{"id":60340,"date":"2022-07-17T09:27:00","date_gmt":"2022-07-17T07:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=60340"},"modified":"2022-07-13T17:28:09","modified_gmt":"2022-07-13T15:28:09","slug":"wirtschaftswissenschaften-wenn-die-hilfe-die-falschen-erreicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/wirtschaftswissenschaften-wenn-die-hilfe-die-falschen-erreicht\/","title":{"rendered":"Wirtschaftswissenschaften: Wenn die Hilfe die Falschen erreicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Wirtschaftswissenschaftler Leo Kaas hat in einer Forschergruppe untersucht, wie im Rahmen eines US-Corona-Hilfsprogramms Unternehmen k\u00fcnstlich am Leben erhalten wurden, die eigentlich nicht mehr tragf\u00e4hig waren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Herr Prof. Kaas, Sie haben das amerikanische Corona-Hilfsprogramm \u00bbPaycheck Protection Program\u00ab analysiert. W\u00e4re das nicht auch mit einem vergleichbaren deutschen beziehungsweise europ\u00e4ischen Programm m\u00f6glich gewesen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Leo Kaas: <\/em>Wir sind ein internationales Team von Ko-Autoren, zum Teil mit US-Hintergrund. Das Paper ist f\u00fcr ein internationales Publikum gedacht, da war es schon naheliegend, f\u00fcr eine solche Makro-Analyse die US-Wirtschaft zu untersuchen. Zudem ist die Datengrundlage f\u00fcr die amerikanische Wirtschaft auch besser als f\u00fcr die in Deutschland. Da h\u00e4tten uns an der einen oder andere Stelle Daten gefehlt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie l\u00e4sst sich der etwas bildhafte Begriff \u00bbZombie-Unternehmen\u00ab bestimmen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen in der Tat in unserem strukturellen Modell ziemlich genau sagen, wann es gut ist, dass ein Unternehmen \u00fcberlebt und wann nicht. Mit \u201agut\u2018 ist hier gemeint: Es ist besser f\u00fcr die Gesellschaft, ein Unternehmen in der Krise zu retten. Bei einem \u201eZombie-Unternehmen\u201c w\u00e4re hingegen dessen Tod zu bevorzugen. Urspr\u00fcnglich stammt der Begriff aus Japan, dort bezogen auf Banken (\u201eZombie-Banken\u201c), die nach der Finanzkrise in den 1990ern durch staatliche Unterst\u00fctzung zu lange am Leben gehalten wurden. In der Corona-Krise stellte sich die Frage, ob in den USA (und auch anderswo) mit staatlichen Hilfen zu viele Unternehmen am Markt gehalten wurden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Die staatlichen Hilfen kamen vor allem kleinen Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern zugute. Ist das aus makro\u00f6konomischer Sicht sinnvoll oder war das eher der Stimmung in der Bev\u00f6lkerung geschuldet?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized is-style-rounded\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Kaas.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Kaas.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60341\" width=\"257\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Kaas.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Kaas-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Bild_UR-4.22_Kaas-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 257px) 100vw, 257px\" \/><\/a><figcaption><strong>Prof. Dr. Leo Kaas<\/strong> ist Professor f\u00fcr Makro\u00f6konomie und Arbeitsm\u00e4rkte an der Goethe-Universit\u00e4t und SAFE Fellow. Der gemeinsam mit seinen Kollegen Alessandro Di Nola und Haomin Wang (beide Universit\u00e4t Konstanz) verfasste Aufsatz <a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers. cfm?abstract_id=4064899\">\u00bbRescue Policies for Small Businesses in the COVID-19 Recession\u00ab<\/a> ist als SAFE Working Paper erschienen; der Aufsatz befindet sich augenblicklich als Preprint noch in der Begutachtung.<br>(Foto: privat)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ja, die sind mitunter gar nicht so klein, bei uns w\u00fcrde man wohl KMUs (= kleine und mittlere Unternehmen) dazu sagen. Die Idee hinter dem F\u00f6rderprogramm war eben, dass es eher die kleinen Unternehmen sind, die unter der Corona-Pandemie besonders gelitten haben. Auf der einen Seite ist ihnen die Nachfrage weggebrochen, zum anderen waren Unternehmen in bestimmten Dienstleistungsbranchen direkt von Lockdowns betroffen. Diesen Unternehmen wollte man unter die Arme greifen. Denn Unternehmen dieser Gr\u00f6\u00dfe haben auch schlechtere Zug\u00e4nge zu den Kapitalm\u00e4rkten, m\u00fcssen aber weiter ihre Fixkosten stemmen. Gerade zu Beginn der Pandemie wusste man ja auch gar nicht, wie lange die Corona-Schutzma\u00dfnahmen andauern werden, daher wollte man kein massenhaftes Unternehmenssterben sehen \u2013 damit nachher nicht alle Restaurants, Hotels oder Fitnessstudios verschwunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>War das nicht auch der politischen Stimmung im Land geschuldet? Weil vielleicht auch gerade die kleinen Unternehmen den Leuten besonders am Herzen liegen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sehr viele kleine Unternehmen zumachen m\u00fcssen, ist das auch volkswirtschaftlich fatal: Da k\u00f6nnen viele Arbeitspl\u00e4tze wegbrechen. In Deutschland gab es bereits im M\u00e4rz 2020 Soforthilfen, die schnell und unb\u00fcrokratisch ausgezahlt wurden, was dann bei den sp\u00e4teren \u00dcberbr\u00fcckungshilfen nicht mehr ganz der Fall war. Man wollte sowohl ineffiziente Kapitalliquidationen, aber auch einen massiven Verlust an Arbeitspl\u00e4tzen verhindern. W\u00e4hrend in Deutschland zus\u00e4tzlich das bew\u00e4hrte Instrument der Kurzarbeit eingesetzt wurde, musste man in den USA, wo es so etwas nicht gibt, ein anderes Programm aufsetzen \u2013 eines, das eher nach dem Prinzip Gie\u00dfkanne funktioniert hat.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche M\u00f6glichkeiten stellen sich denn, um Mittel besser und effizienter zu verteilen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man h\u00e4tte Auflagen machen k\u00f6nnen, dass die Unternehmen ihre Gehaltslisten offenlegen, oder man h\u00e4tte die Umsatzverluste im Vergleich zum Vorjahr ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Die Pr\u00fcfung dieser Auflagen w\u00e4re aber nat\u00fcrlich mit hohen Kosten f\u00fcr den Staat verbunden gewesen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Salopp gesagt w\u00e4re es aus \u00f6konomischer Sicht also besser, schwache Unternehmen \u00bbsterben\u00ab zu lassen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es nicht schlecht, dass Unternehmen aus dem Markt ausscheiden, neue daf\u00fcr eintreten. Wenn man versucht, zu breitfl\u00e4chig zu helfen, dann verhindert man unter Umst\u00e4nden den Prozess einer kreativen Zerst\u00f6rung. Dieser Begriff geht auf den \u00d6konomen Josef Schumpeter zur\u00fcck. Demnach haben Rezessionen auch einen reinigenden Effekt. Die ungezielte Politik hat letztlich auch Unternehmen gerettet, die wenig produktiv waren oder es gar nicht ben\u00f6tigt h\u00e4tten; darunter waren dann auch zum Teil \u201eZombie-Unternehmen\u201c. Nach unseren Berechnungen waren das immerhin 16 Prozent aller durch das staatliche Programm geretteter Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Warum hat der amerikanische Staat das nicht im Vorhinein gesehen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In fr\u00fcheren Krisen hat der amerikanische Staat tats\u00e4chlich weniger eingegriffen. In der Pandemie hatte man es aber mit einer zuvor nie bekannten Situation zu tun, da in Folge der Lockdowns und der Zur\u00fcckhaltung der Verbraucher bestimmte Branchen nahezu komplett dichtmachen mussten. Man wollte die betroffenen Unternehmen sch\u00fctzen, da ansonsten Kapital und Arbeitskr\u00e4fte verloren gehen, die nach der Pandemie wieder ben\u00f6tigt werden. Man sieht das ja jetzt auch in Deutschland und anderswo, dass sogar trotz der Rettungspakete in manchen Branchen h\u00e4nderingend Mitarbeiter gesucht werden. Das Problem wurde von der Politik fr\u00fch erkannt und grunds\u00e4tzlich wurde schnell und angemessen reagiert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Werden Staaten an den hohen Kosten der Hilfsprogramme noch l\u00e4nger zu knapsen haben? Die Krisen haben ja nicht gerade abgenommen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Studie besch\u00e4ftigt sich nat\u00fcrlich im Kern nur mit dem US-Programm. In Deutschland lief es insgesamt besser, so meine Einsch\u00e4tzung. Aber klar: Die Belastbarkeit eines Staatshaushalts ist begrenzt. In den USA sind die Staatsschulden noch st\u00e4rker gestiegen, weil dort auch durch Bidens Fiskalprogramme viel ausgegeben wurde. Aber auch in Europa gibt es nat\u00fcrlich Staaten, die hoch verschuldet sind, man denke nur an Italien. Hohe Schuldenst\u00e4nde begrenzen aktuell die staatlichen M\u00f6glichkeiten, in der Energiekrise besonders stark betroffene Unternehmen und Haushalte zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>In Deutschland wurde aber auch gro\u00dfen Unternehmen wie der Lufthansa geholfen. M\u00fcsste man dort auch hinschauen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussionen dazu gab es ja durchaus vor zwei Jahren. Da haben aber andere \u00dcberlegungen eine Rolle gespielt: Im Falle eines gro\u00dfen Unternehmens wie der Lufthansa kann man schon sagen \u201etoo big to fail\u201c. Im Unterschied zu kleinen Unternehmen konnte sich hier der Staat aber mit Eigenkapital beteiligen und damit zahlreiche Auflagen verbinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wirtschaftswissenschaftler Leo Kaas hat in einer Forschergruppe untersucht, wie im Rahmen eines US-Corona-Hilfsprogramms Unternehmen k\u00fcnstlich am Leben erhalten wurden, die eigentlich nicht mehr tragf\u00e4hig waren. 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