{"id":86983,"date":"2025-12-18T13:49:48","date_gmt":"2025-12-18T12:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=86983"},"modified":"2025-12-18T15:42:34","modified_gmt":"2025-12-18T14:42:34","slug":"einschaetzungen-zur-social-media-regelung-in-australien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/einschaetzungen-zur-social-media-regelung-in-australien\/","title":{"rendered":"Einsch\u00e4tzungen zur Social-Media-Regelung in Australien"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Verbote allein reichen nicht<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einsch\u00e4tzungen der Erziehungswissenschaft und Psychologie zur neuen Social-Media-Regelung in Australien<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitragsbild-artikel-social-media-regelung-australien-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-86984\" style=\"width:406px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitragsbild-artikel-social-media-regelung-australien-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitragsbild-artikel-social-media-regelung-australien-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitragsbild-artikel-social-media-regelung-australien-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitragsbild-artikel-social-media-regelung-australien.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Seit dem 10. Dezember ist es unter 16-J\u00e4hrigen in Australien verboten, ein eigenes Konto auf Social-Media-Plattformen zu besitzen. Die Alterssperre gilt neben TikTok auch f\u00fcr Snapchat, Instagram, Facebook, Threads, X, YouTube, Twitch, Reddit und Kick. Der UniReport wollte von zwei Expertinnen wissen, wie sie dieses weltweit erste Verbot von Social Media f\u00fcr eine bestimmte Altersgruppe einsch\u00e4tzen: Prof. Denise Klinge ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Goethe-Universit\u00e4t; sie hat die Fragen gemeinsam mit Masterstudierenden aus der Erziehungswissenschaft diskutiert und Antworten erarbeitet. Dr. Andrea Irmer ist Psychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF \u2013 Leibniz-Institut f\u00fcr Bildungsforschung und Bildungsinformation.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>UniReport: Frau Klinge, Frau Irmer, heutige Kinder und Jugendliche sind Digital Natives und mit den digitalen M\u00f6glichkeiten ganz selbstverst\u00e4ndlich aufgewachsen, nutzen die Plattformen massenhaft. Warum sollte man Ihnen diese Kommunikations- und Vernetzungsm\u00f6glichkeiten \u00fcberhaupt entziehen? Wirkt da die Aussage des australischen Premiers Albanese, die jungen Australier sollte mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen, nicht etwas zynisch (wenn man zumindest die Freunde nicht mehr im Netz treffen kann)? W\u00e4re es wirklich sinnvoll, wenn Jugendliche erst mit 16 in die Welt von Social Media eintreten? (und ist das Alter angemessen \u2013 warum nicht mit 14 Jahren?)<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-denise-klinge-650x450-1-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-86988\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-denise-klinge-650x450-1-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-denise-klinge-650x450-1-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-denise-klinge-650x450-1-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-denise-klinge-650x450-1.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Denise Klinge (Foto: Lecher)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: Die Debatte um ein m\u00f6gliches Social-Media-Verbot f\u00fcr Kinder und Jugendliche in Australien greift ein reales Problem auf, greift in ihrer aktuellen Zuspitzung jedoch zu kurz. Ein pauschales Verbot verkennt sowohl die sozialen Funktionen digitaler R\u00e4ume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen. Einerseits sprechen sich Studierende aufgrund eigener medienbiographischer Erfahrungen f\u00fcr ein Verbot im fr\u00fchen Kinder- und Jugendalter aus, andererseits stellen wir und die Frage, wie sonst Medienkompetenz erlernt werden soll, wenn nicht im Umgang mit den Medien selbst (Medienkompetenzmodelle schlagen den selbstbestimmten Umgang mit Medien vor, um Reflektionskompetenzen zu erlernen). Es werden die falschen Akteure und die falschen Probleme benannt, es sollten Plattformen vielmehr in die Pflicht einer grunds\u00e4tzlichen Regulierung genommen werden; algorithmischen Empfehlungsmechanismen, die im System halten sollen, problematische Inhalte und unzureichende Meldem\u00f6glichkeiten (und fehlende Regelung der Konsequenzen) werden nicht adressiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor neue Verbote diskutiert werden, m\u00fcssen bestehende Regeln konsequent durchgesetzt werden. Der Fokus sollte klar auf der Regulation der Plattformen liegen: schnelle und verpflichtende L\u00f6schung problematischer Inhalte, Regulierung algorithmischer Verst\u00e4rkung, Umgang mit Hassrede, KI-generierten Inhalten, Bots und manipulativen Designs. Diese Regulierung darf sich nicht nur auf Minderj\u00e4hrige beschr\u00e4nken, sondern muss f\u00fcr alle Nutzer*innen gelten. Der Einfluss des digitalen Kapitalismus und profitorientierter Plattformlogiken auf soziale Dynamiken muss politisch begrenzt werden. Zentral ist weiterhin der Ausbau von Medienkompetenz \u2013 und zwar f\u00fcr alle Altersgruppen. Jugendliche bewegen sich l\u00e4ngst kompetent in digitalen R\u00e4umen, w\u00e4hrend viele Erwachsene sie dabei weder begleiten noch sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Eltern, die selbst unreflektiert Inhalte \u00fcber ihre Kinder ver\u00f6ffentlichen, untergraben h\u00e4ufig den Jugendschutz, den sie einfordern. Statt Jugendliche zu entm\u00fcndigen, braucht es eine St\u00e4rkung der Medienkompetenzen aller Altersgruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Medien sind f\u00fcr Jugendliche mehr als Unterhaltung. Online-Freundschaften, Communitys und themenbasierte Vernetzung sind zentrale Bestandteile jugendlicher Entwicklungsprozesse. Gerade f\u00fcr marginalisierte Jugendliche stellen digitale R\u00e4ume oft R\u00fcckzugsorte dar. Ein Verbot w\u00fcrde diese Safe Spaces entziehen und soziale Teilhabe einschr\u00e4nken. Erfahrungen aus der Pandemie zeigen zudem, dass digitale Kommunikation nicht nur Ablenkung, sondern auch stabilisierend und notwendig sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Probleme wie Mobbing, Ausgrenzung oder Gruppendruck sind keine rein digitalen Ph\u00e4nomene. Der kompetente Umgang damit ist ebenso f\u00fcr analoge Kontexte relevant. Lehrkr\u00e4fte und p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte m\u00fcssen daher postdigitale soziale Logiken verstehen und vermitteln k\u00f6nnen. Medienp\u00e4dagogik geh\u00f6rt verbindlich in den Unterricht \u2013 nicht als Zusatz, sondern als Grundlage zeitgem\u00e4\u00dfer Bildung. Ein altersbasiertes Verbot wirft grundlegende Fragen auf: Nach welchen Kriterien wird die Altersgrenze festgelegt? Sozialisationstheoretisch sind Peer-Beziehungen gerade im Jugendalter besonders relevant \u2013 genau dort, wo Plattformen zentral sind. Zudem bleibt unklar, wie ein Verbot praktisch durchgesetzt werden soll und wie zwischen Nutzung und Account-Besitz unterschieden wird, wenn Inhalte weiterhin zug\u00e4nglich bleiben. Das Verbot in Australien bietet jedoch eine Chance mit empirischer Begleitung (qualitativ und quantitativ) die tats\u00e4chlichen Effekte, unbeabsichtigte Nebenfolgen und die Rolle verschiedenster Akteure zu untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-andrea-irmer-650x450-1-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-86989\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-andrea-irmer-650x450-1-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-andrea-irmer-650x450-1-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-andrea-irmer-650x450-1-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/beitrag-social-media-regelung-australien-andrea-irmer-650x450-1.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Andrea Irmer (Foto: privat)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Andrea Irmer<\/strong>: Social Media ist heute ein fester Bestandteil des Alltags vieler junger Menschen. Hier finden Freundschaften und sozialer Austausch statt, es k\u00f6nnen Gef\u00fchle von Zugeh\u00f6rigkeit entstehen und Unterst\u00fctzung erlebt werden. Diese R\u00e4ume pauschal zu entziehen, w\u00fcrde bedeuten, einen relevanten Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen auszublenden &#8211; das halte ich nicht f\u00fcr sinnvoll. Wir k\u00f6nnen uns der digitalen Welt nicht mehr verschlie\u00dfen und aus meiner Sicht sollte das auch nicht das Ziel sein.&nbsp; Vor diesem Hintergrund kann die Aussage des australischen Premiers, Jugendliche sollten \u201emehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen\u201c, tats\u00e4chlich ambivalent wirken. F\u00fcr viele junge Menschen finden Freundschaften heute auch online statt. Gleichzeitig verweist diese Aussage auf ein reales Problem: Wenn soziale Medien sehr viel Raum im Alltag einnehmen, bleibt f\u00fcr andere Aktivit\u00e4ten entsprechend weniger Zeit. Hinzu kommt, dass digitale Plattformen keine neutralen Kommunikationskan\u00e4le sind, sondern hochoptimierte Systeme, die Aufmerksamkeit binden und Nutzung intensivieren sollen. Entwicklungsbedingt k\u00f6nnen wir von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie diesen Mechanismen aus eigenem Antrieb dauerhaft widerstehen.&nbsp; Eine starre Altersgrenze f\u00fcr einen sinnvollen Einstieg in Social Media l\u00e4sst sich aus psychologischer Sicht nur schwer festlegen. Entwicklung verl\u00e4uft nicht in Jahresschritten, sondern individuell: Manche 14-J\u00e4hrige sind bereits sehr reflektiert und kommen fr\u00fch gut zurecht, w\u00e4hrend andere deutlich l\u00e4nger Orientierung und Schutz ben\u00f6tigen. Was es aus meiner Sicht braucht, ist ein gestuftes, verantwortungsvolles Heranf\u00fchren &#8211; beginnend mit begrenzten, gesch\u00fctzten Nutzungsformen, klaren Regeln durch Eltern und einer kontinuierlichen Begleitung. Dazu geh\u00f6ren regelm\u00e4\u00dfige Gespr\u00e4che dar\u00fcber, wie viel Raum soziale Medien im Alltag einnehmen sollen und was daneben nicht verloren gehen darf. Auf dieser Grundlage kann die autonome Nutzung mit zunehmender Reife schrittweise ausgeweitet werden, mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche dazu zu bef\u00e4higen, soziale Medien selbstbestimmt, reflektiert und in einem ausgewogenen Verh\u00e4ltnis zu anderen Aktivit\u00e4ten zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Besteht nicht die Gefahr, dass nun ein Run auf andere, noch nicht verbotene, aber auch nicht kontrollierte Plattformen stattfinden wird?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: Ein Verbot einzelner sozialer Plattformen wird die Nutzung digitaler Kommunikation nicht beenden, sondern lediglich verlagern. Mediengeschichte zeigt, dass neue Plattformen dort entstehen, wo bestehende Angebote eingeschr\u00e4nkt werden. Nutzungspraktiken verschieben sich \u2013 potenziell in R\u00e4ume, die p\u00e4dagogische Bezugspersonen, Schulen und Eltern noch weniger kennen und begleiten k\u00f6nnen. Damit steigt das Risiko einer Entgrenzung digitaler Praktiken bis hin zur Entwicklung illegaler oder schwer kontrollierbarer Kommunikationsr\u00e4ume. Ein solches Ausweichen entzieht sich nicht nur dem Jugendschutz, sondern erschwert auch Pr\u00e4vention, Aufkl\u00e4rung und Intervention erheblich. Zudem droht ein technologisches Wettr\u00fcsten: auf der einen Seite immer restriktivere Kontroll- und Altersverifikationssysteme, auf der anderen Seite neue Umgehungsstrategien, Plattformen und technische L\u00f6sungen. Die eigentlichen Probleme \u2013 Plattformdesigns, \u00f6konomische Anreizstrukturen und fehlende Durchsetzung bestehender Regeln \u2013 bleiben dabei unangetastet.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Man h\u00f6rt jetzt schon, dass die Plattformbetreiber nicht umfassend die Altersabfrage durchf\u00fchren k\u00f6nnten, mit gef\u00e4lschten Ausweisen etc. k\u00f6nne man das Verbot leicht aushebeln.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: Die Umsetzung einer Alterskontrolle in sozialen Medien wirft zahlreiche praktische, rechtliche und ethische Fragen auf. Schlupfl\u00f6cher durch bestehende Medienpraktiken sind kaum zu verhindern: Jugendliche k\u00f6nnen Accounts \u00fcber \u00e4ltere Personen nutzen, Teenie-Influencer*innen bieten sogar schon Online-Beratung f\u00fcr Gleichaltrige an. Zentrale Fragen bleiben offen: Wer \u00fcberpr\u00fcft die Altersangaben tats\u00e4chlich? Wie werden Datenschutz, Anonymit\u00e4t und Meinungsfreiheit gewahrt, wenn pers\u00f6nliche Ausweise mit Social-Media-Konten verkn\u00fcpft werden? Wer entscheidet, welche Daten erhoben, gespeichert und kontrolliert werden \u2013 und wie lange? Zudem ist unklar, wie strafrechtliche Konsequenzen umgesetzt werden sollen, etwa bei Cybermobbing, Hassrede oder nicht gekennzeichneten Inhalten, einschlie\u00dflich Werbung oder KI-generierter Beitr\u00e4ge. Die praktische Umsetzung stellt zudem hohen technischen und organisatorischen Aufwand dar: Personal, KI-Systeme und klare Regelwerke m\u00fcssten bereitgestellt werden, um Anmeldung, Alterspr\u00fcfung und Inhaltskontrolle zu \u00fcberwachen. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen Schutz der Jugendlichen und m\u00f6glichen Eingriffen in Grundrechte wie Anonymit\u00e4t und freie Meinungs\u00e4u\u00dferung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Neben den Gefahren des Cybermobbings und des Stalkings im Netz: Wie sehen Sie den Einfluss der Plattformen aus entwicklungspsychologischer und p\u00e4dagogischer Sicht? Was macht das mit jungen Menschen, wenn sie z. B. zu oft und zu intensiv dort unterwegs sind und andere Dinge dar\u00fcber vernachl\u00e4ssigen?<br><\/em><br><strong>Andrea Irmer<\/strong>: Grunds\u00e4tzlich zeigen viele Studien, dass eine sehr h\u00e4ufige oder zeitintensive Nutzung sozialer Medien mit verschiedenen Belastungen einhergehen kann, etwa mit schlechter Stimmung, einem niedrigeren Selbstwert, depressiven Symptomen, Angst-, Schlaf- und Essst\u00f6rungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen sowie Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Diese Zusammenh\u00e4nge gelten jedoch nicht pauschal f\u00fcr alle, sondern es bestehen gro\u00dfe individuelle Unterschiede. Gerade im sp\u00e4teren Kindes- und Jugendalter gewinnen R\u00fcckmeldungen von Gleichaltrigen eine besondere Bedeutung, w\u00e4hrend Selbstbild und Identit\u00e4t noch im Aufbau sind. Plattformen, die stark auf Sichtbarkeit, Vergleich und Bewertung ausgerichtet sind, k\u00f6nnen diese Prozesse verst\u00e4rken und das Wohlbefinden beeintr\u00e4chtigen. Das zeigen auch die Ergebnisse meiner eigenen Studie mit 10- bis 14-j\u00e4hrigen Social-Media-Nutzer*innen: Die Nutzung von Instagram, TikTok und YouTube geht h\u00e4ufig mit dem Eindruck einher, dass andere ein besseres Leben f\u00fchren, h\u00fcbscher und beliebter sind oder sich mehr leisten k\u00f6nnen \u2013 und dieser Eindruck h\u00e4ngt wiederum mit schlechterer Stimmung und einem geringeren Selbstwert zusammen. Gleichzeitig w\u00e4re es zu einfach, daraus eine allgemeine Ursache-Wirkungs-Beziehung abzuleiten. Soziale Medien wirken nicht im luftleeren Raum. Rahmenbedingungen spielen eine zentrale Rolle: Wie stabil ist das famili\u00e4re Umfeld? Gibt es tragf\u00e4hige Freundschaften au\u00dferhalb des Netzes? Gibt es Ansprechpartner*innen bei belastenden Themen? Wie wird in der Familie und in der Schule mit digitalen Themen umgegangen? Junge Menschen, die gut eingebunden sind, \u00fcber Probleme und Schwierigkeiten sprechen k\u00f6nnen und klare Strukturen haben, kommen mit Social Media oft besser zurecht als diejenigen, die ohnehin belastet oder verunsichert sind. In diesem Sinne verst\u00e4rken Plattformen h\u00e4ufig bestehende Dynamiken, statt sie allein zu verursachen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: Die Diskussion \u00fcber den Einfluss sozialer Medien auf Jugendliche wird h\u00e4ufig durch Annahmen der \u00e4lteren Generation gepr\u00e4gt, w\u00e4hrend die empirische Studienlage bislang uneindeutig ist. Soziale Medien werden oft automatisch als Risiko f\u00fcr famili\u00e4re Beziehungen oder Lebensbereiche interpretiert \u2013 gleichzeitig erm\u00f6glichen sie aber verst\u00e4rkten Kontakt zu Freund*innen und Familie. Jugendliche nutzen digitale R\u00e4ume als Teil ihrer sozialen Entwicklung: Sie trennen sich sukzessive von Eltern und beziehen Peers st\u00e4rker in ihre Lebenswelt ein, ein zentraler Aspekt der Entwicklungsaufgabe nach Erikson. Plattformen unterst\u00fctzen diese Abnabelung, er\u00f6ffnen M\u00f6glichkeiten der Selbstentfaltung und der Vernetzung, gerade in postsozialen Lebenswelten. G\u00e4ngige Vorstellungen, wonach Familien normorientiert sein sollten, verstellen oft den Blick auf die tats\u00e4chlichen Medienpraktiken von Eltern und Jugendlichen. Die Praxis zeigt vielmehr ein komplexes Zusammenspiel zwischen digitalen und analogen Lebensbereichen, das in seiner gesellschaftlichen Dimension verstanden werden muss. Eine differenzierte, empirisch fundierte Betrachtung ist daher notwendig, um die Rolle sozialer Medien zu bewerten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Wenn Verbote (allein) keine L\u00f6sung des Problems darstellen: Was k\u00f6nnte stattdessen helfen? Ein Mehr an Medienkompetenz wird ja bereits seit vielen Jahren gefordert, aber reicht das?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: Auf Grundlage der Erfahrungen der Studierenden und der Perspektive der Medienbildung fassen wir zusammen, dass Verbote zu kurz greifen. Stattdessen sollten folgende Ma\u00dfnahmen im Vordergrund stehen:<br>&#8211; Medienkompetenz st\u00e4rken: Kontinuierliche, alters\u00fcbergreifende Bildung, die Jugendliche aber auch P\u00e4dagog*innen bef\u00e4higt, souver\u00e4n mit digitalen R\u00e4umen umzugehen. Dazu geh\u00f6rt kritische Reflexion der eigenen Nutzung, Austausch zwischen den Generationen und systematische Integration in Schule, Jugendarbeit und Familien. Ebenso relevant ist die medienp\u00e4dagogische Ausbildung von Lehrer*innen, etc.<br>&#8211; Verantwortung der Plattformen erh\u00f6hen: Plattformen m\u00fcssen Inhalte konsequent moderieren, Algorithmen und KI-generierte Inhalte transparent machen, Werbung klar kennzeichnen und Datenschutz gew\u00e4hrleisten. Spezifische Abteilungen und ausreichend Personal sollten vorhanden sein, um Regelverst\u00f6\u00dfe zu \u00fcberwachen. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen aber auch globale Ungleichheiten diskutiert werden, wenn Abteilungen der Sichtung problematischer Inhalte in benachteiligte L\u00e4nder transferiert werden.<br>&#8211; Rechtliche und politische Rahmenbedingungen: Strafrechtliche Verfolgung von Cybermobbing und Hassrede muss klar geregelt und transparent kommuniziert werden. Jegliche Ma\u00dfnahmen sollten evidenzbasiert begleitet werden.<br>&#8211; Ein wirksamer Schutz von Jugendlichen entsteht nur durch Bef\u00e4higung, Begleitung und regulierte Rahmenbedingungen, nicht durch Entzug sozialer R\u00e4ume. Strafrechtliche Verfolgungen; Transparenz der M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andrea Irmer<\/strong>: Ich pl\u00e4diere nicht f\u00fcr ein generelles Verbot von Social Media, sondern f\u00fcr einen kombinierten Ansatz aus Schutz, Aufkl\u00e4rung und struktureller Regulierung. Soziale Medien sind Teil unserer Lebenswelt &#8211; entscheidend ist, unter welchen Bedingungen junge Menschen ihnen begegnen. Medienkompetenz ist dabei wichtig, reicht aus meiner Sicht jedoch allein nicht aus. Digitale Plattformen sind gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden und Nutzungszeiten zu maximieren. Aus psychologischer Sicht kann man nicht erwarten, dass Aufkl\u00e4rung allein gegen solche suchtf\u00f6rdernden Mechanismen ausreicht, insbesondere im Kindes- und Jugendalter, wenn Selbstregulation noch nicht vollst\u00e4ndig entwickelt ist. Diese Verantwortung k\u00f6nnen junge Menschen allein nicht tragen. Deshalb braucht es tragf\u00e4hige und verbindliche Rahmenbedingungen. Dazu geh\u00f6rt ein gesetzlich geregeltes Mindestalter f\u00fcr die Nutzung sozialer Medien, das nicht nur formal besteht, sondern auch verl\u00e4sslich eingehalten wird. Dar\u00fcber hinaus halte ich ein altersabh\u00e4ngiges, gestuftes Vorgehen f\u00fcr sinnvoll, bei dem ich eine zentrale Verantwortung bei den Anbietern sozialer Medien sehe. Es sollten insbesondere solche Mechanismen eingeschr\u00e4nkt werden, die nachweislich suchtf\u00f6rdernd wirken &#8211; etwa endloses Scrollen, Push-Benachrichtigungen oder permanente soziale R\u00fcckmeldesignale. Hier geht es nicht um Inhalte im engeren Sinne, sondern um Nutzungsarchitekturen, die gerade f\u00fcr junge Menschen schwer zu kontrollieren sind. Gleichzeitig braucht es informierte und sensibilisierte Eltern, die altersangemessene Regeln und Grenzen setzen und diese auch in ihrer Vorbildfunktion vorleben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Ein anderes, aber damit eng verbundenes Thema: Man h\u00f6rt von vielen Lehrkr\u00e4ften, dass Handys den Schulbetrieb in erheblichem Ma\u00dfe behindern. W\u00e4re ein generelles Handyverbot in der Schule aus Ihrer Sicht sinnvoll?&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andrea Irmer<\/strong>: Auch wenn die empirische Datenlage hierzu noch nicht eindeutig ist, spricht aus psychologischer Sicht einiges f\u00fcr ein klares Smartphone-Verbot w\u00e4hrend des Unterrichts. Soziale Medien wirken im Jugendalter besonders stark auf Aufmerksamkeits- und Belohnungssysteme. Allein die M\u00f6glichkeit, jederzeit etwas zu verpassen &#8211; die sogenannte fear of missing out &#8211; bindet kognitive Ressourcen. Ein verbindliches Verbot kann hier entlastend wirken, indem es den inneren Konflikt reduziert, st\u00e4ndig zwischen Unterricht und Smartphone hin- und hergerissen zu sein. Entscheidend ist jedoch, wie solche Regeln zustande kommen und vermittelt werden. Wenn Kinder und Jugendliche verstehen, warum bestimmte Regeln sinnvoll sind und dass sie dem Schutz von Konzentration und emotionaler Pr\u00e4senz dienen, werden sie eher als Orientierung denn als Strafe wahrgenommen &#8211; und entsprechend besser akzeptiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denise Klinge<\/strong>: In Hessen gilt in den Grundschulen ein umfassendes Verbot digitaler Endger\u00e4te, w\u00e4hrend die Nutzung in weiterf\u00fchrenden Schulen schulspezifisch geregelt wird. Dies bietet eine gute Grundlage f\u00fcr empirische Begleitung, um die Auswirkungen auf Kommunikation, Lernprozesse und soziale Interaktionen der Sch\u00fcler*innen zu untersuchen. Um einen gemeinsamen Kommunikationsraum f\u00fcr den Unterricht zu erhalten, ist das Verbot sinnvoll. Digitale Endger\u00e4te (und nicht nur Smartphones und IPads) sollten jedoch auch gezielt in den Unterricht integriert werden, um Medien- und Recherchekompetenzen zu erlernen (Stichwort Desktop- und Datenkompetenz abseits der Applogik).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Fragen: Dirk Frank, Redaktion UniReport<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verbote allein reichen nicht Einsch\u00e4tzungen der Erziehungswissenschaft und Psychologie zur neuen Social-Media-Regelung in Australien Seit dem 10. 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