{"id":66162,"date":"2022-11-29T15:41:42","date_gmt":"2022-11-29T14:41:42","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=66162"},"modified":"2022-11-29T15:41:43","modified_gmt":"2022-11-29T14:41:43","slug":"spannungsgeladen-und-interkulturell-anschlussfaehig-interview-mit-hartmut-leppin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/spannungsgeladen-und-interkulturell-anschlussfaehig-interview-mit-hartmut-leppin\/","title":{"rendered":"Spannungsgeladen und interkulturell anschlussf\u00e4hig \/ Interview mit Hartmut Leppin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leibniz-Preistr\u00e4ger Hartmut Leppin setzt sich seinem neuen Buch mit einem Konzept auseinander, das die antike Wertsch\u00e4tzung der freien Rede in der Politik und im sozialen Leben zeigt, aber auch den religi\u00f6sen Bereich pr\u00e4gte. Hartmut Leppin lehrt seit 2001 Alte Geschichte an der Goethe-Universit\u00e4t und ist Principal Investigator im Forschungsverbund \u00bbDynamiken des Religi\u00f6sen\u00ab.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Beitragsbild_UR5.22_Leppin.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Beitragsbild_UR5.22_Leppin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-66164\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Beitragsbild_UR5.22_Leppin.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Beitragsbild_UR5.22_Leppin-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Beitragsbild_UR5.22_Leppin-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Was ist Parrhesie und was macht den Begriff so spannend, dass man ihm ein Buch widmet?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Hartmut Leppin: <\/strong><\/em>\u201eParrhesie\u201c hei\u00dft w\u00f6rtlich \u201eRede von jedem oder \u00fcber alles\u201c. Es geht bei dem griechischen Wort \u201eParrhesie\u201c darum, dass in bestimmten Situationen Menschen, die normalerweise keine Autorit\u00e4t zu reden hatten, die niedriger gestellt waren als andere, sich trotzdem freim\u00fctig \u00e4u\u00dfern konnten. Das Wort vollzieht eine komplexe Entwicklung von der klassischen attischen Demokratie, wo es das Recht und die Erwartung, sich an politischen Debatten zu beteiligen, zum Ausdruck bringt, bis hin zur christlich gepr\u00e4gten Sp\u00e4tantike, in der es auch das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Gott bezeichnet. Diese Geschichte schien mir besonders spannend.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Auf den ersten Blick scheint \u00bbMeinungsfreiheit\u00ab eine naheliegende \u00dcbersetzung f\u00fcr \u00bbParrhesie\u00ab. Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die deutsche \u00dcbersetzung, die mir am liebsten ist, ist \u201eFreimut\u201c. Ein altert\u00fcmliches Wort, aber es passt sehr gut auch zu dem mitschwingenden Gedanken, dass man innerlich frei sein soll, um sich parrhesiastisch zu \u00e4u\u00dfern. Die Meinungsfreiheit hingegen setzt eine Vorstellung von Politik voraus, nach der jedem Individuum als Mensch das gleiche Recht zukommt. In Athen kommen den freien M\u00e4nnern gleiche Recht zu, aber Frauen und Sklaven sind ausgeschlossen. Daher ist das Konzept ein anderes. Es gab auch bestimmte Bereiche, die von Parrhesie nicht abgedeckt waren, die wir der Meinungsfreiheit zurechnen w\u00fcrden, vor allem das Feld der Religion. Die Beleidigung der G\u00f6tter blieb verboten und konnte sogar mit dem Tode bestraft werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Gerade das Feld der Religion zeigt auch, dass die Vorstellung einer Pluralit\u00e4t der Meinung nicht vorhanden war.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein wichtiger Punkt. Parrhesie ist verbunden mit Wahrheit und diese Wahrheit wird als eine Wahrheit gedacht. Das Nebeneinander verschiedener Wahrheitsanspr\u00fcche, das in der modernen Gesellschaft selbstverst\u00e4ndlich, schwingt bei dem Gedanken nicht mit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihr Buch verweist bereits durch seinen Titel \u00bbParadoxe der Parrhesie\u00ab auf innere Spannung, die Sie mit den antiken Vorstellungen der freien Rede verkn\u00fcpft sehen. Was sind die zentralen Spannungen und k\u00f6nnen diese uns f\u00fcr heutige blinde Flecke in der Debatte \u00fcber freie Meinungs\u00e4u\u00dferung sensibilisieren?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das grundlegende Paradox der Parrhesie ist, dass einerseits der Anspruch, dass jeder seine Stimme erheben kann, unbedingt w\u00fcnschenswert ist und dass das andererseits dazu f\u00fchrt, dass eine solche Vielfalt von \u00c4u\u00dferungen eintritt, dass sie gar nicht mehr beherrschbar ist. Das hei\u00dft, es ist fast zwangsl\u00e4ufig so \u2013 und das kann man in der Antike immer wieder beobachten \u2013, dass eine Elite entsteht, die die Parrhesie in besonderer Weise gebrauchen kann. Das k\u00f6nnen Staatsm\u00e4nner sein, das k\u00f6nnen Philosophen sein, das k\u00f6nnen besonders Fromme sein. Die Ausweitung des Anspruchs der Parrhesie bringt somit paradoxerweise eine Elitarisierung mit sich. Zugleich kann die Parrhesie die Waffe der Schwachen sein, weil sie nicht an den sozialen Status gebunden ist, sondern an Wahrhaftigkeit und den Mut, sich freim\u00fctig zu \u00e4u\u00dfern, selbst wenn das Nachteile mit sich bringt. Wir haben nun die interessante Situation in der Gegenwart, dass das Monopol der Eliten, sich \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern, aufgebrochen ist, insbesondere durch die sozialen Medien. Dadurch ist eine ganz andere Parrhesie m\u00f6glich, die sich aber nicht unbedingt an eine gewisse ethische Grundhaltung gebunden f\u00fchlt, an einen gewissen Wahrheitsanspruch, der mit der antiken Parrhesie verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Parrhesie ist ein Begriff, der in unterschiedlichen religi\u00f6sen Traditionen auftaucht. Allerdings scheint mir, dass er im Judentum und Christentum eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt als in den religi\u00f6sen Praktiken der klassischen Antike.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat taucht Parrhesie im religi\u00f6sen Bereich weitestgehend bei Juden und Christen auf. Es gibt Parrhesie in Sinne einer G\u00f6tterkritik vereinzelt schon vorher, aber das Bemerkenswerte zun\u00e4chst in der j\u00fcdischen Tradition ist, dass das Gespr\u00e4ch des Gl\u00e4ubigen mit Gott eine ganz gro\u00dfe Rolle spielt, und zwar als offenes und ungebundenes Gespr\u00e4ch. Soweit ich das sehen kann, entsteht unter griechischsprachigen Juden der hellenistischen Zeit, im 3. Jahrhundert vor Christus, ein Begriff der Parrhesie, der genau diese offene Ansprache an Gott bezeichnet. Sie erlaubt es auch, mit einem Gott zu hadern, etwa bei Hiob. Ein entsprechendes hebr\u00e4isches \u00c4quivalent ist mir nicht sichtbar geworden. Jener j\u00fcdische Sprachgebrauch wird von Christen \u00fcbernommen. Sie bezeichnen ihrerseits das offene Gebet damit, \u00fcbernehmen aber auch den Gedanken, dass Parrhesie es den Schw\u00e4cheren, in dem Fall den Christen, erm\u00f6glicht, Kritik zu \u00fcben. Wenn von Parrhesie die Rede ist, ist dies dann auch f\u00fcr Nichtchristen verst\u00e4ndlich. Zuvorderst sind hier M\u00e4rtyrer zu nennen: Sie glauben einerseits, mit ihrem M\u00e4rtyrertod zu Gott einzugehen. Andererseits kritisieren sie den politisch M\u00e4chtigen und verk\u00f6rpert so diese Doppelrolle, die in der Parrhesie angelegt ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Religion ist auch der Zusammenhang, in dem das Wort \u00bbParrhesie\u00ab vom Griechischen in andere Sprachen \u00fcbergeht.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, in seiner religi\u00f6sen Bedeutung ist der Begriff auch in andere Sprachen eingegangen: ins Koptische, also die Sprache der christlichen \u00c4gypter, ins Syrische, das eine Form des Aram\u00e4ischen ist und ab Mitte des vierten bis ins neunte Jahrhundert die wichtigste Verkehrssprache im Vorderen Orient war, und sogar ins Arabische der Christen. Das zeigt, dass dieser Begriff interkulturell vielseitig anschlussf\u00e4hig war. Er taucht auch im Hebr\u00e4ischen auf, interessanterweise aber nicht in der religi\u00f6sen Bedeutung. Denn die Juden, die Hebr\u00e4isch in der Kaiserzeit sprachen, setzen sich oft von denjenigen ab, die das Griechische verwendeten. Von ihnen wird der Begriff der Parrhesie im Sinne der offenen \u00c4u\u00dferung im \u00f6ffentlichen Raum verwendet, in einem klassisch griechischen Sinn, aber nicht in dem religi\u00f6sen Sinn, dem andere Juden ihm verliehen hatten. Dadurch wird im Begriff Parrhesie auch die Vielfalt des Judentums und des Christentums in der Antike sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Das hebr\u00e4ischsprachige Judentum der Antike verwendet das Wort \u00bbParrhesie\u00ab im religi\u00f6sen Kontext nicht oder kennt es auch keine vergleichbare Praxis?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt schon eine vergleichbare Praxis des Gebetes, aber diese Vorstellung wird eben nicht mit dem griechischen Wort \u201eParrhesie\u201c beschrieben, sondern mit anderen W\u00f6rtern.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Als bewusste Abgrenzung?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme an, es war eine bewusste Abgrenzung von dieser Tradition, die auch zum Teil von den Christen usurpiert worden war, die ja kein Hebr\u00e4isch mehr sprachen, sondern erst das Griechische verwendeten und dann auch das Latein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Mit Blick auf Religion stellt sich auch die Frage, was Adressat*innen und H\u00f6rer*innen \u00fcberzeugt: Sind es tats\u00e4chlich die Inhalte der Rede oder ist es das habituelle Ankn\u00fcpfen an eine Tradition der freien Rede?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben nur vereinzelte Beschreibungen, aus denen wir Informationen ziehen k\u00f6nnen. Aber die parrhesiastische Rede des M\u00e4rtyrers ist keine Rede mit missionarischem Charakter. Gelegentlich versucht er den Statthalter zu \u00fcberzeugen \u2013 das kann \u00fcbrigens auch von einer Frau ausgehen, einer M\u00e4rtyrerin. Unter Christen \u2013 und das ist ganz wichtig \u2013 ist der Begriff der Parrhesie nicht an ein Geschlecht gebunden. M\u00e4rtyrinnen und M\u00e4rtyrer versuchen zwar den Statthalter von ihren Auffassungen in Kenntnis zu setzen, aber wenn sie ihn \u00fcberzeugt h\u00e4tten, dann w\u00e4re ja das ganze Martyrium nicht zustande gekommen. Insofern ging es nicht ums \u00dcberzeugen. Aber wir h\u00f6ren von Leuten, die diese Szenen beobachtet haben und die sich bekehrten. Sie stellen normalerweise die mutige Haltung des Gl\u00e4ubigen in den Vordergrund und nicht so sehr die Inhalte. Es geht offenbar um das Gef\u00fchl, dass dieser Glauben so m\u00e4chtig ist, dass er Schwache erm\u00e4chtigt, den Starken gegen\u00fcberzutreten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Einer Ihrer Dialogpartner ist Michel Foucault, der sich in den 80er Jahren mit der Parrhesie befasst hat. Obwohl Sie die soziale Offenheit der Parrhesie herausstellen, kritisieren Sie an Foucault, dass er das widerst\u00e4ndige Potenzial der Parrhesie \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei Foucault ist Parrhesie ein ganz eigenartiger Begriff, weil er bei ihm erlaubt, aus der Episteme herauszutreten, also aus der gew\u00f6hnlichen Semantik, den Codes, Vorannahmen und Bedingungen, die nach Foucault Wissen vorstrukturieren. Demgegen\u00fcber erm\u00f6glicht Parrhesie f\u00fcr ihn eine gro\u00dfe innere Freiheit. Das versucht er an antiken Ph\u00e4nomenen aufzuzeigen. Besonders beobachtet er dabei, was er den parrhesiastischen Dialog nennt, das Gespr\u00e4ch zwischen einem Philosophen und einem Kritisierten. Er sieht hierin eine offene Kritik, w\u00e4hrend nach meiner Deutung Parrhesie im Dialog eher dazu f\u00fchrt, dass vorhandene Werte best\u00e4tigt werden: Indem die Kritisierten auf Abweichungen gegen\u00fcber ihren eigenen Werten hingewiesen werden, wird die Ethik der Eliten in Erinnerung gerufen. Auf diese Art und Weise ist Parrhesie eher stabilisierend, eher affirmativ als grundlegend kritisch gegen\u00fcbersteht Strukturen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>W\u00e4re die Universit\u00e4t nicht ein typischer Ort der Parrhesie?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie sollte es sein, ein Ort, an dem jede Akteurin und jeder Akteur, gleich welchen Rangs, nur orientiert am Wahrheitsanspruch sich freim\u00fctig, eben mit Parrhesie, \u00e4u\u00dfern kann, zugleich aber im Wissen um die Grenzen des Wissbaren und im Respekt vor abweichenden Meinungen, sofern sie gut begr\u00fcndet sind.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Fragen: Louise Zbiranski<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leibniz-Preistr\u00e4ger Hartmut Leppin setzt sich seinem neuen Buch mit einem Konzept auseinander, das die 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