{"id":77014,"date":"2023-11-16T15:04:21","date_gmt":"2023-11-16T14:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=77014"},"modified":"2023-11-16T15:04:25","modified_gmt":"2023-11-16T14:04:25","slug":"madonna-casanova","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/madonna-casanova\/","title":{"rendered":"Madonna? Casanova!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Forschungsprojekt und eine Konferenz der Goethe-Universit\u00e4t befassen sich mit der christlichen Kabbala in der Fr\u00fchen Neuzeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/12_Kabbala_S11_650x450px-jpg.webp\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/12_Kabbala_S11_650x450px-jpg.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-76995\" style=\"aspect-ratio:1.4444444444444444;width:618px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/12_Kabbala_S11_650x450px-jpg.webp 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/12_Kabbala_S11_650x450px-300x208.webp 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/12_Kabbala_S11_650x450px-18x12.webp 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Elke Morlok und N\u00edels Eggerz. Im Vordergrund: Die Abbildung der kabbalistischen Lehrtafel der Prinzessin Antonia von W\u00fcrttemberg in Bad Teinach (1662\/1673), in deren Zentrum ein allegorisierter Sefirot-Baum zu sehen ist.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Wenn Elke Morlok und N\u00edels Eggerz Au\u00dfenstehenden ihr Forschungsprojekt vorstellen, lautet die klassische R\u00fcckfrage: \u201eDas hei\u00dft, ihr arbeitet zu Madonna?\u201c Die habilitierte Judaistin und der promovierte Historiker besch\u00e4ftigen sich mit christlichen \u00dcbernahmen der Kabbala. Damit liegt der Br\u00fcckenschlag zur Popikone, bekennende Anh\u00e4ngerin der j\u00fcdisch-mystischen Tradition, nahe, wenngleich er nicht ganz zutrifft: Bei Morloks und Eggerz\u2019 Projekt steht die Fr\u00fche Neuzeit, also grob die Zeit zwischen 1500 und 1800 im Zentrum. Doch die beiden k\u00f6nnen mit einem anderen prominenten Anh\u00e4nger der Kabbala aufwarten: Giacomo Casanova (1725\u200a\u2013\u200a1798). Der venezianische Abenteurer, Verf\u00fchrer und Diplomat interessierte sich ebenfalls f\u00fcr die j\u00fcdische Mystik und besa\u00df ein von ihr inspiriertes Amulett, das ihm bei seinen Blendwerken zu Diensten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus heutiger Sicht l\u00e4sst sich die j\u00fcdische Kabbala als eine Verbindung von mystischen, esoterischen und theosophischen Vorstellungen bezeichnen, die sich ab dem Mittelalter verbreitete und dabei zum Teil auf philosophische Vorstellungen der Antike zur\u00fcckgriff. Gemein ist diesen Traditionen die Idee, dass es einen, sich jeder menschlichen Vorstellung entziehenden Gott gibt. Allerdings, so die \u00dcberzeugung, k\u00f6nne das gr\u00fcndliche Studium seiner unterschiedlichen Erscheinungs- und Handlungsformen, der Emanationen, eine pr\u00e4zise Vorstellung von seinem Wesen erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Schon fr\u00fch ein Faszinosum: kabbalistische Schlusstechniken und Visualisierungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Wunsch, durch tiefsch\u00fcrfende Lekt\u00fcre und die Anwendung ausgekl\u00fcgelte Techniken der Textauslegung der Natur Gottes nahezukommen, faszinierte fr\u00fch auch Nicht-Juden und verhalf der Kabbala in der Fr\u00fchen Neuzeit zu einer hohen Popularit\u00e4t. \u201eDa es bei unserem Projekt vornehmlich um protestantische \u00dcbernahmen der Kabbala geht, stehen Casanova und die ber\u00fchmten italienischen Renaissance-Humanisten wie Pico della Mirandola nicht im Fokus unserer Forschung. Dennoch illustriert Casanovas Beispiel eindr\u00fccklich, wie bekannt die Kabbala war und f\u00fcr wie wirkm\u00e4chtig man sie hielt,\u201c erl\u00e4utert Eggerz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Venezianer war keinesfalls die einzige Person, die sich mit kabbalistischer Gelehrsamkeit schm\u00fcckte. Auch protestantische Landesf\u00fcrstinnen und -f\u00fcrsten inszenierten sich und ihre (religi\u00f6sen) Anliegen \u00fcber der Kabbala entlehnte Darstellungen. Besonders beliebt waren sogenannte Sefirot-B\u00e4ume, die die zehn Emanationen Gottes (Sefirot) in einer baum\u00e4hnlichen Struktur visualisierten. Mit diesen B\u00e4umen wurde jedoch eine christliche Botschaft verbunden: Insofern die drei wichtigsten Sefirot in der Baumkrone abgebildet wurden, interpretierte man sie als Beleg f\u00fcr die Dreifaltigkeit Gottes. Im Zentrum stand Christus als die vermittelnde Instanz zwischen irdischer und himmlischer Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Solchen \u00dcbernahmen sp\u00fcrt Morloks und Eggerz\u2018 Forschungsprojekt <em>Kabbala als Transferparadigma zwischen Judentum und Christentum<\/em> nach, das die beiden seit April 2023 an der Goethe-Universit\u00e4t verfolgen und das im Rahmen des Schwerpunktprogramms \u201eJ\u00fcdisches Kulturerbe\u201c durch die DFG gef\u00f6rdert wird. Dabei fragen die beiden nach den Texten, den Vorstellungen und den Netzwerken, die f\u00fcr christliche Kabbalisten von Bedeutung waren. Hierdurch soll die christliche Kabbala im Wechselspiel mit innerchristlichen und christlich-j\u00fcdischen Dynamiken gezeigt werden: \u201eWie bereits Joseph Dan unter\u00adstrich, haben wir es bei der christlichen Kabbala mit dem einmaligen Ph\u00e4nomen zu tun, dass eine Religion die Schriften einer anderen als wahr und f\u00fcr sich g\u00fcltig anerkennt,\u201c unterstreicht Eggerz.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings gingen die christlichen Kabbalisten durchaus eigenwillig vor: Anders als die Wissenschaft heute verstanden sie \u201eKabbala\u201c w\u00f6rtlich als \u201e(allumfassende) Urtradition\u201c. Daher war f\u00fcr sie jeder als urspr\u00fcnglich geltende Text potenziell kabbalistisch. Sie ignorierten zudem zahlreiche genuin j\u00fcdische Elemente und versuchten in Teilen sogar, aus den Texten eine althebr\u00e4ische Religion zu rekonstruieren. Als vermeintlich unverf\u00e4lscht durch sp\u00e4tere rabbinische Entwicklungen galt ihnen die Kabbala als in letzter Konsequenz identisch mit ihrer Auffassung des Christentums. Dieses Vorgehen hat der christlichen Kabbala zum Teil den Vorwurf eingebracht, eine Entstellung der j\u00fcdischen Tradition oder gar ein anti j\u00fcdisches Projekt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Im Austausch: J\u00fcdische und christliche Kabbalisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus Sicht der beiden Forscher*innen greift es aber zu kurz, ein derart vielschichtiges Ph\u00e4nomen allein auf diese Aspekte zu reduzieren. Sie pl\u00e4dieren zum einen daf\u00fcr, das Verh\u00e4ltnis zwischen christlichen und j\u00fcdischen Kabbalisten in seiner ganzen Komplexit\u00e4t zu erfassen, wof\u00fcr sie den Blick auf die kabbalistischen Netzwerke als einen guten Ansatzpunkt betrachten: \u201eNat\u00fcrlich ist die Vorstellung, Juden und J\u00fcdinnen lebten in der Fr\u00fchen Neuzeit hermetisch abgeriegelt in Ghettos, stark vereinfacht. Der Handel hat immer f\u00fcr einen gewissen Austausch gesorgt. Dennoch er\u00f6ffneten die intellektuelle Zusammenarbeit und die Angewiesenheit christlicher Kabbalisten auf j\u00fcdische Informanden m\u00f6glicherweise andersgelagerte, intensivere Beziehungen,\u201c erkl\u00e4rt Morlok. \u00dcberliefert sind beispielsweise durchaus freundschaftliche Briefe zwischen einem christlichen Gelehrten und seinem j\u00fcdischen Gespr\u00e4chspartner, in denen unter anderem auch eine Hochzeiteneinladung ausgesprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen d\u00fcrfe man die Auswirkungen der christlichen auf die j\u00fcdische Mystik nicht untersch\u00e4tzen: \u201eDie erste Drucklegung eines kabbalistischen Werks (in lateinischer \u00dcbersetzung) erfolgte durch christliche Gelehrte. Es stellt sich daher zum Beispiel die Frage, ob die Sefirot in der j\u00fcdischen Kabbala eine solche Bedeutung erlangt h\u00e4tten, wenn nicht genau dieser Aspekt f\u00fcr die christlichen Rezipienten attraktiv gewesen w\u00e4re,\u201c \u00fcberlegt Morlok. Ein solcher Ansatz rekurriert auf die neueste Forschung zum j\u00fcdisch\u00adchristlichen Verh\u00e4ltnis: \u201eW\u00e4hrend Judentum und Christentum lange als Mutter- und Tochterreligion galten, sieht die j\u00fcngere Forschung sie eher als Schwestern in andauernder, wechselseitiger Beeinflussung, wobei sich Phasen engen Austausches mit weniger intensiven abwechselten und noch abwechseln,\u201c erg\u00e4nzt Eggerz. Als tendenziell nicht institutionalisierte Tradition eignete sich die Kabbala besonders f\u00fcr den interreligi\u00f6sen Transfer.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kabbalistische \u00bbBeweise\u00ab in innerchristlichen Debatten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser offene Charakter spielte vermutlich auch eine Rolle dabei, dass die Kabbala gerade in der Fr\u00fchen Neuzeit \u2013 der Zeit der Reformation \u2013 Bedeutung f\u00fcr das Christentum erlangte: Mit protestantischen Umbr\u00fcchen stellten sich religi\u00f6se Grundfragen neu. Zum ersten Mal seit der Sp\u00e4tantike wurde zum Beispiel dar\u00fcber gestritten, ob die Dreifaltigkeit, also die Vorstellung, Gott existiere gleicherma\u00dfen in Vater, Sohn und Heiligem Geist, ein Irrglaube sei. Hier kam der Zugang zur \u201eUrreligion\u201c, den die Kabbala erm\u00f6glichen sollte, gerade recht. Anh\u00e4nger der Dreifaltigkeit durchforsteten die von ihnen als kabbalistisch eingestuften Texte nach Erw\u00e4hnungen einer \u201eDreiheit\u201c und verwendeten diese \u2013 oftmals unter entschiedener Ausklammerung des Kontexts \u2013 als Beleg ihrer Sicht: \u201eDenkbar ist daher, dass sich das intensive christliche Studium kabbalistischer Quellen weniger aus dem Versuch, das Judentum zu widerlegen, speiste, als aus dem Wunsch, sich selbst in innerchristlichen Debatten durchzusetzen,\u201c meint Eggerz.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Zwischen Freimaurerlogen und Runen \u2013 die vielen Kontexte der Kabbala<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Innere Dynamiken k\u00f6nnten auch ein Puzzlest\u00fcck sein, um zu erkl\u00e4ren, warum das Interesse an der Kabbala im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert abflaute \u2013 wiewohl es in den Freimaurerlogen im 19. Jahrhundert eine neue Bl\u00fcte erfuhr: \u201eDie Vielzahl an Kontexten, in denen uns die christliche Kabbala begegnet, ist auch f\u00fcr uns immer wieder \u00fcberraschend. Wir freuen uns daher sehr auf den Workshop <em>Cabala Christiana as a Discursive Space of Transfer<\/em>, den wir diesen Herbst organisieren. Hier werden wir nicht nur mehr \u00fcber das Wiederaufleben der Kabbala bei den Freimaurern erfahren, sondern auch \u00fcber ihre Pr\u00e4senz in weiteren europ\u00e4ischen Zusammenh\u00e4ngen. Ein Kollege aus Lund thematisiert den Versuch, die Kabbala mit den Runen zu verbinden\u201c, merkt Elke Morlok an und f\u00e4hrt fort:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm die vielf\u00e4ltigen Bez\u00fcge der Kabbala zu verstehen, ist ein interdisziplin\u00e4rer Kontext, wie wir ihn hier an der Goethe-Universit\u00e4t mit den Theologien, der Judaistik, den islamischen Studien und der in der Geschichte beheimateten Forschungsgruppe <em>Polyzentralit\u00e4t und Pluralit\u00e4t des vormodernen Christentums<\/em> vorfinden, unerl\u00e4sslich.\u201c Die Notwendigkeit von f\u00e4cher\u00fcbergreifender Zusammenarbeit zeigt sich auch in den Sprachen, die Eggerz und Morlok ben\u00f6tigen: Sie m\u00fcssen sich nicht nur in deutschen Texten, die stark von der heutigen Standardsprache abweichen, zurechtfinden, sondern auch Latein und Hebr\u00e4isch sicher beherrschen. Eine Anstrengung, die das Projekt aber wert ist: \u201eVon der Forschung ist Mystik lange als primitive Esoterik verunglimpft worden. Bettet man sie aber in ihren Entstehungskontext ein, wird sichtbar, dass sie durch ihren spekulativen, eklektischen Zugriff gro\u00dfes Potenzial f\u00fcr den interkulturellen Austausch bot \u2013 und sich hierdurch aber auch f\u00fcr einen strategischen Einsatz eignete. Beides m\u00f6chten wir mit unserem Projekt herausstellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Louise Zbiranski<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\" style=\"background-color:#ececec\">\n<p>Die Konferenz <strong>Cabala Christiana as a Discursive Space of Transfer<\/strong> fand vom 10. bis zum 12. Oktober 2023 im Forschungskolleg Bad Homburg statt.<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Forschungsprojekt und eine Konferenz der Goethe-Universit\u00e4t befassen sich mit der christlichen Kabbala in der Fr\u00fchen Neuzeit. 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