{"id":65348,"date":"2022-10-25T11:18:31","date_gmt":"2022-10-25T09:18:31","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=65348"},"modified":"2022-10-25T11:20:09","modified_gmt":"2022-10-25T09:20:09","slug":"100-jahre-institut-fuer-sozialforschung-interview-mit-prof-lessenich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/100-jahre-institut-fuer-sozialforschung-interview-mit-prof-lessenich\/","title":{"rendered":"100 Jahre Institut f\u00fcr Sozialforschung \/ Interview mit Prof. Lessenich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prof. Stephan Lessenich, Direktor des Instituts f\u00fcr Sozialforschung, \u00fcber das hundertj\u00e4hrige Jubil\u00e4um und das Selbstverst\u00e4ndnis des IfS.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Beitragsbild_UR5.22_IfS.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Beitragsbild_UR5.22_IfS.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-65352\" width=\"325\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Beitragsbild_UR5.22_IfS.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Beitragsbild_UR5.22_IfS-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Beitragsbild_UR5.22_IfS-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><figcaption>Institut f\u00fcr Sozialforschung in den 20er-Jahren. Universit\u00e4tsarchiv Frankfurt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Herr Prof. Lessenich, es ist einerseits ein stolzes Jubil\u00e4um, wenn man im IfS nun auf 100 Jahre zur\u00fcckschauen kann. Andererseits gibt es ja heute einen zunehmenden Verzicht auf staatstragende Feierlichkeiten im universit\u00e4ren Kontext, im Sinne einer Entritualisierung des Gedenkens. Wie haben Sie das Jubil\u00e4um konzipiert?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Stephan Lessenich: <\/em><\/strong>Wir feiern eindreiviertel Jahre lang, es wird somit ein langes Jubil\u00e4umsjahr. Es sind von August 2022 bis Juni 2024 diverse Anl\u00e4sse, auf die wir zur\u00fcckschauen, also von der ersten Nennung des Instituts f\u00fcr Sozialforschung in einem Memorandum zur Gr\u00fcndung einer entsprechenden Einrichtung, das aus dem August 1922 datiert, bis zur Er\u00f6ffnung des Hauses in der damaligen Viktoriaallee im Juni 1924. Und wir haben durchaus etwas Hochoffizielles im Programm, eine richtige Festveranstaltung, die am 23. Januar stattfinden wird. Da werden die hessische Wissenschaftsministerin, die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt und der Universit\u00e4tspr\u00e4sident zugegen sein. Aber wir versuchen, mit den verschiedenen Hauptveranstaltungen, die wir jetzt anbieten, unterschiedliche Publika anzusprechen. Mit dem Tag der Offenen T\u00fcr haben wir bereits die Stadtgesellschaft in unsere R\u00e4umlichkeiten eingeladen. An Pfingsten n\u00e4chsten Jahres begehen wir die zweite Marxistische Arbeitswoche, die erste fand zu Pfingsten 1923 statt. Es war eigentlich das erste Theorieseminar des damals schon gegr\u00fcndeten Instituts f\u00fcr Sozialforschung, das sich in der Abgeschiedenheit des Th\u00fcringer Walds, in Geraberg bei Ilmenau, traf. Im Studierendenhaus auf dem Campus Bockenheim wird nun hundert Jahre sp\u00e4ter ein mehrt\u00e4giger Kongress ausgerichtet werden, der sich niedrigschwellig an ein akademisches Publikum, Studierende, aber auch nichtakademische Milieus richten wird. Und der noch mal fragt: Was bedeutet eigentlich diese marxistische Tradition des Hauses und der Kritischen Theorie heute noch? Wir leben ja durchaus ganz offensichtlich in einem postmarxistischen Zeitalter. Welche Rolle spielen mithin heute noch Begriffe, Ideen und die programmatischen Setzungen des Marxismus, wie \u00fcbersetzt man das in v\u00f6llig ver\u00e4nderte gesellschaftliche Zeiten? Dann haben wir im September kommenden Jahres eine gro\u00dfe internationale wissenschaftliche Tagung, auf der wir das neue Forschungsprogramm des Hauses pr\u00e4sentieren werden. Abschlie\u00dfen wollen wir das Ganze im Juni 2024 mit einem Stra\u00dfenfest. Unsere Vision ist, dass wir dann die Senckenberganlage vor unserem Haus sperren k\u00f6nnen und damit ein gro\u00dfer Platz zwischen unserem Haus und dem Campus Bockenheim zum Austausch und zum Feiern offensteht \u2013 gleichsam in Vorwegnahme des geplanten Kulturcampus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Sie sind noch relativ neu in Ihrem Amt. Wenn Sie mit Ihrem frischen Blick auf die Geschichte Ihres Hauses schauen, was sind f\u00fcr Sie wichtige Markierungspunkte oder Einschnitte?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized is-style-rounded\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-65364\" width=\"250\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Bild_UR5.22_IfS-Lessenich-12x12.jpg 12w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><figcaption><strong>Prof. Stephan Lessenich.<br><\/strong>Foto: IFS, M. Lipus<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>The founding of the institute was of course an important date. The memorandum written for this purpose is interesting: in retrospect, it can be said that it was somewhat obscured that it was supposed to be the founding of a Marxist research institute. It was actually supposed to be an institution with strong intellectual and political ties to the labor movement. There was money for the foundation from private sources. But the foundation as a public institute was not without preconditions. A second important date was undoubtedly the closure of the house, which was carried out by the SA, followed by the confiscation of the library, the expulsion of the staff and the subsequent emigration of central figures, first to Switzerland and soon afterwards to the USA. And then the reopening of the house and the return of the protagonists, which was anything but a matter of course. After all, it would have been easy to imagine that the central figures, Adorno and Horkheimer, would not return to Germany. The institute was then explicitly re-established in Frankfurt in order to pursue democratization studies and to have an impact on the public in order to strengthen the democratic foundations of the early Federal Republic. In my opinion, this still characterizes the institute today. And we want to take up this impulse again in the new phase. Hence the strong focus on different audiences during the centenary celebrations. The House should continue to stand for critical social research in the future, which is not only carried out in an academic context, but should also have a social impact and have something to say to all interested parties.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Can it sometimes also be a problem that certain figureheads have shaped a house so strongly that you have to keep coming back to them?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es gibt nat\u00fcrlich diese Verkn\u00fcpfung des Instituts mit gro\u00dfen Namen, vor allem mit Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dies ist Kapital und Hypothek zugleich. Das Renommee des Hauses, seine Wahrnehmung in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4ngt nat\u00fcrlich ganz stark vor allem an der Person Adornos. Selbst in au\u00dferakademischen Milieus kennt man seinen Namen. Es ist aber auch eine Hypothek, weil die Arbeit des Hauses damit auf ein bzw. zwei Personen reduziert wird. Es gibt nat\u00fcrlich noch viele andere historische, intellektuelle Gr\u00f6\u00dfen, die oft hinten runterfallen. Und die Fixierung auf die gro\u00dfen Namen verst\u00e4rkt immer auch ein wenig die Schwerkraft der Geschichte. Das f\u00fchrt dann auch zu solchen Fragen, ob der der neue Direktor, egal, ob der nun Axel Honneth oder Stephan Lessenich hei\u00dft, in die Fu\u00dfstapfen seiner Vorg\u00e4nger tritt. Ich denke, dass eine solche Sichtweise nicht sehr produktiv ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>The Institute for Social Research was and is always referred to as the cradle of the Frankfurt School. Would you say it still makes sense to use this term? Was it ever appropriate?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da w\u00e4re ich geteilter Meinung. Es macht einerseits Sinn, weil ich glaube, die Pr\u00e4gung des Instituts ist doch ganz stark der \u00d6rtlichkeit geschuldet. Die Gr\u00fcndung fand nicht zuf\u00e4llig in Frankfurt statt. Da waren eine liberale Stadtgesellschaft, das b\u00fcrgerlich-j\u00fcdische Milieu, intellektuell, aber auch das aufgekl\u00e4rte, \u00f6konomische Milieu j\u00fcdischen Glaubens ein zentraler Faktor f\u00fcr die Entstehung, f\u00fcr die Akzeptanz und auch f\u00fcr die Wiedergr\u00fcndung dieses Instituts in der Stadt nach dem Krieg. Von Frankfurter Schule zu sprechen, ist so gesehen schon angemessen. Anderswo w\u00e4re eben \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 eine andere Form der kritischen Sozialforschung entstanden. Der Begriff Schule ist hier allerdings schwierig. Das war auch keine Selbstbeschreibung der Akteure, sondern eine Zuschreibung von au\u00dfen. Schulbildung klingt ja immer nach einer eher starken Formatierung, mit klaren Orientierungspunkten und auch Grenzziehungen. Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen ordnen sich dem zu oder grenzen sich ab. Das ist aber ist mit Blick auf die Kritische Theorie nicht der Fall. Es gibt keine klaren Abgrenzungen, wer dazu geh\u00f6rt und wer nicht, wer drinnen und wer drau\u00dfen ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihr Vorg\u00e4nger Axel Honneth hat mal gesagt, dass er das IfS der Erforschung der \u00bbParadoxien des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus\u00ab verpflichtet sieht. W\u00fcrden Sie daran ankn\u00fcpfen oder h\u00e4tten Sie eine eigene, davon abweichende Schwerpunktsetzung?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind gerade dabei, dieses Programm aus der, wenn man jetzt so m\u00f6chte, Honneth-\u00c4ra, noch mal zu pr\u00fcfen und f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrzehnt ein neu ansetzendes Forschungsprogramm zu entwickeln. Die Katze einer neuen programmatischen Formel, so etwas wie eben \u201eParadoxien der kapitalistischen Modernisierung\u201c, wird erst im kommenden Sommer aus dem Sack gelassen werden, zur internationalen wissenschaftlichen Tagung. Ein paar Eckpunkte der Neuorientierung kann man aber jetzt schon benennen, und das h\u00e4ngt auch mit der genannten Formel zusammen. Denn die \u201eParadoxien kapitalistischer Modernisierung\u201c waren noch stark im Kontext der westlichen Industriegesellschaft und ihrer Entwicklungsdynamik gedacht. Diesen engeren Fokus wollen wir in Zukunft \u00fcberschreiten. Der Kapitalismus ist globaler Natur, und das gilt auch f\u00fcr seine Krisen. Wir haben es in letzter Zeit erlebt: Finanzkrise, Migrationskrise, Klimakrise, Coronakrise, jetzt Ukrainekrise, das sind Krisen im Weltma\u00dfstab. Das bedeutet, dass die kritische Theoriebildung solche globalen \u00f6konomischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse in den Blick nehmen muss. Die eine Achse der Erneuerung w\u00e4re also in gewisser Weise die Entwestlichung der Forschungsprogrammatik. Eine zweite Achse w\u00e4re die Orientierung auf die Stofflichkeit von Gesellschaft. Ich meine, wir reden heute \u2013 notgedrungen \u2013 von \u00f6kologischen Krisen, von sozial\u00f6kologischer Transformation. Und in Frankfurt ist die Problematik gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse schon fr\u00fch systematisch diskutiert worden; das war aber in den letzten zwei Jahrzehnten kein zentrales Thema mehr des Instituts. Vor diesem Hintergrund w\u00fcrde ich sagen, heute von Paradoxien zu sprechen, ist einerseits eine westliche Perspektive, trifft andererseits aber auch nicht mehr den Punkt. Das bisherige Forschungsprogramm ging ausdr\u00fccklich davon aus, dass man die gesellschaftliche Entwicklung heute nicht mehr in Widerspruchskategorien fassen k\u00f6nne, sondern der Begriff der Paradoxie geeigneter sei. Ich w\u00fcrde sagen, das, was wir jetzt gerade im 21. Jahrhundert, in den letzten anderthalb Jahrzehnten gesehen und erfahren haben, spricht f\u00fcr mich daf\u00fcr, doch die Widerspruchskategorie neu zu beleben. Diese Gesellschaft ist voll von Widerspr\u00fcchen, sie wird von Widerspr\u00fcchen angetrieben. Wir sind sehenden Auges in eine Energiekrise geraten, was jetzt nicht nur eine Paradoxie darstellt, sondern eine extrem widerspr\u00fcchliche politisch-\u00f6konomische Konstellation benennt. Wir sind in ganz vielen Feldern in fundamentale Widerspr\u00fcche geraten, und ich meine, dass deswegen auch analytisch und diagnostisch gegen\u00fcber der Paradoxienkategorie die Widerspruchskategorie wieder gest\u00e4rkt werden muss. Aber nat\u00fcrlich auf eine andere Weise, als das bei Marx der Fall gewesen ist oder in den 1920er\/1930er Jahren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center has-background has-medium-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\" style=\"background-color:#eeeeee\"><p>\u00bbSoziologie tut gut daran, nicht nur am<br>Schreibtisch ihre Problemdeutung zu entwickeln\u00ab<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>2019, im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Soziologie an der Goethe-Universit\u00e4t, wurde ein neues disziplin\u00e4res Selbstverst\u00e4ndnis der Soziologie<\/strong><\/em> <strong><em>eingefordert: Sie m\u00fcsse ihre Anliegen nicht nur viel st\u00e4rker als bisher auch in nichtakademische \u00d6ffentlichkeit kommunizieren, sondern diese \u00d6ffentlichkeiten auch bei der Produktion von Wissen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen. W\u00fcrden Sie das auch so sehen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Disziplin wird das h\u00e4ufig unter dem Label <em>Public Sociology<\/em> oder <em>\u00d6ffentliche Soziologie<\/em> gefasst. Das ist eine Diskussion, die in den 2000er Jahren zun\u00e4chst in den Vereinigten Staaten eingesetzt hat. Und dann vor allem im letzten Jahrzehnt, in den 2010er Jahren, nach Deutschland her\u00fcbergeschwappt ist. Ich selbst habe mich schon fr\u00fch f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von Soziologie als \u00f6ffentlicher Wissenschaft ausgesprochen, was aber nicht bedeutet, die Differenz zwischen Wissenschaft und Gesellschaft oder zwischen wissenschaftlicher Praxis und sozialer Alltagspraxis aufzul\u00f6sen. Aber ich glaube schon, dass zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten ist, dass Wissenschaft einen \u00f6ffentlichen Auftrag hat, dass sie der Gesellschaft auch etwas zu sagen haben muss. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass Politik Politikberatung verlangt. In allen \u00f6ffentlichen Debatten ist ja auch immer gesellschaftsanalytische, soziologische Expertise gefragt, und dies gilt zumal f\u00fcr alle genannten Krisen, aber selbst auch im vielleicht krisenfernen Alltag. Da hat die Soziologie vielf\u00e4ltigen sozialen Akteuren und eben nicht nur der Politik, sondern gesellschaftlichen Organisationen, aber auch den Leuten selbst wirklich viel zu sagen. Gleichzeitig sollte man \u00f6ffentliche Soziologie nicht als Einbahnstra\u00dfe verstehen. Es g\u00e4lte vielmehr, st\u00e4rker dialogische Formen der Wissenspr\u00e4sentation, aber auch der Wissensproduktion zu entwickeln. Soziologie tut gut daran, nicht nur am Schreibtisch ihre Problemdeutung zu entwickeln, sondern sich auch die Problemdeutungen gesellschaftlicher Akteure pr\u00e4sentieren zu lassen. Dies sollte wiederum eingespeist werden in die eigene wissenschaftliche Arbeit, in die eigenen Problematisierungen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Man hat das Gef\u00fchl, dass die \u00d6ffentlichkeit sich in letzter Zeit durch bestimmte Debatten, wie bei der zur kulturellen Aneignung, etwas entzweit. Sehen Sie da auch durchaus eine Aufgabe der Soziologie, sich st\u00e4rker in solche Debatten einzubringen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich w\u00fcrde ich sagen, dass Fragen, die eine Gesellschaft so stark bewegen, wie: darf man jetzt so reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, darf man sich zu Fasching als Indianer verkleiden, immer auch Themen der Soziologie bzw. der Sozialwissenschaft sind und sein m\u00fcssen. Eine wissenschaftliche Herangehensweise, zumal der kritischen Sozialforschung, w\u00e4re aber meines Erachtens, sozusagen von den Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomen wegzukommen und darunter liegende Strukturentwicklungen zu beleuchten. Ich finde, dass die Irritation und auch die Affekte, die mobilisiert werden, beispielsweise durch das Gendersternchen, ja nur zu verstehen sind, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, wie massiv sich die Geschlechterverh\u00e4ltnisse der Gesellschaft ver\u00e4ndert haben. Die Art und Weise, wie sich Geschlechter in dieser Gesellschaft begegnen, und dass auch dritte Geschlechter sich \u00e4u\u00dfern und sagen, wir lassen uns nicht einzw\u00e4ngen in eine bin\u00e4re Logik von Mann und Frau, hat nat\u00fcrlich ein riesiges Irritationspotenzial. Da ist eine geschlechterpolitische Normalit\u00e4t grundlegend ver\u00e4ndert worden in den letzten Jahrzehnten. Und die Soziologie ist in diesen Prozessen gefragt, und zwar nicht irgendwie f\u00fcr oder gegen das Gendern zu argumentieren, sondern zu sagen: Warum gibt es denn solch massive Konflikte, was wird hier eigentlich verhandelt? Gegenw\u00e4rtig hat sich in so vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen so viel verschoben, dass wir gehalten sind, tiefer zu schauen und zumindest die M\u00f6glichkeit zu geben, zu verstehen, worum hier eigentlich gestritten wird. Und das ist in der Regel nicht das, was behauptet wird.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>How would you like the IfS and Goethe University to work together in the future?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Konstruktion meiner Professur als Kooperationsprofessur ist ja quasi die institutionalisierte Hoffnung darauf, das IfS und in diesem Fall der Fachbereich 03, aber auch die Goethe-Universit\u00e4t insgesamt, enger zusammenr\u00fccken, und zwar im operativen Gesch\u00e4ft, aber auch in der Art und Weise, Wissenschaft nach au\u00dfen zu pr\u00e4sentieren. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war das auch der zentrale Anreiz, nach Frankfurt zu kommen. Ich h\u00e4tte mich n\u00e4mlich nicht so sehr nur als Wissenschaftsmanager gesehen, der ein Forschungsinstitut leitet und dieses bestm\u00f6glich zu positionieren sucht. Ich glaube vielmehr, dass f\u00fcr das IfS der Kontakt zur Universit\u00e4t, auch der Kontakt mit Studierenden, die Integration in die Lehre und in die allt\u00e4glichen universit\u00e4ren Prozesse ganz zentral ist. Denn eine wissenschaftliche Forschung, die sich zu entkoppeln sucht von den sonstigen Dynamiken des Wissenschaftssystems, ist meist nicht gut beraten. Wir haben ab Dezember ein Promotionskolleg am Institut, gef\u00f6rdert durch die Hans-B\u00f6ckler-Stiftung, zur \u201eDialektik der Teilhabe\u201c. Das setzt ganz klar nicht nur auf eine analytische Begrifflichkeit der Dialektik, sondern auch auf die forschungspraktische Verkopplung von Theorie und Empirie und auf die Frage nach einer kritischen Gesellschaftsanalyse in gesellschaftsgestaltender Absicht. Das Institut wird sich wieder st\u00e4rker in die Lehre integrieren \u2013 nicht nur \u00fcber meine Person. Es werden gemeinsame Forschungsvorhaben entwickelt werden mit Kolleg*innen vom Fachbereich 03, aber auch von anderen Fachbereichen. Ich glaube, beide Seiten k\u00f6nnen da massiv von profitieren. Nach meinem Eindruck ist den Studierenden nicht nur Coronabedingt ein wenig der Blick f\u00fcr das IfS verloren gegangen. Das hat etwas mit der r\u00e4umlichen Distanz zum Campus Westend, aber auch damit zu tun, dass das IfS eben in der Lehre und Forschung am Fachbereich nicht mehr so pr\u00e4sent war. Die Kooperationsprofessur gibt jetzt wirklich die M\u00f6glichkeit, das zu \u00e4ndern. Und ich meine, wir haben da schon erste Schritte getan. Ich bin jetzt auch verantwortlich daf\u00fcr, einen neuen Masterstudiengang \u201eCritical Social Theory\u201c zu entwickeln, der die kritische Sozialforschung sichtbar in der grundst\u00e4ndigen akademischen Lehre am Fachbereich 03 und dar\u00fcber hinaus verankern soll. Also all das wird, denke ich, dazu beitragen, die Klammer zwischen den beiden Institutionen wirklich zu festigen. Und das ist auch gut so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Stephan Lessenich, Direktor des Instituts f\u00fcr Sozialforschung, \u00fcber das hundertj\u00e4hrige Jubil\u00e4um und das Selbstverst\u00e4ndnis des IfS. 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