{"id":6830,"date":"2016-05-13T12:44:21","date_gmt":"2016-05-13T10:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=6830"},"modified":"2016-05-18T13:57:02","modified_gmt":"2016-05-18T11:57:02","slug":"das-fraeulein-soll-weiterschreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/das-fraeulein-soll-weiterschreiben\/","title":{"rendered":"\u201eDas Fr\u00e4ulein soll weiterschreiben\u201c"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_6834\" aria-describedby=\"caption-attachment-6834\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a class=\"dt-single-image\" href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/blog_hertha-georg2.jpg\" data-dt-img-description=\"Erinnerung an Adorno: Stolz zeigt Hertha Georg ihre Ausgabe von \u201ePrismen\u201c, die Adorno mit einer Widmung versehen hat; Foto: Sauter\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6834 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/blog_hertha-georg2-e1463134829609-247x300.jpg\" alt=\"Erinnerung an Adorno: Stolz zeigt Hertha Georg ihre Ausgabe von \u201ePrismen\u201c, die Adorno mit einer Widmung versehen hat; Foto: Sauter\" width=\"247\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/blog_hertha-georg2-e1463134829609-247x300.jpg 247w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/blog_hertha-georg2-e1463134829609.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6834\" class=\"wp-caption-text\">Erinnerung an Adorno: Stolz zeigt Hertha Georg ihre Ausgabe von \u201ePrismen\u201c, die Adorno mit einer Widmung versehen hat; Foto: Sauter<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong><em>Als Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Sozialforschung hat Hertha Georg Theodor W. Adorno noch pers\u00f6nlich erlebt. Wir haben uns mit ihr getroffen und sie nach ihren Erinnerungen an den ber\u00fchmten Gelehrten gefragt.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Hertha Georg ist in Frankfurt keine Unbekannte. Wer gern in der hiesigen Theaterszene unterwegs ist, kennt die lebhafte alte Dame. Mit 80 Jahren ist sie als Laiendarstellerin entdeckt worden. Das ist nun zehn Jahre her. Mit fast 91 Jahren blickt Hertha Georg auf einen interessanten Lebensweg zur\u00fcck, eine der Stationen war Theodor W. Adornos Institut f\u00fcr Sozialforschung.<\/p>\n<p>Einmal hat Theodor W. Adorno sie mit einem seiner dicksten B\u00fccher angetroffen, lesend nat\u00fcrlich. \u201eEs war ja eine wilde Zeit, und ich wollte verstehen, worum es ging\u201c, erkl\u00e4rt Hertha Georg und r\u00fchrt in ihrer Kaffeetasse. Professor Adorno aber war nicht einverstanden mit der Lekt\u00fcre \u2013 und brachte ihr am n\u00e4chsten Tag \u201edie richtige Literatur\u201c mit, ein Exemplar seines Buches \u201ePrismen\u201c.<\/p>\n<p>Sie hat es dabei an diesem Morgen im Eiscaf\u00e9 Venezia in Heddernheim ganz in der N\u00e4he ihrer Wohnung: Es enth\u00e4lt in kleiner Schrift eine Widmung vom Meister pers\u00f6nlich. \u201ePrismen\u201c wurde zu einem ihrer liebsten B\u00fccher, darin schloss sie Bekanntschaft mit den Thesen Adornos, aber auch mit all den anderen Geistesgr\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Hertha Georg waren sie eine aufregende und spannende Zeit, die Jahre am Institut f\u00fcr Sozialforschung an der Goethe-Universit\u00e4t. Von 1967 bis 1972 hat sie dort als Schreibkraft gearbeitet \u2013 \u201eso ungef\u00e4hr\u201c, denn so ganz genau wei\u00df sie die Jahreszahlen nicht mehr.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be ja auch eine Menge Jahreszahlen in ihrem fast 91-j\u00e4hrigen Leben, an die sie sich erinnern m\u00fcsste. Wichtiger als Zahlen waren ihr aber stets das Erleben selbst, die Menschen, die Gef\u00fchle, die Beziehungen zwischen den Personen. Nur deshalb kam sie auch an Adornos Institut.<\/p>\n<p>Denn eigentlich war sie Buchh\u00e4ndlerin. In Alsfeld geboren, wuchs sie ab 1937 in Frankfurt auf, besuchte die Volksschule in Sachsenhausen, machte eine Lehre in der \u201eNeumann\u2018schen Buchhandlung\u201c an der Goethe-Stra\u00dfe. Da hatte der Krieg bereits begonnen. Kluge Kunden der Buchhandlung empfahlen ihr, nach W\u00fcrzburg zu gehen, denn in Frankfurt werde es noch schlimm werden. Sie folgte diesem Rat, konnte jedoch nicht lange bleiben:<\/p>\n<p>Von W\u00fcrzburg aus wurde sie zum Arbeitsdienst eingezogen. So entkam sie der gro\u00dfen Bombardierung der fr\u00e4nkischen Stadt am Main. \u201eIch hatte immer so viel Gl\u00fcck im Leben\u201c, sagt Hertha Georg r\u00fcckblickend mit fester Stimme. Die Erinnerungen blieben jedoch ein Leben lang \u2013 zum Beispiel die an den j\u00fcdischen Nachbarn der Familie namens Rothschild, der beim Vater um Hilfe bat und von einer Nachbarin verraten wurde. Schon fr\u00fch versuchte Hertha Georg, diese Erinnerungen schreibend zu verarbeiten.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg kehrte sie nach Frankfurt zur\u00fcck und arbeitete wieder in einer Buchhandlung. Doch vom Gehalt einer Buchh\u00e4ndlerin habe man kaum leben k\u00f6nnen, deshalb wechselte sie den Arbeitsplatz und brachte fortan die Korrespondenz der Firma Neckermann in Form. \u201eDie haben zwar anst\u00e4ndig bezahlt, aber auf die Dauer war das doch etwas langweilig\u201c, erinnert sich die 90-J\u00e4hrige. Da kam es gerade recht, dass sie sich \u00fcber eine Empfehlung am Institut f\u00fcr Sozialforschung vorstellen durfte. Sie war fasziniert von dem Gedanken, bei einem Gelehrten wie Adorno arbeiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eIch war ja nur eine kleine Tippse\u201c, sagt sie bescheiden. Andererseits ist es ihr auch heute noch wichtig, dass man hier auch sah, dass sie mehr konnte. Die Atmosph\u00e4re am Institut sei sehr besonders gewesen mit all den ber\u00fchmten Leuten, die hier verkehrten.<\/p>\n<p>Einmal sei sie sogar bei Adorno und seiner Frau zu Kaffee und Kuchen eingeladen gewesen \u2013 in deren Wohnung im Westend. Die beiden h\u00e4tten sich sehr f\u00fcr sie interessiert. \u201eAdorno war ein echter Herzensmensch, der sehr feinf\u00fchlig und zu jedem freundlich war. Er hatte Achtung vor jedem Menschen\u201c, erinnert sie sich. Mit \u201etiefem inneren Staunen \u00fcber so viel Klugheit\u201c habe sie ihm gern gelauscht. In der Zeit der Studentenrevolte habe sie aber auch gemerkt, wie verletzlich er war.<\/p>\n<p>Der Professor habe sogar eine Erz\u00e4hlung von ihr gelesen \u2013 und sie noch am Tag seines Todes aus der Schweiz ermuntert: \u201edas Fr\u00e4ulein\u201c solle auf jeden Fall weiterschreiben. Das hat Hertha Georg getan, und 1985 erschien im Verlag B\u00e4renpresse ihr Erz\u00e4hlband \u201eDer Leiterwagen\u201c, worin sie auch ihre Erinnerungen an das Frankfurt der Nazi-Zeit literarisch verarbeitete.<\/p>\n<p>Bei einem B\u00e4ndchen ist es dann aber geblieben. Mit Literatur hat sich Hertha Georg jedoch weiterhin besch\u00e4ftigt, wenn auch mit anderen Autoren. Noch heute veranstaltet sie einen \u201eFreundeskreis Literatur\u201c in Langen. Bei den Treffen werden Schriftsteller wie Durs Gr\u00fcnbein und Annette Kolb mit ihren Werken vorgestellt.<\/p>\n<p>\u201eIn den schwierigen Zeiten ist es ein Gl\u00fcck, sich noch auf diese Weise erfreuen zu k\u00f6nnen\u201c, schreibt die alte Dame im Programmheft. Wenn sie an die br\u00fcllenden Pegida-Anh\u00e4nger in Dresden denkt und den Streit um die Fl\u00fcchtlinge, f\u00fchlt sie sich manchmal an die 1940er Jahre erinnert. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft, nimmt rege Anteil an den Entwicklungen. Gern besucht sie Veranstaltungen auf dem Campus Westend, die \u201etollen, gro\u00dfen R\u00e4ume\u201c gefallen ihr.<\/p>\n<p>Nach dem Tod Adornos im August 1969 tippte sie noch viele B\u00e4nder ab und erledigte gemeinsam mit Dr. Rolf Tiedemann die Korrekturen. Dann verlie\u00df Hertha Georg das Institut, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Bis zu ihrem eigenen Ruhestand arbeitete sie in einer Heddernheimer Kirchengemeinde.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren wurde sie schlie\u00dflich als Schauspielerin \u201eentdeckt\u201c. Das Willy-Praml-Theater suchte Ersatz f\u00fcr eine Seniorendarstellerin, \u00fcber ein Theaterseminar an der Volkshochschule kam sie in Kontakt. Als sie sich vorstellte, musste sie erst \u00dcberzeugungsarbeit leisten: \u201eEigentlich hatten wir uns eine \u00e4ltere Dame vorgestellt\u201c, wurde sie empfangen.<\/p>\n<p>Das konnte jedoch gekl\u00e4rt werden. Seither ist sie gro\u00df eingestiegen ins Theatermetier, gl\u00e4nzt nicht nur als alte Dame, sondern auch als DJane und Liebhaberin. Ihre 90 Jahre sieht man der Dame mit der adretten Bluse und der Baskenm\u00fctze noch immer nicht an. Au\u00dfer bei Willy Praml steht sie im Frankfurter Autoren-Theater auf der B\u00fchne, aber auch im Vorprogramm eines Films von Patrick Barnush trat sie schon auf und pr\u00e4sentierte absurde Liebesgedichte. Ihren 90. Geburtstag hat sie gro\u00df gefeiert mit vielen G\u00e4sten in der Naxos-Halle. Man darf gespannt sein, was noch alles kommt. Aber jetzt erstmal noch ein Becher Eiscreme.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Sozialforschung hat Hertha Georg Theodor W. Adorno noch pers\u00f6nlich erlebt. 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