{"id":80185,"date":"2024-06-25T10:07:06","date_gmt":"2024-06-25T08:07:06","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=80185"},"modified":"2024-06-25T10:47:15","modified_gmt":"2024-06-25T08:47:15","slug":"fragen-an-johannes-vo%cc%88lz-und-till-van-rahden-zum-buch-horizonte-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/fragen-an-johannes-vo%cc%88lz-und-till-van-rahden-zum-buch-horizonte-der-demokratie\/","title":{"rendered":"Fragen an Johannes Vo\u0308lz und Till van Rahden zum Buch Horizonte der Demokratie"},"content":{"rendered":"<p><em>Demokratie (auch) als Lebensform \/ Johannes V\u00f6lz und Till van Rahden zum Buch \u201eHorizonte der Demokratie\u201c, erschienen im Rahmen des Frankfurter Forschungskreises \u201eDemocratic Vistas: Reflections on the Atlantic World\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"500\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitrag_Cover_Buch-Horizonte-der-Demokratie-300x500.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-80186\" style=\"width:260px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitrag_Cover_Buch-Horizonte-der-Demokratie-300x500.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitrag_Cover_Buch-Horizonte-der-Demokratie-180x300.jpg 180w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitrag_Cover_Buch-Horizonte-der-Demokratie-7x12.jpg 7w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitrag_Cover_Buch-Horizonte-der-Demokratie.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr V\u00f6lz, Herr van Rahden, der Untertitel des Buches lautet \u201eOffene Lebensformen nach Walt Whitman\u201c. Im (Gegenwarts-) Deutschland kennt man ihn wahrscheinlich (nur) noch von der Verwendung des Gedichts \u201eO Captain! My Captain\u201c im Film \u201eClub der toten Dichter\u201c. Warum ist eine Besch\u00e4ftigung mit Whitman aus Sicht der Demokratieforschung so fruchtbar?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Till van Rahden: F\u00fcr uns ist Whitman einer der Denker der Stunde. Das Thema der Demokratie zieht sich durch das Werk dieses gro\u00dfen amerikanischen Dichters der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Indem wir uns darauf einlassen, was er \u00fcber die Demokratie zu sagen hat, erkennen wir viel \u00fcber die blinden Flecken unserer aktuellen Diskussionen. Mit Whitman k\u00f6nnen wir anders \u00fcber die Demokratie nachdenken, als wir es heute \u00fcblicherweise tun. Statt darauf zu schauen, was Demokratien sterben l\u00e4sst, fragt Whitman, was sie am Leben h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes V\u00f6lz: Whitmans Schaffen ist gepr\u00e4gt vom amerikanischen B\u00fcrgerkrieg \u2013 angefangen von dessen Vorboten, der zunehmenden Gewalt ab Mitte der 1850er Jahre, bis hin zu den Konsequenzen nach dem Krieg, als die USA gewissenma\u00dfen ein zweites Mal gegr\u00fcndet werden m\u00fcssen. Hinter seinem Werk steht also eine Krise der Demokratie, im Vergleich zu der sich die heutige Situation als beinahe harmlos darstellt. Aber meistens betrauert Whitman nicht etwa, dass das amerikanische Experiment des Republikanismus mit dem B\u00fcrgerkrieg an den Punkt des Scheiterns gekommen ist. Er bekennt sich stattdessen zur Demokratie. Und er tut dies nicht theoretisch, oder durch Appelle und Durchhalteparolen, sondern er nutzt die Mittel der Literatur. So macht er sinnlich erfahrbar, was es hei\u00dft, in einer demokratischen Kultur zu leben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie hat man sich das vorzustellen: Literatur, die demokratische Kultur erfahrbar macht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>JV: In seinen Langgedichten l\u00e4sst Whitman das \u201eIch\u201c durch die amerikanische Gesellschaft seiner Zeit streifen. Er nimmt diejenigen wahr, die am Rande der Gesellschaft stehen: Arbeiter, Sklaven, Prostituierte. Ihnen begegnet er nicht etwa mit Mitleid, sondern er gibt ihnen Raum, er macht sie sichtbar, und er stellt sie auf eine Stufe mit sich selbst und allen anderen. Er bindet sie ein in die Listen und Kataloge des amerikanischen Lebens, die seiner Lyrik Form verleihen. Wobei \u201eListe\u201c und \u201eKatalog\u201c eigentlich irref\u00fchrende Begriffe sind. Das klingt nach trockener B\u00fcrokratie. Whitmans Lyrik liest sich fast atemlos, oft euphorisch. Er schreibt in freier Form, manchmal in geradezu wilder Form. In seinen Gedichten aufzutauchen, bedeutet: erfahrbar zu werden, und zwar erfahrbar als gleich. Das ist eine aufregende Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcblicherweise verbindet man mit Demokratie das Recht zu w\u00e4hlen, die Verfahren und Institutionen kollektiver Selbstregierung. Sie dagegen sprechen von sinnlichen Alltagserfahrungen. Von welchem Demokratieverst\u00e4ndnis gehen Sie aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>TvR: Das ist der vielleicht wichtigste Gedanke, den wir bei Whitman finden. F\u00fcr ihn ist die Demokratie nicht nur eine Sache von Wahlen und Parteien. Sie ist sowohl eine Regierungs- als auch eine Lebensform. Beides ist miteinander verschr\u00e4nkt. Bei der Demokratie geht es um Formen des Zusammenlebens \u2013 also etwa Umgangsformen \u2013, die den Alltag durchziehen und die gar nicht auf den ersten Blick etwas mit Politik zu tun haben. Whitman nimmt das Diktum Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rdes vorweg und f\u00fchrt es aus. Der Staatsrechtler betont: \u201eDer freiheitliche, s\u00e4kularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann\u201c. Die Regierungsform der Demokratie braucht mit anderen Worten Demokratinnen und Demokraten, aber auch in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen fallen diese nicht vom Himmel. Zu Demokraten werden Menschen durch ihre Einbettung in eine Lebensform. Ohne diese Lebensform geht die Demokratie ein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und wie sieht diese Lebensform laut Whitman aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>TvR: Der Clou liegt in Whitmans Einsicht, dass es keine festgelegten Formen gibt. Oder geben darf. Erstarren die Formen, werden sie nicht mehr gelebt, sondern es bilden sich feste, unverr\u00fcckbare Hierarchien, es entstehen Ungleichheit und Unfreiheit. Die Formen m\u00fcssen sich also weiterentwickeln, oder, wie Whitman schreibt: Es geht um \u201eFormen, die Formen hervorbringen\u201c. Es gibt also keinen demokratischen Wertekanon und es l\u00e4sst sich auch keine demokratische Leitkultur festlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>JV: Es gibt keine ewigen Werte, aber es gibt ein ewiges Prinzip: das der Gleichheit. Sie ist zwar nie vollkommen verwirklicht in real existierenden Gesellschaften, aber sie durchzieht \u2013 so sieht es jedenfalls Whitman \u2013 unser aller Existenz. Whitman geht es hier nicht um eine abstrakte Norm oder um eine pure Idee. Er betont, dass wir alle k\u00f6rperliche Wesen sind, und als solche Teil desselben durch und durch materiellen Kosmos. Whitman steht in der Folge des amerikanischen Transzendentalismus und dessen zentraler Gedanke besagt: Wir sind alle eingebunden in ein gro\u00dfes Ganzes, auch wenn uns das nur in besonderen, fl\u00fcchtigen Momenten bewusst wird. Wenn man so will, ist das Demokratische laut Whitman in unserem Sein immer schon angelegt. Es geht darum, diese virtuelle Gleichheit zu verwirklichen. Dabei k\u00f6nnen Literatur und die anderen K\u00fcnste behilflich sein, aber letztlich muss diese Gleichheit im Alltag sp\u00fcrbar werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Autor*innen Ihres diskursiv angelegten Sammelbandes mit Essays, Repliken und einem Gespr\u00e4ch kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, das Spektrum reicht von Amerikanistik \u00fcber Geschichtswissenschaft bis hin zu Philosophie, Sinologie und \u00c4sthetik. Verstehen Sie diese Vielfalt der Zug\u00e4nge als ein Mittel, mit dem sich auf die Gef\u00e4hrdung der Demokratie reagieren l\u00e4sst?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>JV: Der Politikwissenschaftler Gunther Hellmann und ich haben den Forschungsverbund \u201eDemocratic Vistas: Reflections on the Atlantic World\u201c w\u00e4hrend der ersten Trump-Jahre am Forschungskolleg Humanwissenschaften konzipiert, und nat\u00fcrlich trieb uns die Sorge um die Demokratie um, wie auch die Sorge um die Zukunft der transatlantischen Beziehungen. Till van Rahden hatte zu diesem Zeitpunkt gerade sein Buch <em>Demokratie: Eine gef\u00e4hrdete Lebensform <\/em>(Campus, 2019) ver\u00f6ffentlicht und lieferte darin wichtige Stichpunkte f\u00fcr unseren Kreis. Dass Demokratie als Lebensform zu begreifen ist, die das Alltagsleben durchzieht \u2013 das war von vornherein ein wichtiger Ansatz von Democratic Vistas, und deswegen finden sich in unserem Kreis Forscherinnen und Forscher aus Disziplinen quer durch die Sozial- und Geisteswissenschaften. Es war also programmatisch, einen Forschungsverbund zur Demokratie nach dem Werk eines Dichters zu benennen \u2013 dem Essay \u201eDemocratic Vistas\u201c, den Whitman unmittelbar nach dem B\u00fcrgerkrieg schrieb. Und f\u00fcr unsere nun gestartete Buchreihe, die sich in ihrem Titel \u2013 \u201eDemocratic Vistas\/Demokratische Horizonte\u201c \u2013 abermals auf Whitman bezieht, lag es nahe, den ersten Band der Frage zu widmen, wie sich aus verschiedenen Fachperspektiven mit Whitman \u00fcber Demokratie nachdenken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>TvR: Das Buch ist nicht als Beitrag zur Whitman-Forschung gedacht. Wir sind gr\u00f6\u00dftenteils auch keine Whitman-Experten. Wir lassen uns vielmehr von seinen Ideen anregen. Das hat in Deutschland wie in Europa \u00fcbrigens eine Tradition, auch wenn das heute in Vergessenheit geraten ist. Besonders nach den beiden Weltkriegen, als angesichts von \u201eUrkatastrophe\u201c und \u201eZivilisationsbruch\u201c unklar war, wie und ob sich Deutschland in eine Demokratie verwandeln lie\u00dfe, bezog man sich hierzulande auf Whitman. Thomas Mann pries eine Ausgabe mit gesammelten Werken Whitmans, die 1922 auf Deutsch erschien, als \u201eGottesgeschenk\u201c. Und Erich K\u00e4stner, der als Redakteur den \u201ePinguin\u201c betreute \u2013 die wichtigste Jugendzeitschrift in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg \u2013, zitierte ausf\u00fchrlich Whitmans \u201eGesang vom Breitbeil\u201c. Wir sind also sowohl den Impulsen eines amerikanischen Dichters als auch einer deutschen \u2013 oder besser europ\u00e4ischen \u2013 Denktradition verpflichtet, die sich der Bedeutung Whitmans f\u00fcr die Demokratie in Krisenzeiten bewusst war und f\u00fcr die Namen wie Czes\u0142aw Mi\u0142osz oder Cesare Pavese stehen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie Sie beide in der Einleitung zu Ihrem Buch schreiben, setzte Whitman seine Hoffnung f\u00fcr die Zukunft der amerikanischen Demokratie auf die einende Kraft der Literatur. Nun l\u00e4sst sich allerdings gegenw\u00e4rtig beobachten, dass immer mehr demokratische Gesellschaften in einen Kulturkampf geraten. Kann die Kultur die Demokratie retten? Oder ist sie nicht mittlerweile selbst zu einem Krisenherd geworden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>JV: Es stimmt schon: Es w\u00e4re naiv, auf die Literatur und die K\u00fcnste zu setzen, um dem Erstarken antidemokratischer und illiberaler Kr\u00e4fte entgegenzuwirken. Das war \u00fcbrigens schon zu Whitmans Zeiten der Fall, wie er sich selbst eingestehen musste. Als er 1855 seinen ersten Gedichtband ver\u00f6ffentlichte, nahm kaum jemand davon Notiz. Die Rezensionen in der Presse schrieb er heimlich selbst. Auch das kann man von ihm lernen: Man sollte die politische Kraft der Literatur nicht \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>TvR: Wobei man sagen muss, dass wir mit unserem Band keineswegs auf die Kraft der K\u00fcnste setzen. Es geht uns vor allem um die Frage, was es hei\u00dft, Freiheit und Gleichheit sinnlich zu erfahren. Uns interessieren Alltagserfahrungen, Umgangsformen, eine bestimmte Form der Geselligkeit und schlie\u00dflich auch das, was der von Whitman beeinflusste politische Theoretiker George Kateb \u201edemokratische Individualit\u00e4t\u201c nennt. Uns geht es also um einen Begriff von Kultur, der breiter gefasst ist als \u201edie K\u00fcnste\u201c. Im Englischen w\u00fcrde man dieses Kulturverst\u00e4ndnis als \u201eway of life\u201c bezeichnen. Und das hei\u00dft r\u00fcck\u00fcbersetzt: Lebensform!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Johannes V\u00f6lz\/Till van Rahden (Hg.): Horizonte der Demokratie. Offene Lebensformen nach Walt Whitman. Band 1 der Reihe Democratic Vistas. Bielefeld: transcript Verlag 2024 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783839462737\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783839462737<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demokratie (auch) als Lebensform \/ Johannes V\u00f6lz und Till van Rahden zum Buch \u201eHorizonte der Demokratie\u201c, erschienen im Rahmen des Frankfurter Forschungskreises \u201eDemocratic Vistas: Reflections on the Atlantic World\u201c. 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