{"id":67792,"date":"2023-02-23T12:09:10","date_gmt":"2023-02-23T11:09:10","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=67792"},"modified":"2023-02-24T13:58:00","modified_gmt":"2023-02-24T12:58:00","slug":"faust-edition-digital-ein-tiefer-blick-in-die-werkstatt-von-goethes-faust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/faust-edition-digital-ein-tiefer-blick-in-die-werkstatt-von-goethes-faust\/","title":{"rendered":"\u00bbFaust Edition digital\u00ab: Ein tiefer Blick in die Werkstatt von Goethes Faust"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Jahre 1772 begann Johann Wolfgang Goethe sein Opus magnum. Der Stoff, der zun\u00e4chst als \u00bbUrfaust\u00ab in die Literaturgeschichte eingehen sollte, begleitete ihn bis zum Lebensende. Den Weg bis zur Vollendung von \u00bbFaust II\u00ab macht ein ebenfalls opulentes Projekt transparent: Die \u00bbFaust Edition digital\u00ab, die unter der Regie von Goethe-Expertin Prof. Anne Bohnenkamp-Renken entstanden ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wann genau Goethe damit begonnen hat, sich mit dem Faust-Stoff zu besch\u00e4ftigen, das blieb bislang selbst der Fachwelt verborgen. \u201eDie ersten \u00dcberlegungen zum Faust fanden wohl schon in Goethes Studienzeit statt\u201c, gibt Anne Bohnenkamp-Renken, Germanistikprofessorin an der Goethe-Universit\u00e4t und Leiterin des Freien Deutschen Hochstifts, den Stand der Forschung wieder. Fest steht jedoch: Um das Jahr 1772 fing er in Frankfurt an, den sp\u00e4ter \u201eUrfaust\u201c genannten Text zu Papier zu bringen. Fast sein ganzes erwachsenes Leben lang hat Johann Wolfgang Goethe dann am Faust-Stoff gearbeitet. Hat seine verschiedenen Texte gek\u00fcrzt, erg\u00e4nzt, verbessert, umgeschrieben. Dabei stand er auch immer in Kontakt mit seinen Zeitgenossen, auch deren Ansichten und Vorschl\u00e4ge flossen in den Text ein. Der Entstehungsprozess \u2013 ein schier endloses Gef\u00fcge aus Texten und Anmerkungen von der Hand des Dichters und von anderer Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Gef\u00fcge erschlie\u00dft die Datenbank \u201eFaust Edition digital\u201c, die unter der Leitung der Faust-Expertin Anne Bohnenkamp-Renken, dem W\u00fcrzburger Computerphilologen Prof. Fotis Jannidis und Dr. Silke Henke aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar entstanden ist und 2018 zuerst freigeschaltet wurde. Schon in ihrer Doktorarbeit hatte sich Anne Bohnenkamp-Renken mit den sogenannten Paralipomena zu Goethes Faust befasst, also den Texten und Textfragmenten, die Goethe verfasst, aber nicht ver\u00f6ffentlicht hat. Darunter sind sowohl fl\u00fcchtige Notizen auf Briefumschl\u00e4gen oder Quittungen als auch Reinschriften ganzer Szenen. Doch nicht alle Handschriften, die Goethes Arbeit am \u201aFaust\u2018 dokumentieren, hat Bohnenkamp-Renken in Ihrer Dissertation ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit <\/h4>\n\n\n\n<p>Die \u201eFaust Edition digital\u201c hat den Anspruch, vollst\u00e4ndig zu sein. Und das will etwas hei\u00dfen: Wohl kaum ein anderer Dichter hat so viel Textliches hinterlassen wie Goethe. Und alles \u2013 von den kleinsten Textschnipseln bis hin zum vollst\u00e4ndigen Drama \u2013 ist f\u00fcr diese Edition erfasst und zug\u00e4nglich gemacht worden, vom \u201eUrfaust\u201c bis zu \u201eFaust II\u201c, aus dem zu Goethes Lebzeiten nur Ausschnitte publiziert worden waren. Das Ergebnis findet sich unter www.faustedition.net im Internet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized is-style-rounded\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-67815\" width=\"361\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitragsbild_bohnenkamp-renken-12x12.jpg 12w\" sizes=\"(max-width: 361px) 100vw, 361px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Auch diese literarische und bibliophile Kostbarkeit ist im Rahmen des Faust-Editionsprojekts entstanden: Germanistik-Professorin Anne Bohnenkamp-Renken mit der gro\u00dfen, bislang unver\u00f6ffentlichten Gesamthandschrift des \u00bbFaust II\u00ab als hochwertiges und aufwendiges Faksimile mit einer genauen Transkription, erschienen im Wallstein Verlag. Foto: Sauter<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Zeugnisse der fr\u00fchen Jahre sind allerdings \u00fcberschaubar. Die erste Fassung, den sogenannten \u201eUrfaust\u201c, nahm er, soviel ist verb\u00fcrgt, nach Weimar mit und trug ihn dort vor. Wichtige Szenen waren noch nicht gereimt, der Text wird der Epoche des Sturm und Drang zugerechnet. Er ist nur in einer Abschrift \u00fcberliefert aus dem Besitz von Luise von G\u00f6chhausen. Dieses Manuskript tauchte erst im 19. Jahrhundert auf, als Goethe schon nicht mehr lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wesentlich beredter ist die \u00dcberlieferung hinsichtlich der sp\u00e4teren Fassungen. 1790 erschien \u201eFaust. Ein Fragment\u201c, 1808 \u201eFaust. Der Trag\u00f6die erster Teil\u201c und 1832 schlie\u00dflich \u2013 nach dem Tod des Dichters \u2013 \u201eFaust. Der Trag\u00f6die zweiter Teil\u201c. Mit der Zeit sammelte der Dichter selbst immer mehr seiner Notizen und Korrespondenzen. \u201eAb 1814 wird Goethe sich selbst historisch, und er hat alles gesammelt, was sein Werk umgab\u201c, sagt die Literaturwissenschaftlerin, \u201eer war einer der Erfinder des Dichterarchivs.\u201c So ist die 2018 freigeschaltete \u201eFaust Edition digital\u201c quasi eine Fortsetzung dessen, was schon mit Goethe selbst begann.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Online-edition sind sowohl die verschiedenen gedruckten Versionen ediert und miteinander in Bezug gesetzt, als auch die handschriftlich verfassten Bl\u00e4tter in heute lesbare Druckschrift transkribiert worden. \u201eAuch Literaturwissenschaftler k\u00f6nnen Goethes Handschrift nicht immer lesen\u201c, erkl\u00e4rt Bohnenkamp-Renken. Ob Sch\u00fcler, Lehrer, Experten \u2013 wer auch immer sich daf\u00fcr interessiert, kann einzelne Textstellen auf ihre unterschiedlichen Versionen hin erforschen und die sich \u00fcber 60 Jahre erstreckende Arbeit des Dichters verfolgen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was Goethe lieber nicht drucken lie\u00df <\/h4>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Ziel der digitalen Faust-Edition ist es, den Blick freizugeben in Goethes Textwerkstatt. Die Online-Edition ist dabei nicht nur ein Archiv, sie bringt die Texte auch in einen \u201egenetischen Zusammenhang\u201c \u2013 philologisch betrachtet. Wer sich f\u00fcr das Werk interessiert, kann sich in den spannenden Ver\u00e4stelungen verlieren, sich \u00fcber manch originelles Aper\u00e7u am\u00fcsieren und sich in die Entstehungszeit der ber\u00fchmten Dichtung versetzen lassen. Wie Goethe um die beste Formulierung gerungen hat, bis er die oft zur Redewendung gewordene Variante fand, ist durchaus spannend nachzuvollziehen. Hatte Faust nun \u201eJuristerey und Medizin\u201c studiert oder \u201eMedizin und Juristerey\u201c? F\u00fcr welche Variante sich Goethe letztlich entschied, ist bekannt. W\u00e4hrend es hier eher um Fragen der dichterischen Form ging, l\u00e4sst ein Vergleich zwischen der ver\u00f6ffentlichten und der nichtver\u00f6ffentlichten Variante von Gretchens Lied am Spinnrad tiefere Einblicke zu: W\u00e4hrend Goethe in der fr\u00fchen Frankfurter Fassung Margarete die Worte \u201eMein Schoos! Gott! dr\u00e4ngt \/ sich nach ihm hin\u201c in den Mund legt, hat er die Stelle f\u00fcr die gedruckte Ausgabe \u201eentsch\u00e4rft\u201c. Nun sagt Gretchen: \u201eMein Busen \/ dr\u00e4ngt sich nach ihm hin\u201c. Und nat\u00fcrlich findet man in der digitalen Ausgabe auch die ber\u00fcchtigte Satansmesse, die im ver\u00f6ffentlichten Text fehlt. Goethe hat die drastisch-obsz\u00f6ne Szene seinem Publikum nicht zumuten wollen, aber er hat sie aufbewahrt \u2013 \u201ef\u00fcr die Zukunft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel zur Freischaltung der digitalen Edition ist auch ein Faksimile der letzten gro\u00dfen Reinschrift des \u201eFaust II\u201c erschienen sowie der aus der Kenntnis der gesamten \u00dcberlieferung konstituierte Text (Wallstein Verlag 2018). So ist die Hybrid-Edition auch eine \u201ehistorisch-kritische Ausgabe\u201c im strengen Sinne, die herausarbeitet, welches die authentischste Version eines Textes ist. Ganz abgeschlossen ist die digitale Faust-Edition vorl\u00e4ufig nicht. So wurde vor Kurzem erst die Version 1.3 RC im Netz zug\u00e4nglich gemacht, die verschiedene Erweiterungen bringt, darunter die ausf\u00fchrliche Dokumentation der von Goethe verwendeten Papiersorten mit Abbildungen und Zuordnungen aller Wasserzeichen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:30% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"309\" height=\"356\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitrag_bohnenkamp-renken_beitrag-ur.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-67826 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitrag_bohnenkamp-renken_beitrag-ur.jpg 309w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitrag_bohnenkamp-renken_beitrag-ur-260x300.jpg 260w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/beitrag_bohnenkamp-renken_beitrag-ur-10x12.jpg 10w\" sizes=\"(max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:15px\">Noch ganz ohne Reim, aber mit viel Dramatik l\u00e4sst Goethe das Gretchen in der Urfaust-Kerkerszene rufen: \u00bbK\u00fcsse mich! Kannst du nicht mehr k\u00fcssen? Wie! Was! Bist mein Heinrich und hasts K\u00fcssen verlernt! Wie sonst ein ganzer Himmel mit deiner Umarmung gewaltig \u00fcber mich eindrang! Wie du k\u00fcsstest, als wolltest du mich in woll\u00fcstigem Todt ersticken! Heinrich, k\u00fcsse mich, sonst k\u00fcss ich dich sie f\u00e4llt ihn an Weh! deine Lippen sind kalt! Todt! Antworten nicht!\u00ab<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Faust nimmt heutige Debatten voraus <\/h4>\n\n\n\n<p>Erst j\u00fcngst wurde wieder einmal diskutiert, ob deutsche Abiturientinnen und Abiturienten den \u201eFaust\u201c unbedingt gelesen haben sollten. Eine strikte Verpflichtung h\u00e4lt Anne Bohnenkamp-Renken nicht f\u00fcr sinnvoll. Dass der Text aber nach wie vor aktuell ist, das steht f\u00fcr die Literaturwissenschaftlerin au\u00dfer Frage: \u201eGerade im \u201aFaust II\u2018 sind viele Themen und Probleme angesprochen, die uns heute auf den N\u00e4geln brennen. Ob es um das Thema Inflation geht, um Naturzerst\u00f6rung oder um die Frage, wie erneuerbare Energien genutzt werden k\u00f6nnen \u2013 Goethe hat seine Zeit, die beginnende Industrialisierung, sehr genau angeschaut\u201c, so die Goethe-Kennerin.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee;font-size:17px\">F a u s t. <br>Auf meine Liebe! Dein M\u00f6rder wird dein Befreyer. Auf! &#8212; Er schliesst \u00fcber ihrer Bet\u00e4ubung die Armkette auf. Komm, wir entgehen dem schr\u00f6cklichen Schicksaal. <br><br>M a r g r e t e angelehnt <br>K\u00fcsse mich! K\u00fcsse mich! <br><br>F a u s t. <br>Tausendmal! Nur eile, Gretgen, eile!<br><br>M a r g r e t e. <br>K\u00fcsse mich! Kannst du nicht mehr k\u00fcssen? Wie! Was! Bist mein Heinrich und hasts K\u00fcssen verlernt! Wie sonst ein ganzer Himmel mit deiner Umarmung gewaltig \u00fcber mich eindrang! Wie du k\u00fcsstest, als wolltest du mich in woll\u00fcstigem Todt ersticken! Heinrich, k\u00fcsse mich, sonst k\u00fcss ich dich sie f\u00e4llt ihn an Weh! deine Lippen sind kalt! Todt! Antworten nicht! <br><br>F a u s t. <br>Folge mir, ich herze dich mit tausendfacher Glut. Nur folge mir! <br><br>M a r g r e t e, sie setzt sich und bleibt eine Zeitlang stille <br>Heinrich, bist dus? <br><br>F a u s t. <br>Ich binns, komm mit! <br><br>M a r g r e t e. <br>Ich begreiffs nicht! Du? Die Fesseln los! Befreyst mich. Wen befreyst du? Weist du&#8217;s? <br><br>F a u s t. <br>Komm! Komm! <br><br>M a r g r e t e. <br>Meine Mutter hab ich umgebracht! Mein Kind hab ich ertr\u00e4nckt. <br><br><em>Seite 93 des Urfaust (Goethe und Schiller Archiv, GSA 25\/W 2890)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 1772 begann Johann Wolfgang Goethe sein Opus magnum. Der Stoff, der zun\u00e4chst als \u00bbUrfaust\u00ab in die Literaturgeschichte eingehen sollte, begleitete ihn bis zum Lebensende. 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