{"id":71329,"date":"2023-06-26T14:47:00","date_gmt":"2023-06-26T12:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=71329"},"modified":"2025-02-20T12:33:40","modified_gmt":"2025-02-20T11:33:40","slug":"theater-zwischen-den-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung-frankfurt\/theater-zwischen-den-welten\/","title":{"rendered":"Theater zwischen den Welten"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"wp-block-heading\">Mit \u00bbUltraworld\u00ab f\u00fchren Susanne Kennedy und Markus Selg ihr Publikum in eine simulierte Welt<\/h4>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignfull is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-cover alignfull is-light has-custom-content-position is-position-bottom-center\" style=\"min-height:550px;aspect-ratio:unset;\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim-10 has-background-dim\"><\/span><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"2417\" height=\"1457\" class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-72162\" alt=\"\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ.jpg\" style=\"object-position:50% 100%\" data-object-fit=\"cover\" data-object-position=\"50% 100%\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ.jpg 2417w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-300x181.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-1024x617.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-768x463.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-1536x926.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-2048x1235.jpg 2048w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 2417px) 100vw, 2417px\" \/><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-left has-white-color has-text-color has-medium-font-size\"><\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Unser Alltag wird immer digitaler. Auch das Theater als Medium, das mit den Vorstellungen von Realit\u00e4t und Wirklichkeit spielen kann, greift die Virtualisierung der Realit\u00e4t k\u00fcnstlerisch auf. Susanne Kennedy und Markus Selg konfrontieren das Publikum mit einer zun\u00e4chst r\u00e4tselhaft wirkenden technologisierten Erscheinungsform von Theater. Sie f\u00fchren es damit immer wieder an die Schwelle zwischen leiblicher und virtueller Weltwahrnehmung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Z\u200au Beginn des Theaterst\u00fccks \u00bbUltraworld\u00ab ert\u00f6nt eine k\u00f6rperlose Stimme. Es ist die Stimme C\/C\/A, ein Akronym f\u00fcr Computer\/Child\/Animal. Sie spricht den Avatar Frank an, der mitten auf der B\u00fchne im Schneidersitz auf einer Art Hocker sitzt, eine Virtual-Reality-Brille auf der Nase:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00bbIf the virtual reality apparatus, as you call it, was wired to all of your senses and controlled them completely, would you be able to tell the difference between the virtual world and the real world?\u00ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage nach dem Unterschied zwischen der virtuellen Welt und der vermeintlich realen Welt legt sich \u00fcber die gesamte Inszenierung \u2013 und zieht sich durch beinahe alle Arbeiten \u00adKennedys, die in den vergangenen Jahren \u00adentstanden sind. Wie lebt es sich in einer Welt, in der permanent neue Technologien hervorgebracht werden? Wie entsteht eine Welt? Leben wir in der Realit\u00e4t? Sind unsere Vorstellungen von Realit\u00e4t nicht mittlerweile so sehr durchsetzt von digitalen Erfahrungen, dass die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt flie\u00dfend verlaufen? Gibt es dabei \u00fcberhaupt selbst\u00adbestimmtes Handeln des Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Suche nach Antworten begab sich Kennedy in den Arbeiten der vergangenen Jahre mitunter auf spirituell, philosophisch, hypnotisch, psychedelisch und literarisch inspirierte Pfade. Im deutschsprachigen Raum erregte sie 2013 mit der B\u00fchnenadaption von Marieluise Flei\u00dfers Text \u00bbFegefeuer in Ingolstadt\u00ab Aufsehen. Auf gro\u00dfe Resonanz stie\u00df damals schon besonders die Methode der \u00adLippensynchronisation. Dabei werden fremde Stimmen vom Band eingespielt, die die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der B\u00fchne mimisch aufgreifen \u2013 als eine Art Playback. \u00adKennedys Theaterarbeiten, die sie mit ihrem gut eingespielten Team, bestehend aus dem Sounddesigner Richard Jansen, den Videok\u00fcnstlern Rodrik Biersteker und Markus Selg und weiteren K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern auf die B\u00fchne bringt, rufen seither Bewunderung, aber auch heftige Ablehnung hervor. Bei den einen ist es \u00bbKult\u00ab, zu Kennedy zu gehen \u2013 die anderen k\u00f6nnen mit dieser Art des Theaters wenig bis gar nichts anfangen, verschlafen die Auff\u00fchrungen oder verlassen den Saal.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"638\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-1024x638.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72161\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-1024x638.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-300x187.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-768x479.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-1536x957.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-2048x1276.jpg 2048w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9057_Julian-Roeder_RZ-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die B\u00fchnentechnik macht\u2019s m\u00f6glich: Mit ihrer ganz eigenen Art der Theaterinszenierung zieht Susanne Kennedy das Publikum in eine Welt aus Farben und Projektionen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konstruktion hyperrealer Welten<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Zusammenarbeit zwischen Kennedy und Selg begann mit der Arbeit \u00bbMedea.Matrix\u00ab auf der Ruhrtriennale 2017. 2019 schufen sie mit der begehbaren Installation \u00bbComing Society\u00ab erstmals eine gemeinsame Arbeit f\u00fcr die Berliner Volksb\u00fchne, bevor Kennedy an der Volksb\u00fchne bereits 2017 \u00bbWomen in Trouble\u00ab inszeniert hatte. In \u00bbComing Society\u00ab wurde die Konstruktion einer hyperrealen Welt thematisiert. Das Publikum konnte Stationen auf der Drehb\u00fchne besuchen und dabei Performerinnen und Performer bei sich stets wiederholenden und kultisch anmutenden Handlungen beobachten. Das Ganze wirkte wie eine Versuchsanordnung \u00fcber die Akzeptanz menschlicher Endlichkeit und wurde durch die gro\u00dffl\u00e4chigen Videoprojektionen und Symboliken von Selg auf den W\u00e4nden beleuchtet. \u00bbThe old world is dying, and the new world struggles to be born\u00ab, raunte es aus den Lautsprechern. Im Januar 2020 f\u00fchrten sie mit \u00bbUltraworld\u00ab an der Berliner Volksb\u00fchne eben jene Theaterarbeit \u00fcber die Entstehung einer simulierten Welt auf. Es folgten weitere Zusammenarbeiten mit der begehbaren VR-Installation \u00bbI AM (VR)\u00ab 2021, \u00bbJessica\u00ab 2022 und der \u00adopulenten drei\u00adeinhalbst\u00fcndigen Musicaltheater\u00adinszenierung \u00bbEinstein on the Beach\u00ab 2022.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders mit \u00bbUltraworld\u00ab haben Kennedy und ihr Team ein Theatermodell \u00fcber das Fremdsein und das Umherwandern des modernen Menschen zwischen Realit\u00e4t und Virtualit\u00e4t, zwischen Technologie und Analogie geschaffen. Kennedy und Selg n\u00e4hern sich damit existenziellen Fragen des Lebens: Was ist Realit\u00e4t? Wie ist die Welt, in der wir leben, entstanden, und wie f\u00fchlt sich das leibliche Leben an? Was macht das Menschsein aus? Wie l\u00e4sst sich die Endlichkeit des menschlichen Lebens akzeptieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Kennedy und Selg nutzen ein breites Repertoire an k\u00fcnstlerischen Mitteln, um ihr Publikum in die simulierte Welt der \u00bbUltraworld\u00ab zu f\u00fchren. Eine fl\u00fcssig wirkende Projektion, innen dunkel, dann bl\u00e4ulich bis violett und nach au\u00dfen hin magentarot, bewegt sich \u00fcber die Fl\u00e4che der fahrbaren Leinwand, die statt des eisernen \u00adB\u00fchnenportals frontal im B\u00fchnenrahmen der Volksb\u00fchne h\u00e4ngt. Die Videoleinwand schlie\u00dft den dahinterliegenden B\u00fchnenraum ab, der zu Beginn des St\u00fccks noch nicht ein\u00adsehbar ist. Der ebenfalls auf die Leinwand projizierte Rahmen erinnert an Computerspiel\u00ad\u00e4sthetik und alt\u00e4gyptische Motive. Sowohl die Einrahmung als auch der B\u00fchnenraum werden mit wechselnden Projektionen bespielt und scheinen unendlich ver\u00e4nderbar. Die B\u00fchne wird zum Fenster in eine andere Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tief hallende, sph\u00e4rische Kl\u00e4nge und ein sanftes Rauschen sind zu h\u00f6ren. Dann beginnt eine Geschwindigkeitssimulation. Die Bilder \u00adflackern. Ein Sog in die Tiefe des Alls oder eine Reise in eine vorplatonische H\u00f6hle? \u00bbAm Anfang war \u00fcberall nur Dunkelheit. Da war das ruhende All. Kein Hauch. Kein Laut. Reglos und schweigend die Welt. Und des Himmels Raum war leer\u00ab, t\u00f6nt eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern. Der Text enth\u00e4lt \u00dcberlieferungen \u00fcber die Entstehung der Welt aus der mittelamerikanischen Mayakultur, aus hinduistischen Erz\u00e4hlungen und aus der Genesis, dem ersten Buch Mose. Dann eine weitere Sch\u00f6pfungs\u00aderz\u00e4hlung: \u00bbAm Anfang war nur das gro\u00dfe Selbst, das sich in Gestalt eines Menschen widerspiegelte. Sich sinnend, fand es nichts als sich Selbst. Und sein erstes Wort war (hier \u00f6ffnet sich die fahrbare Leinwand): This am I.\u00ab&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns has-white-color has-text-color has-background is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"background-color:#54a9b3\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"background-color:#dedede00;flex-basis:100%\">\n<p>Vom 30. Juni bis 2. Juli 2023 wird die neue Arbeit: <strong>Angela (a strange loop)<\/strong> von Susanne Kennedy und Markus Seig im Rahmen des Festivals \u00bbTheater der Welt\u00ab 2023 Frankfurt am Main &#8211; Offenbach zu sehen sein. Das Programm ist ab Fr\u00fchling verf\u00fcgbar unter:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/theaterderwelt.de\">theaterderwelt.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Simulierte Welt<\/h3>\n\n\n\n<p>Das St\u00fcck \u00bbUltraworld\u00ab bietet keine klassische Handlung. Es thematisiert Fragen nach der Entstehung der Welt \u2013 der realen und der virtuellen \u2013, indem es auf der B\u00fchne eine Welt simuliert. \u00bbUltraworld\u00ab ist zugleich der Name des Computerspiels, in das das Publikum durch die gespielten Szenen und die Figuren auf der B\u00fchne hineingezogen wird. Die Akteure durchleben und durchleiden die virtuelle Realit\u00e4t des Spiels, befragen jedoch auch die Regeln des Spiels:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00bbUltraworld is a game in which a blond male\/female avatar explores a maze filled with different patterns and land\u00adscapes. There are choices to be made but regardless of the choices made, across the next 2 hours, the avatar invariably ages, and ultimately dies.\u00ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>So stellt die Stimme aus dem Off das Spiel vor. Zuvor schon wurde das Publikum Zeuge dessen, wie der Avatar Frank, gespielt von dem Performer Frank Willens, zwei sogenannte Tests durchlaufen hat. Frank ist zugleich der \u00bbblond male avatar\u00ab des Spiels und die Hauptfigur des Theaterst\u00fccks. Er versucht die Regeln der \u00bbUltraworld\u00ab zu verstehen. Er sucht sich dabei auch selbst, seine eigene Identit\u00e4t in dieser ihm fremd erscheinenden Welt. Zwar kann er einige wenige Entscheidungen treffen, dennoch scheint es f\u00fcr ihn kein Entkommen aus dem Spiel\u00adverlauf zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die simulierte Welt auf der B\u00fchne leidet unter hochgradigem Wassermangel, erf\u00e4hrt man aus dem Radio, das auf der B\u00fchne steht. Im Durchspielen sogenannter Tests versucht der Avatar seine Familie, Frau und Kind, mit Namen April\u202f1 und 2, ebenfalls gesprochen von ein\u00adgespielten Stimmen aus dem Off, vor dem Verdursten zu retten. Aber am Ende jedes Tests sterben sie. Das Sterben auf der B\u00fchne ist kein neues Motiv in Kennedys Arbeiten. \u00bbDie K\u00f6rper dort sterben f\u00fcr uns im Spiel immer wieder aufs Neue. Und wir schauen zu und \u00fcben\u00ab, schrieb sie bereits 2014. In den Tests der \u00bbUltraworld\u00ab wird die simulierte Welt modellhaft durch\u00adgespielt. Auch f\u00fcr das Publikum ist das ein Test, der sich aufgrund der erm\u00fcdenden Wieder\u00adholungsschleifen (Loops) der Szenen, der dr\u00f6hnenden Basst\u00f6ne zwischen den Szenen und der flackernden, grell farbigen Projektionen als gro\u00dfe Herausforderung erweist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"615\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-1024x615.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72160\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-1024x615.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-300x180.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-768x461.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-1536x922.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-2048x1230.jpg 2048w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF8979_Julian-Roeder_RZ-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Was ist Wirklichkeit, was Spiel? Frank (Frank Willens, Mitte), Kate\/M (Kate Strong, links) und Cassandra (Suzan Boogaerdt, rechts) sind Suchende im irritierenden B\u00fchnenszenario.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Theater als Ausnahmeort des fremden Sprechens<\/h3>\n\n\n\n<p>Kennedy beschreibt Theater als einen Raum, in dem ein Ausnahmezustand herrsche, \u00bbein Ausnahmeraum, in dem wir gemeinsam das Leiden erproben k\u00f6nnen: \u00fcber diese K\u00f6rper, die vor uns stehen und sprechen oder auch nicht sprechen\u00ab. Diese Aussage erinnert stark an die Poetik des Aristoteles: das Theater als Kraft, die beim Zuschauer eine seelische Reinigung bewirken kann, die sogenannte Katharsis.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wozu f\u00fchrt die Inszenierung des fremden Sprechens? Durch die Methode der eingespielten Stimmen, die auf der B\u00fchne per Lippen\u00adsynchronisation gemimt werden, erscheint die Darstellung wie fremdgesteuert. Die vorproduzierten Audioaufnahmen stammen \u2013 bis auf die Stimmen von Frank Willens und Kate Strong, die in \u00bbUltraworld\u00ab die Figur der M spielt, \u2013 nicht von den Performenden selbst. M gibt sich als Programmiererin des Spiels aus. Sie hat die Regeln verstanden. Ihr Name ist zugleich ein r\u00e4tselhafter Verweis auf das am von I am.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Texte der Arbeit wurden, wie auch schon in vorherigen Arbeiten der Regisseurin, ohne vorherige Proben von Komparsen, Laien oder auch Mitgliedern des Produktionsteams eingesprochen, vom Sounddesigner Jansen auseinandergeschnitten und neu zusammengesetzt. Dabei wurden im ungezwungenen Lesefluss zwangsl\u00e4ufig vorhandene Versprecher in der Nachbearbeitung gezielt verst\u00e4rkt. Auf diese Weise technisch hervorgehoben, haben diese Versprecher eine gro\u00dfe Wirkung. Sie markieren einerseits die K\u00fcnstlichkeit des Sprechens auf der B\u00fchne und verweisen damit zugleich auf die Unnat\u00fcrlichkeit vermeintlich perfekten Sprechens. Sprechen, Weinen, Atmen, Lachen oder das Singen des Kindes wie ein anfangs und am Ende ert\u00f6nendes \u00bbLalalalala\u00ab kommen allesamt vom Band. Das wirkt befremdlich und auch ein wenig gruselig. Die Inszenierung des fremden Sprechens f\u00fchrt zur radikalen Auf\u00adl\u00f6sung der Einheit von K\u00f6rper und Sprache innerhalb der menschlichen Darstellung auf der B\u00fchne. Die Figuren erscheinen nicht als einheitliche Gestalten, auch nicht als einheitliche Identit\u00e4ten, sondern eher als plastische Gebilde, als K\u00f6rperh\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns has-white-color has-text-color has-background is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"background-color:#54a9b3\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"background-color:#dedede00;flex-basis:100%\">\n<p><strong>AUF DEN PUNKT GEBRACHT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Theatermacherin Susanne Kennedy vermittelt mit neuen Ausdrucksformen und B\u00fchnentechniken eine sogartige, hypnotisch wirkende und oft auch r\u00e4tselhaft bleibende Theatererfahrung.<\/li>\n\n\n\n<li>Ihr St\u00fcck \u00bbUltraworld\u00ab ist das Theatermodell einer simulierten Welt, in der Figuren verfremdete Texte sprechen, Tests durchlaufen, Bewegungsabl\u00e4ufe und Choreografien zeigen und sich dabei permanent selbst suchen.<\/li>\n\n\n\n<li>Mit einer perfekten Komposition aus B\u00fchnenelementen wie der Mechanik der Kulissen, gesampelten Sound\u00adcollagen von Ger\u00e4uschen, Kl\u00e4ngen, Stimmen, Video- und Lichtprojektionen erreicht Kennedy eine irritierende, verfremdete und zugleich anziehende Wirkung.<\/li>\n\n\n\n<li>Alle Figuren werden in Stimme, K\u00f6rper und Rolle aufgeteilt und damit radikal depersonifiziert und entfremdet. Die Inszenierung stellt Realit\u00e4t als Simulation dar und zeigt die Verstrickung des Menschen in die ihn umgebende technologisierte Welt.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Das Spiel auf der B\u00fchne irritiert beim Zuschauen und Zuh\u00f6ren, da nicht alle Referenzen entziffert werden k\u00f6nnen und durch Musik- und Videoeinspielungen bewusste Zeit- und Raum-Irritationen einsetzen. Dazu tragen auch die eingespielten Fremdstimmen bei, das psyche\u00addelische und symbolisch aufgeladene B\u00fchnenbild und der Umstand, dass einige Performer in unterschiedlichen Rollen auftreten. Suzan Boogaerdt performt beispielsweise die Spielfigur Cassandra, und Cassandra wiederum \u00fcbernimmt die Rolle von April\u202f1, sp\u00e4ter auch von Gabi. Zudem ist Boogaerdt professionelle Mime-K\u00fcnstlerin und kann dadurch Geschichten allein mit Mimik und K\u00f6rperbewegungen, ohne verbale Sprache, erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"617\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-1024x617.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72162\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-1024x617.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-300x181.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-768x463.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-1536x926.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-2048x1235.jpg 2048w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/DSCF9267_Julian-Roeder_RZ-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein sprechender Obelisk, der im hinteren B\u00fchnenraum der Volksb\u00fchne von der Decke herabgelassen wird, beendet das Spiel auf der B\u00fchne \u2013 und gibt Frank (Frank Willens) und dem Publikum neue Fragen auf.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Radikale Entfremdung<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Komplizierte, das Verschachtelte, das Irritierende \u2013 all dies ist gewollt. Denn das R\u00e4tselhafte selbst ist Teil der k\u00fcnstlerischen Strategie von Kennedy und ihrem Team. R\u00e4tselhaft bleiben nicht nur die unbeantworteten Fragen: Woher kommen die Figuren? Welche Rollen gibt es? Wer verk\u00f6rpert wen, wie? Wer spricht? Gibt es eine Handlung, oder aber gibt es blo\u00df lose \u00adSzenenabfolgen? Wo ist der Zusammenhang? An welchem Ort findet die Szene statt?<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e4tselhaft bleiben auch die ungel\u00f6sten \u00adEindr\u00fccke beim Zuschauen und damit die Wahrnehmung des B\u00fchnengeschehens. Bedingt durch die Verfremdungen des Sprechens und Bewegens, der verschachtelten Handlung, der simulierten Welt des Computerspiels, der scheinbaren Ausweglosigkeit des Spielverlaufs, aber auch durch die dr\u00f6hnenden Basst\u00f6ne, die flimmernden Videoprojektionen und die hypnotischen Visualisierungen auf dem B\u00fchnenbild stellt sich beim Zuschauen ein Gef\u00fchl des Unwohlseins her.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Gef\u00fchl des Unwohlseins, das die Zuschauenden zwangsl\u00e4ufig anwandeln muss, ist geb\u00fcndelt in der Figur des Avatars Frank. Er scheint nicht ganz hineinzupassen in diese simulierte Welt, auch wenn er selbst aus dieser kommt. Er ist gefangen im Loop der \u00bbUltraworld\u00ab, und er ist allein. Kein Entkommen, ewige Wiederkehr, ewige Wiederholung. Am Ende des zweiten Tests ruft er zu M: \u00bbI want out!\u00ab und M antwortet: \u00bbThe only way out is in.\u00ab Alle Tests werden mit dem Herunterfahren der Leinwand und einer pink-schwarz flackernden Projektion einer kultischen Naturgott\u00addarstellung und dr\u00f6hnender Musik beendet. Das Portal schlie\u00dft sich, beendet die Szene, beendet den Test.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung f\u00fchrt eine simulierte \u00adVorstellung von Welt vor, in der der Mensch als erfundenes Wesen, als Avatar in Verbindung und Verschr\u00e4nkung mit seiner technologischen Umwelt auf der B\u00fchne auftritt. Es scheint unm\u00f6glich zu sein, diese Entfremdung des \u00adMenschen von sich selbst und seiner Umgebung zu unterbrechen. Damit f\u00fchrt die Arbeit zwar in eine simulierte Welt und stellt diese modellhaft aus. Ob die Wahrnehmung der simulierten Welt dann durch die technische Entfremdung tats\u00e4chlich fremd erscheint oder aber vielmehr darauf verweist, wie sehr auch die Momente der Gegenwart von Gef\u00fchlen des Fremd- und Unwohlseins bestimmt sind, bleibt offen. Klar wird jedoch, dass es ein von der Umgebung losgel\u00f6stes Dasein in der Welt nicht gibt. Denn wie auch der Avatar Frank in den Verlauf des Spiels verstrickt ist, so befinden sich auch die Zuschauenden am flie\u00dfenden \u00dcbergang zwischen psychischer und virtueller Welterfahrung, nicht nur im, sondern ganz besonders auch au\u00dferhalb des \u00adTheaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende des Spiels kann Frank die Endlichkeit des Lebens akzeptieren oder aber kapituliert angesichts der erm\u00fcdenden und erbarmungs\u00adlosen Wiederkehr der immer selben Situation. Ob er sich dadurch selbst findet? Eher unwahrscheinlich. Dann \u00f6ffnet sich das hintere Portal im gro\u00dfen Rundraum der Volksb\u00fchne. Nebel steigt auf, flackernde Lichter am Boden und ein laut erklingender Choral bestimmen die Atmosph\u00e4re. Ein bunter Kristall, ein kopf\u00fcber h\u00e4ngender Obelisk in schrillem, neonfarbenem Mosaikmuster f\u00e4hrt \u00adherunter und beleuchtet als Licht- und Farbinstallation den hinteren Raum der Rundb\u00fchne. Der Obelisk spricht:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00bbWhat we call the beginning is often the end. And to make an end is to make a beginning. And the end is where we start from.\u00ab<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Spiel kann von Neuem beginnen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-default\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Die Autorin:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eva D\u00f6hne, Jahrgang 1989, ist Doktorandin der Theaterwissenschaft an der Goethe-Universit\u00e4t. Sie hat in Berlin, Leipzig und Frankfurt Theater-, Film- und Medien\u00adwissenschaft und Philosophie studiert. Ihre Dissertation tr\u00e4gt den Titel \u00bbDie (Un)darstellbarkeit der Frau in Theorie und Theater\u00ab. Dar\u00fcber hinaus besch\u00e4ftigt sie sich mit historischer und zeitgen\u00f6ssischer Performancekunst, Intersektionalit\u00e4t, Gender\u00adforschung und Repr\u00e4sentationsfragen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"mailto:doehne@em.uni-frankfurt.de\">doehne@em.uni-frankfurt.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity is-style-default\"\/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit \u00bbUltraworld\u00ab f\u00fchren Susanne Kennedy und Markus Selg ihr Publikum in eine simulierte Welt Unser Alltag wird immer digitaler. 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