{"id":82334,"date":"2025-01-28T14:16:31","date_gmt":"2025-01-28T13:16:31","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=82334"},"modified":"2025-02-07T15:07:24","modified_gmt":"2025-02-07T14:07:24","slug":"ich-habe-mir-als-erstes-die-frage-gestellt-ob-das-nicht-eine-faelschung-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/ich-habe-mir-als-erstes-die-frage-gestellt-ob-das-nicht-eine-faelschung-ist\/","title":{"rendered":"\u201eIch habe mir als erstes die Frage gestellt, ob das nicht eine F\u00e4lschung ist\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Professor Hartmut Leppin, Althistoriker an der Goethe-Universit\u00e4t, wurde vom Arch\u00e4ologen Professor Markus Scholz ma\u00dfgeblich einbezogen bei der Entzifferung der \u201eFrankfurter Silberinschrift\u201c. Eingerollt in einem silbernen Amulett, wurde die Inschrift in einem Grab aus dem 3. Jahrhundert nach Christus gefunden. Der vielbeachtete Fund stellt den bislang \u00e4ltesten materiellen Beleg f\u00fcr das Vorhandensein von Christen n\u00f6rdlich der Alpen dar. Goethe-Uni online sprach mit Hartmut Leppin \u00fcber die Bedeutung des spektakul\u00e4ren Fundes.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/beitragsbild-silberinschrift-hartmut-leppin.jpg\" alt=\"Prof. Dr. Hartmut Leppin\" class=\"wp-image-82341\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/beitragsbild-silberinschrift-hartmut-leppin.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/beitragsbild-silberinschrift-hartmut-leppin-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/beitragsbild-silberinschrift-hartmut-leppin-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/beitragsbild-silberinschrift-hartmut-leppin-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:0px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wann erhielten Sie Kenntnis von dem Fund?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende des vorigen Sommersemesters sprach Markus Scholz mich darauf an. Wir haben uns den Text dann gemeinsam in seinem B\u00fcro angesehen. Ich bin ja kein Arch\u00e4ologe, sondern Spezialist f\u00fcr die Geschichte des antiken Christentums. Als solchen hat mich Markus Scholz hinzugezogen, als ihm klar war, dass er einen \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnlichen christlichen Text vor sich hatte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:0px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Zu dem Zeitpunkt hatte er die eindeutigen Stellen, vor allem die Buchstabenkombination XP, bereits entziffert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und das Hagios, Hagios, Hagios war auch sehr fr\u00fch klar. Eben in diesem Zusammenhang kam er zu mir.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Hat er Sie hinzugezogen, um ihn bei der Entzifferung zu unterst\u00fctzen oder bei der Einordnung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr beides. Bei der Entzifferung war mein Beitrag aber eher gering. Mein Thema war eher die historische Einordnung des Ganzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Herr Scholz sagt, es habe ihn ziemlich umgehauen, denn ihm sei die Tragweite gleich klar gewesen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ehrlich gestanden, habe ich mir als erstes die Frage gestellt, ob das nicht eine F\u00e4lschung ist. Dass in dieser Region, aus dieser Zeit ein Text mit diesem Inhalt gefunden wurde, passte so gar nicht in die bisherigen Vorstellungen. Das ist \u00fcbrigens auch die erste Frage, die mir Kollegen stellen, wenn ich von dem Fund berichte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine F\u00e4lschung kann man ausschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und wie kann man die F\u00e4lschung ausschlie\u00dfen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen durch die Geschichte des Fundst\u00fccks. Und dann: Ein intelligenter F\u00e4lscher w\u00fcrde nichts f\u00e4lschen, was so offenkundig einfach nicht passt. Ein ahnungsloser F\u00e4lscher aber kommt nicht in Frage: Um eine solche Schrift zu f\u00e4lschen, braucht man eine echte Expertise.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wann war Ihnen dann klar, welche Bedeutung das Fundst\u00fcck hat?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter den erw\u00e4hnten Pr\u00e4missen war auch mir das sofort klar wie es auch jedem klar geworden w\u00e4re, der sich auf diesem Gebiet auskennt. Trotzdem musste ich erst alles ausschlie\u00dfen, was dagegen sprach, dass es sich um den fr\u00fchesten Beleg f\u00fcr das Christentum n\u00f6rdlich der Alpen handelt. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das wirklich akzeptieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welche anderen M\u00f6glichkeiten h\u00e4tte es gegeben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Datierung des Amuletts h\u00e4tte falsch sein k\u00f6nnen. Ein sp\u00e4terer R\u00f6mer, der die Gegend besucht hat, h\u00e4tte es fallen lassen k\u00f6nnen. Als ich all das ausgeschlossen habe, habe ich nach Hinweisen gesucht, die die bisherigen Annahmen best\u00e4tigten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und wo sind Sie f\u00fcndig geworden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem gewissen Irenaeus von Lyon, einem Autor des 2. Jahrhunderts, findet sich eine Stelle, die darauf hinweist, dass es in Germanien Christen gebe. Wir haben das bislang nicht sehr ernst genommen, ausschlie\u00dfen konnte man es aber nat\u00fcrlich auch vor dem Frankfurter Fund nicht. Hier haben wir nun einen Christen aus diesem Raum. Dass der nicht einfach nur durchgereist war, erschien mir dann immer wahrscheinlicher.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Woraus schlie\u00dfen Sie das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Christentum ist ja meistens den Spuren der H\u00e4ndler gefolgt. Wir finden es zun\u00e4chst in Hafenst\u00e4dten \u2013 Korinth, Ephesos, die ganz fr\u00fchen Pl\u00e4tze \u2013 und erst sp\u00e4ter in anderen Gegenden. Es w\u00e4re nicht so \u00fcberraschend, wenn ein Christ aus Lugdunum (Lyon) oder aus Rom in die Gegend gekommen w\u00e4re und dort eine gewisse Zeit geblieben w\u00e4re, zumal Nida recht wohlhabend war. Aber dieser Christ ist hier sorgsam begraben worden; seine Angeh\u00f6rigen haben ihm dieses Amulett mitgegeben und es ganz sorgsam platziert, damit es nicht verlorengeht. Das spricht sehr daf\u00fcr, dass dieser Mensch hier verankert war. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es auch m\u00f6glich, dass der Tote ein Cousin zweiten Grades oder ein H\u00e4ndler aus Irgendwo war, der auf der Durchreise in Nida verstorben ist und von seinen Bekannten bestattet wurde. Aber irgendeine Beziehung zum Ort muss er gehabt haben; sonst w\u00e4re nicht ein solcher Aufwand getrieben worden. Dass es ein ER war, war zun\u00e4chst \u00fcbrigens nicht sicher. Ich habe eher auf eine Frau getippt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Warum dachten Sie, dass es sich um eine Frau handelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil Frauen sich insgesamt fr\u00fcher zum Christentum bekehrt haben. Das Christentum bot den Frauen Handlungsm\u00f6glichkeiten und neue Rollen. Vor allem: Sie mussten nicht heiraten, wenn sie ein respektables Leben f\u00fchren wollten. Sonst war es in dieser Zeit die Erwartung an eine Frau, dass sie heiratet und Kinder gebiert f\u00fcr ihren Mann. Und Christinnen konnten es rechtfertigen, Jungfrau zu bleiben, haben dadurch sogar ein gewisses soziales Ansehen in ihrer Gemeinde gewonnen, oft im Konflikt mit der Familie nat\u00fcrlich. Christinnen konnten es sich ferner sozial leisten, Witwe zu bleiben und mussten nicht eine neue Ehe eingehen. Witwen hatten eine Schl\u00fcsselrolle in christlichen Gemeinden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Da haben Sie sich aber geirrt, die naturwissenschaftliche Analyse sprach eindeutig f\u00fcr einen Mann.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Und noch etwas hat mich \u00fcberrascht: Dass der Mensch in lateinischer Sprache \u00fcber seinen Glauben kommuniziert hat. Ich h\u00e4tte erwartet, dass er dies auf Griechisch tut. Aber nur die Formel Hagios, Hagios, Hagios ist griechisch, allerdings auch in lateinischer Schrift.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ihr Leibniz-Projekt \u201ePolyphonie des sp\u00e4tantiken Christentums\u201c, das Sie 2023 abgeschlossen haben, widmete sich der Erforschung der Vielfalt des sp\u00e4tantiken Christentums, wobei es vor allem um die Zeit vom fr\u00fchen 4. Jahrhundert bis zum 9. Jahrhundert ging. H\u00e4tte der Fund etwas an Ihren Forschungen ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte nichts am Grundansatz ver\u00e4ndert. Dieser bestand gerade darin, dass das Christentum in der Antike immens vielf\u00e4ltig war. Dieser Fund w\u00e4re ein neuer Beleg f\u00fcr die auch unerwartete Vielfalt gewesen. In meiner Forschung habe ich mich indes auf den Osten fokussiert, wo auch christliche Texte in nichtklassischen Sprachen \u2013 etwa Syrisch \/ Aram\u00e4isch, Koptisch \u2013 \u00fcberliefert sind. Hier h\u00e4tten wir nun im Westen einen Christen bezeugt, in einem Kontext, in dem wir nichts \u00fcber Strukturen des Christentums wissen. Das h\u00e4tte das Projekt bereichert, und wir h\u00e4tten uns gefreut, eine so fr\u00fche und so aufschlussreiche westliche Quelle zur Verf\u00fcgung zu haben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was ist an dem Fund aus religionshistorischer Sicht besonders bemerkenswert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um einen Menschen, der theologisch informiert war, der einiges aus der Bibel kannte, und was vor allem dann auch unsere theologischen Berater frappiert hat, war diese Formel Hagios, Hagios, Hagios. Die stammt aus dem Buch Jesaja und wird von Christen auf die Trinit\u00e4t bezogen. Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist, die sind alle drei heilig. Dadurch, dass das im Alten Testament, der Hebr\u00e4ischen Bibel, ihrer Auffassung nach schon angedeutet wird, f\u00fchlten sich die Christen in ihrer Vorstellung best\u00e4tigt, dass das Alte Testament das neue vorbereite. In theologischen Debatten spielt das aber erst sp\u00e4ter eine Rolle. Ob diese Formel f\u00fcr diesen Bestatteten eine ganz pers\u00f6nliche Bedeutung hatte? Oder hat er damit theologische Debatten verbunden? Das wissen wir alles nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und man wei\u00df auch nicht, ob der Tote das selbst verfasst hat, ob er es jemandem diktiert hat oder ob ihm das von einem anderen Menschen geschenkt wurde zum Beispiel zur Taufe, wie es heute \u00fcblich ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ein ganz zentraler Punkt. Wenn wir ganz genau w\u00e4ren, m\u00fcssten wir sagen: Es gibt einen christlichen Diskurs, der sich in diesem Amulett niederschl\u00e4gt, das diesem Mann von den ihn Bestattenden zugeordnet wurde. Rein theoretisch, aber eine solche These f\u00e4nde ich schon ein bisschen weit hergeholt, k\u00f6nnte es auch sein, dass der Mann gar kein Christ war, sondern seine Angeh\u00f6rigen ihn so sehen wollten. Auch heute ist nicht jedes Patenkind froh \u00fcber ein christliches Gesangbuch, das ihm geschenkt wird. Gleichwohl: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Bestattete gar kein Christ war und dass ihm das Amulett nur geschenkt wurde, um ihn zu besch\u00fctzen, weil jemand dachte, das sei gut f\u00fcr ihn.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und vielleicht wusste der Mann zu Lebzeiten gar nicht, welchen Text er da bei sich trug. Es konnte ja auch nicht jeder lesen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles m\u00f6glich. Nach der Entdeckung hie\u00df es irgendwo: Der erste Christ war ein Frankfurter. So einfach ist es aber nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er sich zum Christentum bekannt hat, aber ganz sicher ist das nicht. Und Frankfurt gab es damals noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Das Bekenntnis in dem Text ist aber auf alle F\u00e4lle f\u00fcr die damalige Zeit ungew\u00f6hnlich in seiner Ausschlie\u00dflichkeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Was heute selbstverst\u00e4ndlich ist, ist f\u00fcr die damalige Zeit eher ungew\u00f6hnlich. Damals nahmen viele den Christengott als machtvollen Gott neben anderen wahr. Wer den Christengott verehrte, konnte am n\u00e4chsten Tag in den Jupitertempel gehen oder sogar in die Synagoge. Das blieb bis ins dritte, vierte Jahrhundert hinein so. Dieses Amulett nun ist rein christlich, und das ist ungew\u00f6hnlich. Das macht den Fund besonders spektakul\u00e4r: Hier ist nur vom Christengott die Rede, es werden ausschlie\u00dflich W\u00f6rter verwendet, die mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit auch dem Christentum zugeordnet werden k\u00f6nnen. Das ist absolut bemerkenswert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Anspruch des Christentums, dass es nur einen Gott gibt, \u00e4hnlich wie im Echnaton-Kult oder im Judentum, dieser Anspruch war damals nicht durchg\u00e4ngig anerkannt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ganz und gar nicht. An einzelnen Heiligt\u00fcmern wurden sogar mehrere Gottheiten verehrt, das war in der antiken Welt ganz normal. So konnte man mehrere G\u00f6tter nutzen, ohne zu bestreiten, dass die anderen auch wichtig sein k\u00f6nnten. Und so fand bei manchen auch der Christengott \u201eVerwendung\u201c. Es gab ja viele Erz\u00e4hlungen, dass er m\u00e4chtig sei, von Wundern, die er bewirkte, warum sollte man es nicht auch mal mit dem Christentum versuchen? Unser Forschungsprojekt hat gezeigt, wie wenig selbstverst\u00e4ndlich diese eindeutige, exkludierende Form des Christentums in den Anf\u00e4ngen war. Die hat sich erst nach einiger Zeit durchgesetzt, wobei die sp\u00e4tantiken Christen sehr wohl der Auffassung waren, dass die antiken G\u00f6tter lebten, n\u00e4mlich insofern, als sie D\u00e4monen waren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dies alles haben Sie aber im mediterranen Raum erforscht, weil es hier in unserer Region gar keine Quellen gab bislang. Die Silberinschrift ist sozusagen die erste Quelle aus dieser Zeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, aber eine ganz wunderbare Quelle mit gro\u00dfer Reichweite. Erfreulicherweise gibt es in der Mittelmeerregion zu der Zeit schon sehr viele und reichhaltige Quellen: Vor allem aus dem Osten stammen zahlreiche Inschriften, die bis auf das zweite Jahrhundert nach Christus zur\u00fcckgehen. Als das Christentum noch verboten war, haben sich Christen auf ihrem Grabstein als solche bekannt. Und wir haben unz\u00e4hlige literarische Texte, aus Rom und aus Nordafrika, die uns in lateinischer Sprache sehr viel \u00fcber den Alltag von Christen vermitteln. Unter den Autoren ist ein gewisser Tertullian, der darauf insistiert, dass die Christen nur den Christengott verehren sollen. Sie sollen nicht in die Arena gehen, weil dort andere G\u00f6tter verehrt werden, sie sollen nicht an Festen f\u00fcr den Kaiser teilnehmen, weil dort der Kaiser als Gott gefeiert wird, die sollen nicht ins Milit\u00e4r wegen der Kulte dort usw. Das setzt voraus, dass die Christen sich meist anders verhielten, und zeigt, wie wenig klar es war, dass der Christengott so ausschlie\u00dflich Geltung haben solle, wie es sich Theologen vorstellten. Auch wenn schon Paulus die Ausschlie\u00dflichkeit des Christengotts betont, gibt es ja \u00fcberhaupt keine historische Notwendigkeit daf\u00fcr, dass Paulus sich durchsetzen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Erwarten Sie, dass noch andere Quellen in dieser Art auftauchen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich halte das f\u00fcr gut m\u00f6glich. Die technischen M\u00f6glichkeiten sind inzwischen so gut, und die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr solche auf den ersten Blick unscheinbaren Funde, die ein Laie vielleicht einfach wegwerfen w\u00fcrde, ist sehr gewachsen. Eine Steininschrift werden wir vermutlich nicht finden. Aber so etwas Kleines, das schon \u2013 und ausschlie\u00dfen kann man gar nichts.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Spielte die Gegend hier bislang eine Rolle in Ihrer Forschung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bislang habe ich mich mit unserer Region nur in der Lehre besch\u00e4ftigt. Ich w\u00fcrde das aber nicht ausschlie\u00dfen: Wir gehen immer dahin, wo die Quellen sind.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was waren bisher die fr\u00fchesten Quellen f\u00fcr das Christentum in unserer Region?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfer den Hinweis bei Irenaeus gibt es Hinweise auf Bisch\u00f6fe, zum Teil auch schon aus dem dritten Jahrhundert. Sicher bezeugt sind die aber erst seit dem 4. Jahrhundert, seit der Zeit Konstantins des Gro\u00dfen, als \u00fcberregionale Konzilien stattfanden und wir die Liste der Teilnehmenden haben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wenn ein Bischof da ist, m\u00fcssten die Strukturen darunter ja eigentlich schon vorhanden sein, oder nicht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die Wahrscheinlichkeit, dass da irgendeine christliche Institution war, ist gro\u00df, dass Menschen sich dort zu einem Gottesdienst zusammenfanden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Gehen Sie davon aus, dass der Mann Mitglied einer christlichen Gemeinde war?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00e4tte auch als Einzelg\u00e4nger Christ sein k\u00f6nnen. Als Christ war er nicht zwingend an eine Gemeinde gebunden. Es gab auch sehr individuelle Christen, die \u00fcberzeugt werden mussten, mit dem P\u00f6bel zum Gottesdienst zu gehen. Aus der Tatsache, dass er Christ war, l\u00e4sst sich nicht schlie\u00dfen, dass zu seiner Zeit bereits Gottesdienste in dieser Gegend stattgefunden h\u00e4tten, aber dies macht es wahrscheinlicher, dass Christen hier auch gemeinsam feierten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Arbeiten Sie h\u00e4ufiger mit der Arch\u00e4ologie zusammen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wir teilen viele Interessen; mit Herrn Scholz zum Beispiel teile ich das Interesse an Inschriften. Typischerweise gro\u00dfe Steininschriften, wie man sie aus Museen kennt. Die haben einen Kontext, den man verstehen muss. Das geht nur mit der Arch\u00e4ologie.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was kann die Arch\u00e4ologie, was Sie nicht k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie kann aufgrund der Grabung auch den Kontext einer Inschrift herausfinden, und der ist oft wichtig, um einen Text richtig deuten zu k\u00f6nnen. Arch\u00e4ologen k\u00f6nnen auch bei Bildern gro\u00dfr\u00e4umige Zusammenh\u00e4nge darstellen, die wir Historiker nicht kennen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und sind Sie st\u00e4ndig im Gespr\u00e4ch oder nur anlassbezogen? Gibt es an der Goethe-Universit\u00e4t ein Forum, wo man sich interdisziplin\u00e4r austauscht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt an der Goethe-Universit\u00e4t das interdisziplin\u00e4re Colloquium Classicum, das Alte Geschichte, Klassische Philologie und Klassische Arch\u00e4ologie gemeinsam gestalten. Die Teilnahme der Klassischen Arch\u00e4ologie ist relativ neu, hat sich aber schon als sehr fruchtbar erwiesen. Ansonsten gibt es viele Einzelgespr\u00e4che und Tagungen, bisweilen auch Qualifikationsarbeiten, die wir gemeinsam betreuen. Vieles ist anlassbezogen, aber nat\u00fcrlich sehe ich auch die arch\u00e4ologische Fachliteratur durch. Ich will wissen, was gefunden wird. Die Arch\u00e4ologen \u201eproduzieren\u201c ja die meisten neuen Quellen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie werden weiter zur Silberinschrift forschen. Wie k\u00f6nnte das ausschauen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, das Thema Hagios, Hagios, Hagios weiterzuverfolgen. Und was ich mir auch noch vorstellen kann, w\u00e4re, das Amulett nochmal ganz systematisch mit anderen Amuletten in der Textgestalt zu vergleichen. Es w\u00e4re sicher auch interessant, z.B. f\u00fcr eine Masterarbeit, sich auch die griechischen Amulette anzuschauen und zu pr\u00fcfen, wo es Vergleichspunkte gibt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/forschung\/ich-habe-anfangs-meinen-eigenen-augen-nicht-getraut\/\">Interview mit Professor Markus Scholz zum selben Thema \u2192<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professor Hartmut Leppin, Althistoriker an der Goethe-Universit\u00e4t, wurde vom Arch\u00e4ologen Professor Markus Scholz ma\u00dfgeblich einbezogen bei der Entzifferung der \u201eFrankfurter Silberinschrift\u201c. 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