in der Innenstadt an der ehemaligen Wohnadresse Helene Brauns (1914\u20131983) vorbei, die als eine der ersten Frauen eine Professur in Mathematik erhielt, Autorin zahlreicher Publikationen ist und am Boykott von NS-Professoren mitwirkte. Einige der Frankfurter Wissenschaftler wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, darunter Otto Stern (1888\u20131969), Paul Ehrlich (1854\u20131915) und Hartmut Michel (*1948). Insgesamt erhielten rund 20 Forscher, die in Frankfurt gewirkt haben, einen Nobelpreis, zuletzt wurde 2021 der Nobelpreis f\u00fcr Chemie an den an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt promovierten Wissenschaftler Benjamin List (*1968) verliehen. Oftmals als der prestigetr\u00e4chtigste Preis \u00fcberhaupt angesehen, zeigt der Nobelpreis deutlich die internationale Bedeutung der Arbeit der mit ihm ausgezeichneten Frankfurter Forscher. Dass der Nobelpreis in jedem Jahr jedoch nur einmal in jeder Kategorie vergeben wird, bringt mit sich, dass Jahr f\u00fcr Jahr zahlreiche hervorragende Wissenschaftler leer ausgehen. Dies gilt auch f\u00fcr Forscher in Frankfurt. Allein f\u00fcr den Nobelpreis in Physiologie oder Medizin gingen zwischen 1901 und 1953 103 Nominierungen f\u00fcr Frankfurter Forscher in Stockholm ein. \u00dcbertroffen nur von Berlin, galt also mehr als jede Zehnte der insgesamt 1205 Nominierungen im betrachteten Zeitraum einem Frankfurter Wissenschaftler. Diese beeindruckenden Zahlen machen Frankfurt innerhalb Deutschlands zu einem regelrechten <em>\u201eNobel hotspot\u201c<\/em>. Einige dieser \u201ehochbegabten Verlierer\u201c, die trotz mehrmaliger Nominierung von unterschiedlicher Seite nie das Gl\u00fcck hatten, den Nobelpreis zu erhalten, sollen in diesem \u00dcberblick betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ludwig Edinger<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Hidden-Champions-Edinger.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Hidden-Champions-Edinger.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60333\" width=\"325\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Hidden-Champions-Edinger.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Hidden-Champions-Edinger-229x300.jpg 229w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><figcaption>Das Portr\u00e4t des Neuroanatomen Ludwig Edinger von Lovis Corinth.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Universit\u00e4t Frankfurt, der Neuroanatom Ludwig Edinger (1855\u20131918). In Gie\u00dfen geboren, studierte Edinger in Stra\u00dfburg und Heidelberg Medizin. W\u00e4hrend seiner Habilitation wandte er sich dem Studium des Zentralnervensystems zu. Bedingt durch den erstarkenden Antisemitismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts, blieb Edinger als Jude eine Universit\u00e4tskarriere zun\u00e4chst verwehrt, durch Unterst\u00fctzung seiner Frau war es ihm jedoch m\u00f6glich, ein eigenes Forschungsinstitut zu errichten, welches er 1914 zur Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Frankfurt an diese angliederte. 1918 verstarb Edinger \u00e4u\u00dferst jung, die Existenz seines Instituts sicherte er durch Errichtung einer Stiftung, die bis heute Bestand hat. 1910 wurde er dreimal von Forschern aus Utrecht f\u00fcr seine Hirnforschung vorgeschlagen, doch die Holl\u00e4nder konnten sich in Stockholm nicht durchsetzen. Andere Kandidaten wie Charles S. Sherrington (1857\u20131952), Theodor Smith (1859\u20131934) und August Wasserman (1866\u20131925) wurden als st\u00e4rker eingestuft. Der Preis ging letztlich an den Heidelberger Albrecht Kossel (1853\u20131927) \u201ein recognition of the contributions to our knowledge of cell chemistry made through his work on proteins, including the nucleic substances\u201c.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Friedrich Dessauer<\/h4>\n\n\n\n<p>Einer der ersten Studenten nach Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t und ebenfalls Nobelkandidat ist der Physiker Friedrich Dessauer (1881\u2013 1963). Aus einer Aschaffenburger Industriellenfamilie stammend, kam Dessauer 1914 nach Stationen in M\u00fcnchen und Darmstadt als Student nach Frankfurt. Sein gro\u00dfes Interesse galt den R\u00f6ntgenstrahlen, er untersuchte deren Wirkung auf lebende Zellen und wirkte schon zu Studienzeiten an der Konstruktion von R\u00f6ntgenapparaten mit. Obschon Pionier der Medizintechnik, legte er wie viele seiner Zeitgenossen wenig Wert auf Strahlenschutz, bereits in jungen Jahren war er durch Strahlensch\u00e4den entstellt. Als Mitglied der Zentrumspartei von den Nationalsozialisten verfolgt, verlie\u00df er Deutschland und kehrte erst nach dem 2. Weltkrieg nach Frankfurt zur\u00fcck, wo er als Studentenpfarrer t\u00e4tig war und 1963 den Folgen hoher Strahlenbelastung durch seine Experimente erlag. 1923 wurde Dessauer von dem Frankfurter Professor f\u00fcr P\u00e4diatrie Heinrich von Mettenheim (1867\u20131944) f\u00fcr den Nobelpreis vorgeschlagen. In jedem Brief, der sich im Stockholmer Nobelarchiv befindet, f\u00fchrte er an: \u201e<em>Dessauer hat in jahrzehntelanger Arbeit die R\u00f6ntgen-Tiefentherapie begr\u00fcndet und in j\u00fcngster Zeit die Methode im wesentlichen abschliessend festgelegt. [&#8230;] Soviel kann man jedenfalls behaupten: Wenn heut die R\u00f6ntgen-Tiefentherapie unter den Methoden der Bek\u00e4mpfung der b\u00f6sartigen Geschw\u00fclste wohl die erste einnimmt, ist dies in erster Linie das Verdienst der theoretischen und methodologischen Arbeiten Friedrich Dessauers.<\/em>\u201d Allerdings konnte der Nominator der Jury nicht \u00fcberzeugen \u2013 der Preis ging 1923 stattdessen an die kanadischen Insulinforscher Frederick Grant Banting und John JR Macleod.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gustav Embden<\/h4>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Stolpersteine_kennedaalle_99.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"300\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Stolpersteine_kennedaalle_99.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60334\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Stolpersteine_kennedaalle_99.jpg 400w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Stolpersteine_kennedaalle_99-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><figcaption>Foto: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e. V., <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustav_Embden#\/media\/Datei:Stolpersteine_kennedaalle_99.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wikipedia.org<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CC BY-SA 3.0<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein dritter Frankfurter, wohl der st\u00e4rkste Kandidat des hier erw\u00e4hnten Trios, war der Gro\u00dfneffe Heinrich Heines, Gustav Embden (1874\u20131933). Wie Edinger aus einer j\u00fcdischen Familie stammend, studierte er in zahlreichen europ\u00e4ischen St\u00e4dten, zu seinen Lehrern geh\u00f6rte der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Ehrlich. In Frankfurt war er zun\u00e4chst als Abteilungsleiter der klinischen Chemie am st\u00e4dtischen Krankenhaus t\u00e4tig. Im Zuge der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Frankfurt entstand aus Embdens Labor das Institut f\u00fcr vegetative Physiologe. Zu seinen zentralen Arbeiten geh\u00f6rt die Entdeckung der Glykolyse, die deshalb nach ihm und nach den Mitentdeckern Otto Meyerhof und Jakub Parnas auch als <em>Embden-Meyerhof-Parnas-Weg <\/em>bezeichnet wird. Nicht weniger als zw\u00f6lf Mal wurde Embden zwischen 1932 und 1933 f\u00fcr den Nobelpreis nominiert, und zwar sowohl f\u00fcr die Kategorie \u201ePhysiologie oder Medizin\u201c als auch f\u00fcr \u201eChemie\u201c. Unter den Nominatoren waren die Nobelpreistr\u00e4ger Hans von Euler-Chelpin (1873\u20131964) und der bereits erw\u00e4hnte Albrecht Kossel. Tats\u00e4chlich kam Embden auch in die engere Auswahl des Nobelkomitees, die Gr\u00fcnde seiner Ablehnung stellen noch ein Forschungsdesiderat dar. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben seiner wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit war Embden 1925\u20131926 Rektor der Universit\u00e4t Frankfurt. Auch Embden blieb vom antisemitischen Hass nicht verschont, 1933 wurde er von Studenten aus seinem Institut entf\u00fchrt und durch die Stadt geschleppt. Bald darauf verstarb er in einem Sanatorium f\u00fcr Nervenkranke.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wissenschaftliche Bedeutung unbestritten<\/h4>\n\n\n\n<p>Auch wenn Edinger, Dessauer und Embden keinen Nobelpreis erhalten haben, ist die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Beitr\u00e4ge unbestritten. Deshalb lohnt es, neben denen, die mit Preisen ausgezeichnet wurden, auch die Kandidaten zu betrachten, die am Ende leer ausgingen. Die Nominierungen dieser <em>hidden champions<\/em>, die von verschiedenen Wissenschaftlern unterschiedlicher Institutionen unabh\u00e4ngig voneinander eingereicht wurden, zeigen, dass ihre Arbeit breite Aufmerksamkeit erhielt und f\u00fcr herausragend befunden wurde. Dem Testament Alfred Nobels zufolge soll jedes Jahr die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler ausgezeichnet werden, dessen Beitrag den gr\u00f6\u00dften Nutzen f\u00fcr die Menschheit erbracht hat. An diesem Grundsatz orientiert sich das Komitee, die den jeweiligen Preistr\u00e4ger festlegt. Offen bleibt dabei jedoch, nach welchen Kriterien zu bestimmen ist, welche der zahlreichen vorgeschlagenen Arbeiten tats\u00e4chlich diesen gr\u00f6\u00dften Nutzen erbringt und ob sich die tats\u00e4chliche Relevanz der bewerteten Forschungen nicht erst nach l\u00e4ngerer Zeit bewerten l\u00e4sst. Ohne die Exzellenz zahlreicher Nobelpreistr\u00e4ger in Abrede zu stellen, kann keine Jury in diesen Fragen einen Absolutheitsanspruch anmelden. Die in diesem Beitrag vorgestellten Forscher zeigen, wie lohnenswert es ist, auch die \u201eVerlierer\u201c des Nobelpreises zu betrachten, stellen aber nur einen kleinen Teil wichtiger Forscher dar, die im Preiskontext keine Beachtung gefunden haben, was mit Sicherheit auch f\u00fcr andere renommierte Preise neben dem Nobelpreis gilt. F\u00fcr die Universit\u00e4t Frankfurt zeigt sich jedenfalls, sowohl die Nobelpreistr\u00e4ger als auch unsere <em>hidden champions<\/em> betrachtend, dass sie seit ihrer Gr\u00fcndung ein wichtiger Hort hochkar\u00e4tiger Forschung war und ist und im Nobelpreiskontext eine Spitzenstellung in Deutschland einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Nils Hansson und Giacomo Padrini<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>PD Dr. Nils Hansson und Giacomo Padrini<\/strong> sind Medizinhistoriker an der Heinrich-Heine-Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf. Kontakt: <a href=\"mailto:nils.hansson@hhu.de\">nils.hansson@hhu.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick auf einige Frankfurter Nobelpreiskandidaten, die zwar von der Jury in Stockholm nicht ber\u00fccksichtigt wurden, gleichwohl als herausragende Forscherpers\u00f6nlichkeiten ein Aush\u00e4ngeschild der Goethe-Universit\u00e4t waren und sind. 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