{"id":66364,"date":"2022-12-15T09:26:27","date_gmt":"2022-12-15T08:26:27","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=66364"},"modified":"2023-01-23T08:49:52","modified_gmt":"2023-01-23T07:49:52","slug":"was-ist-gute-arbeit-interview-mit-der-soziologin-benedicte-zimmermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/was-ist-gute-arbeit-interview-mit-der-soziologin-benedicte-zimmermann\/","title":{"rendered":"Was ist \u00bbGute Arbeit\u00ab? Interview mit der Soziologin B\u00e9n\u00e9dicte Zimmermann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die franz\u00f6sische Soziologin B\u00e9n\u00e9dicte Zimmermann hat im Wintersemester die \u00bbAlfred Grosser-Gastprofessur f\u00fcr B\u00fcrgergesellschaftsforschung\u00ab an der Goethe-Universit\u00e4t \u00fcbernommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Frau Prof. Zimmermann, Sie arbeiten schon lange als franz\u00f6sische Soziologin in Deutschland \u00fcber die Ver\u00e4nderungen der Arbeit. Wie unterscheidet sich denn in beiden L\u00e4ndern der Begriff der Arbeit, gibt es nationale Pr\u00e4gungen, auch noch in einer zunehmend globalen Arbeitswirklichkeit?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>B\u00e9n\u00e9dicte Zimmermann: <\/strong><\/em>Wenn auch die nationalen Pr\u00e4gungen des Begriffes der Arbeit bis zu einem gewissen Grad durch die Globalisierung der Wirtschaft abgeschw\u00e4cht wurden, zum Beispiel durch gemeinsame Trends zur Flexibilisierung, Produktivit\u00e4ts- und Profit-Steigerung, aber auch durch Modernisierungsma\u00dfnahmen des Sozialstaates (die Hartz-4-Gesetze in Deutschland zum Beispiel), wurden sie sicherlich nicht ausgel\u00f6scht. Der Begriff Gute Arbeit leistet ein gutes Beispiel daf\u00fcr, da er urspr\u00fcnglich zu Beginn der 2000er-Jahre durch die Europ\u00e4ische Kommission unter dem Motto \u201eQualit\u00e4t der Arbeit\u201c angetrieben wurde. Ziel war es, jenseits der klassischen Kriterien f\u00fcr Arbeitsbedingungen wie Bezahlung, Arbeitszeit, Unfallschutz und k\u00f6rperliche Belastungen auch den psychischen Auswirkungen von Arbeit Aufmerksamkeit zu schenken, etwa hinsichtlich Folgewirkungen wie Stress oder Burn-out. Die in den EU-Ver\u00f6ffentlichungen entstandene Semantik erfuhr nun aber abweichende deutsche und franz\u00f6sische \u00dcbersetzungen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie lassen sich diese deutsch-franz\u00f6sischen \u00dcbersetzungsunterschiede charakterisieren?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Frankreich wurde der Fokus auf das Thema \u201ePsychische Belastungen am Arbeitsplatz\u201c gesetzt und unter dem Stichwort \u201equalit\u00e9 de vie au travail\u201c als eine Sache der \u00f6ffentlichen und betrieblichen Gesundheitspolitik begriffen. In Deutschland hingegen wurde das Thema \u201eQualit\u00e4t der Arbeit\u201c durch eine Gewerkschaftskampagne lanciert unter dem Stichwort \u201eGute Arbeit\u201c, im Kontext steigender Prekarit\u00e4t infolge der Hartz-Reformen. W\u00e4hrend der franz\u00f6sische Diskurs den subjektiven Gehalt der Qualit\u00e4t der Arbeit im Sinne ertr\u00e4glicher Arbeit reflektierte, ging es in Deutschland eher um die Frage nach w\u00fcnschenswerter Arbeit. Thematisiert wurde dabei in Deutschland die Kluft zwischen den Arbeitsbedingungen und den Anspr\u00fcchen der Arbeitnehmerschaft als gesellschaftliches Problem. Die unterstellten Erwartungen von Arbeitnehmerseite, wie sie von den gewerkschaftlichen Vertreter*innen vermittelt werden, bilden den Ausgangspunkt der Definition. In Frankreich hingegen bildet das <em>gesundheitliche <\/em>Wohl der Arbeitnehmerschaft die definitorische Grundlage der Kategorie \u201eLebensqualit\u00e4t am Arbeitsplatz\u201c. Spricht man also auf deutscher Seite von einem sozialen und gesellschaftlichen Problem, so spricht man auf franz\u00f6sischer Seite eher von einem Problem der \u00f6ffentlichen Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie kommt es zu solchen Unterschieden?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Faktor ist sicher in den unterschiedlichen Formen der Arbeitsregulierung in beiden L\u00e4ndern zu finden. W\u00e4hrend die deutsche dezentralisierte und partizipative Regulation der Arbeit durch Mitbestimmung dazu neigt, die Expertise zum Thema Arbeit innerhalb von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen zu mobilisieren, f\u00fchrt das franz\u00f6sische, zentralisierte und konfliktorientierte System zu einer st\u00e4rkeren externen Mobilisierung der Expertise, die in nationale, \u00f6ffentliche Debatten m\u00fcndet. Diese Beobachtungen finden ein Echo in der These des \u201eeffet soci\u00e9tal\u201c (des gesellschaftlichen Effekts), die in den 1980er-Jahren Marc Maurice, Fran\u00e7ois Sellier und Jean-Jacques Silvestre im deutsch-franz\u00f6sischen Vergleich entwickelt haben. Laut dieser These sind die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse in Frankreich und Deutschland \u2013 und Arbeit im Allgemeinen \u2013 in gesellschaftlichen Konfigurationen verankert, die sich an der Schnittstelle zwischen drei Typen von Verh\u00e4ltnissen entfalten: dem \u201eAusbildungsverh\u00e4ltnis\u201c (Bildungs- und Weiterbildungssystem), dem \u201eindustriellen Verh\u00e4ltnis\u201c (Arbeitsbeziehungen) und dem \u201eOrganisationsverh\u00e4ltnis\u201c (Arbeitsplatzstruktur, Hierarchie der Akteure im Unternehmen, F\u00fchrungs- und Kooperationsmodi). Diese These erweist sich zum gro\u00dfen Teil als immer noch aktuell, wenn man eine steigende Hydrierung beider Konfigurationen beobachten kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Begriff der Arbeit, im Deutschen vor allem der des Berufs, ist ja h\u00e4ufig mit dem Sinn des (individuellen) Lebens, auch mit dem der Selbstverwirklichung, verbunden. Man spricht aber heute auch davon, dass gerade die j\u00fcngere Generation der Gefahr des \u00dcberarbeitens entgegensteuern m\u00f6chte und eine vern\u00fcnftige Work-Life-Balance anstrebt. Sehen Sie auch diese Tendenz?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Betonung der individuellen Dimension der Arbeit spiegelt die gerade erw\u00e4hnten Unterschiede wider. Die Aufmerksamkeit f\u00fcr die Work-Life-Balance ist in Deutschland nicht nur eine Angelegenheit der neuen Generation, sondern steht im Mittelpunkt der Thematisierung der <em>Guten Arbeit<\/em> durch die Gewerkschaften, auch wenn man in der Tat eine wachsende Forderung in dieser Hinsicht bei der j\u00fcngeren Generation beobachten kann. Diese Forderung wird zunehmend von einem anderen, ebenso wichtigen Anliegen begleitet, n\u00e4mlich der \u00f6kologischen Nachhaltigkeit der Arbeit. In Frankreich gibt es \u00fcbrigens den gleichen Trend hin zu einer besseren Work-Life-Balance und zu einer Arbeit, die die Erde und andere Lebewesen respektiert. Einige Absolventen von Hochschulen wie AgroParisTech oder HEC, die die zuk\u00fcnftigen Topmanager franz\u00f6sischer Unternehmen ausbilden, machten dieses Jahr Schlagzeilen, indem sie, bei der Abschlussfeier, die Berufe, in denen sie ausgebildet werden, als \u201ezerst\u00f6rerisch\u201c bezeichneten und dazu aufriefen, die Spielregeln in den Unternehmen zu \u00e4ndern. Auch wenn sich nur eine kleine Anzahl von Absolventen so stark engagiert, bewegt sich etwas.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Nicht zuletzt auch die Digitalisierung sorgt f\u00fcr eine nachhaltige Ver\u00e4nderung von Arbeit und Arbeitsverh\u00e4ltnissen. Was passiert, wenn selbst akademische Berufe von K\u00fcnstlicher Intelligenz ersetzt werden k\u00f6nnen? Oder ist das nicht sehr wahrscheinlich?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen der Digitalisierung sind ambivalent. Einerseits kann das durch die Digitalisierung erm\u00f6glichte Homeoffice die Work-Life-Balance f\u00f6rdern, andererseits bedeutet die Digitalisierung aber auch das, was Mary L. Gray und Siddharth Suri als \u201eGhost Work\u201c bezeichnet haben, d. h. Arbeit, die f\u00fcr das reibungslose Funktionieren der K\u00fcnstlichen Intelligenz unerl\u00e4sslich ist, die aber von den Maschinen nicht erledigt werden kann, obwohl es sich dabei in der Regel um eine gering oder nicht qualifizierte Arbeit handelt. Diese Arbeit wird an freie Mitarbeiter ausgelagert, die auf Akkordbasis bezahlt werden und sich dem Schutz des Arbeitsrechts entziehen, was dazu beitr\u00e4gt, ein neues weltweites Proletariat zu entwickeln. Wenn man Digitalisierung aus einer \u00d6kologischen Perspektive betrachtet, wirkt sie genauso ambivalent. Mit dem Homeoffice, die sie erlaubt, kann sie zur \u00f6kologischen Nachhaltigkeit der Arbeit dienen, indem sie dazu beitr\u00e4gt, die Transportzeiten zu verk\u00fcrzen und die Fl\u00e4chen der Unternehmen, besonders im Servicebereich, zu reduzieren. Aber zugleich tragen die digitalen Technologien zur nicht nachhaltigen Arbeit bei, durch die Menge von Energie, die sie brauchen. Und das f\u00e4ngt schon an mit den energieintensiven Infrastrukturen, die das Versenden einer E-Mail oder Surfen im Internet ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>In den letzten zwei Jahren ist das Thema Homeoffice wegen der Corona-Pandemie pl\u00f6tzlich sehr pr\u00e4sent gewesen. Wie sch\u00e4tzen Sie da die weitere Entwicklung ein?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schwer einzusch\u00e4tzen, wie es weitergehen wird. Homeoffice bleibt beliebt, das ist unbestreitbar. Zugleich l\u00e4sst sich aber bei einigen Arbeitnehmer*innen als auch bei Unternehmen ein R\u00fcckgang der Begeisterung beobachten. In der Tat kann Homeoffice auch zu Isolation und Anomie f\u00fcr die Arbeitnehmer*innen f\u00fchren und zu einem R\u00fcckgang der kollektiven Kooperationsdynamik f\u00fcr die Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihr stadt\u00f6ffentlicher Vortrag tr\u00e4gt den Titel \u00bbLebenslange Weiterbildung: Gesellschaftliche, betriebliche oder individuelle Verantwortung? Ein deutsch-franz\u00f6sischer Vergleich\u00ab. K\u00f6nnen Sie schon mehr dar\u00fcber verraten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die unterschiedlichen Ziele, denen lebenslange Weiterbildung dient (z. B. Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Unternehmen, Bek\u00e4mpfung von Arbeitslosigkeit, berufliche Umschulung und pers\u00f6nliche Entwicklung), lassen sich nicht einfach miteinander vereinbaren. Eine Weiterbildung, die der Anpassung an die Bed\u00fcrfnisse des Unternehmens oder einer raschen R\u00fcckkehr in den Arbeitsmarkt dient, ist nicht unbedingt mit dem vereinbar, was die betroffenen Personen mit ihrer Weiterbildung anstreben. Dies wirft Fragen auf \u2013 nach Handlungsspielraum und Handlungsf\u00e4higkeit der Einzelnen in Bezug auf Weiterbildung und auch danach, wie die Verantwortung f\u00fcr die F\u00f6rderung dieser Handlungsf\u00e4higkeit zwischen \u00f6ffentlichen Einrichtungen, Unternehmen, Sozialpartnern und Einzelpersonen verteilt ist. Anhand einer empirischen Erhebung zur sozialen Aufstiegsfortbildung in einem multinationalen Luftfahrtunternehmen und zwei seiner Produktionsst\u00e4tten l\u00e4sst sich zeigen, dass die Verantwortung f\u00fcr Aufstiegsfortbildung in Deutschland st\u00e4rker als in Frankreich bei den einzelnen Arbeiter*innen liegt. Ziel des Vortrages ist es, das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen, warum dies trotz der Mitbestimmungsinstitutionen, die den deutschen Arbeitnehmer*innen eine Macht verleihen, die in Frankreich ihresgleichen sucht, so ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized is-style-rounded\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-66369\" width=\"225\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild_UR6.22_Zimmermann-1-12x12.jpg 12w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>B\u00e9n\u00e9dicte Zimmermann <\/strong>ist Professorin f\u00fcr Soziologie an der \u00c9cole des hautes \u00e9tudes en Sciences Sociales in Paris und Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Den stadt\u00f6ffentlichen Vortrag \u00fcber \u201eLebenslange Weiterbildung: Gesellschaftliche, betriebliche oder individuelle Verantwortung? Ein deutsch-franz\u00f6sischer Vergleich\u201c findet am Montag, 30. Januar 2023, um 19.00 Uhr s.t. im Casino, 1.801 Renate von Metzler-Saal, statt. <br><br>Die <strong>Alfred Grosser-Gastprofessur f\u00fcr B\u00fcrgergesellschaftsforschung<\/strong> wurde 2009 auf Initiative der Deutsch-Franz\u00f6sischen Gesellschaft von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main gestiftet. Mit dem Projekt sollen die Forschung und der \u00f6ffentliche Diskurs \u00fcber die B\u00fcrgergesellschaft am Standort Frankfurt vorangebracht und international sichtbar gemacht werden. <br><br>Foto: Emmanuel Quetin<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die franz\u00f6sische Soziologin B\u00e9n\u00e9dicte Zimmermann hat im Wintersemester die \u00bbAlfred Grosser-Gastprofessur f\u00fcr B\u00fcrgergesellschaftsforschung\u00ab an der Goethe-Universit\u00e4t \u00fcbernommen. 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