{"id":81322,"date":"2024-11-08T11:52:48","date_gmt":"2024-11-08T10:52:48","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=81322"},"modified":"2024-11-08T11:52:49","modified_gmt":"2024-11-08T10:52:49","slug":"ein-meilenstein-auf-dem-langen-weg-der-empedokles-exegese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/ein-meilenstein-auf-dem-langen-weg-der-empedokles-exegese\/","title":{"rendered":"Ein Meilenstein auf dem langen Weg der Empedokles-Exegese"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Veranstaltung der Gr\u00e4zistik erinnerte an die einflussreiche Edition des Stra\u00dfburger Papyrus vor 25 Jahren, die ihren Ursprung auch in Frankfurt hat. Die beiden Herausgeber haben bereits eine neue Edition zu Empedokles in der Mache.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-81324\" style=\"width:380px\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_1.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_1-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_1-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_1-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Empedokles im IG-Farben-Haus.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u200aer das IG-Farben-Haus betritt, f\u00fcr den ist Empedokles quasi ein allt\u00e4glicher Bekannter (s. Abbildung). Doch wer war dieser Philosoph, was l\u00e4sst ihn uns heute noch wichtig erscheinen? \u201eEr ist erstens ein Teil der Geschichte der Naturwissenschaft, hat er doch die Theorie von den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft aufgestellt. M\u00f6gen das auch nicht die Elemente unseres Periodensystems sein, so hat der Begriff des Elements die neuzeitliche Naturwissenschaft doch ma\u00dfgeblich beeinflusst\u201c, erkl\u00e4rt Prof. Hans Bernsdorff vom Institut f\u00fcr Klassische Philologie, der gerade bei der Night of Science am naturwissenschaftlichen Campus Riedberg einen Vortrag \u00fcber Empedokles gehalten hat. Bei Empedokles, sagt er, finde sich neben anderen Grunds\u00e4tzen der physikalischen Welterkl\u00e4rung auch die quantifizierende Beschreibung verschiedener Objekte, wie wir sie noch in chemischen Formeln nutzen. Zum Zweiten habe Empedokles aber auch Stellung bezogen zu philosophischen Problemen seiner Zeit, die dann f\u00fcr die Philosophiegeschichte sehr wichtig wurden. Besonders habe Empedokles versucht, Parmenides, der wie er ein philosophisches Lehrgedicht geschrieben hat, etwas entgegenzusetzen und damit dessen radikale Ablehnung der Sinneswahrnehmung als Mittel zur Wahrheitserkenntnis zu \u00fcberwinden. Drittens sei f\u00fcr die allgemeine Kulturgeschichte die Vier-Elemente-Lehre au\u00dferordentlich einflussreich gewesen. So lie\u00dfen sich zahllose Gem\u00e4lde der Kunstgeschichte finden, in denen auf die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft angespielt werde. \u201eDiesen Hintergrund ben\u00f6tigt man also, um viele Erzeugnisse der europ\u00e4ischen Kultur \u00fcberhaupt zu verstehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Belgisch-deutsches Forschertandem<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-81323\" style=\"width:452px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_2.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_2-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_2-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/21_beitragsbild_empedokles_2-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Alain Martin (Mitte r.) u. Oliver Primavesi neben Hans Bernsdorff (2. v. l.) und Studierenden des Hauptseminars: Julian Kaiser, Beer Albers, Helena Gerl (von links nach rechts).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Erstherausgeber des Stra\u00dfburger Papyrus, Alain Martin (Br\u00fcssel) und Oliver Primavesi, damals Wissenschaftlicher Assistent am Frankfurter Institut f\u00fcr Klassische Philologie, leisteten wesentliche Teile ihrer Arbeit an dem spektakul\u00e4ren Neufund in Frankfurt. Primavesi habilitierte sich 1997 hier mit einer Arbeit zum Thema: \u201eEmpedoklesstudien: Ein unver\u00f6ffentlichter Papyrus und die indirekte \u00dcberlieferung\u201c. Wegen dieser Verbindungen nach Frankfurt entschieden sich Martin und Primavesi anl\u00e4sslich des 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der Edition des Stra\u00dfburger Papyrus dazu, kurz vor der Drucklegung die Edition eines weiteren neugefundenen Empedokles-Papyrus an der Goethe-Universit\u00e4t in einer \u00f6ffenlichen Sitzung des Hauptseminars von Prof. Hans Bernsdorff zur Diskussion zu stellen.<br><br>Was war nun das Revolution\u00e4re an der Edition des Stra\u00dfburger Papyrus? \u201eBis dahin war die gesamte griechische Philosophie vor Platon, also das, was wir gew\u00f6hnlich die vorsokratische Philosophie nennen \u2013 Heraklit, Parmenides, Anaximander, Anaxagoras und eben Empedokles \u2013, in der Weise \u00fcberliefert, dass wir nur Fragmente hatten, die meist aus Zitaten sp\u00e4terer Autoren bestanden, also in der Regel nur aus ein paar Versen. Oder dass sich andere Philosophen \u00fcber die Lehre dieser Philosophen in l\u00e4ngeren Referaten und in der Kritik dieser Positionen \u00e4u\u00dferten, wie beispielsweise Aristoteles in seiner \u201aMetaphysik\u2018. Das ist nat\u00fcrlich ein erbarmungsw\u00fcrdiger \u00dcberlieferungszustand, da man die Texte der Philosophen sozusagen nur aus zweiter Hand kennt. Vor diesem Hintergrund war der Stra\u00dfburger Papyrus von immenser Bedeutung, weil wir jetzt pl\u00f6tzlich Fragmente erhielten, die Martin und Primavesi mit bereits bekannten Zitaten erstmals zu l\u00e4ngeren zusammenh\u00e4ngen Partien (bis zu 99 Versen) aus dem Lehrgedicht des Empedokles kombinieren konnten. Davon konnte man vor dem Papyrusfund nur tr\u00e4umen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Beigabe einer Mumie<\/h2>\n\n\n\n<p>Gefunden wurde der Papyrus auf durchaus abenteuerliche Weise: Einer der beiden Herausgeber, der Belgier Alain Martin, entdeckte ihn 1990 in der Stra\u00dfburger Universit\u00e4tsbibliothek. Erworben wurde er zu Beginn des 20.\u202fJahrhunderts durch den deutschen Arch\u00e4ologen Otto Rubensohn von einem Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler in Ober\u00e4gypten. Hans Bernsdorff beschreibt, wie der Papyrus gewisserma\u00dfen recycelt wurde und damit vor dem Verfall gesch\u00fctzt war: \u201eEr bildete die Unterlage f\u00fcr ein Schmuckamulett, das einer Mumie angelegt worden war.\u201c Dieser philologische Schatz blieb aber in Stra\u00dfburg unentdeckt, erst Martin erkannte die \u00dcberlappung mit einigen Versen von Empedokles. Er sprach dann den jungen Oliver Primavesi, der damals frisch promovierter Assistent an der Goethe-Universit\u00e4t war, an, um gemeinsam den Text zu edieren. \u201eEs handelt sich sicherlich um einen der bedeutendsten Papyrusfunde im Bereich der Gr\u00e4zistik in der zweiten H\u00e4lfte des 20.\u202fJahrhunderts\u201c, sch\u00e4tzt Bernsdorff. <br><br>Zugleich betont er, dass beide Forscher sich nicht auf ihren Lorbeeren ausgeruht h\u00e4tten, sondern neben anderen bedeutenden Forschungsvorhaben aktuell eine weitere wichtige Publikation auf den Weg bringen werden. Es geht wieder um ein neugefundenes Fragment, das wohl vom selben Schreiber wie der Stra\u00dfburger Papyrus kopiert wurde und vielleicht sogar aus derselben Rolle stammte. Daher ist Bernsdorff froh, dass er beide Forscher f\u00fcr einen Vortrag vor seinem Hauptseminar gewinnen konnte, in dem es um \u00dcbungen zu unpublizierten Papyri und Inschriften ging. \u201eF\u00fcr die Studierenden war es au\u00dferordentlich lehrreich. Sie hatten nat\u00fcrlich schon einiges an griechischer Literatur in ihrem Studium gelesen; durch diesen von Martin und Primavesi pr\u00e4sentierten Neufund wurden sie gewisserma\u00dfen herausgefordert, dieses Wissen anzuwenden und sich zu fragen: Sind die Erg\u00e4nzungsvorschl\u00e4ge, die Primavesi und Martin gemacht haben, \u00fcberzeugend?\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Grenzen von KI<\/h2>\n\n\n\n<p>Welche Kompetenzen sind \u00fcberhaupt vonn\u00f6ten, um fragmentarisch \u00fcberlieferte Texte zu erg\u00e4nzen und zu vervollst\u00e4ndigen, wie viel Kreativit\u00e4t flie\u00dft in eine solche Arbeit ein? Hans Bernsdorff weist zuerst einmal darauf hin, dass die eigenen Ideen sich in das Gedankengeb\u00e4ude des Empedokles einf\u00fcgen m\u00fcssen: Es handele sich in dem Fall um einen speziellen Bereich seiner Philosophie, die Wahrnehmungstheorie. \u201eDie Phantasie muss sich ferner am Versma\u00df, dem Hexameter, dem typischen Metrum der homerischen Epen, orientieren. Es sind insgesamt also sprachliche und philosophische Kompetenzen gefordert. Was die Studierenden daran aber besonders fasziniert: Sie sind bei der Arbeit daran einmal an der Spitze der Forschung, k\u00f6nnen etwas beitragen, so wie das gesamte Hauptseminar der Verbindung von Forschung und Lehre diente.\u201c Mithilfe der Digitalisierung konnten auch au\u00dferhalb der Stra\u00dfburger Sammlung \u2013 der Papyrus muss aus konservatorischen Gr\u00fcnden immer dort im Archiv bleiben \u2013 nicht nur die Funde hochaufl\u00f6send an die Wand geworfen werden; ebenso konnten die beiden Forscher auch sehr anschaulich ihre textlichen Erg\u00e4nzungen einblenden.<br><br>An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern die K\u00fcnstliche Intelligenz in diesem Forschungsgebiet angekommen ist. Hier ist Prof. Hans Bernsdorff eher etwas skeptisch: \u201eDieses Zusammenspiel aus der Kenntnis von Sprache, poetischen Konventionen und der Philosophie kann momentan wohl noch keine K\u00fcnstliche Intelligenz. Und ich denke nicht, dass sie das irgendwann auf zufriedenstellende Weise k\u00f6nnen wird. Wir benutzen nat\u00fcrlich Datenbanken, in denen die gesamte griechische Literatur erfasst ist. Damit k\u00f6nnen wir \u00fcberpr\u00fcfen, ob bestimmte Wendungen, von denen wir annehmen, dass sie erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen, anderswo belegt sind, beispielsweise bei Homer. Wir k\u00f6nnen das Altgriechische selber nicht sprechen und m\u00fcssen uns also dadurch immer vergewissern, ob eine bestimmte Wendung m\u00f6glich ist.\u201c<br><br>Bernsdorff erl\u00e4utert aber ein ebenso spannendes Gebiet, auf dem KI bereits gewinnbringend zum Einsatz kommt: n\u00e4mlich bei der Rekonstruktion von verkohlten Textrollen, die man in der bei Pompeji gelegenen Stadt Herculaneum gefunden hat:<br><br>\u201eIn der Bibliothek der Villa dei Papiri hat sich eine Vielzahl von Rollen erhalten, die verkohlt sind. Das Problem: Wenn man diese Rollen \u00f6ffnet, dann zerfallen sie. Jetzt kann man aber mithilfe der Mikrocomputertomographie ein exaktes dreidimensionales Bild einer solchen geschlossenen Rolle herstellen und dann mittels Algorithmen die beschriebene Oberfl\u00e4che sichtbar machen. Da gab es in letzter Zeit erhebliche Fortschritte, davon versprechen sich die Papyrologie und die Gr\u00e4zistik ganz neue Einblicke in versunkene unbekannte Texte.\u201c Bernsdorff ist sich aber sicher, dass die eigentliche Textexegese weiterhin von \u201erealen\u201c Wissenschaftler*innen \u00fcbernommen werden muss. Und es gebe noch jede Menge zu tun, betont er: Manche antiken Texte, die bereits vor \u00fcber 100 Jahren geborgen wurden, warten immer noch darauf, dass sie endlich ediert werden. \u201eDas wird ein wichtiges Gebiet der griechischen Philologie bleiben \u2013 das es im \u00dcbrigen in dieser Weise auch nicht in der Latinistik gibt, also der anderen Disziplin der Klassischen Philologie, weil lateinische Papyri generell seltener sind.\u201c Allerdings profitiert die Latinistik von Neufunden auf dem Gebiet der griechischen Literatur, wie auch der vorliegende Fall zeigt: Hans Bernsdorff und Julian Kaiser (einer der Hauptseminaristen) konnten wahrscheinlich machen, dass der r\u00f6mische Lehrdichter Lukrez in einer Passage seines Werks De rerum natura den neugefundenen Empedokles-Text imitiert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Veranstaltung der Gr\u00e4zistik erinnerte an die einflussreiche Edition des Stra\u00dfburger Papyrus vor 25 Jahren, die ihren Ursprung auch in Frankfurt hat. 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