{"id":80418,"date":"2024-07-30T13:10:56","date_gmt":"2024-07-30T11:10:56","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=80418"},"modified":"2024-08-01T08:26:34","modified_gmt":"2024-08-01T06:26:34","slug":"gespraeche-sollen-ein-dialog-sein-in-dem-alle-beteiligten-in-sicherem-rahmen-zu-wort-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/gespraeche-sollen-ein-dialog-sein-in-dem-alle-beteiligten-in-sicherem-rahmen-zu-wort-kommen\/","title":{"rendered":"\u00bbGespr\u00e4che sollen ein Dialog sein, in dem alle Beteiligten in sicherem Rahmen zu Wort kommen\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Studierende stellen Fragen an die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher zum Krieg in Nahost.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/07_Generalkonsulin_650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-80419\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/07_Generalkonsulin_650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/07_Generalkonsulin_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/07_Generalkonsulin_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/07_Generalkonsulin_650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Talya Lador-Fresher. | Foto: Manuel Rudel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Die Terrorangriffe der Hamas auf Israel sowie dessen milit\u00e4risches Vorgehen besch\u00e4ftigen auch viele Mitglieder der Goethe-Universit\u00e4t, zum Teil, weil sie Menschen in der Region famili\u00e4r oder freundschaftlich verbunden sind. Zugleich sind der Konflikt, seine Geschichte und seine Folgen Themen f\u00fcr Forschung und Lehre an der Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Christian Wiese, Direktor des Buber-Rosenzweig-Instituts f\u00fcr j\u00fcdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und der Gegenwart und Professor am Fachbereich Evangelische Theologie, hatte f\u00fcr Anfang Juni eine Veranstaltung geplant, bei der sich Talya Lador-Fresher, Generalkonsulin<br>Israels in M\u00fcnchen, Fragen Studierender stellen wollte. Aufgrund einer bei der Stadt angezeigten Protestversammlung gegen diesen Besuch entwickelte sich eine Dynamik, in der die Universit\u00e4tsleitung die Sicherheit der teilnehmenden Studierenden und der Generalkonsulin nicht mehr gew\u00e4hrleistet<br>sah. In Absprache mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden entschied sich die Universit\u00e4tsleitung dazu, die Veranstaltung auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt zu verschieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gespr\u00e4ch wurde am 8. Juli nachgeholt. Vor einem neuen Anlauf f\u00fcr diesen durch das Buber-Rosenzweig-Institut begleiteten Diskurs stellten zwei Studierende, die an dem Gespr\u00e4ch teilnehmen wollten, der Generalkonsulin schriftlich ihre Fragen. Wir dokumentieren diese sowie die Antworten<br>der Generalkonsulin.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Liebe Frau Generalkonsulin, vielen Dank f\u00fcr Ihre Bereitschaft, mit uns in Austausch zu treten. Der erste Termin f\u00fcr das gemeinsame Gespr\u00e4ch musste aus Sicherheitsbedenken verschoben werden. Was hat diese Absage f\u00fcr Sie bedeutet? Vonseiten der Protestierenden wurde Ihr Gespr\u00e4chsangebot als eine Apologie israelischen Staatshandelns dargestellt. Was war Ihre Intention, als Sie zum Gespr\u00e4ch eingeladen haben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Talya Lador-Fresher:<\/em> Dass der erste Termin verschoben werden musste, war eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung. Ich kann die Sorge um die Studierenden und die Sicherheitsbedenken bez\u00fcglich der Veranstaltung seitens der Goethe-Universit\u00e4t nachvollziehen. Gleichzeitig ist es erschreckend, dass der Terror zu einer Verschiebung der Veranstaltung gef\u00fchrt hat. Terror findet nicht nur physisch, sondern auch psychisch statt \u2013 beispielsweise, wenn man wie in diesem Falle seine Meinung nicht frei \u00e4u\u00dfern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das war die Intention des Gespr\u00e4chsangebotes: die Erfahrungen und Einsch\u00e4tzungen als israelische Diplomatin zu teilen und mit den anwesenden Studierenden in einen Austausch \u00fcber ihre Erfahrungen und Gedanken zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darstellung des Gespr\u00e4chsangebotes als \u201eApologie israelischen Staatshandelns\u201c folgt erneut dem Paradigma der Anwendung von Doppelstandards in Bezug auf den Staat Israel sowie Vertreterinnen und Vertreter des Staates Israel. Unter dieser Pr\u00e4misse wird ein Dialog nahezu unm\u00f6glich gemacht. Gespr\u00e4che sollen ein Dialog sein, in dem alle Beteiligten in sicherem Rahmen zu Wort kommen und vor allem einander zuh\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass die schrecklichen Ereignisse des 7. Oktober im Bewusstsein aller Studierenden, aller Menschen in Deutschland verankert sein m\u00fcssen. Wer dieses grausame Massaker vergisst, verdr\u00e4ngt oder negiert, betreibt eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kann man aus Ihrer Sicht unter diesen Bedingungen \u00fcberhaupt in einen echten Austausch kommen? Sie haben viel Erfahrung mit konflikthaften Gespr\u00e4chen. Haben Sie einen Rat f\u00fcr Studierende, wie man mit Personen, die aggressiv auftreten, in ein konstruktives Gespr\u00e4ch kommen kann, das beide Seiten wirklich weiterbringt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich bedarf jedes Gespr\u00e4ch Rahmenbedingungen. Wenn ein Part aggressiv auftritt, wird ein Gespr\u00e4ch weitestgehend unm\u00f6glich gemacht. Mir ist an dieser Stelle wichtig zu sagen: Die Menschen, die am 4. Juni antisemitische Ressentiments und Israelhass reproduzierend vor der Goethe-Universit\u00e4t protestiert haben, haben kein Interesse an einem tats\u00e4chlichen Dialog.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Kundgebungen wie der vor der Goethe-Universit\u00e4t am 4. Juni werden h\u00e4ufig jenseits seri\u00f6ser Fakten und Quellen antisemitische und antiisraelische Meinungen reproduziert. Informationen, die beispielsweise<br>von der Terrororganisation Hamas kommen, entstammen keiner verl\u00e4sslichen und vertrauensvollen Quelle. Dies haben beispielsweise die Vorg\u00e4nge rund um die Explosion auf dem Parkplatz des Al-Ahli-Krankenhauses am 17. Oktober 2023 gezeigt. Bei der Explosion wurden Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser, die dort Schutz suchten, get\u00f6tet oder verletzt. Die Berichte \u00fcber die Ursache der Explosion gehen weit auseinander. Laut Angaben der Hamas sei ein israelischer Luftangriff f\u00fcr die Explosion verantwortlich. Geheimdienstquellen Israels, der Vereinigten Staaten, Frankreichs, des Vereinigten K\u00f6nigreichs und Kanadas belegen dagegen, dass die Ursache der Explosion ein fehlgeschlagener Raketenabschuss aus dem Gazastreifen durch den Pal\u00e4stinensischen Islamischen Dschihad war. Bereits wenige Stunden nach der Explosion und w\u00e4hrend noch andauernder Ermittlungen wurde Israel auf sogenannten \u201epro-pal\u00e4stinensischen\u201c-Kundgebungen, die vielerorts vielmehr \u201ePro-Terror\u201c-Kundgebungen waren, verantwortlich gemacht. Auch nach Bekanntwerden des fehlgeschlagenen Raketenabschusses aus dem Gazastreifen als der tats\u00e4chlichen Ursache der Explosion folgte meist keine Korrektur der verbreiteten Falschinformationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn gegenseitiger Wille und Geduld, einander vorurteilsfrei zuzuh\u00f6ren, bestehen, sch\u00e4tze ich auch potenziell konfliktbehaftete Gespr\u00e4che. In der Vergangenheit habe ich h\u00e4ufig herausfordernde Gespr\u00e4che mit Personen gef\u00fchrt, die nicht mit mir \u00fcbereingestimmt haben. Vieles aus diesen Gespr\u00e4chen nehme ich bis heute mit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Stimmen, die einen Abbruch des wissenschaftlichen Austausches mit israelischen Universit\u00e4ten fordern, werden immer lauter. Welche Bedeutung hat der universit\u00e4re Austausch f\u00fcr die deutsch-israelischen Beziehungen? Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf die Forderung BDS-naher Personen, diese zu beenden? Aktuell wird in Deutschland viel \u00fcber Israel gesprochen. Wird Israel hierzulande korrekt dargestellt? Begegnen Ihnen Fehlvorstellungen oder Leerstellen, die korrigiert<br>werden m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Offen gestanden kann ich diese Entwicklung absolut nicht nachvollziehen. Das Erstarken der BDS-Bewegung nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober ist unfassbar. Die Menschen, die Opfer dieser barbarischen Terrorattacke wurden, die sich und die westlichen Werte gerade verteidigen, sollen als Reaktion darauf nun boykottiert werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abbruch des wissenschaftlichen Austausches w\u00e4re nachteilig f\u00fcr alle \u2013 nat\u00fcrlich f\u00fcr die deutschen wie auch f\u00fcr die israelischen Universit\u00e4ten, prim\u00e4r aber f\u00fcr die weltweite Zivilgesellschaft. Ein Beispiel f\u00fcr eine erfolgreiche Kooperation ist das an der hiesigen Universit\u00e4t erst vor Kurzem gegr\u00fcndete \u201eFrankfurt-Tel Aviv Center for the Study of Religious and Interreligious Dynamics\u201c, das sich quasi aus allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen den drei abrahamitischen Religionen widmet. Wie wichtig dieser ganzheitliche Ansatz ist, zeigen deutlich die Zeiten, in denen wir leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem ist Israel in vielen Bereichen Vorbild: Zahlreiche israelische Universit\u00e4ten liegen beispielsweise im Shanghai-Ranking unter den Top 100. Es ist besch\u00e4mend, dass derzeit israelische Professorinnen und Professoren aufgrund der BDS-Bewegung geh\u00e4uft Schwierigkeiten haben, im Ausland Lehrveranstaltungen zu halten oder ihre wissenschaftlichen Artikel in Fachzeitschriften zu publizieren.<br>An dieser Stelle m\u00f6chte ich ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe zitieren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u00bbWer nicht von dreitausend Jahren<br>Sich wei\u00df Rechenschaft zu geben,<br>Bleibt im Dunkeln unerfahren,<br>Mag von Tag zu Tage leben.\u00ab<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Hochschulrektorenkonferenz hat sich bereits 2019 klar zur IHRA-Definition von Antisemitismus und deren Anwendung an ihren Mitgliedshochschulen bekannt. Durch die konsequente Umsetzung dieses Beschlusses und der Anwendung der IHRA verbietet es sich f\u00fcr die Universit\u00e4ten, den BDS-Forderungen, den wissenschaftlichen Austausch mit israelischen Universit\u00e4ten abzubrechen, nachzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bez\u00fcglich der Darstellung Israels in Deutschland komme ich nochmals auf die bereits angesprochene T\u00e4ter-Opfer-Umkehr zur\u00fcck: Es darf nicht vergessen werden, was am 7. Oktober passierte. Israel wurde von der Hamas, einem vom Iran unterst\u00fctzen Fl\u00fcgel der Muslimbruderschaft, angegriffen. \u00dcber 1200 Menschen in Israel, \u00fcberwiegend Zivilistinnen und Zivilisten, wurden auf grausamste Weise von einer Terrororganisation, die auch ihre eigene Zivilbev\u00f6lkerung als Schutzschilde missbraucht, bestialisch ermordet und \u00fcber 250 weitere Menschen wurden als Geiseln genommen. Leider erlebe ich h\u00e4ufig, dass die Ursache der aktuellen Situation \u2013 die Angriffe auf Israel \u2013 verschwiegen oder gar v\u00f6llig verkannt wird, wenn \u00fcber Israel gesprochen wird. Auch ich empfinde Mitleid mit der Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen und kann sehr gut nachvollziehen, dass dieses Mitgef\u00fchl adressiert wird. Es muss m\u00f6glich sein, Mitgef\u00fchl zu \u00e4u\u00dfern und gleichzeitig die aktuelle Situation klar zu benennen: Israel verteidigt gerade die demokratischen Werte des Westens gegen die Hamas aus dem Gazastreifen und die Hisbollah aus dem Libanon.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Die Fragen stellten Antonia Steins und Malte Blaha.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Studierende stellen Fragen an die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher zum Krieg in Nahost. 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