{"id":71339,"date":"2023-06-26T14:48:00","date_gmt":"2023-06-26T12:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=71339"},"modified":"2025-02-20T12:34:30","modified_gmt":"2025-02-20T11:34:30","slug":"unheimlich-fantastisch-e-t-a-hoffmann-als-tueroeffner-in-eine-andere-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung-frankfurt\/unheimlich-fantastisch-e-t-a-hoffmann-als-tueroeffner-in-eine-andere-welt\/","title":{"rendered":"\u00bbUnheimlich fantastisch\u00ab: E.T.A. Hoffmann als T\u00fcr\u00f6ffner in eine andere Welt"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr den gro\u00dfen Romantiker hatte die Wirklichkeit viele Dimensionen<\/h4>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group alignfull is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-cover alignfull is-light has-custom-content-position is-position-bottom-center\" style=\"min-height:550px;aspect-ratio:unset;\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim-10 has-background-dim\"><\/span><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1920\" height=\"1080\" class=\"wp-block-cover__image-background wp-image-72143\" alt=\"\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann.jpg\" data-object-fit=\"cover\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann.jpg 1920w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann-300x169.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann-768x432.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/hoffmann-18x10.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-flow wp-block-cover-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size\"><\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns has-white-color has-text-color has-background is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"background-color:#54a9b3\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"background-color:#dedede00;flex-basis:100%\">\n<p class=\"has-text-align-left has-white-color has-text-color has-medium-font-size\">Hoffmanns M\u00e4rchen\u00adroman \u00bbMeister Floh\u00ab spielt in Frankfurt am Main. Das Umschlag-Motiv hat der Autor selbst ausgew\u00e4hlt; es stammt aus einem naturkundlichen Werk.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>E.T.A. Hoffmann gilt als einer der auch international einflussreichsten deutschen Autoren. Mit seinen Erz\u00e4hlungen, in denen die Welten von Traum, Fantasie und Wahnsinn gleichberechtigt neben der Wirklichkeit bestehen, ist er ein Vorl\u00e4ufer vieler sp\u00e4terer Autoren und Genres. Ein Gespr\u00e4ch mit dem E.T.A.-Hoffmann-Experten Prof. Wolfgang Bunzel, dem Leiter der Abteilung Romantik-Forschung am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sauter: E.T.A. Hoffmann hat Frankfurt nie betreten, und doch spielt sein Kunst\u00adm\u00e4rchen \u00bbMeister Floh\u00ab in der Stadt am Main. Warum hat Hoffmann diese Erz\u00e4hlung ausgerechnet hier angesiedelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bunzel: Ehrlich gesagt war die Hoffmann-Forschung in diesem Punkt lange Zeit reichlich ratlos. Man sah nur die \u00adVer\u00adbindung zum Frankfurter Verleger Friedrich Wilmans und argumentierte, dass Hoffmann ihm entgegenkommen wollte, indem er seine Erz\u00e4hlung in Frankfurt spielen lie\u00df. Aber das war eine Verlegenheitserkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Wirklichkeit einer Stadt ist ja nur eine Dimension in Hoffmanns Werk, das immer auch die T\u00fcr \u00f6ffnet ins Fantastische, in die Welten von Traum, Rausch und Wahnsinn. Vielleicht war es ja gar nicht wichtig, in welcher Stadt die Realit\u00e4t angesiedelt ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re ein falscher Schluss. Wenn man auf das Gesamtwerk blickt, wird klar: E.T.A. Hoffmann hat oft gro\u00dfe und bekannte St\u00e4dte als Handlungsorte gew\u00e4hlt. Der \u00bbRitter Gluck\u00ab und die \u00bbAbenteuer der Silvesternacht\u00ab spielen in Berlin. \u00bbDer goldne Topf\u00ab in Dresden, \u00bbPrinzessin Brambilla\u00ab in Rom und eben \u00bbMeister Floh\u00ab in Frankfurt am Main. Das ist gewisserma\u00dfen ein Erz\u00e4hlprinzip bei Hoffmann. Er w\u00e4hlt diese St\u00e4dte, weil sie einerseits Verdichtungszonen des gesellschaftlichen Lebens sind. Andererseits will er das Geschehen, das ja \u2013 wie Sie zu Recht sagen \u2013 immer rasch ins Fantastische abdriftet, lokal verankern. Daf\u00fcr braucht er sichere topografische Fixpunkte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Indem er das Geschehen in einer m\u00f6glichst konkreten Wirklichkeit ansiedelt, erreicht er f\u00fcr die fantastische Dimension seiner Texte mehr Glaubw\u00fcrdigkeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, er versucht, dieser etwas \u00bbgef\u00e4hrlichen\u00ab Fantasiekomponente eine glaubhafte Grundierung zu geben, sie an die Realit\u00e4t r\u00fcckzubinden. So wirkt er dem Vorwurf entgegen, das seien nur Hirngespinste, blo\u00dfe Einbildungen. Hoffmann behauptet ja, dass die Realit\u00e4t durchl\u00e4ssig ist auf das Wunderbare, man m\u00fcsse nur genau genug hinschauen. Seine Texte sind sehr pr\u00e4zise Arrangements, und wenn man genau hinschaut, \u00f6ffnen sich in der Realit\u00e4t, die man ja so fest und unverr\u00fcckbar glaubt, Portale ins Fantastische und Wunderbare.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 28%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Meister Floh l\u00f6ste einigen politischen Wirbel aus; die entsprechenden Akten sind erhalten geblieben.<\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"648\" height=\"986\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72146 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh2.jpg 648w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh2-197x300.jpg 197w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh2-8x12.jpg 8w\" sizes=\"(max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:28% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img decoding=\"async\" width=\"648\" height=\"986\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72145 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh.jpg 648w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh-197x300.jpg 197w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/meister-floh-8x12.jpg 8w\" sizes=\"(max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Hoffmanns M\u00e4rchenroman Meister Floh spielt in Frankfurt am Main. Das Umschlag-Motiv hat der Autor selbst ausgew\u00e4hlt; es stammt aus einem naturkundlichen Werk.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sind die Handlungsorte also austauschbar, Hauptsache, sie sind bekannt und k\u00f6nnen genau beschrieben werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das nicht. E.T.A. Hoffmann nutzt sehr bewusst bestimmte Vorstellungen, die sich mit einer Stadt verbinden, so genannte Imagines. Rom beispielsweise ist eine s\u00fcdliche Stadt, die f\u00fcr geschicht\u00adliche Tiefe steht, aber auch f\u00fcr Lebensfreude. Als Zeit der Handlung der \u00bbPrinzessin Brambilla\u00ab w\u00e4hlt er den r\u00f6mischen \u00adKarneval, wo sich alles auf der Stra\u00dfe abspielt, die Stadt zur gro\u00dfen B\u00fchne wird. Solche Konstellationen lassen sich jeweils nur an einem Ort finden, die funktionieren andernorts nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und warum ist Frankfurt nun der optimale Schauplatz f\u00fcr \u00bbMeister Floh\u00ab?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frankfurt galt seit jeher als Stadt des Handels und der \u00d6konomie, der Messe, des Merkantilen. Peregrinus Ty\u00df, die Hauptfigur im \u00bbMeister Floh\u00ab, hat einen sehr pragmatischen Vater, der ist ein erfolgreicher und wohlhabender Kaufmann, der auch an der B\u00f6rse spekuliert. Sein Sohn soll mal in dieselbe Richtung gehen. Hoffmann nutzt die St\u00e4dte-Imago Frankfurts als handelszentrierte B\u00f6rsen- und Kaufmannsstadt. Aber der kindliche und scheinbar entwicklungsverz\u00f6gerte tr\u00e4umerische junge Mann, Peregrinus Ty\u00df, verk\u00f6rpert eine Gegensph\u00e4re. Er w\u00e4chst zwar in Frankfurt auf, weigert sich aber, in die Fu\u00dfstapfen des Vaters zu treten. Und hier macht sich Hoffmann eine weitere Eigenart Frankfurts zunutze, die versteckte Seite als kulturdurchdrungene Stadt. Daf\u00fcr steht zum einen Goethe, deshalb gibt es diverse Goethe-Anspielungen im \u00bbMeister Floh\u00ab. Hier lebten aber auch die Brentanos, eine der wohlhabendsten Handels\u00adfamilien in Frankfurt. Nur die Kinder \u00adClemens und Bettina wollten dann nicht so wie der Vater und die \u00ad\u00e4lteren Geschwister und wurden zu \u00ad Protagonisten der Romantik. Diese zwei Ge\u00adsichter machen die Stadt Frankfurt zum idealen Schauplatz des \u00bbMeister Floh\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:auto 29%\"><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><em>Als echtes Multitalent versah Hoffmann seine Briefe nicht selten mit einem Selbstportr\u00e4t, wie hier das Signet unter einem Brief an seinen Freund Theodor Gottlieb von Hippel.<\/em><\/p>\n<\/div><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"449\" height=\"678\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/4_E_T_A_Hoffmann_an_Theodor_Gottlieb_von_Hippel_22-5_1821_Ausschnitt_Staatsbibliothek_Bamberg_RZ_sw.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-71583 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/4_E_T_A_Hoffmann_an_Theodor_Gottlieb_von_Hippel_22-5_1821_Ausschnitt_Staatsbibliothek_Bamberg_RZ_sw.jpg 449w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/4_E_T_A_Hoffmann_an_Theodor_Gottlieb_von_Hippel_22-5_1821_Ausschnitt_Staatsbibliothek_Bamberg_RZ_sw-199x300.jpg 199w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/4_E_T_A_Hoffmann_an_Theodor_Gottlieb_von_Hippel_22-5_1821_Ausschnitt_Staatsbibliothek_Bamberg_RZ_sw-8x12.jpg 8w\" sizes=\"(max-width: 449px) 100vw, 449px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>In dieser Geschichte ist ein Floh daf\u00fcr zust\u00e4ndig, die T\u00fcr zum Fantastischen hin zu \u00f6ffnen. Welche Rolle spielt das Fantastische in diesem Werk?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Fantastik zeigt sich schon im Untertitel: \u00bbEine Geschichte in sieben Abenteuern zweier Freunde\u00ab. Das sollte man ernst nehmen. In \u00adsieben Abenteuern, den sieben Hauptkapiteln, wird die Geschichte einer Freundschaft erz\u00e4hlt, und die ist einigerma\u00dfen k\u00fchn. Denn es geht um eine arten\u00fcbergreifende Freundschaft \u00adzwischen einem Menschen und einem Floh. Dass Mensch und Haustier eine enge Symbiose ein\u00adgehen, ist nichts Ungew\u00f6hnliches. Aber Fl\u00f6he? Die gelten als l\u00e4stige Schadinsekten, und allein durch den Gr\u00f6\u00dfenunterschied denkt man: Da sind ja keinerlei Kommunika\u00adtionsm\u00f6glichkeiten vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:48% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"783\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker-783x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72149 size-full\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker-783x1024.jpg 783w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker-229x300.jpg 229w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker-768x1004.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker-9x12.jpg 9w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/nussknacker.jpg 945w\" sizes=\"(max-width: 783px) 100vw, 783px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u00bbNussknacker und Mausek\u00f6nig\u00ab: In seiner m\u00e4rchenhaften \u00adWeihnachtserz\u00e4hlung l\u00e4sst Hoffmann M\u00e4use und Spielzeug\u00adsoldaten gegeneinander antreten.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Aber dann gibt es sie doch: Denn der Floh kann sprechen, so wie die Tiere in \u00c4sops Fabeln.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, diese Hilfskonstruktion f\u00fchrt Hoffmann sehr konsequent durch und zeigt dadurch eine Dimension, die der Mensch \u00fcbersieht. Wie sich zeigt, ist Meister Floh nicht irgendein Floh, sondern der K\u00f6nig des ganzen Flohvolkes. Und \u00addieses Flohvolk ist so intelligent, dass es Erfindungen gemacht hat, die die \u00adMenschen noch gar nicht kennen. Die Fl\u00f6he haben beispielsweise ein optisches Wunderwerk konstruiert, mit dem man Gedanken lesen kann!<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wer h\u00e4tte sich das nicht schon mal gew\u00fcnscht!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da ist Hoffmann einfach unschlagbar, indem er solche eigentlich naheliegenden Ideen tats\u00e4chlich konsequent umsetzt und sagt: Warum soll es das nicht geben, ein Gedankenmikroskop, eine Art Mikro\u00adlinse, allerdings eine Kontaktlinse mit Zusatzfunktion. So geraten diese beiden g\u00e4nzlich unterschiedlichen Wesen in eine enge und freundschaftliche Beziehung zueinander. Und der Leser erf\u00e4hrt, dass man im Reich der Fl\u00f6he auch politisch schon weiter ist: Obwohl es einen K\u00f6nig gibt, ist das Flohvolk im Wesentlichen republikanisch organisiert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eine leise Kritik an der damaligen politischen Situation?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ein mehr als reizvoller Kontrast. 1815 hat der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich Wilhelm III. ein Verfassungsversprechen abgegeben, das er nie einl\u00f6ste. E.T.A. Hoffmann als gewiefter Autor und Staatsbeamter bringt somit eine weitere Dimension in diese Geschichte: Sowohl in gesellschaftlich-politischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht erweisen sich die Fl\u00f6he eben nicht als primitive Spezies, sondern als dem Menschen \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Greift Hoffmann hier zur Fantastik, weil er bestimmte Dinge nicht direkt aussprechen konnte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich lassen sich mithilfe von Tier\u00adfiguren Dinge artikulieren, die unter den damaligen Bedingungen von \u00d6ffentlichkeit \u2013 und das bedeutet das Vorhandensein von Zensur \u2013 nicht ohne Weiteres oder auch gar nicht sagbar waren. Aber E.T.A. Hoffmann geht noch weiter, das Tier ist nicht nur ein Vehikel f\u00fcr den Autor. Er will auch sagen: Liebe Menschen, vergesst mal Euren eingebildeten Stolz: Ihr seid nicht die Krone der Sch\u00f6pfung und nicht allen anderen Lebewesen \u00fcberlegen. Ihr solltet nicht \u00fcber andere Kreaturen verf\u00fcgen und sie geringsch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-834x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72152\" width=\"426\" height=\"522\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-834x1024.jpg 834w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-244x300.jpg 244w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-768x943.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-1251x1536.jpg 1251w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-1668x2048.jpg 1668w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler-10x12.jpg 10w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/kreisler.jpg 1950w\" sizes=\"(max-width: 426px) 100vw, 426px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zwischen Genie und Wahnsinn: Mit dem Kapellmeister Johannes Kreisler schuf sich E.T.A. Hoffmann ein literarisches Alter Ego.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>E.T.A. Hoffmann als ein Urahn der Tierethik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt, er war auch hier \u00fcberraschend modern. Nat\u00fcrlich f\u00e4llt bei ihm das Wort Tierethik nicht, aber eigentlich geht es genau darum: ein Neudenken des Verh\u00e4ltnisses zwischen Mensch und Tier. Viele seiner Erz\u00e4hlungen haben Tiere als Protagonisten, den Hund Berganza, den Kater Murr oder eben den Meister Floh. In dieser sehr raffinierten Geschichte wird das bis dahin v\u00f6llig abgewertete Insekt, der Sch\u00e4dling, das Ekeltier, in einer Weise nobilitiert, wie man es noch nicht erlebt hat.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kater Murr wird als ein etwas aufgeblasener Ich-Erz\u00e4hler eingef\u00fchrt, ist also nicht unbedingt durchweg sympathisch.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er ist Parodie und Persiflage auf vielen Ebenen. Der \u00bbKater Murr\u00ab parodiert den Bildungsroman und die selbstgewisse Autobiografie. F\u00fcr beides stand Goethe Modell mit seinem \u00bbWilhelm Meister\u00ab und \u00bbDichtung und Wahrheit\u00ab. Es ist eine augenzwinkernde Auseinander\u00adsetzung mit Goethe. Hoffmann will \u00adGoethe nicht denunzieren, sondern auf eine \u00fcberraschende, witzige und verfremdete Art und Weise die Schw\u00e4chen dieser Genres zeigen. Und er hat durchaus Sympathien f\u00fcr den Kater, der seinem eigenen Kater namens Murr nachempfunden ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-1024x994.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72154\" width=\"454\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-1024x994.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-300x291.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-768x745.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-1536x1491.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-2048x1988.jpg 2048w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/murr-12x12.jpg 12w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Haustier mit Handschrift: E.T.A. Hoffmanns Kater namens Murr stand nicht nur Pate f\u00fcr seinen Roman, sondern konnte auch selbst signieren.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Warum hat sich E.T.A. Hoffmann \u00adeigentlich nicht mit der Beschreibung der Wirklichkeit begn\u00fcgt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil die Wirklichkeit beschr\u00e4nkt, unfertig und damit in jeder Hinsicht verbesserungsw\u00fcrdig ist. Die Realit\u00e4t ist f\u00fcr ihn eine Mangelsituation. Warum soll man davon ein weiteres Mal erz\u00e4hlen? Fantasie und Fiktion bieten die M\u00f6glichkeit, Gegenwelten zu schaffen. Das ist bei Hoffmann ein zentraler Impuls, darin l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich auch ein utopisches Element erkennen. Vor allem zeigt sich Hoffmann hier als Vertreter der Romantik: Die Poetisierung der Wirklichkeit und des Lebens soll zu einem vollkommeneren Zustand f\u00fchren. Dass dies vorstellbar wird, leistet die Produktivkraft Fantasie.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Liegt hierin auch der Grund, warum Hoffmanns Erz\u00e4hlungen so oft in der Literatur und in anderen Medien aufgegriffen wurden? Weil darin so viel Raum f\u00fcr die Fantasie des Lesers bleibt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kriterium der literarischen Fantastik ist ja, dass es letztlich unentschieden bleibt, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Handelt es sich beim Erz\u00e4hlten um Fantasie, einen Fiebertraum oder eine Wahnvorstellung? Das erzeugt eine best\u00e4ndige Spannung, weil die Leserinnen und Leser immer wieder aufgefordert werden, das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen \u2013 und doch daran scheitern. Die damit verbundene Faszination hat sich erhalten. Deshalb wird diese Darstellungsform bis heute so stark von den unterschiedlichen K\u00fcnsten und Medienformaten genutzt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eine weitere T\u00fcr aus der Realit\u00e4t ist der Wahnsinn. Das manifestiert sich vor allem in der Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler, bei dem Genie und Wahnsinn eng zusammenliegen. Enth\u00e4lt diese Figur autobiografische Z\u00fcge Hoffmanns?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kreisler ist so etwas wie das Alter Ego E.T.A. Hoffmanns, das in mehreren \u00adseiner Texte auftritt. Hoffmann hat kein Interesse daran, sich gem\u00e4\u00df psychoanalytischer Lehre an Traumata abzuarbeiten, sondern er nutzt diese Kunstfigur, die nah genug an ihm dran, aber nicht mit ihm identisch ist, um an ihr vieles auszuagieren, was ihn selbst betrifft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der Wahnsinn ist hier eher eine Art Daseins\u00adzustand und nicht unbedingt pathologisch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir neigen dazu, den Wahnsinn von vornherein mit dem Etikett \u00bbpatho\u00adlogisch\u00ab zu versehen, das tut E.T.A. Hoffmann nicht. Bei ihm bleibt der Wahnsinn eine Art Kippfigur: \u00c4hnlich wie Rausch und Traum ist der Wahnsinn produktiv, weil er Wahrnehmungs\u00adblockaden l\u00f6st und es erm\u00f6glicht, Verbindungen herzustellen zwischen Dingen, die man sonst \u00fcberhaupt nicht mit\u00adeinander in Zusammenhang bringen w\u00fcrde. Doch der Wahn kann auch zwanghaft sein und das Risiko bergen, die Wirklichkeit tats\u00e4chlich zu verkennen, dann wird es problematisch. Aber an sich sind diese Ausnahmezust\u00e4nde \u2013 Wahnsinn, Rausch, Traum, unge\u00adz\u00fcgelte Vorstellungskraft \u2013 produktiv. Derjenige, der ganz ohne Wahnsinn und ohne Rausch auskommt, ist der Philister, die gro\u00dfe Negativfigur der Romantik.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnte man sagen, dass E.T.A. Hoffmann von vielen Aspekten der menschlichen Natur gewisserma\u00dfen das Tuch weg\u00adgezogen hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Romantik gilt nicht umsonst als Entdeckerin des Unbewussten, der Sph\u00e4re jenseits der Rationalit\u00e4t, jenseits des Verstandes, wo Dinge allenfalls assoziativ zusammenh\u00e4ngen. E.T.A. Hoffmann geht genau diesen Weg, lotet das Unbewusste, das Unerkannte in der Psyche aus und scheucht damit auch vieles auf, was \u00c4ngste hervorrufen kann. Er beschreibt diese Ph\u00e4nomene auf faszinierende Weise und geht auch bis zu dem Punkt, wo das Ganze in fixe Ideen, in Wahnvorstellungen abkippt und dann eben problematisch wird. Zum Beispiel in der Erz\u00e4hlung \u00bbDer Sandmann\u00ab: Die Hauptfigur Nathanael bildet sich Dinge klar ein und schafft sich damit wahnhaft eine selbstkonstruierte Realit\u00e4t; Nathanael wird Gefangener der eigenen Vorstellungskraft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Im \u00bbSandmann\u00ab verliebt sich Nathanael unsterblich in die \u00bbAutomate\u00ab Olimpia, eine eher unterkomplexe Figur, die immer nur \u00bbach\u00ab sagt. Heute haben wir ChatGPT und Saugroboter, und in \u00bbIch bin dein Mensch\u00ab setzt sich Maria Schrader mit einem Androiden auf Augenh\u00f6he auseinander. Was fasziniert uns immer noch am \u00bbSandmann\u00ab?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer Sandmann\u00ab ist eine sehr vielschichtige Erz\u00e4hlung, die uns vor Augen f\u00fchrt, wie leicht wir Selbstt\u00e4uschungen auf den Leim gehen. E.T.A. Hoffmann macht von Anfang an f\u00fcr den Leser transparent, dass es sich bei Olimpia um einen Maschinenmenschen handelt. Die perfekt erzogene junge Frau mit den tadellosesten Umgangsformen und einer bewunderungsw\u00fcrdigen Ausstrahlung ist ein Projektionsph\u00e4nomen. Aber Nathanael ist so verblendet, dass er \u00addar\u00fcber die Vorz\u00fcge der menschlichen Clara \u00fcbersieht, die nat\u00fcrlich in vielem nicht so perfekt ist wie Olimpia, aber viel authentischer als dieses Kunst\u00adwesen. Hoffmann zeigt, wie rasch eine lebhafte Phantasie, wenn man sie \u00fcbersteigert, in Zwangsvorstellungen, Realit\u00e4tsverlust und falsche Wahrnehmungen f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dass sich Menschen in einer fixen Idee verheddern, das gibt es ja auch in unserer Gegenwart.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, vor einigen Jahren h\u00e4tte man es doch nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass Verschw\u00f6rungstheorien salonf\u00e4hig werden, dass auch intelligente Menschen ernsthaft dar\u00fcber diskutieren, sich jedem Gegenargument versperren. Den Einspruch nehmen sie als Beleg f\u00fcr die Verblendung der anderen, so kommt jegliches Gespr\u00e4ch zum Erliegen. Es entsteht ein v\u00f6llig hermetisches Selbstbild, ein selbstgeschaffener Vorstellungsk\u00e4fig, in den man sich bewusst einschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und dar\u00fcber l\u00e4sst einen der \u00bbSandmann\u00ab nachdenken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind Hoffmanns Werke historische Texte, die nicht auf eine naive Art aktuell werden. Aber es ist doch spannend, dass bestimmte Problemfelder schon vor langer Zeit erkannt und dargestellt wurden. So k\u00f6nnen wir Dinge in unserer Gegenwart genauer erkennen, das Funktionieren bestimmter Mechanismen besser begreifen, wof\u00fcr uns sonst die Distanz fehlt. Wir k\u00f6nnen \u00fcber Neurosen, Zwangsvorstellungen und Verschw\u00f6rungstheorien intelligente Aufs\u00e4tze und Abhandlungen lesen, aber durch die Literatur erfahren wir solche Ph\u00e4nomene sehr viel anschaulicher und damit auch unmittelbarer.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Interview: Anke Saute<\/em>r<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns has-black-color has-text-color has-background is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"background-color:#ede6db\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"background-color:#dedede00;flex-basis:100%\">\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Romantik im Fokus<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Ein neuer kulturwissenschaftlicher Forschungsschwerpunkt an der Goethe-Universit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ideen und Denkformen der Romantik, ihre \u00e4sthetischen Auffassungen \u2013 vieles davon wirkt bis heute fort\u00ab, sagt die Literaturwissenschaftlerin Frederike Middelhoff. Sie selbst befasst sich in einem Projekt, das am Forschungskolleg Humanwissenschaften gef\u00f6rdert wird, mit dem Verh\u00e4ltnis von Romantik und Migration. Denn \u00e4hnlich wie heute haben sich auch vor dem und im 18. Jahrhundert viele Menschen auf den Weg gemacht, ihre Heimat verlassen \u2013 etwa im Zusammenhang mit der Franz\u00f6sischen Revolution. Das hat sich auch in den literarischen Texten jener Zeit niedergeschlagen. Die Selbstbespiegelung des modernen Menschen, der Blick auf psychische Ph\u00e4nomene, alternative Formen des Zusammenlebens \u2013 auch diese Themen haben ihren Ursprung in der Geistes- und Kulturgeschichte der Romantik. Und l\u00e4ngst sind nicht alle wichtigen Texte allgemein bekannt, auch au\u00dferhalb des Kanons warten interessante Entdeckungen. Zum Beispiel die vielen Texte und k\u00fcnstlerischen Praktiken von Autorinnen, die auch in der Forschung lange Zeit \u00bbunterm Radar\u00ab \u00adliefen und ein gr\u00f6\u00dferes Publikum verdienen. Ihnen widmete sich seit dem Pandemiejahr 2021 eine Workshop-Reihe unter dem Namen \u00bbKalathiskos \u2013 Autorinnen der Romantik\u00ab, die Middelhoff gemeinsam mit Privatdozentin \u00adDr. Martina Wernli an der Goethe-Universit\u00e4t organisiert und die 2023 bereits in die vierte Runde geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Frederike Middelhoff, Jahrgang 1987, arbeitet seit 2020 als W1-Professorin f\u00fcr Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung an der Goethe-Universit\u00e4t. Die Denomination ihrer Professur war eine wichtige Entscheidung f\u00fcr die Hochschule \u2013 und f\u00fcr die deutsche Romantikforschung: Keine andere literaturwissenschaftliche Professur in Deutschland ist explizit der Romantik gewidmet. Ein klares Zeichen f\u00fcr Frankfurt als Standort der Romantik\u00adforschung. Die Stadt am Main hat in der Romantik ihre Rolle gespielt \u2013 nicht zuletzt als Heimat von Clemens und Bettina \u00adBrentano oder Karoline von G\u00fcnderrode.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Frankfurter Romantik-Schwerpunkt h\u00e4ngt aber auch stark zusammen mit der engen Kooperation mit dem Freien Deutschen Hochstift. Das Hochstift, eines der \u00e4ltesten Kulturinstitute Deutschlands, ist nicht nur Tr\u00e4ger des Frankfurter Goethe-\u00adHauses, sondern auch des im Jahr 2021 er\u00f6ffneten Deutschen Romantik-Museums und \u2013 gemeinsam mit der Stadt Oestrich-Winkel \u2013 Betreiber des Brentano-Hauses. Seit Jahren gibt es \u00adpersonelle Ankn\u00fcpfungspunkte zwischen Hochstift und Uni: Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, die das Hochstift seit 2003 leitet und 2023 den Hessischen Kulturpreis erhielt, ist seit 2004 Honorarprofessorin und seit 2010 Professorin an der Goethe-Universit\u00e4t. Prof. Wolfgang Bunzel, Leiter der Romantikforschung am Hochstift, ist ebenfalls Honorarprofessor an der Goethe-Universit\u00e4t. Weiter gest\u00e4rkt wurde die Romantikforschung auch durch die Berufung des Literaturwissenschaftlers Prof. Roland Borgards im Jahr 2018, der sich nicht nur in seinem Forschungsschwerpunkt zu den Tieren in der Literatur mit der Epoche der Romantik befasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2021 hat auch das DFG-Netzwerk \u00bbAktuelle Perspektiven der Romantikforschung\u00ab die Arbeit aufgenommen, das noch bis 2024 gef\u00f6rdert wird. Hier sind junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versammelt, die aktuell erprobte Ans\u00e4tze der Romantikforschung diskutieren und ihre eigenen Forschungsprojekte im Austausch mit international renommierten Romantikforschern weiterentwickeln k\u00f6nnen. Im Rahmen des Netzwerks entsteht ein Sammelband, der einen \u00dcberblick \u00fcber die neuere Romantikforschung seit der Jahrtausendwende geben soll. Au\u00dferdem wird eine virtuelle Datenbank mit Texten der europ\u00e4ischen Romantik erstellt sowie eine digitale Forschungsbiografie.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ-1024x648.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-71581\" width=\"604\" height=\"381\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ-1024x648.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ-300x190.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ-768x486.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/1280px-Bettina_von_Arnim_Scherenschnitt_RZ.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Wald gilt seit der Romantik symbolisch und \u00e4sthetisch als Inbegriff von Natur. Hier der Scherenschnitt \u00bbJagdszene\u00ab von Bettina Bretano.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Auch das \u00f6kologische Denken hat sich in der Romantik, die unter anderem auf die Industrialisierung in Europa kritisch reagierte, erstmals herausgebildet \u2013 und es war zum Teil weitaus weniger auf den Menschen als Mittelpunkt der Umwelt fixiert als heute. Fragen aus diesem Spektrum widmet sich die Initiative \u00bbRomantische \u00d6kologien\u00ab, die von Prof. Roland Borgards und Prof. Frederike Middelhoff ge\u00admeinsam mit der Mainzer Literaturwissenschaftlerin Prof. Barbara Thums als Projekt der Rhein-Main-Universit\u00e4ten betrieben wird. 2022 startete au\u00dferdem eine Publikationsreihe mit dem Titel \u00bbNeue Romantikforschung\u00ab, die im J.B. Metzler-Verlag erscheint und von der Frankfurter Romantikforschung herausgegeben wird. Auch ein Preis f\u00fcr herausragende Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Romantik ist ins Leben gerufen worden: Der Klaus Heyne-Preis zur Erforschung der Deutschen Romantik wird in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben. Der Wissenschaftspreis, den der Kinderarzt und Romantikkenner Prof. Klaus Heyne (1937\u20132017) aus Kiel der Goethe-\u00adUniversit\u00e4t f\u00fcr die Erforschung zur Deutschen Romantik stiftete, ist mit insgesamt 15\u2009000 Euro dotiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Interesse an der Epoche der Romantik auch bei \u00adjungen Menschen gro\u00df ist, merkt Frederike Middelhoff an ihren Veranstaltungen: \u00bbSeminare und Vorlesungen, die der Romantik gewidmet sind \u2013 zum Beispiel dem Thema \u203aRomantische \u00d6kologien\u2039, \u203aMehrsprachigkeit in der Romantik\u2039 oder den \u203aHoffmannesken Heimsuchungen\u2039 von E.T.A. Hoffmann in der gleichnamigen Vor\u00adlesung des Wintersemesters 2022\/23 \u2013 sind au\u00dferordentlich gefragt\u00ab, freut sie sich. Ein weiterer Beweis daf\u00fcr, dass die Romantik auch zu aktuellen Themen so einiges zu sagen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen \u00dcberblick \u00fcber die Romantikforschung an der Goethe-Universit\u00e4t finden Sie auf der Seite <a href=\"http:\/\/romantikforschung.uni-frankfurt.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">romantikforschung.uni-frankfurt.de<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ansprechpartnerin<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Frederike Middelhoff (<a href=\"mailto:middelhoff@em.uni-frankfurt.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">middelhoff@em.uni-frankfurt.de<\/a>)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns has-background is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\" style=\"background-color:#f3f3f3\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-center has-background is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"background-color:#dedede00;flex-basis:100%\">\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized is-style-rounded\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72155\" width=\"176\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-768x768.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-12x12.jpg 12w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel-700x700.jpg 700w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/bunzel.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Bunzel, Jahrgang 1960, leitet am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt am Main die Abteilung Romantik-Forschung. Seit 2013 hat er an der Goethe-Universit\u00e4t eine au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige Professur f\u00fcr Neuere deutsche Literaturwissenschaft inne. Er ist einer der Kuratoren der Gedenkausstellung \u00bbUnheimlich fantastisch \u2013 E.T.A. Hoffmann 2022\u00ab, die in Bamberg, Berlin und Frankfurt am Main zu sehen war.<br><a href=\"mailto:wbunzel@freies-deutsches-hochstift.de\">wbunzel@freies-deutsches-hochstift.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den gro\u00dfen Romantiker hatte die Wirklichkeit viele Dimensionen Hoffmanns M\u00e4rchen\u00adroman \u00bbMeister Floh\u00ab spielt in Frankfurt am Main. 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