{"id":87316,"date":"2026-01-29T10:57:14","date_gmt":"2026-01-29T09:57:14","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=87316"},"modified":"2026-01-29T10:57:17","modified_gmt":"2026-01-29T09:57:17","slug":"einer-von-1000-stirbt-wie-verstehen-wir-zahlen-wenn-es-um-die-gesundheit-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/einer-von-1000-stirbt-wie-verstehen-wir-zahlen-wenn-es-um-die-gesundheit-geht\/","title":{"rendered":"Einer von 1000 stirbt: Wie verstehen wir Zahlen, wenn es um die Gesundheit geht?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sonderforschungsbereich \u201eTreatment Expectation\u201c nimmt Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufkl\u00e4rung von Patient*innen in den Blick.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/winfried-rief-ulrike-bingel-tobias-kube-c-andre-zelck.jpg\" alt=\"Prof. Winfried Rief, Prof. Ulrike Bingel, Prof. Tobias Kube \u00a9 Andr\u00e9 Zelck\" class=\"wp-image-87317\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/winfried-rief-ulrike-bingel-tobias-kube-c-andre-zelck.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/winfried-rief-ulrike-bingel-tobias-kube-c-andre-zelck-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/winfried-rief-ulrike-bingel-tobias-kube-c-andre-zelck-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/winfried-rief-ulrike-bingel-tobias-kube-c-andre-zelck-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Prof. Winfried Rief, Prof. Ulrike Bingel, Prof. Tobias Kube \u00a9 Andr\u00e9 Zelck<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Gleich, aber doch ganz anders: Viele Studien belegen, dass Patientinnen und Patienten Zahlenvergleiche im medizinischen Kontext nur schwer einordnen k\u00f6nnen, wenn es um Heilungschancen und Nebenwirkungen geht. Welche Formulierungen Nocebo-Effekte bei der Kommunikation in der Praxis und Klinik vermeiden k\u00f6nnen, erkl\u00e4ren die beiden Psychologen Prof. Tobias Kube von der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Prof. Winfried Rief von der Universit\u00e4t Marburg in dem aktuell ver\u00f6ffentlichten \u201eLetter\u201c in der renommierten Fachzeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association).<\/p>\n\n\n\n<p>Ist drei von hundert das Gleiche wie 3 %? Ja und nein. Numerisch ist es gleich, aber emotional empfinden PatientInnen die Beschreibung unterschiedlich. Darauf weist der Beitrag von Prof. Tobias Kube von der Klinischen Psychologie und Psychopathologie der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Prof. Winfried Rief, Leiter der Abteilung f\u00fcr Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universit\u00e4t Marburg, hin. Rief ist auch stellvertretender Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) \u201eTreatment Expecation\u201c, der Placebo-und Nocebo-Effekte erforscht, Kube ist assoziiertes Mitglied des SFB. Ein zentraler Forschungsaspekt des Verbundes ist: Wie k\u00f6nnen BehandlerInnen in der \u00e4rztlichen Kommunikation Placebo-Effekte f\u00f6rdern und Nocebo-Effekte vermeiden? Welche besonderen Fallstricke sind zu vermeiden, wenn es darum geht Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufkl\u00e4rung von PatientInnen zu kommunizieren?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mathematik und das Verst\u00e4ndnis von Zahlen<\/h2>\n\n\n\n<p>An einfachen mathematischen Fragestellungen scheitern viele von uns. In einer Studie mit 4637 erwachsenen US-Amerikanern konnten nur 34 Prozent in einer ungeordneten Zahlenreihe sagen, welcher Wert am h\u00f6chsten ist. So schrieb es Brian Zikmund-Fisher, Professor f\u00fcr Gesundheitsverhalten und Gesundheitsgerechtigkeit an der Universit\u00e4t von Michigan, Ende Oktober 2025 im JAMA. Das d\u00fcrfte in Deutschland nicht grundlegend unterschiedlich sein. Zikmund-Fisher empfiehlt f\u00fcnf klare Strategien, wie Zahlen verst\u00e4ndlich zu verwenden seien und r\u00e4t von verbalen Umschreibungen wie \u201eh\u00e4ufig\u201c, \u201esehr selten\u201c oder \u201eunwahrscheinlich\u201c ab. Ohne Kontext und Vergleich bes\u00e4\u00dfen die Begriffe eine geringe Aussagekraft und k\u00f6nnten \u00c4ngste sowie unerw\u00fcnschte Erwartungseffekte f\u00f6rdern.<br>Allerdings, so Kube in dem aktuellen Kommentar in JAMA, bergen auch Zahlen im medizinischen Kontext dieses Risiko. Was der US-Professor in seinem JAMA-Beitrag nicht erw\u00e4hnt, sind die sogenannten Framing-Effekte. Deshalb zeigen Kube und Rief, dass bei der Wahrnehmung von numerisch dargestellten Testergebnissen und von Wahrscheinlichkeitsbeschreibungen gravierende Unterschiede bestehen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Positive Prozentzahlen<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201e\u201890 Prozent der Patienten \u00fcberstehen die Infektion\u2018, ist mathematisch die gleiche Aussage wie \u201azehn Prozent \u00fcberstehen es nicht\u2018, aber mit der ersten Aussage wird f\u00fcr einen Patienten die hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles gut wird, in den Vordergrund ger\u00fcckt. Das nennt man positives Framing\u201c, erkl\u00e4rt Prof. Tobias Kube von der Goethe-Universit\u00e4t. Die erste Formulierung wirkt daher eher beruhigend, w\u00e4hrend die zweite \u00c4ngste ausl\u00f6sen kann. \u201eDeshalb sollten wir in der Praxis immer ein positives Framing anstreben, vor allem wenn es um potenziell negative und bedrohliche Nachrichten geht. Gerade dann sollten Erkl\u00e4rungen, zum Beispiel wie h\u00e4ufig die Behandlung erfolgversprechend ist oder mit welcher Wahrscheinlichkeit mit gravierenden Nebenwirkungen zu rechnen ist, positiv eingebettet sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Framing -Effekt<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieser \u201eRahmungseffekt\u201c erkl\u00e4rt, warum wir eine gleiche Information unterschiedlich bewerten, je nachdem wie sie sprachlich formuliert wird. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten in ihren fr\u00fchen Pionierarbeiten zur Entscheidungstheorie, dass zwei Aussagen mit identischem Inhalt durch unterschiedliche sprachliche Rahmen (Frames) g\u00e4nzlich unterschiedliche emotionale Wirkungen und damit Entscheidungen bei Menschen ausl\u00f6sen. Gleicher Inhalt, aber g\u00e4nzlich andere Wahrnehmung, andere Gef\u00fchlslage, andere Bewertung. Deshalb ist die genaue Sprache so wichtig, weil unser Gehirn nicht nur auf den Inhalt, sondern stark auf die emotionale F\u00e4rbung reagiert. Der Psychologie-Professor Kube geht aber noch weiter: \u201eNeben positivem und negativem Framing ist es auch wichtig, ob Wahrscheinlichkeiten in Prozent oder als H\u00e4ufigkeiten angegeben werden\u201c. So wirke beispielsweise die Aussage \u201eeiner von hundert stirbt\u201c deutlich bedrohlicher als die Aussage \u201eein Prozent stirbt\u201c. \u201eWenn man bei medizinischen Risiken ein negatives Framing in der Kommunikation einsetzt, ist es deutlich besser Prozents\u00e4tze zu verwenden, weil dies abstrakter von Patienten wahrgenommen wird und man sich nicht gleich als die eine m\u00f6gliche Person von Hundert sieht, die betroffen sein k\u00f6nnte\u201c, r\u00e4t Prof. Rief von der Universit\u00e4t Marburg.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Empfehlung<\/h2>\n\n\n\n<p>Zahlen sind in der medizinischen Kommunikation ein zentraler Bestandteil, sollten aber in Bezug auf die Framing-Effekte mit Bedacht gew\u00e4hlt werden und vor allem Patienten, die sehr \u00e4ngstlich sind, bed\u00fcrfen einer besonderen Ansprache und erweiterten Kommunikation. \u201eDen \u00e4ngstlichen und sehr besorgten Patienten sollte ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt werden, wie diese Zahlen zu verstehen sind\u201c, erkl\u00e4rt Kube.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eViele PatientInnen verstehen in der Praxis nicht genau, was ein Arzt oder eine \u00c4rztin gesagt und vor allem gemeint hat\u201c, best\u00e4tigt die Neurologin Prof. Ulrike Bingel, Leiterin der Universit\u00e4ren Schmerzmedizin der Universit\u00e4tsmedizin Essen und Sprecherin des SFB \u201eTreatment Expectation\u201c, \u201edenn Gesundheitskommunikation braucht vor allem Zeit, die in der Praxis oft fehlt\u201c. Gerade vor dem Hintergrund knapper zeitlicher Ressourcen im Gesundheitssystem sieht Tobias Kube besonders viel Potential in der sorgsamen Wahrscheinlichkeitsdarstellung: \u201ePositives Framing kostet nichts und erfordert keine extra Zeit in Gespr\u00e4chen mit Patienten und w\u00e4re somit besonders leicht umzusetzen\u201c.<br>\u201eJeder Patient und jede Patientin fragt nach Chancen und Risiken, weil Informationen Sicherheit geben, genau deshalb m\u00fcssen wir TherapeutInnen schulen, wie sie \u00fcber Diagnosen, Therapien und m\u00f6gliche Nebenwirkungen erwartungssensibel aufkl\u00e4ren\u201c, fordert Prof. Bingel. Die aktuellen Studien zeigten konkret, worauf zu achten sei. Man d\u00fcrfe die PatientInnen nicht allein lassen und sie die Erkl\u00e4rungen im Internet suchen lassen, warnt die Neurologin Ulrike Bingel.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><a href=\"https:\/\/jamanetwork.com\/journals\/jama\/article-abstract\/2844450#\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jama Letter \u2192<\/a><br><br><strong>Originalarbeiten:<\/strong><br>Zikmund-Fisher, B. J., Thorpe, A. &amp; Fagerlin, A. How to Communicate Medical Numbers. JAMA (2025). https:\/\/doi.org:10.1001\/jama.2025.13655<br>Kube T, Riecke J, Heider J, Glombiewski JA, Rief W, Barsky AJ. Same same, but different: effects of likelihood framing on concerns about a medical disease in patients with somatoform disorders, major depression, and healthy people. Psychol Med. 2023 Dec;53(16):7729-7734. doi: 10.1017\/S0033291723001654. Epub 2023 Jun 13. PMID: 37309182.<br><br><strong>Der Sonderforschungsbereich 289 \u201eTreatment Expectation\u201c<\/strong><br>Der \u00fcberregionale, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gef\u00f6rderte Sonderforschungsbereich (SFB\/Transregio 289) \u201eTreatment Expectation\u201c untersucht seit dem Jahr 2020 mit einem interdisziplin\u00e4ren Team an den Universit\u00e4ten Duisburg-Essen, Marburg und Hamburg den Einfluss der Erwartung von PatientInnen auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen. Deutschland nimmt international eine Spitzenposition in der Erforschung von Placebo-und Noceboeffekten ein. Im Mai 2024 hat der SFB rund 15 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft f\u00fcr eine weitere vierj\u00e4hrige F\u00f6rderphase eingeworben. Das Ziel des interdisziplin\u00e4ren Verbunds ist, die \u00e4u\u00dferst komplexen Mechanismen von Erwartungseffekten von der molekularen bis zur systemischen Ebene mit modernsten wissenschaftlichen Methoden zu entschl\u00fcsseln, psychologische und neurobiologische Unterschiede zwischen einzelnen PatientInnen und Erkrankungen so exakt wie m\u00f6glich zu verstehen und zu pr\u00fcfen, wie diese Effekte etablierte pharmakologische und andere Behandlungsans\u00e4tze optimieren k\u00f6nnen. Hierzu erforscht ein Team von rund 100 Forschenden aus den Bereichen Medizin, Psychologie und den Neurowissenschaften. Ziel der Forschung ist es, bestehende Medikamente vertr\u00e4glicher zu machen, ihre Wirksamkeit zu steigern und ihre Nebenwirkungen zu verringern, indem man die Effekte positiver Erwartung nutzt. Sprecherin des Forschungsverbundes ist Prof. Dr. Ulrike Bingel von der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Duisburg-Essen: \u201eErwartungen von PatientInnen haben einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf von Erkrankungen und die Wirksamkeit von Behandlungen. Unser Ziel ist es das wissenschaftliche fundierte Wissen, dass Erwartung, Kontext und Kommunikation eine wichtige Rolle spielen, in die Schulmedizin zu integrieren.\u201c<br><br>Weitere Informationen zur <a href=\"https:\/\/treatment-expectation.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">aktuellen Forschung sowie Ratschla\u0308ge fu\u0308r Patient*innen \u2192<\/a> <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonderforschungsbereich \u201eTreatment Expectation\u201c nimmt Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufkl\u00e4rung von Patient*innen in den Blick. 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