{"id":85140,"date":"2025-08-06T08:14:00","date_gmt":"2025-08-06T06:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=85140"},"modified":"2025-07-31T09:32:56","modified_gmt":"2025-07-31T07:32:56","slug":"ein-fundamentales-missverhaeltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/ein-fundamentales-missverhaeltnis\/","title":{"rendered":"\u201eEin fundamentales Missverh\u00e4ltnis\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ladislaus Ludescher \u00fcber schrumpfende Mittel f\u00fcr Hungerbek\u00e4mpfung und Entwicklungsarbeit einerseits und wachsende Milit\u00e4rbudgets andererseits<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Ludescher, dass die Ausgaben f\u00fcr R\u00fcstung weltweit und auch aktuell in den NATO-Staaten ansteigen werden, ist eigentlich keine \u00dcberraschung angesichts der Bedrohungslage in Europa und auch an zahlreichen anderen Krisengebieten, oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ladislaus Ludescher:<\/strong> Ich glaube nicht, dass eine Aufr\u00fcstungsspirale die Antwort auf die globalen Probleme sein kann. Bei der aktuellen milit\u00e4rischen Aufr\u00fcstung geht es vor allem darum, ein Zeichen der St\u00e4rke des \u201eWestens\u201c gegen\u00fcber den anderen M\u00e4chten zu setzen. Dieses sehr teuer erkaufte Zeichen wird allerdings sehr wahrscheinlich die anderen M\u00e4chte (wie China und Russland) herausfordern, ebenfalls Zeichen ihrer St\u00e4rke zu setzen und dementsprechend zu einer weiteren Aufr\u00fcstung in den dortigen Staaten f\u00fchren, was dann wohl den \u201eWesten\u201c wieder herausfordern wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die NATO-Staaten machen bereits jetzt \u00fcber die H\u00e4lfte aller Ausgaben f\u00fcr R\u00fcstung auf der Welt aus. Dem schwedischen Friedensforschungsinstitut SIPRI zufolge haben die globalen Milit\u00e4rausgaben im Jahr 2024 mit 2718 Milliarden US-Dollar einen beispiellosen Rekordwert erreicht. Dies bedeutet einen Zuwachs um fast 10 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr. Gleichzeitig hungern auf der Welt etwa 730 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Die Mittel des Weltern\u00e4hrungsprogramms der Vereinten Nationen (World Food Programme, WFP) betrugen im Jahr 2024 knapp 10 Milliarden US-Dollar, was gerade einmal 0,3 Prozent der globalen Milit\u00e4rausgaben entspricht. Die gesamten Mittel f\u00fcr \u00d6ffentliche Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) der OECD-L\u00e4nder betrugen 212 Milliarden US-Dollar, also nicht einmal 8 Prozent der globalen Milit\u00e4rausgaben. Ich denke, dass es sehr offensichtlich ist, dass hier die Relationen nicht stimmen. Und die Tendenz ist sogar stark dahin gehend, dass die Schere noch weiter auseinandergeht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Mittel f\u00fcr Hungerbek\u00e4mpfung und Entwicklungsarbeit stagnieren oder schrumpfen hingegen, so Ihre Kritik \u2013 in relativen oder auch in absoluten Zahlen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es handelt sich um einen R\u00fcckgang auch in absoluten Zahlen. Im Jahr 2024 verringerten sich die Mittel f\u00fcr \u00d6ffentliche Entwicklungszusammenarbeit gegen\u00fcber dem Vorjahr um \u00fcber 11 Milliarden US-Dollar. Auch das Nothilfeb\u00fcro der Vereinten Nationen wies auf die gr\u00f6\u00dften Finanzierungsk\u00fcrzungen aller Zeiten hin, von denen Millionen von Menschen auf der Welt existenziell betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielt Deutschland in diesem Zusammenhang? Macht die Bundesrepublik diese Tendenzen mit oder stellt sie sich gegen die aktuellen Entwicklungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland geh\u00f6rt zu den Vorreitern der massiven Steigerung der Milit\u00e4rausgaben bei gleichzeitigem Zur\u00fcckfahren der Mittel f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit. Im Jahr 2024 sanken die ODA-Mittel der OECD-L\u00e4nder um etwa 7 Prozent, in Deutschland aber sogar um 15 Prozent. Gleichzeitig wurde das Milit\u00e4rbudget massiv ausgeweitet. Aktuell folgt die Bundesrepublik der von US-Pr\u00e4sident Donald Trump geforderten Erh\u00f6hung der Milit\u00e4rausgaben der NATO-Staaten auf 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Wir reden damit von einer Erh\u00f6hung des Milit\u00e4rbudgets in Deutschland auf einen Wert, der heute etwa 260 Milliarden US-Dollar entsprechen w\u00fcrde. Im Jahr 2024 hatte Deutschland einen Milit\u00e4retat von 88,5 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Die Mittel f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit betrugen mit 32,5 Milliarden US-Dollar etwa ein Drittel davon. Bereits jetzt liegt Deutschland vor den Atomm\u00e4chten Indien, Frankreich und dem Vereinigten K\u00f6nigreich an der vierten Stelle der globalen Milit\u00e4rausgaben. Mit dem 5-Prozent-BIP-Ziel w\u00fcrde Deutschland sogar Russland \u00fcberholen. Wir m\u00fcssen uns bei diesen gewaltigen Summen vor Augen rufen: Alle 13 Sekunden stirbt ein Kind auf der Welt infolge von Hunger, im Jahr also etwa 2,5 Millionen Kinder. Der Beitrag Deutschlands zum UN-Weltern\u00e4hrungsprogramm betr\u00e4gt gerade einmal knapp 1 Milliarde US-Dollar. Ich kann nur noch mal wiederholen: Es ist ausgesprochen evident, dass die Relationen hier in einem fundamentalen Missverh\u00e4ltnis stehen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie untersuchen bereits seit einigen Jahren die \u00bbmediale Vernachl\u00e4ssigung des Globalen S\u00fcdens\u00ab. F\u00fchlt man sich nicht angesichts anderer dominanter Themen \u2013 die, wie im Falle des Klimawandels zu sehen, selber auf der Agenda drohen nach hinten zu rutschen \u2013 wie ein Rufer in der W\u00fcste? Oder sehen Sie eine Wirkung (auch) Ihrer Forschung in der \u00d6ffentlichkeit und in der Politik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass es sehr viele Menschen gibt, die sehr erschrocken reagieren, wenn man ihnen die Zahlen zeigt. Ich habe sowohl aus der \u00d6ffentlichkeit als auch aus der Politik durchaus R\u00fcckmeldungen erhalten, die angesichts dieser Zahlen von einem Skandal sprechen, der eigentlich einen medialen Aufschrei hervorrufen sollte. Leider sind aktuell auf der Welt vor allem Kr\u00e4fte Entscheidungstr\u00e4ger, bei denen humanit\u00e4re Fragen nicht sehr hoch im Kurs stehen. Man sollte sich aber nicht entmutigen lassen und \u00d6ffentlichkeit, Medien und Politik immer wieder die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse vor Augen f\u00fchren, um sie f\u00fcr das Thema zu sensibilisieren und dadurch etwas zu bewirken. Wenn zuk\u00fcnftige Generationen auf unsere Zeit zur\u00fcckblicken werden, werden sie sehen, dass es auch andere Stimmen gab.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Dr. Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt sowie assoziierter Wissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universit\u00e4t Heidelberg. Die von ihm mitkonzipierte Ausstellung \u00bbVergessene Welten und blinde Flecken\u00ab ist als Wanderausstellung zur gleichnamigen Studie \u00fcber die mediale Vernachl\u00e4ssigung des Globalen S\u00fcdens im Journalistenzentrum Herne sowie an zahlreichen anderen Orten zu sehen. Auf der <a href=\"https:\/\/www.ivr-heidelberg.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Internetseite <\/a>finden sich auch zahlreiche Analysen, so auch zur Ausweitung der Milit\u00e4rausgaben und K\u00fcrzung der Entwicklungszusammenarbeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ladislaus Ludescher \u00fcber schrumpfende Mittel f\u00fcr Hungerbek\u00e4mpfung und Entwicklungsarbeit einerseits und wachsende Milit\u00e4rbudgets andererseits UniReport: Herr Ludescher, dass die Ausgaben f\u00fcr R\u00fcstung weltweit und auch aktuell in den NATO-Staaten ansteigen 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