{"id":87732,"date":"2026-03-16T15:36:09","date_gmt":"2026-03-16T14:36:09","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=87732"},"modified":"2026-03-16T15:42:09","modified_gmt":"2026-03-16T14:42:09","slug":"jagdbeute-der-neandertaler-riesige-elefanten-wanderten-hunderte-kilometer-durch-das-eiszeitliche-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/jagdbeute-der-neandertaler-riesige-elefanten-wanderten-hunderte-kilometer-durch-das-eiszeitliche-europa\/","title":{"rendered":"Jagdbeute der Neandertaler: Riesige Elefanten wanderten Hunderte Kilometer durch das eiszeitliche Europa"},"content":{"rendered":"<p><em>Internationales Forschungsteam analysiert pr\u00e4historische Z\u00e4hne Europ\u00e4ischer Waldelefanten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fossile Z\u00e4hne k\u00f6nnen erstaunlich viele Informationen bewahren, weil Zahnschmelz langsam w\u00e4chst und Schicht f\u00fcr Schicht Daten \u00fcber die Umwelt speichert. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung von Wissenschaftler*innen der Allianz der Rhein-Main-Universit\u00e4ten konnte jetzt die Lebensgeschichte vier Europ\u00e4ischer Waldelefanten (<em>Palaeoloxodon antiquus<\/em>) anhand der Analyse ihrer Z\u00e4hne rekonstruieren. Die Elefanten \u2013 deutlich gr\u00f6\u00dfer als heutige Arten \u2013 waren die gr\u00f6\u00dften Lands\u00e4ugetiere des pr\u00e4historischen Europas und lebten w\u00e4hrend der letzten Warmzeit vor rund 125.000 Jahren. Eine Studie von 2023 hatte gezeigt, dass sie zur Jagdbeute von Neandertalern geh\u00f6rten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-Palaeoloxodon_antiquus_650x450px_c_Hodari-Nundu-CC-BY-4.0.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-87733\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-Palaeoloxodon_antiquus_650x450px_c_Hodari-Nundu-CC-BY-4.0.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-Palaeoloxodon_antiquus_650x450px_c_Hodari-Nundu-CC-BY-4.0-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-Palaeoloxodon_antiquus_650x450px_c_Hodari-Nundu-CC-BY-4.0-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-Palaeoloxodon_antiquus_650x450px_c_Hodari-Nundu-CC-BY-4.0-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Vor 120.000 Jahren waren Europ\u00e4ische Waldelefanten (Palaeoloxodon antiquus) in Europa verbreitet. Bild: Image: Hodari Nundu, CC-BY-4.0<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Neumark-Nord im Nordosten Deutschlands, eine ehemalige Seenlandschaft aus der letzten Warmzeit, ist reich an arch\u00e4ologischen Funden, die beim Braunkohletagebau entdeckt wurden. Das Gebiet in Sachsen-Anhalt z\u00e4hlt zu den wichtigsten europ\u00e4ischen pal\u00e4ontologischen Fundstellen des Europ\u00e4ischen Waldelefanten <em>Palaeoloxodon antiquus<\/em>. Dort wurden die fossilen \u00dcberreste von mehr als 70 Elefanten entdeckt, die in dieser Gegend einst von Neandertalern erlegt worden waren. Durch diese au\u00dfergew\u00f6hnliche gro\u00dfe Anzahl gibt der Fundort zudem einen einzigartigen Einblick in die Beziehung zwischen diesen gro\u00dfen Tieren und den Menschen des Pleistoz\u00e4ns.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein internationales Forschungsteam aus Deutschland, den Niederlanden und den USA hat jetzt die Z\u00e4hne von vier der Elefanten genauer untersucht. Mit einem innovativen Ansatz, der die Analyse von Isotopen (Kohlenstoff, Sauerstoff und Strontium) und Proteine (Pal\u00e4oproteomik) kombiniert, rekonstruierten die Forschenden das Wanderverhalten, die Ern\u00e4hrung und sogar das Geschlecht mehrerer Individuen. Isotopenanalysen des Elements Strontium entlang der Wachstumsrichtung der Backenz\u00e4hne zeigten, dass sich die Elefanten \u00fcber mehrere Jahre hinweg in unterschiedlichen europ\u00e4ischen Regionen aufhielten. Die Daten wurden von Elena Armaroli und Federico Lugli in Frankfurt unter der Leitung von Prof. Wolfgang M\u00fcller erhoben, einem der Leiter des Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE) der Goethe-Universit\u00e4t. Die Analysen von Kohlenstoff und Sauerstoff wurden am Max-Planck-Institut f\u00fcr Chemie in Mainz durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Elena Armaroli, Postdoktorandin an der Universit\u00e4t Modena und Reggio Emilia (UNIMORE) in Italien und Erstautorin der Studie, erkl\u00e4rt: \u201eDank Isotopenanalysen k\u00f6nnen wir die Bewegungen von Elefanten fast so nachvollziehen, als h\u00e4tten wir ein Tagebuch ihrer Reisen, das \u00fcber mehr als hunderttausend Jahre hinweg in ihren Z\u00e4hnen konserviert worden ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinige der untersuchten Elefanten waren Tiere, die sich nicht nur in einem Gebiet aufhielten\u201c, erkl\u00e4rt Federico Lugli, au\u00dferordentlicher Professor an der UNIMORE und wie Armaroli verantwortlicher Autor. \u201eIhre Z\u00e4hne zeigen, dass sie sehr gro\u00dfe Distanzen zur\u00fccklegten \u2013 bis zu 300 Kilometer \u2013, bevor sie das heutige Neumark-Nord erreichten. Dadurch k\u00f6nnen wir ihre Aktionsr\u00e4ume in ihrem Lebensraum rekonstruieren und verstehen, wie diese Tiere die Landschaft nutzten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Forschungsteam identifizierte au\u00dferdem das Geschlecht der vier Elefanten: Es handelt sich um drei Bullen und \u2013 h\u00f6chst wahrscheinlich \u2013 um eine Elefantenkuh. Zwei der Bullen zeigen Isotopensignaturen, die sich deutlich von denen unterschieden, die f\u00fcr die Gesteinsschichten in Neumark-Nord zu erwarten w\u00e4ren. Dies l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass die Bullen \u2013 \u00e4hnlich wie das an heutige Elefanten tun \u2013 gr\u00f6\u00dfere Territorien als die Elefantenk\u00fche durchstreiften.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eElena Armaroli schlussfolgert: \u201eDie Konzentration der \u00dcberreste und das Profil der Tiere deuten darauf hin, dass die Neandertaler die Elefanten nicht erlegt haben, weil es gerade eine g\u00fcnstige Gelegenheit gab. Alles deutet auf eine organisierte Jagd hin, bei der sogar solch riesige Beutetiere gezielt erlegt werden konnten. Daf\u00fcr mussten die Neandertaler die Landschaft gut kennen, zusammenarbeiten und planen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese Studie markiert auch einen wichtigen methodischen Fortschritt\u201c, betont Federico Lugli. \u201eZum ersten Mal wurde Pal\u00e4oproteomik bei Europ\u00e4ischen Waldelefanten angewandt, wodurch wir das Geschlecht einzelner Tiere anhand von Proteinen bestimmen konnten, die im Zahnschmelz erhalten sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie ist die j\u00fcngste in einer Reihe laufender wissenschaftlicher Analysen von Fundmaterial aus dem ehemaligen Braunkohletagebau Neumark-Nord. Die Forschungsprojekte werden von einem gemeinsamen Team des Arch\u00e4ologischen Forschungszentrums und Museums f\u00fcr menschliche Verhaltensevolution MONREPOS in Neuwied \u2013 einer Einrichtung des Leibniz-Zentrums f\u00fcr Arch\u00e4ologie (LEIZA) \u2013, der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz (JGU) und der Universit\u00e4t Leiden durchgef\u00fchrt. M\u00f6glich wurden sie durch die kontinuierliche Unterst\u00fctzung des Landesamts f\u00fcr Denkmalpflege und Arch\u00e4ologie Sachsen-Anhalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel der Forschungsprojekte ist es, die verschiedenen Dimensionen des \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks der Neandertaler genauer zu bestimmen. Die Ergebnisse zeigen, dass Neandertaler als Sammler und J\u00e4ger aktiv waren, die innerhalb eines reichen Seeufer-\u00d6kosystems agierten. Der Fundort gibt Hinweise darauf, dass die Menschen Tierk\u00f6rper organisiert an verschiedenen Stellen zerlegten und aus gro\u00dfen S\u00e4ugetieren Fett in gro\u00dfem Ma\u00dfstab gewannen. Au\u00dferdem verzehrten sie pflanzliche Nahrung wie Haseln\u00fcsse und Eicheln. Neandertaler scheinen die Ressourcen dieses \u00d6kosystems immer wieder genutzt zu haben und ver\u00e4nderten m\u00f6glicherweise sogar die Landschaft durch den Einsatz von Feuer. Dazu sind sie wahrscheinlich in gr\u00f6\u00dferen sozialen Gruppen organisiert gewesen als bisher angenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas wir in Neumark-Nord sehen, ist kein Bild blo\u00dfen \u00dcberlebens, sondern das einer Population, die ihre Umwelt verstand und \u00fcber einen Zeitraum von mindestens 2.500 Jahren aktiv und auf komplexe Weise mit ihr interagierte\u201c, sagt Studienautorin Sabine Gaudzinski-Windheuser, Professorin f\u00fcr vor- und fr\u00fchgeschichtliche Arch\u00e4ologie an der JGU und Leiterin von MONREPOS.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZumindest einige der m\u00e4nnlichen Elefanten, die in Neumark entdeckt wurden, verbrachten einen Teil ihrer Adoleszenz und ihres fr\u00fchen Erwachsenenalters au\u00dferhalb der Neumarker Seenlandschaft. Ob Neumark ein Anziehungspunkt f\u00fcr Elefanten aus verschiedenen Regionen war, die sich hier versammelten, oder ob das Gebiet um Neumark die Heimatpopulation von Elefanten darstellte, deren Individuen das Gebiet zeitweise verlie\u00dfen, l\u00e4sst sich allein anhand von Isotopen nicht bestimmen\u201c, sagt der der Ko-Autor Prof. Thomas T\u00fctken von der Arbeitsgruppe f\u00fcr Angewandte und Analytische Pal\u00e4ontologie der JGU. \u201eUm die Populationsdynamik der Neumarker Elefanten \u2013 und damit auch die neandertalerzeitliche Jagd in Neumark \u2013 besser zu verstehen, haben wir eine genetische Untersuchung der Neumarker Elefanten begonnen\u201c, erg\u00e4nzt Dr. Lutz Kindler, Mitglied des Neumark-Nord-Teams und Wissenschaftler in MONREPOS und an der JGU.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Partner:<\/strong><br>Universit\u00e4t von Modena und Reggio Emilia, Italien<br>Goethe Universit\u00e4t Frankfurt, Deutschland<br>California Institute of Technology, Davis, USA<br>Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz, Deutschland<br>MONREPOS Arch\u00e4ologisches Forschungszentrum und Museum f\u00fcr menschliche Verhaltensevolution, Neuwied, Leibniz-Zentrum f\u00fcr Arch\u00e4ologie (LEIZA), Deutschland<br>Universit\u00e4t Leiden, Niederlande<br>University of California, Davis, USA<br>Max-Planck-Institute f\u00fcr Chemie, Mainz, Deutschland<br>Columbia University, New York, USA<br><br><strong>Publikation: <\/strong>Elena Armaroli, Federico Lugli, Th\u00e9o Tacail, Lutz Kindler, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Fulco Scherjon, Wil Roebroeks, Glendon Parker, Hubert Vonhof, Anna Cipriani, Thomas T\u00fctken, Wolfgang M\u00fcller: <strong>Life histories of straight-tusked elephants from the Last Interglacial Neanderthal site of Neumark-Nord (~125 ka)<\/strong>. Science Advances (2026) <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1126\/sciadv.adz0114\">https:\/\/doi.org\/10.1126\/sciadv.adz0114<\/a><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Informationen<br><\/strong>Prof. Dr. Federico Lugli<br>Laboratorio di Geochimica<br>Universit\u00e0 degli Studi di Modena e Reggio Emilia<br><a href=\"mailto:federico.lugli@unimore.it\">federico.lugli@unimore.it<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.geochem.unimore.it\/chi-siamo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.geochem.unimore.it\/chi-siamo\/<\/a><br><br>Dr. Elena Armaroli<br>Dipartimento di Scienze Chimiche e Geologiche<br>Universit\u00e0 degli Studi di Modena e Reggio Emilia<br>Tel. +39 3312563925<br>elena.armaroli@unimore.it<\/p>\n\n\n\n<p>Prof. Dr. Wolfgang M\u00fcller<br>Institut f\u00fcr Geowissenschaften \/<br>Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE)<br>Goethe Universit\u00e4t Frankfurt<br>Tel. +49 (0)69 798 40291<br><a href=\"mailto:w.muller@em.uni-frankfurt.de\">w.muller@em.uni-frankfurt.de<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/49540288\/Homepage-Mueller\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.uni-frankfurt.de\/49540288\/Homepage-Mueller<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Lutz Kindler<br>LEIZA &#8211; Leibniz Zentrum f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Standort Neuwied<br>MONREPOS Archaeological Research Centre and Museum for Human Behavioural Evolution<br><a href=\"mailto:lutz.kindler@leiza.de\">lutz.kindler@leiza.de<\/a><br><a href=\"https:\/\/monrepos.leiza.de\/\">https:\/\/monrepos.leiza.de\/<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internationales Forschungsteam analysiert pr\u00e4historische Z\u00e4hne Europ\u00e4ischer Waldelefanten Fossile Z\u00e4hne k\u00f6nnen erstaunlich viele Informationen bewahren, weil Zahnschmelz langsam w\u00e4chst und Schicht f\u00fcr Schicht Daten \u00fcber die Umwelt speichert. 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