{"id":79777,"date":"2024-05-02T11:48:02","date_gmt":"2024-05-02T09:48:02","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=79777"},"modified":"2024-05-17T12:06:59","modified_gmt":"2024-05-17T10:06:59","slug":"die-grenzen-von-sprache-und-vernunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/die-grenzen-von-sprache-und-vernunft\/","title":{"rendered":"Die Grenzen von Sprache und Vernunft"},"content":{"rendered":"<p><em>Die slowenische Philosophin Alenka Ambro\u017e ist auf Einladung des Forschungsschwerpunktes \u201eDemocratic Vistas: Reflections on the Atlantic World\u201c Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Frau Ambro\u017e, in Ihrem Postdoktorandenprojekt geht es um die Untersuchung von Vernunft und Wahnsinn als politische Kategorien im Kontext der atlantischen Welt. Warum ist die Forschung dazu relevant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Alenka Ambro\u017e: Im Laufe der Geschichte hatte die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn immer eine politische Bedeutung, da sie als Faktor der Ausgrenzung und der Aufrechterhaltung von Machtbeziehungen fungierte. Frauen, Ausl\u00e4nder, Anh\u00e4nger einer anderen Religion oder politische Gegner wurden als unvern\u00fcnftig oder verr\u00fcckt bezeichnet, um sie zu diskreditieren. Auf etwas ungew\u00f6hnliche Weise wurde mein Interesse an diesem Thema durch meine Forschungen im Bereich der \u00dcbersetzungsphilosophie geweckt. Dabei habe ich Strategien untersucht, die in der Vergangenheit verwendet wurden, um Sprachen und Lebenswelten, die sich radikal von unserer eigenen Sprache und Lebenswelt unterscheiden, zu \u00fcbersetzen. Eine typische ethnologische Haltung gegen\u00fcber einer fremden Sprache und fremden Sitten bestand darin, die betreffende Sprachgruppe als \u201ewild\u201c zu bezeichnen und ihr eine \u201epr\u00e4logische Mentalit\u00e4t\u201c zuzuschreiben. Eine der fr\u00fchesten Formen der Ausgrenzung, basierend auf der Differenz von Vernunft und Wahnsinn, l\u00e4sst sich somit auf den Umgang mit sprachlichen Unterschieden und die Tendenz von Gemeinschaften zur\u00fcckf\u00fchren, diejenigen auszugrenzen, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Dies war zum Beispiel die Haltung der alten Griechen gegen\u00fcber den Barbaren, die als unvern\u00fcnftig galten, weil ihre Sprache als unverst\u00e4ndlich galt. Da das Teilen einer Sprache (Logos) als Kriterium f\u00fcr die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gemeinschaft der Menschen galt, war ein Ausschluss aus der Sprachgemeinschaft einer der sch\u00e4rfsten Vorw\u00fcrfe, denen man ausgesetzt sein konnte. In der Tat ist diese spontane Haltung, die eigene Sprache und Kultur als Modell f\u00fcr alle anderen zu betrachten, nach L\u00e9vi-Strauss \u201edie \u00e4lteste Haltung\u201c: Der Ethnologe hat bei seinen Aufenthalten in den Gesellschaften der amerikanischen Ureinwohner beobachtet, dass die Tendenz, das Menschsein auf die Grenzen der eigenen Gemeinschaft (Stamm, Sprachgruppe, Dorf) zu beschr\u00e4nken, universell auf alle Gruppen zutrifft, die miteinander in Ber\u00fchrung kommen, seien es Kolonisatoren oder Eingeborene. Traurigerweise ist dies heute mehr denn je der Fall. Mit dem Aufkommen der so genannten \u201eMigrationskrise\u201c wurden populistische Narrative verbreitet, die die Vertriebenen als unzivilisiert beschreiben; diese pr\u00e4gen immer noch die kollektiven Vorstellungen in ganz Europa. Die Weigerung, andere Denkweisen als die eigenen zu akzeptieren, f\u00fchrt zu Rechtfertigungen verschiedener Formen von Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welche Bedeutung hat die Idee der atlantischen Welt f\u00fcr Sie und Ihre Arbeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die atlantische Welt ist die Wiege der Moderne, der demokratischen Ideale und vieler wertvoller humanistischer Werte, aber auch einiger der gr\u00f6\u00dften Verbrechen gegen die Menschheit, wie dem transatlantischen Sklavenhandels, der Rassentrennung und der brutalen Kolonisierung der indigenen V\u00f6lker Amerikas. Es ist wichtig, sich diese beiden widerspr\u00fcchlichen Aspekte der Geschichte dieses Raums vor Augen zu halten, um den ersten nicht ad acta zu legen und den zweiten nicht zu vergessen. Der Atlantik war und ist ein Raum des intensiven kulturellen Austauschs, der mehrere Zivilisationen hervorgebracht hat. Wir neigen dazu zu vergessen, dass unsere Kulturen und Sprachen gerade durch den Kontakt und den Austausch mit anderen Kulturen entstanden sind: Die moderne europ\u00e4ische humanistische Kultur ist das Ergebnis einer Reihe von kulturellen Transfers und \u00dcbersetzungen, die nicht nur durch das antike Griechenland und Rom, sondern auch durch die arabische Welt gingen. Die Idee der atlantischen Welt ist eine Erinnerung daran, dass das \u201eAndere\u201c immer schon ein Teil von uns ist. Wenn wir uns weigern, dies anzuerkennen, entstehen verschiedene Formen von Beziehungspathologien, wie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Diese Pathologien betreffen nicht nur diejenigen, die von Formen der Beherrschung und Diskriminierung betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sie aus\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie arbeiten auch in dem Projekt Democratic Vistas mit; wie sehen Sie die Rolle der Geisteswissenschaften, das Projekt der Demokratie noch besser zu verstehen und vielleicht auch zu st\u00e4rken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gegenw\u00e4rtigen Krisen der Demokratie, mit denen wir in Europa und dar\u00fcber hinaus konfrontiert sind, erinnern uns daran, dass Demokratie immer ein Prozess ist, der noch nicht abgeschlossen ist und nie als selbstverst\u00e4ndlich angesehen werden sollte. Das hat schon der amerikanische Dichter Walt Whitman gesehen, auf dessen Essay \u201eDemocratic Vistas\u201c aus dem Jahre 1871 sich das Forschungsprojekt bezieht. Er schrieb, dass Demokratie keine historische Errungenschaft ist oder etwas, zu dem wir uns selbst begl\u00fcckw\u00fcnschen sollten, sondern das Projekt einer kollektiven Lebensform, das noch nicht abgeschlossen ist. Da unsere Demokratien mit systemischem Rassismus, Menschenrechtsverletzungen gegen\u00fcber marginalisierten Gruppen, Polizeigewalt gegen Demonstranten und so weiter zu k\u00e4mpfen haben, bleibt die Demokratie ein angestrebtes und noch nicht erreichtes Projekt. In diesem Sinne verstehe ich auch Whitmans Aufruf, Demokratie als ein Gewebe des t\u00e4glichen Lebens zu interpretieren: Demokratie nicht vom abstrakten Standpunkt eines normativen Ideals aus zu betrachten, sondern vom Standpunkt der gelebten Erfahrungen aller verschiedenen Gruppen, die unsere Gesellschaften ausmachen. Die Geisteswissenschaften erm\u00f6glichen es uns, gelebte Erfahrungen mit einer kritischen Bewertung systemischer Ungerechtigkeiten im Lichte unserer gemeinsamen humanistischen Ideale zu verkn\u00fcpfen. Gleichzeitig erm\u00f6glichen es uns postkoloniale, dekoloniale, feministische und \u00f6kologische Ans\u00e4tze in den zeitgen\u00f6ssischen Geisteswissenschaften, einseitige und interessengeleitete Ans\u00e4tze zur Demokratie zu hinterfragen und Demokratie als ein wirklich globales Projekt zu begreifen. Die Welt, wie wir sie heute kennen, ist viel st\u00e4rker globalisiert als die Welt, in der Whitman schrieb. Deshalb glaube ich, dass wir heute \u00fcber Demokratie auf einer globalen Ebene nachdenken m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat Ihr Aufenthalt in Bad Homburg Ihre bisherige Forschung beeinflusst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Aufenthalt erm\u00f6glichte mir die Teilnahme an verschiedenen wissenschaftlichen Veranstaltungen an der Goethe-Universit\u00e4t; dadurch konnte ich meinen Forschungshorizont erweitern, vor allem im Bereich der Kritischen Theorie. Verschiedene Konferenzen und Seminare boten die Gelegenheit, die spannendsten Forscher zu treffen und sich mit ihnen anzufreunden. Mir ist aufgefallen, wie sehr sich der philosophische Horizont in Frankfurt von dem unterscheidet, den ich in Paris kennengelernt habe. Nur vier Stunden Zugfahrt entfernt, aber eine ganz andere Forschungskultur! Es gibt definitiv viele Aspekte, die ich mitnehmen und in meine zuk\u00fcnftige Forschung und Lehre integrieren werde. Das Forschungskolleg in Bad Homburg bringt Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen zusammen. F\u00fcr einen Philosophen ist es sehr anregend, beim Mittagessen informelle Diskussionen mit Rechtswissenschaftlern, Linguisten, Historikern, politischen Theoretikern und so weiter zu f\u00fchren. Dieser Austausch brachte neue wertvolle Elemente in meine Forschung ein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was hat es f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich bedeutet, am John McCloy Transatlantic Forum, das zum Forschungsschwerpunkt geh\u00f6rt, mitzuwirken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das John McCloy Transatlantic Forum hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Nachdenken \u00fcber Demokratie in der \u00d6ffentlichkeit zu st\u00e4rken. So hatte ich die Gelegenheit, meine Forschung mit Sch\u00fclern eines Gymnasiums Bad Homburg zu diskutieren, was eine wunderbare Erfahrung war. Ich war sehr beeindruckt von der Neugierde und dem Engagement der Sch\u00fcler. Sie kannten sich sehr gut in der globalen Geschichte und Politik aus und hatten ihre eigene kritische Einsch\u00e4tzung der aktuellen Ereignisse, von der tragischen Situation in Gaza bis zu den bevorstehenden US-Wahlen. Mir pers\u00f6nlich hat es Hoffnung gegeben zu sehen, dass trotz der zunehmenden medialen Polarisierung das kritische Denken bei der jungen Generation in Deutschland sehr lebendig ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Fragen: Monika Hellstern<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die slowenische Philosophin Alenka Ambro\u017e ist auf Einladung des Forschungsschwerpunktes \u201eDemocratic Vistas: Reflections on the Atlantic World\u201c Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften. 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