{"id":79249,"date":"2024-02-26T10:45:47","date_gmt":"2024-02-26T09:45:47","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=79249"},"modified":"2024-02-26T10:45:48","modified_gmt":"2024-02-26T09:45:48","slug":"zum-selbstdenken-gehoert-auch-die-auseinandersetzung-mit-den-meinungen-anderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/zum-selbstdenken-gehoert-auch-die-auseinandersetzung-mit-den-meinungen-anderer\/","title":{"rendered":"Zum Selbstdenken geh\u00f6rt auch die Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Kant-Experte Achim Vesper \u00fcber die Bedeutung und Aktualit\u00e4t Immanuel Kants und die fragw\u00fcrdige Inanspruchnahme seines Begriffs des kritischen Selbstdenkens seitens Querdenker<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/beitragsbild_05_Selbstdenken_Kant_F4_650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-79250\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/beitragsbild_05_Selbstdenken_Kant_F4_650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/beitragsbild_05_Selbstdenken_Kant_F4_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/beitragsbild_05_Selbstdenken_Kant_F4_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/beitragsbild_05_Selbstdenken_Kant_F4_650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dr. Achim Vesper ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Philosophie der Goethe-Universit\u00e4t; er vertritt momentan die Professur f\u00fcr Philosophie der Neuzeit (Marcus Willaschek). Die Einf\u00fchrung in \u00bbKants Philosophie\u00ab, die er zusammen mit Gabriele Kava (Universit\u00e4t Turin) verfasst hat, erscheint am 14. M\u00e4rz 2024 im Verlag C.H. Beck<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Vesper, ihr Kollege Marcus Willaschek beginnt sein Kant-Buch mit der Aussage: \u00bbKant ist der bedeutendste Philosoph der Neuzeit.\u00ab Sie schreiben im ersten Satz ihres eigenen, mit Gabriele Gava aus Turin verfassten Kant-Buchs \u00e4hnlich: \u00bbImmanuel Kant gilt zu Recht als einer der wichtigsten Philosophen in der Geschichte der westlichen Philosophie.\u00ab Woran kann man denn festmachen, dass Kant eine solche Bedeutung besitzt? Was sind seine vielleicht spektakul\u00e4rsten Gedanken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Achim Vesper: Kants Bedeutung l\u00e4sst sich zum Beispiel darin erkennen, dass wir noch heute in der philosophischen Debatte immer wieder auf Kant zur\u00fcckkommen. Historisch kann man sagen, dass sich die philosophischen Fragestellungen durch Kant einschneidend ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir Kants theoretische Philosophie: Die Attraktivit\u00e4t seiner Erkenntnistheorie liegt darin, dass er eine Mittelstellung gegen\u00fcber den Extrempositionen des Konstruktivismus und des naiven Realismus einnimmt. Weder ist die Wirklichkeit ihm zufolge ein Produkt unseres Geistes, noch haben wir einen nackten Zugriff auf die Wirklichkeit. Stattdessen entwickelt Kant eine neue Auffassung von den menschlichen Erkenntnisf\u00e4higkeiten, indem er sich den basalen Strukturen des menschlichen Geistes zuwendet, durch die wir die von uns unabh\u00e4ngige Welt erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Untersuchung der menschlichen Erkenntnisf\u00e4higkeiten geht aber auch hervor, dass unseren Erkenntnism\u00f6glichkeiten eine Grenze gezogen ist. So sind wir nicht in der Lage, ein Wissen dar\u00fcber zu erlangen, ob es Gott gibt oder die Seele unsterblich ist. Vielleicht \u00fcberraschend ist Kant aber der Meinung, dass wir aus moralischen Gr\u00fcnden dennoch an den \u00dcberzeugungen festhalten m\u00fcssen, dass es Gott und Unsterblichkeit gibt. Wie stichhaltig diese Argumentationen im Detail auch immer sein m\u00f6gen \u2013 was man gut erkennt, ist Kants Bestreben, Untersuchungen auf verschiedenen Feldern der Philosophie in einen Zusammenhang zu bringen und dabei der moralischen Orientierung besonderes Gewicht zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ethik etabliert Kant mit dem kategorischen Imperativ ein Moralprinzip, das wir auch heute noch als richtungsweisend verstehen. Ihm zufolge sollen wir unsere Handlungsvors\u00e4tze darauf pr\u00fcfen, ob sie als ein Gesetz f\u00fcr alle infrage kommen. Kant macht auch klar, dass sich daraus ein Instrumentalisierungsverbot ergibt, nach dem wir andere nicht als blo\u00dfe Mittel zum Erreichen unserer eigenen Ziele behandeln d\u00fcrfen \u2013 was unserem strategischen Umgang mit anderen Personen eine Grenze auferlegt. Denkt man an die politische Philosophie, so h\u00e4lt Kant vor allem eine Rechtsentwicklung f\u00fcr notwendig, in der sich Staaten eine republikanische Verfassung geben, zu einem V\u00f6lkerbund oder sogar einer Weltrepublik zusammenschlie\u00dfen und ein Weltb\u00fcrgerrecht achten, das einer jeden Person unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit zukommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig f\u00fcr Kant ist, dass sich alle diese Gesichtspunkte aus einer Reflexion auf die menschliche Vernunft ergeben. Der Mensch wird dabei als ein Wesen begriffen, das nicht nur aus Klugheit handelt und nach den richtigen Mitteln zum Erreichen seiner eigenen Ziele sucht, sondern aufgrund seiner Vernunft eine allgemeine Perspektive einnehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Trotz der Bekanntheit und der Bedeutung Kants f\u00fcr die Philosophie haben k\u00fcrzlich gleich zwei Magazine ein falsches Bild von ihm ausgew\u00e4hlt. Kants Kopf soll ja die Porzellanvasen seiner Zeitgenossen geschm\u00fcckt haben, liest man, aber ist der K\u00f6nigsberger heute doch nicht mehr bekannt genug, zumindest visuell?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit ich sehe, ist Kant ein Autor, den viele lesen und an dem viele interessiert sind. Sie spielen aber darauf an, dass in letzter Zeit in den Medien Artikel \u00fcber Kant versehentlich mit einem Portrait von Jacobi bebildert wurden. Das ist deshalb witzig, weil Jacobi ein Kritiker Kants war und von Kant nicht gerade mit Sympathien wahrgenommen wurde. Wir haben nicht allzu viele zeitgen\u00f6ssische Kantportr\u00e4ts und vielleicht hat die Suche nach ungew\u00f6hnlichem Bildmaterial die Verantwortlichen in die Irre gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Viele sagen, dass Kant schwer zu lesen sei \u2013 w\u00fcrden Sie das best\u00e4tigen? Auch wenn man den historischen Abstand au\u00dfen vor l\u00e4sst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man kann schon sagen, dass Kants Schriften voraussetzungsreich sind. Das sollte uns nicht wundern, da er sich mit den meisten seiner Schriften an eine Fach\u00f6ffentlichkeit wendet. Viele der Schwierigkeiten ergeben sich auch aus den Themen, die er behandelt und f\u00fcr die er zum Teil erst eine neue Sprache finden musste. Es gibt jedoch auch kleinere Werke Kants, mit denen er sich an ein gr\u00f6\u00dferes Publikum wendet, nicht nur seinen Aufkl\u00e4rungsaufsatz. In diesen lernt man Kant als einen gro\u00dfartigen und gut lesbaren Schriftsteller kennen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wir leben in einer Zeit, in der hochproblematische Positionen oft auch mit einer Art des \u00bbkritischen Selbstdenkens\u00ab legitimiert werden. Wird Kants Maxime, sich auf den eigenen Verstand zu berufen, dadurch gewisserma\u00dfen pervertiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eine besonders interessante Frage, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass sich auch viele sogenannte Querdenker w\u00e4hrend der Pandemie auf den von Kant hervorgehobenen Wert des Selbstdenkens beriefen. Zun\u00e4chst muss man aber feststellen, dass Kant den Meinungen anderer durchaus Gewicht gibt: Die \u00dcbereinstimmung mit den Meinungen anderer spricht ihm zufolge sogar f\u00fcr die Wahrheit der eigenen Meinung. Insbesondere in den Bereichen von Moral und Politik liegt die Verantwortung f\u00fcr unsere Meinungen aber bei uns selbst. Vor allem hier d\u00fcrfen wir Meinungen nicht einfach \u00fcbernehmen, sondern m\u00fcssen nach Gr\u00fcnden f\u00fcr unsere Meinungen suchen \u2013 wobei nach Kant nur dann ein solcher Grund vorliegt, wenn er nicht nur f\u00fcr uns, sondern grunds\u00e4tzlich auch f\u00fcr alle anderen einsichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Manche Beobachter werfen die Frage auf, wie Kant wohl heute auf politische und gesellschaftliche Ph\u00e4nomene geblickt h\u00e4tte. Ein abwegiges Gedankenspiel oder durchaus reizvoll \u2013 immerhin hat Kant auf das gr\u00f6\u00dfte historische Ereignis seiner Zeit, die Franz\u00f6sische Revolution, mit gro\u00dfem Interesse geschaut?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen unser gegenw\u00e4rtiges politisches Handeln durchaus an den Ansichten Kants pr\u00fcfen. In Kants Perspektive m\u00fcssen wir trotz aller Unterschieden zwischen uns am Ziel eines friedlichen Zusammenlebens festhalten, bei dem auch niemand Not leiden darf. Ganz allgemein kann man sagen, dass er den Blick darauf richtet, was wir als vern\u00fcnftige Wesen gemeinsam haben und wodurch wir unsere Freiheit mit der anderer in Einklang bringen k\u00f6nnen. Nur wenn wir diese universalistische Perspektive beibehalten, k\u00f6nnen wir dem Zustand einer Welt entkommen, die durch Gruppenkonflikte gekennzeichnet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl kann man die Frage stellen, welche historischen Erfahrungen uns von Kant trennen. In Kants Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c stehen ihm Eroberungskriege vor Augen, nicht die Vernichtungskriege, die im 20. Jahrhundert auftraten. Unbekannt sind Kant auch die nationalistischen Ideologien, die Kriegsleidenschaft entfachen. Aber auch wenn wir im letzten Jahrhundert neue Dimensionen von menschlichem Leid kennengelernt haben, ist es richtig, dass wir auf eine positive Menschheitsentwicklung vertrauen m\u00fcssen, um handlungsf\u00e4hig zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was interessiert Sie als Forscher besonders an Kant, welche Fragen stellen Sie an seine Texte, an welcher Stelle ist er noch nicht ausreichend oder zu einseitig interpretiert worden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Interesse an Kant geht auf meine Besch\u00e4ftigung mit Kants \u00c4sthetik zur\u00fcck. Ich war gebannt davon, in welchem Ausma\u00df sich die Lekt\u00fcre eines historischen Textes als augen\u00f6ffnend f\u00fcr aktuelle Debatten erweisen kann. Heute besch\u00e4ftige ich mich vor allem damit, worin die Grundlagen von Kants Ethik bestehen und wie er sich zu der Frage verh\u00e4lt, ob sich die Standards moralischer Bewertung aus menschlichen Einstellungen und \u00dcberzeugungen ergeben oder eine davon unabh\u00e4ngige Tatsache darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist die Kant-Forschung ein sehr lebendiges Feld. Wir tendieren jedoch dazu, Kants intellektuelles Umfeld in der Aufkl\u00e4rung au\u00dfen vor zu lassen. Hier w\u00e4re ich daf\u00fcr, den Kanon zu erweitern und auch andere Autoren und Autorinnen der Aufkl\u00e4rung philosophisch zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>In den letzten Jahren wurde durchaus auch Kritik laut hinsichtlich rassistischer und auch antisemitischer Tendenzen in Kants Schriften. Wie w\u00fcrden Sie das sehen, wie kann und muss die Kant-Forschung darauf reagieren? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Elemente von Rassismus und Antisemitismus lassen sich bei Kant in der Tat auffinden. In einigen Passagen zeigt sich Kant als ein Autor, der die Judenfeindlichkeit des Protestantismus \u00fcbernimmt. Au\u00dferdem ist richtig, dass sich eindeutig rassistische Aussagen bei Kant nachweisen lassen. So kommt er an einigen Stellen auf eine Rassenhierarchie zu sprechen, mit der die nach Kant existierenden einzelnen Rassen nach dem Grad der Ausbildung ihrer Vernunft bewertet werden. Unklar ist aber, in welcher Verbindung diese Aussagen zum Kern seines philosophischen Denkens stehen. Das ist Gegenstand einer andauernden Debatte, die sich auch produktiv f\u00fchren l\u00e4sst. Aber wie tief oder weniger tief der Rassismus in Kants Denken verwurzelt sein mag \u2013 es bleibt deutlich, dass uns Kant auch wichtige Mittel an die Hand gibt, Rassismus zu kritisieren und zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kant-Experte Achim Vesper \u00fcber die Bedeutung und Aktualit\u00e4t Immanuel Kants und die fragw\u00fcrdige Inanspruchnahme seines Begriffs des kritischen Selbstdenkens seitens Querdenker UniReport: Herr Vesper, ihr Kollege Marcus Willaschek beginnt 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