{"id":73130,"date":"2023-07-20T11:50:32","date_gmt":"2023-07-20T09:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=73130"},"modified":"2023-07-28T10:25:26","modified_gmt":"2023-07-28T08:25:26","slug":"wenn-die-wirklichkeit-bildfoermig-sein-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/wenn-die-wirklichkeit-bildfoermig-sein-soll\/","title":{"rendered":"Wenn die Wirklichkeit bildf\u00f6rmig sein soll"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Kunstp\u00e4dagogin Katja Gunkel erforscht, wie Social Media, dabei speziell Instagram, den allt\u00e4glichen Umgang mit Bildern massiv ver\u00e4ndert hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/medien.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/medien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-73133\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/medien.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/medien-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/medien-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Katja Gunkel, Dr. phil., lehrt und forscht am Lehrstuhl Neue Medien, Institut f\u00fcr Kunstp\u00e4dagogik, zu Pop- und Internetkulturen, Konsum- und Gegenwarts\u00e4sthetiken. Selfie: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport<\/em>: Frau Dr. Gunkel, wie sind Sie als Kunstp\u00e4dagogin auf das Thema Social Media gekommen? Man k\u00f6nnte meinen, dass es sich eher um ein medienwissenschaftliches Thema handelt, oder w\u00e4re das zu eng gedacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Katja Gunkel:<\/em> Zum Einstieg scheint es mir produktiv, die Frage nach dem Verst\u00e4ndnis von Kunstp\u00e4dagogik zu stellen. Nicht umsonst hei\u00dft der an unserem Institut angebotene Bachelor- und Masterstudiengang \u201eKunst, Medien, kulturelle Bildung\u201c. Ich selbst habe am Lehrstuhl Neue Medien von Prof.in Dr. Birgit Richard promoviert, die f\u00fcr ihre Expertise im Bereich jugend- wie popkultureller Stile und materieller Kulturen bekannt ist. Die dort betriebene Forschung steht in der Tradition der Critical Cultural Studies und bezieht daher Bilder ganz unterschiedlicher Provenienz aufeinander. Auch im Sinne der Visuellen Kultur, am Institut vertreten durch Prof.in Dr. Verena Kuni, greift der alleinige Fokus auf Kunst im engeren Sinne zu kurz. Folglich wird die Forschungsperspektive um alle Bilder, die uns im Alltag umgeben, erweitert. In dem Zusammenhang ist ein kritischer Blick auf produktions- und rezeptions\u00e4sthetische Aspekte unerl\u00e4sslich, sind Bilder doch sowohl Produkte als auch Produzenten von Diskursen. Die Forschungsdesigns sind somit notwendigerweise transdisziplin\u00e4r, gehen dabei jedoch stets vom konkreten Gegenstand, das hei\u00dft Bildph\u00e4nomen, aus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ihnen ist am Anfang Ihrer Besch\u00e4ftigung aufgefallen, dass die Bilder unserer Gegenwart im Gewand des Altert\u00fcmlichen daherkommen. Das ist aber mittlerweile wieder verschwunden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Presets zur One-Click-Bildbearbeitung haben in den Anf\u00e4ngen von Social Media, stilpr\u00e4gend war hier vor allem Instagram (Version 1.0, 2010), vor allem Look und Haptik von analogen Fotoabz\u00fcgen zitiert. Das geh\u00e4ufte Aufkommen dieser, damals im Feuilleton h\u00e4ufig als \u201aRetro-Kamera-Apps\u2018 bezeichneten, mobilen Softwareanwendungen hat verschiedentlich Theoretiker*innen auf den Plan gerufen. So spricht Simon Reynolds vor allem im Bereich der Popmusik von \u201eRetromania\u201c (2011), die seit der Jahrtausendwende durch die simultane Pr\u00e4senz vergangener Jahrzehnte und deren Revivals gekennzeichnet sei, jedoch keine eigene Identit\u00e4t besitze. Hans Ulrich Gumbrecht wiederum konstatiert eine \u201ebreite Gegenwart\u201c (2010), die in Anbetracht einer krisenhaft vorgestellten Zukunft Vergangenes nicht loslassen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>An den Bildph\u00e4nomenen hat mich urspr\u00fcnglich insbesondere der vermeintliche Widerspruch von modernster Digitaltechnologie, welche die Produktionsmittel kennzeichnet, und dem stilistischen R\u00fcckbezug auf weitgehend historisch gewordene fotografische Kulturtechniken interessiert. Spannend fand ich auch, dass mit den formal\u00e4sthetischen Anleihen an Polaroid-Material Original und Unikat pl\u00f6tzlich zumindest in Form geisterhafter Nachbilder im Diskurs des mobilen digitalen Bildes auftauchen. Besagte \u201aRetro-\u00c4sthetik\u2018 spielt gegenw\u00e4rtig jedoch keine nennenswerte Rolle mehr.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Man spricht seit einigen Jahren auch von der Konsum\u00e4sthetik.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund der im sp\u00e4tkapitalistischen Alltag omnipr\u00e4senten wie vielgestaltigen Verzahnung von \u00c4sthetik und Konsum widmete sich das gleichnamige interdisziplin\u00e4re Forschungsverbundprojekt, in dessen Kontext ich promoviert habe und an dem unter anderem Prof. Dr. Heinz Dr\u00fcgh und Prof.in Dr. Birgit Richard beteiligt waren, der neutralen wie differenzierten Betrachtung unseres Umgangs mit k\u00e4uflichen Dingen, wie er sich in den verschiedensten Arten des Ge- und Verbrauchs sowie den vielf\u00e4ltigen Formen der Aneignung von Konsumobjekten zeigt. Weder affirmierend noch pathologisierend geht es bei einer konsum\u00e4sthetischen Forschungsperspektive zun\u00e4chst um die Anerkennung der \u00e4sthetisch-semiotischen Besetzung von und Identifikation mit kulturindustriellen Gegenst\u00e4nden. Der Terminus setzt sich demzufolge entschieden von der diskursdominierenden negativ konnotierten Bezeichnung \u201eWaren\u00e4sthetik\u201c ab, die Wolfgang Fritz Haug 1971 pr\u00e4gte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie geht man als Forscher*in vor, inwieweit muss man sich auf die Welt der Apps einlassen, sie selber auch anwenden (k\u00f6nnen)?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angelehnt an die von Mieke Bal formulierte kulturanalytische Herangehensweise gehe ich grunds\u00e4tzlich qualitativ-empirisch, und zwar in der Regel induktiv-ph\u00e4nomenologisch vor: Das hei\u00dft, ich entwickle meine Fragestellungen und Hypothesen in enger Auseinandersetzung mit dem Material und nicht umgekehrt. Ich gehe zuerst einmal mit einer gro\u00dfen Offenheit auf den Untersuchungsgegenstand zu. Mithilfe einer transdisziplin\u00e4ren Methodologie versuche ich, die verschiedenen Ebenen des Gegenstandes abzudecken. Ich bin aber in erster Linie Bildwissenschaftlerin, keine Sozialwissenschaftlerin. Ich f\u00fchre zum Beispiel keine Interviews mit den User*innen. Von den Bildern komme ich zur deren Produktionskontext, das hei\u00dft zu Software und Hardware. Aus konsum\u00e4sthetischer Perspektive betrachte ich eine App als Warenform, die einer Usability- und Convenience-Logik folgt. So k\u00f6nnen die Bilder mit bestimmten Filtern bearbeitet werden, die vorkonfektioniert sind. Als kulturelle Artefakte kn\u00fcpfen diese visuellen Schablonen an bestimmte Sehgewohnheiten und Bildtraditionen an, gem\u00e4\u00df der Konzeption impliziten Wissens schreiben sie ebenso soziokulturelle Bias fort. Das interessiert mich nat\u00fcrlich besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch schaue mir ebenso an, mit welchem Werbeversprechen die Apps locken, zum Beispiel. im Fall von Instagram mit einer Instant-Nobilitierung und \u00c4sthetisierung des mobilen digitalen Bildes. Alles l\u00e4sst sich per One-Click in ein \u201aKunstwerk\u2018 transformieren, Filter sei Dank \u2013 so zumindest die herstellerseitige Verhei\u00dfung. Einerseits also eine Verkunstung der App, verbunden mit einer Demokratisierung von Produktionsmitteln und einer Partizipation der User*innen an der Kunsterzeugung. Andererseits eine zunehmende Entfremdung von weitgehend automatisiert ablaufenden Bildverarbeitungsprozessen sowie visuelle Uniformit\u00e4t, algorithmisch erzeugte Filterblasen, Plattformkapitalismus und Kommerzialisierung des \u201aSozialen\u2018, die auf verschiedensten Ebenen mit prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen einhergeht. Allein, bereits die Teilhabe an Social Media muss Mensch sich buchst\u00e4blich leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht es aus mit dem Einwand, dass man ja nur auf den Knopf dr\u00fcckt und das Ger\u00e4t beziehungsweise die App das Bild von alleine generiert. W\u00fcrden Sie das gelten lassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer so argumentiert, ist vermutlich auch der \u00dcberzeugung, dass Kunst von handwerklichem K\u00f6nnen kommt. Diese Position hat sich jedoch sp\u00e4testens mit der Konzeptkunst \u00fcberholt. Die Entscheidung, bei der Bilderstellung einen bestimmten Filter zu verwenden, vielleicht sogar mehrere miteinander zu kombinieren, ist meines Erachtens bereits eine produktive Handlung \u2013 ob das gleich k\u00fcnstlerisch zu nennen ist, l\u00e4sst sich am und im Einzelfall diskutieren. Es ist aber eine Handlung, die in der Welt ist und f\u00fcr viele Menschen eine hohe Alltagsrelevanz besitzt. Eine App wie Instagram hat fundamental die Art und Weise ver\u00e4ndert, wie wir heutzutage mit Bildern umgehen, wie wir vielleicht auch durch die Welt gehen und diese nach einer bestimmten Bildf\u00f6rmigkeit abscannen. Fr\u00fcher sprach man von Fotogenit\u00e4t, heute von Instagrammabilit\u00e4t. Diese Wechselwirkung findet man gerade im touristischen Kontext sehr stark. Menschen, die das Virtuelle aus ihrem Leben verbannen m\u00f6chten, sehen die Reziprozit\u00e4t einfach nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben sich in Ihrer Forschung auch mit der Social-Media-FotoSharing-App BeReal besch\u00e4ftigt. Hier k\u00f6nnen die User nur recht spontan einen \u201arealen\u2018 Ausschnitt ihres Lebens ver\u00f6ffentlichen, daf\u00fcr haben sie gerade einmal zwei Minuten Zeit \u2013 ein ernst zu nehmende Gegenbewegung zum Optimieren von Fotos mittels der Insta-App?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die damit suggerierte Authentizit\u00e4t der Bilder ist nat\u00fcrlich auch nur ein Effekt der Inszenierung. Authentizit\u00e4t ist kein Essenzialismus, sondern etwas, das nach bestimmten Kriterien funktioniert und manche Menschen im Sinne einer glaubhaften Darstellung besonders gut beherrschen. Was man an BeReal gut sieht, ist das Ringen um ein authentisches Sein, das unverstellt, unmittelbar ist. In dem Zusammenhang finde ich beispielsweise die j\u00fcngste Kooperation von Meta mit dem Brillenhersteller Ray-Ban spannend. Im Sinne eines Wearables trifft modisches Lifestyleaccessoire auf integrierte Digitalkamera und mobiles Internet. Auch hier geht es darum die Mittelbarkeit des Fotografierens auf ein Minimum zu reduzieren, das hei\u00dft unauff\u00e4llig Fotos aufzunehmen und gleichzeitig am Geschehen teilzuhaben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Es wird nun gerade dar\u00fcber diskutiert, welche Apps noch eine Zukunft haben und welche nicht. Facebook scheint f\u00fcr junge Leute keine Rolle mehr zu spielen \u2013 droht Instagram ein \u00e4hnliches Schicksal?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Instagram gibt es bereits seit 13 Jahren; eine beachtliche Zeit f\u00fcr eine App. Das Erfolgsrezept gr\u00fcndet vor allem auf einer aggressiven Updatepolitik. Bew\u00e4hrte Strategie ist die Integration von Funktionen, welche potenzielle Konkurrenz auszeichnet (Mikrovideos im Fall von Vine, Face-Filter und Stories im Fall von Snapchat, Reels im Fall von TikTok und so weiter). Auf diese Weise kommt Mensch an Instagram im Grunde nicht vorbei, vereint sie doch alle relevanten Funktionen und Medienformate.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt wiederum auch die Beobachtung, dass die User auf Social Media immer mehr in eine Passivit\u00e4t des Zuschauens verfallen, anstatt selber etwas zu posten oder sich zu vernetzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dem w\u00fcrde ich grunds\u00e4tzlich zustimmen. Instagram beg\u00fcnstigt medienstrukturell das komfortable wie beil\u00e4ufige Konsumieren von Inhalten, die wie im Fall der Stories automatisch durchlaufen. Beim Scrollen durch den Feed muss ich hingegen noch den Minimalaufwand eines h\u00e4ndischen Vollzugs betreiben, um die Bilder in Bewegung zu versetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der durch Social Media kultivierte Medienkonsum ist insofern problematisch, als dass die algorithmische Selektion die Entstehung von Filterblasen beg\u00fcnstigt. Wenn wir nur das angezeigt bekommen, was unseren eigenen Interessen entspricht, steht die Repr\u00e4sentativit\u00e4t des Angezeigten infrage. Die Netzwerklogik beg\u00fcnstigt diese Gleichheit. Irgendwann bespiegeln wir uns nur noch selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunstp\u00e4dagogin Katja Gunkel erforscht, wie Social Media, dabei speziell Instagram, den allt\u00e4glichen Umgang mit Bildern massiv ver\u00e4ndert hat. 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