{"id":84446,"date":"2025-06-18T08:21:00","date_gmt":"2025-06-18T06:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=84446"},"modified":"2025-06-17T12:36:29","modified_gmt":"2025-06-17T10:36:29","slug":"erasures-kreatives-streichen-als-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/erasures-kreatives-streichen-als-widerstand\/","title":{"rendered":"Erasures: kreatives Streichen als Widerstand"},"content":{"rendered":"<p><strong>B\u00fccherverbote bedrohen nicht erst seit Trump das demokratische Zusammenleben in den USA. Die Amerikanistin Heike Sch\u00e4fer untersucht die Formen, gegen den kulturellen Backlash k\u00fcnstlerisch aufzubegehren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"376\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/prof-heike-schaefer-376x450px.jpg\" alt=\"Prof. Heike Sch\u00e4fer, Foto: privat\" class=\"wp-image-84449\" style=\"width:278px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/prof-heike-schaefer-376x450px.jpg 376w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/prof-heike-schaefer-376x450px-251x300.jpg 251w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/prof-heike-schaefer-376x450px-10x12.jpg 10w\" sizes=\"(max-width: 376px) 100vw, 376px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Prof. Heike Sch\u00e4fer, Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bereits kurz nach seinem Amtsantritt pr\u00e4gt Donald Trump mit seinen unz\u00e4hligen Dekreten die Schlagzeilen der Medien weltweit. Einiges davon, mutma\u00dfen Juristen, d\u00fcrfte zwar keinen Bestand haben, doch ein Klima der Angst und Unsicherheit macht sich breit, gerade und im besonderen Ma\u00dfe im Kultur- und Bildungsbereich der USA. Erzkonservative Kr\u00e4fte f\u00fchlen sich offensichtlich motiviert, gegen liberal-progressive Kr\u00e4fte zu agieren und den Schutz von Minderheiten auszuhebeln. Prof. Heike Sch\u00e4fer, Amerikanistin und Literaturwissenschaftlerin an der Goethe-Universit\u00e4t, beobachtet intensiv den von Trump und seinen Mitstreitern ausgerufenen \u201eKulturkampf\u201c. B\u00fccherverbote geh\u00f6ren dabei zu den beliebten Ma\u00dfnahmen, auf den schulischen Literaturunterricht und die Literaturvermittlung einzuwirken. \u201eDie rechtskonservative Kampagne f\u00fcr B\u00fccherverbote l\u00e4uft seit dem Ende von Trumps erster Amtszeit. Seit 2021 sind die Verbote in \u00f6ffentlichen B\u00fcchereien und Schulbibliotheken sprunghaft angestiegen. F\u00fcr das Schuljahr 2023\/24 allein hat der Schriftstellerverband Pen America \u00fcber 10 000 Verbotsverfahren und das Verbot von \u00fcber 4200 Einzeltiteln gez\u00e4hlt. Das ist besorgniserregend. Vor allem, weil sich hier meist nicht einzelne Bibliotheksnutzer \u00fcber irgendein Buch beschweren, sondern die B\u00fccherverbote von rechtskonservativen Lobbyverb\u00e4nden, wie zum Beispiel den Moms for Liberty, vorangetrieben werden und in einem Antrag die Zensur von gleich Hunderten B\u00fcchern gefordert wird. Mittlerweile werden 72 Prozent aller Verfahren von diesen Pressure Groups angestrengt, wie die American Library Association ermittelt hat. Das sind konzertierte Aktionen\u201c, erkl\u00e4rt Heike Sch\u00e4fer. \u201eAuf rechtskonservativen Buchbewertungsportalen wird Material ins Netz gestellt, das Interessierten erkl\u00e4rt, wie man am besten vorgeht. Laut ALA wurden s\u00e4mtliche der 120 Buchtitel, die im vorigen Jahr am h\u00e4ufigsten von Zensurversuchen betroffen waren, auf diesen Webseiten gelistet.\u201c Die B\u00fccherverbote finden in mindestens 29 Bundesstaaten statt, ganz weit vorne liegen konservative Staaten wie Texas oder Florida. \u201eDas Fatale daran: Oftmals werden die B\u00fccher bereits vom Eingang der Beschwerde an aus der Zirkulation genommen und stehen dann den Leserinnen und Lesern bis zum Ende des Verfahrens nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Auch Verbotsverfahren, die letztendlich nicht zur Zensur f\u00fchren, haben also konkrete Auswirkungen und k\u00f6nnen den Zugriff der Leser auf B\u00fccher einschr\u00e4nken. Ziel ist es sicherlich auch, die Bibliothekar*innen einzusch\u00fcchtern, damit sie aus vorauseilendem Gehorsam bestimmte B\u00fccher nicht anschaffen oder aus dem Verkehr ziehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ultrakonservativer Hass auf queere Literatur<\/h2>\n\n\n\n<p>Welche B\u00fccher geraten nun \u00fcberhaupt ins Visier der Pressure Groups? Im Fokus steht vor allem Jugendliteratur: Geschichten \u00fcber queere oder nicht-wei\u00dfe Protagonist*innen, \u00fcber Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen, aber auch \u00fcber Sexualit\u00e4t, Gewalt und psychische Gesundheit. \u201eAlles, was von ultrakonservativer Seite als zu woke gilt, was nicht heteronormativ ist oder queere Menschen oder People of Color in den Mittelpunkt stellt, kann auf den Index geraten\u201c, erkl\u00e4rt Heike Sch\u00e4fer. Die ersten B\u00fccher, die den Hass der Buchbanner auf sich gezogen haben, waren autobiografische Texte, wie <em>Gender Queer<\/em> von Maia Kobabe und <em>All Boys Aren\u2019t Blue<\/em> von George M. Johnson, die die queere Identit\u00e4tsfindung und das Coming-out von Jugendlichen thematisierten. Konservative behaupteten, dass Heranwachsende durch eine solche Literatur korrumpiert w\u00fcrden. Sch\u00e4fer sieht darin den Versuch, die durch die B\u00fcrgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre und sp\u00e4tere soziale Bewegungen in Gang gesetzten Demokratisierungsprozesse wieder zur\u00fcckzudrehen. \u201eDie B\u00fccherverbote f\u00fcgen sich nahtlos in andere rechtskonservative Versuche ein, auf der Ebene der Gesetzgebung politisch Einfluss zu nehmen auf Lehrpl\u00e4ne und Unterrichtsmaterialien, um im Backlash gegen die F\u00f6rderung von Diversit\u00e4t und Teilhabe die eigene Vormachtstellung und Privilegien abzusichern. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte ,Don\u2019t Say Gay\u2018-Gesetz von 2022, dass verbietet, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentit\u00e4t in Floridas \u00f6ffentlichen Schulen zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Und die Trump-Regierung stellt ja gerade fl\u00e4chendeckend nicht nur die staatlichen F\u00f6rderprogramme f\u00fcr Diversit\u00e4t und Gleichstellung ein, sondern sie hat im M\u00e4rz auch die Aufl\u00f6sung des Institute of Museum and Library Service angeordnet und die Angestellten beurlaubt. Damit sind die \u00f6ffentlichen Bibliotheken und Museen von einer ihrer gr\u00f6\u00dften F\u00f6rderquellen abgeschnitten und haben enorme Schwierigkeiten, ihre Bildungsaufgaben zu erf\u00fcllen. Die ALA hat zwar bereits dagegen geklagt, aber die Taktik der anderen Seite beruht ja darauf, erst einmal zu schauen, wie weit man mit diesen Ma\u00dfnahmen kommt, bevor die Justiz eingreift.\u201c Mittlerweile hat ein Gericht die Verf\u00fcgung der Regierung blockiert, der Rechtsstreit geht in die n\u00e4chste Runde.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Betroffenen \u2013 Eltern, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und Literaturverb\u00e4nde \u2013 setzen sich zur Wehr: Proteste gegen B\u00fccherverbote werden vor Ort organisiert, Buchhandlungen richten spezielle Tische mit Banned Books ein, es gibt eine nationale Banned Books Week. \u201eSolche Aktionen kurbeln die Diskussion \u00fcber Meinungs- und Kunstfreiheit an\u201c, sagt Heike Sch\u00e4fer. \u201eDas ist wichtig, weil es bei den B\u00fccherverboten ja nicht nur um die Grenzen der Redefreiheit geht, also wer was wo sagen darf und wer dar\u00fcber zu bestimmen hat, sondern es werden Formen kultureller Teilhabe verhandelt. Letztendlich geht es um die Frage, wer zur Mehrheitsgesellschaft dazugeh\u00f6rt und wer ausgegrenzt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sieht Heike Sch\u00e4fer den Einwand, dass im Rahmen einer linksliberalen Kulturpolitik durchaus auch eine Form der Zensur stattgefunden habe? Kann man diesen sogenannten Kulturkampf von rechts als Reaktion darauf sehen? \u201eDas kann man sicherlich als eine Form des Backlashs verstehen. Aber der zielt leider nicht darauf, eine pluralistische Diskussionskultur sicherzustellen. Im Gegenteil, nun findet eine viel systematischere Ausgrenzung von gesellschaftlichen Positionen statt. Wir sehen einen systematischen Angriff auf die Rede- und Meinungsfreiheit, der fr\u00fcher stark benachteiligte Gruppen wieder an den Rand dr\u00e4ngt und versucht, sie weitgehend aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis zu l\u00f6schen, um eine rechtskonservative Form des amerikanischen Nationalverst\u00e4ndnisses durchzudr\u00fccken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">K\u00fcnstlerischer Widerstand<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein ganz anderer Protest formiert sich nun aber dort, wo der freie Geist unter Beschuss geraten ist: in der Literatur, mit der Praxis der sogenannten <em>Erasures<\/em>. \u201eDas sind literarische Texte, die durch das Ausl\u00f6schen anderer Werke entstehen. Eine Autorin nimmt also einen Text und streicht Passagen daraus aus. Die W\u00f6rter, die stehen gelassen werden und die Tilgungszeichen bilden den neuen Text. Das reicht in die Konzeptkunst der 50er zur\u00fcck. Als literarische Form boomen die <em>Erasures <\/em>aber erst seit Trumps erster Amtszeit. Da haben Schriftsteller sich im Netz \u00fcber seine Reden und Erlasse ausgetauscht und diese dann redaktionell bearbeitet und zirkulieren lassen. Mittlerweile ist das im Mainstream angekommen. Beispiele sind der Gedichtband <em>Wade in the Water<\/em> der damaligen Poet Laureate of the US Tracy K. Smith und der Gewinner des National Book Awards for Fiction in 2023, Justin Torres\u2019 queerer Roman <em>Blackouts<\/em>. Ich finde die Form hochspannend, weil die Texte ein Mittel der Zensur, also das Ausl\u00f6schen von Textpassagen, nutzen, um Formen der literarischen Gegenrede zu schaffen. Nat\u00fcrlich sind nicht alle <em>Erasures <\/em>politisch motiviert. Die Technik kann f\u00fcr alle m\u00f6glichen \u00e4sthetischen Zwecke eingesetzt werden. Aber viele Schriftsteller nutzen die Form derzeit, um Prozesse der Diskriminierung und der sozialen und kulturellen Ausgrenzung zu thematisieren. Es geht beispielsweise um Sklaverei, Verfolgung, Polizeigewalt und Folter. Die L\u00fccken im Text stehen oft f\u00fcr die Sichtweisen und Stimmen, die im gesellschaftlichen Diskurs unterdr\u00fcckt, unsichtbar gemacht oder zum Schweigen gebracht werden. Die Texte lenken den Blick auf das, was fehlt \u2013 auf der Buchseite oder im kollektiven Ged\u00e4chtnis. Und sie machen dies vorstellbar und \u00e4sthetisch erfahrbar.\u201c Ein Beispiel ist das Gedicht \u201eDeclaration\u201c der afroamerikanischen Dichterin Tracy Smith, in dem sie ein zentrales Dokument der amerikanischen Geschichte, die Declaration of Independence, bearbeitet. Darin erkl\u00e4ren die britischen Kolonialisten, welches Unrecht ihnen der englische K\u00f6nig angetan habe und warum sie daher zu Recht eine Revolution gestartet haben. Die Neubearbeitung als Erasure zeigt den Rassismus dieser Revolution\u00e4re auf und macht die von ihnen versklavten Menschen zu den Sprechern des Gedichts. \u201eSo wird sichtbar, dass Sklaverei und Rassismus eine Grundlage f\u00fcr die Entwicklung der amerikanischen Demokratie waren\u201c, erkl\u00e4rt Heike Sch\u00e4fer.<\/p>\n\n\n\n<p>Heike Sch\u00e4fer stellt sich als Literaturwissenschaftlerin, die auch Mitglied der Forschungsgruppe \u201eDemocratic Vistas\u201c ist, die Frage, wie die westlichen Gesellschaften wieder an den Punkt kommen, die Demokratie als gelebte Form der Kultur zu sehen: \u201eWelche Praktiken brauchen wir, damit unser Miteinander im Alltag selbstbestimmt und repressionsfrei, gleichberechtigt, kooperativ und solidarisch ist oder zunehmend wird?\u201c Da r\u00fccken auch Praktiken des Dissenses in den Fokus von Lehre und Forschung. \u201eIch bin aber urspr\u00fcnglich auf die Erasures aus ganz anderem Grund aufmerksam geworden. Ich besch\u00e4ftige mich in meiner Forschung seit Jahren mit der Frage, wie die materielle Form und mediale Verfasstheit von Literatur die Ausdrucksm\u00f6glichkeiten der Autorinnen und Autoren mitbestimmen und wie sie unsere Lese- und Verst\u00e4ndnisweisen pr\u00e4gen. Die Erasures sind da als Objekte sehr interessant.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Semester behandelt Heike Sch\u00e4fer das Thema Erasures auch in einem Seminar, in dem die Studierenden literarische Ausl\u00f6schungen nicht nur analysieren, sondern auch selbst herstellen. In der ersten Stunde diente ein Benimmbuch aus dem 19. Jahrhundert als Vorlage, in dem Frauen massive Verhaltensregeln diktiert werden. \u201eDas hat bei den Studierenden gleich eine gro\u00dfe Lust aufs Streichen produziert\u201c, lacht Heike Sch\u00e4fer.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccherverbote bedrohen nicht erst seit Trump das demokratische Zusammenleben in den USA. 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