{"id":84970,"date":"2025-07-30T08:11:00","date_gmt":"2025-07-30T06:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=84970"},"modified":"2025-07-25T12:41:15","modified_gmt":"2025-07-25T10:41:15","slug":"es-gibt-im-oekonomischen-wandel-keine-statischen-zustaende-werner-plumpe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/es-gibt-im-oekonomischen-wandel-keine-statischen-zustaende-werner-plumpe\/","title":{"rendered":"\u201eEs gibt im \u00f6konomischen Wandel keine statischen Zust\u00e4nde\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Historiker Werner Plumpe zeigt in seinem neuen Buch \u201eGef\u00e4hrliche Rivalit\u00e4ten\u201c, wie Geschichte immer schon von wirtschaftlichen Rivalit\u00e4ten gepr\u00e4gt war.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/werner-plumpe-c-privat.jpg\" alt=\"Werner Plumpe \u00a9 privat\" class=\"wp-image-84971\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/werner-plumpe-c-privat.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/werner-plumpe-c-privat-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/werner-plumpe-c-privat-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/werner-plumpe-c-privat-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Werner Plumpe \u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Plumpe, einmal etwas salopp gefragt: Haben wir dieses Buch Donald Trump und seiner zweiten Amtszeit zu verdanken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Werner Plumpe: <\/strong>Nein, der Vertrag \u00fcber das Buch stammt vom Dezember 2023. Aber die Wahl von Donald Trump hat dem Thema erhebliche zus\u00e4tzliche Brisanz verliehen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"294\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/cover-werner-plumple-gefaehrliche-rivalitaeten.jpg\" alt=\"Werner Plumpe: Gef\u00e4hrliche Rivalit\u00e4ten. Wirtschaftskriege \u2013 von den Anf\u00e4ngen der Globalisierung bis zu Trumps Deal-Politik. 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Es passiert nat\u00fcrlich einiges, aber lassen sich die Br\u00fcche und Verschiebungen bereits welthistorisch einordnen? Mit anderen Worten: Ist besonders Trumps Unberechenbarkeit eine Zumutung f\u00fcr Gegenwartsdiagnosen oder sollte man sein erratisches Agieren auch nicht \u00fcberbewerten, gibt es daf\u00fcr vielleicht sogar auch Vorl\u00e4ufer?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da sprechen Sie einen zentralen Punkt an. Die gegenw\u00e4rtigen Ereignisse entziehen sich der historischen Analyse, und \u00fcber die Zukunft ist der Historiker so ratlos wie alle anderen. Die Einordnung der gegenw\u00e4rtigen \u201eTurbulenzen\u201c verlangt andererseits gerade nach dem historischen Blick, der es vielleicht erleichtert, die aktuellen Ereignisse nicht so zu dramatisieren, wie das bezogen auf die Person von Donald Trump derzeit in der Regel der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wirtschaftskriege gebe es schon lange, sagen Sie in Ihrem Vorwort, doch sei es sp\u00e4testens seit dem 17. Jahrhundert immer st\u00e4rker darum gegangen, die eigene Produktionskraft zu st\u00e4rken, die des Gegners zu schw\u00e4chen. K\u00f6nnen Sie das vielleicht kurz erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die jeweilige Wirtschaftsleistung entscheidet nicht nur \u00fcber die Versorgung mit G\u00fctern und Dienstleistungen. In einer Welt unterschiedlicher Staaten bestimmt sie auch weitgehend deren Handlungsm\u00f6glichkeiten, sodass es in der Staatenkonkurrenz eine Frage der Selbstbehauptung wurde, die eigene Wirtschaftskraft zu st\u00e4rken und die der wirklichen oder vermeintlichen Gegner zu schw\u00e4chen. Wirtschaftlich zumindest so stark zu sein, die eigene Existenz zu sichern und die Handlungsspielr\u00e4ume der Konkurrenten m\u00f6glichst einzugrenzen, war daher entscheidend. Wirtschaftskriege haben insofern mit Wirtschaft vor allem instrumentell zu tun. Vorrangig geht es um die politische Frage der jeweiligen Handlungspotenziale.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der Begriff des \u00bbWirtschaftskrieges\u00ab ist eigentlich eine Metapher, denn streng genommen wird die Auseinandersetzung zwischen Staaten nicht milit\u00e4risch, sondern mit Mitteln des wirtschaftlichen Handelns ausgetragen. Oder kann ein Wirtschaftskrieg auch kriegerische Ma\u00dfnahmen im engeren Sinne umfassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist die Abgrenzung grunds\u00e4tzlich nur schwer m\u00f6glich, denn die Eskalationspotenziale waren und sind gewaltig. Handelsblockaden, Sanktionen und Boykotte k\u00f6nnen leicht in offene Konflikte umschlagen, wie andererseits auch gezielt Gewalt (etwa Kaperwesen und Piraterie) eingesetzt wurde, um unter der Schwelle des offenen Krieges der Konkurrenz materiell zu schaden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie konstatieren f\u00fcr die Gegenwart einen Ordnungsverlust, bedingt durch das Ende einer von den USA dominierten Welt (was keineswegs f\u00fcr eine Phase des weltweiten Friedens gestanden habe). Was k\u00f6nnte an die Stelle der Pax Americana treten, wer wird eine neue Ordnung aufrechterhalten k\u00f6nnen? Ist Trumps \u201eDealmaking\u201c eine neue Variante multilateralen Handelns in einer \u201aunordentlichen\u2018 Welt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Historisch gesehen sind Phasen einer nach Regeln ablaufenden grenz\u00fcberschreitenden wirtschaftlichen Kooperation, in der es nat\u00fcrlich weiterhin Wettbewerb gibt, eher selten. Solche Phasen gab es vor allem dann, wenn ein Staat wie Gro\u00dfbritannien nach den napoleonischen Kriegen oder die USA nach dem Zweiten Weltkrieg so dominant ist, dass er nicht nur die Regeln der Kooperation bestimmen kann, sondern alle anderen letztlich aus Eigeninteresse veranlasst sind, auf gute Beziehungen mit der st\u00e4rksten Wirtschaftsmacht zu setzen. Das ist aber, wie gesagt, sehr voraussetzungsvoll, und die Voraussetzungen der Pax Americana sind in den vergangenen Jahren ebenso erodiert wie die britische Dominanz vor 1914. Die Gefahr besteht, dass die neue Multipolarit\u00e4t, in der es einen dominanten Akteur nicht mehr gibt, Eskalationen ausl\u00f6st, die in eine gro\u00dfe Katastrophe m\u00fcnden k\u00f6nnen. Insofern ist Trumps Deal-Politik, also robuste Wirtschaftsdiplomatie mit dem Ziel, sich irgendwann zu einigen, unter Umst\u00e4nden ein Lichtblick, dass der gro\u00dfe Knall vermieden werden kann. Garantien daf\u00fcr gibt es keine, aber die stete Mischung von Boykotten, Piraterie und Krieg vor allem zwischen Frankreich und Gro\u00dfbritannien, die die multipolare Welt der vornapoleonischen Zeit beherrschte und letztlich in den gro\u00dfen Krieg der Jahre um 1800 m\u00fcndete, zeigt, wie viel auf dem Spiel steht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eine Abschottung \u00fcber Z\u00f6lle, sagen Sie, k\u00f6nnen eigentlich nur gro\u00dfe Volkswirtschaften wie die USA oder China \u00fcberstehen, deren Markt gro\u00df genug ist. Das bedeutet aber, dass eine Exportnation wie Deutschland im besonderen Ma\u00dfe von freiem Handel abh\u00e4ngig ist, Zollschranken treffen uns in besonderem Ma\u00dfe. Sie schreiben an einer Stelle mit Blick auf Deutschland: Je gr\u00f6\u00dfer die Integration in die Weltwirtschaft, desto geringer die autonome Handlungsf\u00e4higkeit. Diese Paradoxie auszuhalten, darauf k\u00e4me es an?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Staaten wie Deutschland, die Niederlande oder Italien k\u00f6nnen deshalb keine Wirtschaftskriege f\u00fchren, da der Erfolg ihrer Volkswirtschaften viel zu sehr von einer funktionierenden Arbeitsteilung abh\u00e4ngt. Je mehr Handel, umso erfolgreicher, und umso geringer die autonomen Handlungsm\u00f6glichkeiten. Der Erste Weltkrieg ist sehr lehrreich; die sch\u00e4rfste Waffe der Alliierten war die effektive Blockade Deutschlands und dessen Ausschluss von der Weltwirtschaft. Dass die NS-Regierung auf Autarkie gesetzt hat, um nicht vom Welthandel abh\u00e4ngig zu sein, war wirtschaftlich unsinnig; es diente allein dem Krieg. Die deutsche Volkswirtschaft ist um den Preis ihres Erfolgs auf offene M\u00e4rkte angewiesen. Das ist nicht immer einfach, aber letztlich unvermeidlich. Das derzeitige Reden, sich unabh\u00e4ngig zu machen, ist insofern weder vielversprechend noch wirklich vern\u00fcnftig.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ein grenz\u00fcberschreitendes Wirtschaften ohne jegliche Wirtschaftskriege w\u00e4re prinzipiell f\u00fcr alle beteiligten L\u00e4nder von Nutzen \u2013 oder gibt es doch immer auch Verlierer dabei?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, gerade das macht Ordnungen, selbst wenn sie zustande kommen, auf Dauer br\u00fcchig. Ordnungen garantieren zumeist einen beschleunigten \u00f6konomischen Strukturwandel, von dem die Ordnungsm\u00e4chte selbst aber nicht notwendig besonders profitieren. Gro\u00dfbritannien verlor in der Pax Britannica ebenso sukzessive an \u00f6konomischem Gewicht wie derzeit die USA in der globalen Ordnung, die sie selbst herbeigef\u00fchrt haben. Gro\u00dfbritannien war so klug, sich mit dem Wandel zu arrangieren, zumal es dem Land trotz seiner Gewichtsverluste wirtschaftlich gut ging. Das ist mit den USA derart anders, die ihren Gewichtsverlust gegen\u00fcber China als existenzielle Bedrohung wahrnehmen. Das war schon bei Obama und Biden so; Trump nutzt andere Mittel, ist seinen Vorg\u00e4ngern aber so un\u00e4hnlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>\u201eStatische\u201c Konstellationen sind Ihrer Ansicht nach die Ausnahme: In friedlichen Zeiten f\u00fchrt Wirtschaftswachstum zu Konflikten; in Phasen von Wirtschaftskriegen hingegen entsteht quasi wieder der Wunsch nach einer neuen Ordnung. An anderer Stelle sprechen Sie auch von der ewigen Paradoxie von Ordnung und Rivalit\u00e4t. Diese ewige Dialektik kann einen also zugleich optimistisch als auch pessimistisch nach vorne blicken lassen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt im \u00f6konomischen Wandel keine statischen Zust\u00e4nde. Jede neue Technik, jede Verschiebung von Transportkosten, jede Verschiebung von Arbeitskr\u00e4ften, Kapital und Wissen \u00e4ndern die Bedingungen und variieren die regionalen Gewichte. Ordnungen in diesem steten Wandel sind selten und sehr voraussetzungsvoll. Bisher waren sie das Ergebnis gro\u00dfer Kriege mit nur einem Sieger. Dieser Preis erscheint mir aber zu hoch; daher sind mir robuste Aushandlungsprozesse schlicht sympathischer, auch wenn das keineswegs einfach wird und stets die Bereitschaft zum Kompromiss voraussetzt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Jedenfalls lie\u00dfe sich auch wirtschaftshistorisch ein \u201eEnde der Geschichte\u201c, wie in den 90er-Jahren noch von Francis Fukuyama behauptet, nicht begr\u00fcnden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, das ist v\u00f6llig unrealistisch. Der Wandel h\u00f6rt nie auf, und da Wirtschaftskraft \u00fcber politisches Gewicht entscheidet, wird es auch bei Rivalit\u00e4ten bleiben. Dass aus diesen Rivalit\u00e4ten gef\u00e4hrliche Konflikte werden, l\u00e4sst sich, wenn Vernunft und Kaltbl\u00fctigkeit vorherrschen, allerdings unter Umst\u00e4nden vermeiden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker Werner Plumpe zeigt in seinem neuen Buch \u201eGef\u00e4hrliche Rivalit\u00e4ten\u201c, wie Geschichte immer schon von wirtschaftlichen Rivalit\u00e4ten gepr\u00e4gt war. 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