{"id":79664,"date":"2024-04-19T10:25:11","date_gmt":"2024-04-19T08:25:11","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=79664"},"modified":"2024-04-22T15:45:29","modified_gmt":"2024-04-22T13:45:29","slug":"der-unversoehnte-theoriegeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/der-unversoehnte-theoriegeist\/","title":{"rendered":"Der unvers\u00f6hnte Theoriegeist"},"content":{"rendered":"<p><strong>In \u201eDer Philosoph: Habermas und wir\u201c von Philipp Felsch verschr\u00e4nken sich Zeit- und Geistesgeschichte in der Figur eines gro\u00dfen Frankfurter Denkers. Eine Rezension von Felix K\u00e4mper<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/05_Der_unversoehnte_Theoriegeist_650x450px-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-79665\" style=\"width:588px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/05_Der_unversoehnte_Theoriegeist_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/05_Der_unversoehnte_Theoriegeist_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/05_Der_unversoehnte_Theoriegeist_650x450px-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/05_Der_unversoehnte_Theoriegeist_650x450px.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>In seinem neuen Buch entwirft der Kulturwissenschaftler und Essayist Philipp Felsch ein philosophisch-politisches Portr\u00e4t des bedeutendsten lebenden Vertreters der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Die 22 Abschnitte von <em>Der Philosoph: Habermas und wir<\/em> kreisen in loser chronologischer Reihenfolge um verschiedenste Aspekte von Habermas\u2019 Wirken. Mal geht es um seine \u00f6ffentlichen Interventionen, mal um seinen Seminar- und Schreibstil, oft um intellektuelle Freund- und Feindschaften \u2013 sowie \u00dcberg\u00e4nge vom einen zum anderen. Auch manche theoretischen Grundgedanken finden Erw\u00e4hnung. Doch Felsch erhellt nicht allein den Denker Habermas. Von der Auseinandersetzung f\u00e4llt vielmehr auch ein Licht auf das bundesrepublikanische Zeitgeschehen. Je nach Blickwinkel er\u00f6ffnet sich der Leser*in, wie bei einem Wackelbild, entweder die <em>intellectual history<\/em> des Kritischen Theoretikers oder die politische Geistesgeschichte der Bundesrepublik. Dabei schl\u00fcsselt Felsch die unterschiedlichen Aspekte wie Fremdw\u00f6rter auf, deren Bedeutung sich aus ihrem Kontext ergibt. Er schreibt \u00fcber Konstellationen und ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ein unpr\u00e4tenti\u00f6ser Denker<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seinen vorherigen B\u00fcchern hatte Felsch den Blick noch auf Antipoden von Habermas gerichtet: auf die franz\u00f6sischen Autoren der Postmoderne in <em>Der lange Sommer der Theorie <\/em>(2015) und ihren geistigen Wegbereiter in <em>Wie Nietzsche aus der K\u00e4lte kam<\/em> (2022). Bei der Lekt\u00fcre des ersten Abschnitts von <em>Der Philosoph<\/em> dr\u00e4ngt sich derweil der Eindruck auf, dass er die Seiten gewechselt hat. Felsch berichtet von einem Besuch, den er Habermas in dessen Haus in Starnberg abgestattet hat. Beeindruckt zeigt er sich insbesondere von dem unpr\u00e4tenti\u00f6sen Auftreten dieser geistesgeschichtlichen, alles andere als grauen, Eminenz. \u00dcber diesen Eingangsteil hinaus tr\u00e4gt das Portr\u00e4t aber keine ehrerbietigen Z\u00fcge. Felsch rekonstruiert die Gr\u00fcnde f\u00fcr Habermas\u2019 Standpunkte, ohne sich dazu zu positionieren. Nur an wenigen Stellen weicht er davon in seiner Besch\u00e4ftigung mit der Doppelrolle von Habermas ab, \u201eder als Philosoph wie kaum ein anderer ins \u00dcberzeitlich-Allgemeine zielte, w\u00e4hrend er als \u00f6ffentlicher Intellektueller &#8230;auf die spezifische historische Situation reagierte\u201c (17), und l\u00e4sst sein eigenes Urteil einflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss macht Felsch gelungen anschaulich, wie sich der Wunsch nach einem politischen Neuanfang, der nicht blo\u00df auf eine Befriedigung des Normalit\u00e4tsbed\u00fcrfnisses der Nachkriegsgesellschaft abzielt, bei dem jungen Habermas mit der Abkehr von der Philosophie Heideggers und einer Hinwendung zu j\u00fcdischen Denkern verbindet. So teilt er mit Theodor W. Adorno die Auffassung, in einer \u201everkehrten Welt\u201c (19) zu leben, die eingehender Aufkl\u00e4rung bedarf. Zugleich schl\u00e4gt er in seiner Gesellschaftskritik andere Wege als sein Lehrer ein: Neben innovativen inhaltlichen Weichenstellungen treibt er ihr die suggestiven und ethischen Momente aus, um weniger als \u201eWeltanschauungsproduzent\u201c (35) daherzukommen. W\u00e4hrend er mit diesem Denkstil in New York zu re\u00fcssieren vermag, kommt es in Frankfurt zu einer Entfremdung mit der Studentenbewegung. Habermas, dessen \u201eHang zu Konfrontation und Polemik\u201c (55) sich gegen deren, wie er es nennt, scheinrevolution\u00e4res Begehren wendet, ist in den Augen vieler 68er*innen zu moderat und liberal.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kommunikation und Kritik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die entscheidende wissenschaftliche Wende zur Sprachphilosophie vollzieht er mit dem Wechsel als Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt einige Jahre sp\u00e4ter. Normativer Ankerpunkt seines Ansatzes ist die ideale Sprechsituation. Wie Felsch darlegt, ist die Idee dahinter nicht die einer Antizipation eines herrschaftsfreien Diskurses, sondern die einer unerl\u00e4sslichen Pr\u00e4supposition von Kommunikation. Der Stachel jener Kritik vom mangelnden \u201eRealit\u00e4tsgehalt\u201c (72), in der so gegens\u00e4tzliche Forscher wie Ralf Dahrendorf, Robert Spaemann, Niklas Luhmann, Michel Foucault und Dieter Henrich zusammenstimmen, lie\u00dfe sich so ein St\u00fcck weit ziehen. Habermas\u2019 \u00dcberlegungen m\u00fcnden 1981 in die <em>Theorie des kommunikativen Handelns<\/em>, die der Autor durchaus lehrreich einordnet. Er bewertet sie als Versuch, \u201eden Konservativen\u201c, die den Deutschen Herbst als Anlass zur Agitation gegen gesellschaftskritische Akteure nahmen, \u201edie Deutungshoheit zu entwinden\u201c (90). F\u00fcr seine Diagnose einer kolonialisierten Lebenswelt blies Habermas freilich starker Gegenwind ins Gesicht, von konservativen und liberalen Zeitgenossen ebenso wie von marxistischen, unter denen sich \u201edas Motiv vom staatstragenden Denker\u201c (98) breitmachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Motiv nimmt Felsch aber etwas zu stark auf. Dass Habermas die Bundesrepublik zunehmend als \u201eepochale Erfolgsgeschichte\u201c (76) sah und die Systemfrage zur\u00fcckstellte, mag bedingt zutreffen. Doch dass es in den 80ern zur \u201eVers\u00f6hnung\u201c (109) kam, er in ihr gar eine \u201ekonkrete Utopie\u201c (161f.) erblickte, ist eine verzerrte Darstellung. Der Autor erliegt an dieser Stelle einem Schwarz-Wei\u00df-Denken, das \u201eSicherheit in der falschen Eindeutigkeit gewaltsam hergestellter Dichotomien\u201c sucht \u2013 einem Denken, das Habermas im Zuge seiner Verteidigung zivilen Ungehorsams \u201ewider den autorit\u00e4ren Legalismus in der Bundesrepublik\u201c von 1983 scharf verurteilt.<br>Die Bemerkung, dass seine Haltung vom \u201eGestus eines Rechtshegelianers\u201c (172) kaum zu unterscheiden ist, schl\u00e4gt dem in dieser Hinsicht ohnehin l\u00f6cherigen Fass den Boden aus. So ergibt sich zum Beispiel aus dem ersten Kapitel von <em>Auch eine Geschichte der Philosophie<\/em> klar, dass Habermas noch immer auf gesunden Abstand zu verkl\u00e4rend-vers\u00f6hnlichen Denkungsarten geht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Lehren aus der Vergangenheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Debatte, mit der Habermas sich wohl am tiefsten in die deutsche Geistesgeschichte einschrieb, ist der Historikerstreit um Singularit\u00e4t und Bedeutung des Holocaust f\u00fcr das Nationalbewusstsein. Seine Breitseite gegen die revisionistischen Tendenzen einiger Geschichtswissenschaftler deutet Felsch als \u201eCoup\u201c (123) und damit als Paradebeispiel strategischen Handelns. Von dort aus beleuchtet er die j\u00fcngere Debatte \u00fcber hiesige Auswirkungen der Gewalt im Nahen Osten, in der Habermas erneut Stellung bezogen hat. Felsch stellt infrage, ob die Singularit\u00e4tsthese mit dem Prinzip, das die W\u00fcrde jedes Menschen gleich viel z\u00e4hlt, zu vereinen ist. Es stimmt, eine falsch verstandene Singularit\u00e4t und Solidarit\u00e4t kann dazu verleiten, \u00fcber die Verpflichtungen, die aus dem Menschheitsverbrechen der Shoah erwachsen, andere Pflichten zu vernachl\u00e4ssigen. Dem muss aber nicht so sein. Das Bekenntnis zu den Schrecken des Nationalsozialismus und der Auftrag, der Wiederholung von Auschwitz entgegenzuwirken, muss nicht zur Blindheit f\u00fcr andere Verbrechen wie denen israelischer Politiker oder Milit\u00e4rs f\u00fchren. Solange historische Verantwortung nicht zu einem Alibi verkommt, ist nicht ersichtlich, wieso sie einer universalistischen Gesinnung zuwiderlaufen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Neue Dringlichkeit gewann das Problem des deutschen Nationalbewusstseins mit dem Mauerfall. Habermas, der einen Verfassungspatriotismus f\u00fcr die einzige unbedenkliche Option hielt, warb hinsichtlich der Wiedervereinigung f\u00fcr \u201eeine gesamtdeutsche verfassungsgebende Versammlung\u201c (164). Und um nationalistische Tendenzen auch zuk\u00fcnftig einzud\u00e4mmen, pl\u00e4dierte er fortan au\u00dferdem f\u00fcr die europ\u00e4ische Integration. Auf beiden Ebenen hoffte er auf eine umw\u00e4lzende rekursive Identit\u00e4tsbildung mittels Deliberation, wie Felsch treffend herausstellt. Nach der Betrachtung von Habermas\u2019 Ansichten zum Krieg, vor allem dem in der Ukraine, endet das Portr\u00e4t mit einem erneuten Zusammentreffen im Herbst letzten Jahres. Die d\u00fcstere Zeitdiagnose, die der aufkl\u00e4rerische Denker bei diesem Anlass zeichnet, verdeutlicht, wie frustriert er von den gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen ist. Aber anders als f\u00fcr Boethius, der in dunklen Stunden Zuspruch bei der Philosophie suchte, eignet sich Theorie f\u00fcr Habermas nicht als Trostpflaster f\u00fcr tragische Ereignisse.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Im Spiegel der Zeitgeschichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Philosoph: Habermas und wir<\/em> ist ein lebendiges Buch, das spannende zeitgeschichtliche Zug\u00e4nge zu einem der weltweit wichtigsten Denker er\u00f6ffnet. Was dessen Texte an den f\u00fcr ein popul\u00e4res Portr\u00e4t unerl\u00e4sslichen pers\u00f6nlichen Einblicken vermissen lassen, gleicht der Autor geschickt mit den Spannungsverh\u00e4ltnissen zu anderen Intellektuellen wie Martin Walser, Karl Heinz Bohrer und Hans Magnus Enzensberger aus. Ein interessanter Gang durch Habermas\u2019 Briefwechsel h\u00e4tte alternativ darin bestehen k\u00f6nnen, diesen weniger auf den \u00dcberbau und mehr auf die Basis hin zu untersuchen: Was waren die Erm\u00f6glichungsbedingungen des Projekts Habermas? Auf welche Strukturen und Mitarbeiter*innen war er angewiesen, um eine derartige Produktivit\u00e4t zu entfalten? Man denke etwa an seine Aussage, dass er der Sicherheit durch eine \u201eb\u00fcrgerliche Lebensform\u201c bedurfte, um \u201enicht mit allzu viel Angst denken zu k\u00f6nnen\u201c (105). Gewiss gibt es Anreize zur Anpassung, die auf subtilere Weise wirken als Angst (wie man nicht zuletzt von seinem postmodernen Konterpart Foucault lernen kann). So oder so fragt es sich mit Bezug auf aktuelle Vorg\u00e4nge, was man etwa von der geplanten Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes halten soll, wenn man diese Einsichten ernst nimmt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#ededed\">Mehr erfahren zu \u201eDer Philosoph: Habermas und wir\u201c kann man beim Book-Talk zwischen dem Autor <strong>Philipp Felsch<\/strong> und <strong>Martin Saar<\/strong>, Professor f\u00fcr Sozialphilosophie, am 30. April um 18 Uhr im Eisenhower Saal des IG-Farben-Hauses. Und zum Thema \u00bbDemokratie in Zeiten der Regression\u00ab finden am 6.&nbsp;Mai um 19 Uhr im Klingspor Museum die Goethe Lectures Offenbach mit <strong>Rainer Forst <\/strong>statt, Professor f\u00fcr Politische Theorie und Philosophie und Direktor des Forschungszentrums \u201eNormative Ordnungen\u201c.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Felix K\u00e4mper <\/strong>arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum \u00bbNormative Ordnungen\u00ab. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen normative sowie zeitdiagnostische Fragen des gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisses zur Umwelt. Der Titel seiner Dissertation lautet Vernunft und Natur: Kritische Theorie der Gesellschaft und ihrer Umwelt.<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In \u201eDer Philosoph: Habermas und wir\u201c von Philipp Felsch verschr\u00e4nken sich Zeit- und Geistesgeschichte in der Figur eines gro\u00dfen Frankfurter Denkers. 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