{"id":87973,"date":"2026-04-20T10:17:39","date_gmt":"2026-04-20T08:17:39","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=87973"},"modified":"2026-04-20T10:17:40","modified_gmt":"2026-04-20T08:17:40","slug":"kommunikative-vernunft-zum-tod-von-juergen-habermas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/kommunikative-vernunft-zum-tod-von-juergen-habermas\/","title":{"rendered":"Kommunikative Vernunft. Zum Tod von J\u00fcrgen Habermas"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-text-align-center\"><em>Von Rainer Forst und Klaus G\u00fcnther<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit J\u00fcrgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften \u00fcber viele Jahrzehnte pr\u00e4genden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anl\u00e4sslich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universit\u00e4t sagte, an dieser Universit\u00e4t drei gl\u00fcckliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war f\u00fcr uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns \u00fcber die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-habermas-vortrag-2019-c-uwe-dettmar-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-87712\" style=\"aspect-ratio:1.4451264147756067;width:603px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-habermas-vortrag-2019-c-uwe-dettmar-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-habermas-vortrag-2019-c-uwe-dettmar-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-habermas-vortrag-2019-c-uwe-dettmar-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/beitragsbild-habermas-vortrag-2019-c-uwe-dettmar.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">J\u00fcrgen Habermas, hier bei einem Vortrag an der Goethe-Universit\u00e4t zu seinem 90. Geburtstag 2019 (Foto: Dettmar)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>In jenem letzten gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Vortrag mit dem Titel \u201eNoch einmal: Zum Verh\u00e4ltnis von Moralit\u00e4t und Sittlichkeit\u201c erinnerte Habermas an die gro\u00dfen geschichtsphilosophischen Entw\u00fcrfe von Kant, Hegel und Marx und schloss an sie an. Er fokussierte auf die Frage nach der Vernunft in der Geschichte und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Vernunft ihre Arbeit an einer Verbesserung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse niemals, trotz aller Entt\u00e4uschungen, die der Lauf der Dinge bereith\u00e4lt, aufgeben darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es in erster Linie Kant, auf den Habermas sich beruft, wenn er an dem Imperativ festh\u00e4lt, unsere Lebensverh\u00e4ltnisse durch den \u201e\u00f6ffentlichen Gebrauch der Vernunft\u201c aufzukl\u00e4ren, also im Diskurs der Betroffenen selbst, der alle einbezieht, ohne sie ihrer individuellen Verschiedenheit zu berauben. Das ist sein Lebensthema, das sich durch all seine Schriften zieht: Emanzipation durch kommunikative Vernunft, die die Anstrengung auf sich nimmt, ihre eigenen, auch sozial und systemisch verursachten Blockaden zu erkennen und zu \u00fcberwinden. Mit Hegel h\u00e4lt Habermas freilich daran fest, dass diese Arbeit sich vergangener Lernprozesse versichern muss, um daraus Orientierung und Ermutigung zu gewinnen. Und mit Marx schlie\u00dflich besteht er darauf, dass es die Aufgabe der Philosophie und der Wissenschaften insgesamt ist, das Leben nicht nur zu verbessern, sondern von den Beschr\u00e4nkungen zu befreien, die ideologisch als naturgem\u00e4\u00df und unabweislich verkl\u00e4rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seines denkw\u00fcrdigen Vortrags lie\u00df Habermas die drei Perioden seines wissenschaftlichen Lebens, die er in Frankfurt verbrachte, kurz vor\u00fcberziehen: die Zeit als Assistent Adornos in der zweiten H\u00e4lfte der f\u00fcnfziger Jahre, die Zeit als Nachfolger Horkheimers auf dessen Professur in den Sechzigern und schlie\u00dflich die R\u00fcckkehr in den Achtzigern nach Beendigung der Direktorenschaft des Max-Planck-Instituts in Starnberg. Diese letzte Periode bezeichnete er als die \u201ebefriedigendste Zeit meines akademischen Lebens\u201c in der \u201efreien Luft\u201c der Goethe-Universit\u00e4t, und wir denken mit gro\u00dfem Dank an diese Zeit zur\u00fcck, in der wir bei ihm lernen durften.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung von 1965 hatte Habermas den Grundgedanken seiner Philosophie so formuliert, dass mit der Struktur der Sprache \u201eM\u00fcndigkeit f\u00fcr uns gesetzt\u201c ist. Diesen Gedanken entfaltete er auf vielen Wegen und in diversen disziplin\u00e4ren Kontexten. In seiner Habilitationsschrift \u00fcber den Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit (1962) rekonstruiert Habermas die Herausbildung einer kritischen, b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit seit dem 18. Jahrhundert und ihren Wandel hin zu einer zunehmend entpolitisierten und \u00fcber Massenmedien marktf\u00f6rmig organisierten \u00d6ffentlichkeit in den folgenden Perioden. Und Habermas w\u00e4re nicht Habermas, h\u00e4tte er diese Erkenntnisse nicht regelm\u00e4\u00dfig neu betrachtet und verortet, zuletzt in Reflexionen \u00fcber digitale Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab schlechterdings keine relevante theoretische Debatte seit dieser Zeit, in der J\u00fcrgen Habermas nicht eine bis heute wirkm\u00e4chtige Position eingenommen h\u00e4tte. Gegen die Hermeneutik Gadamers machte er ideologie- und traditionskritische Ans\u00e4tze stark, im Positivismusstreit arbeitete er die Besonderheit der kritischen Sozialwissenschaften heraus, die ein emanzipatorisches Interesse verfolgen. Dies f\u00fchrte zu dem bedeutenden Werk Erkenntnis und Interesse (1968). In den Diskussionen \u00fcber kritische Theorie pl\u00e4dierte er f\u00fcr eine radikaldemokratische und rationalistische Umstellung ihrer Pr\u00e4missen, dem Begriff einer kommunikativen Vernunft folgend. Diesen hat er in den Diskussionen mit Luhmanns Systemtheorie soziologisch ausgearbeitet, was zu der ber\u00fchmten Differenzierung zwischen einer kommunikativ strukturierten Lebenswelt und einem System f\u00fchrte, das eigene Medien der Handlungskoordination ausbildet, die dazu tendieren, ihre Grenzen zu \u00fcberschreiten und diskursive Kommunikation auszutrocknen und zu kolonisieren. Das wird in den Werken \u00fcber die Legitimationsprobleme im Sp\u00e4tkapitalismus (1973) und seiner monumentalen Theorie des kommunikativen Handelns (1981) ausgearbeitet, Letztere nichts weniger als eine neue Theorie der Moderne und sprachpragmatisch transformierte Transzendentalphilosophie in einem. Diese Kombination ist nach heutigen Standards der hochspezialisierten Wissenschaft, die sich in immer enger definierte Bereiche eingr\u00e4bt, eine Syntheseleistung, die ihresgleichen sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>In die dritte Frankfurter, nach der Starnberger Zeit ab 1983 folgende Periode f\u00e4llt die Ausarbeitung einer eigenen Art kantischer Ethik, der Diskursethik, deren Anf\u00e4nge in die Zeiten intensiven Austauschs mit dem Freund und Kollegen Karl-Otto Apel zur\u00fcckreichen. Im Diskurs der Moderne von 1985 werden die Kritik und die Verteidigung der Moderne zusammengedacht und die Weichen f\u00fcr ein \u201eNachmetaphysisches Denken\u201c gestellt, das danach in verschiedenen Werken entfaltet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns als Sch\u00fcler und Mitarbeiter war das gro\u00dfe Buch Faktizit\u00e4t und Geltung (1992) pr\u00e4gend, das aus einer mit den Mitteln des erstmals verliehenen Leibnizpreises der DFG gegr\u00fcndeten rechtstheoretischen Arbeitsgruppe hervorging, der wir angeh\u00f6rten. Hier wird gezeigt, wieso Rechtsstaat und Demokratie konzeptuell zusammengeh\u00f6ren, indem das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Menschenrechten und Volkssouver\u00e4nit\u00e4t so institutionalisiert wird, dass die Menschenrechte in demokratischen Verfahren der Selbstgesetzgebung zwar vorausgesetzt, durch diese aber erst konkretisiert und, wenn es gut geht, kontinuierlich ausgesch\u00f6pft werden. Die entsprechende Theorie deliberativer Demokratie erinnert uns daran, dass in einer Demokratie die bessere Rechtfertigung herrschen sollte, nicht der blo\u00dfe Wille von Mehrheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Jahren danach standen einerseits die Ausarbeitung einer transnationalen Theorie der Demokratie und des Rechts an (Postnationale Konstellation), mit besonderem Bezug auf Europa (Zur Verfassung Europas), und andererseits die Besch\u00e4ftigung mit einer durch neue biotechnologische Eingriffsm\u00f6glichkeiten in das Erbgut heraufbeschworenen Problematik einer \u201eentgleisenden S\u00e4kularisierung\u201c, die auf die Frage, weshalb man keine neuen, genetisch optimierten Menschen schaffen soll, keine guten Antworten bereitzuhalten schien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies und die in verschiedenen Regionen der Welt zunehmende Bedeutung des Religi\u00f6sen hat den Postmetaphysiker Habermas motiviert, in die Tiefen der Diskussion zwischen Religion bzw. Theologie und Philosophie einzusteigen, und das Ergebnis ist die 2019 erschienene, gro\u00df angelegte Genealogie des nachmetaphysischen Denkens unter dem Titel Auch eine Geschichte der Philosophie. Die Vernunft schreibt Habermas zufolge ihre Geschichte von ihrem eigenen Standpunkt aus, sieht dabei aber, dass sie sich aus dem Streit \u00fcber Glaubensfragen Schritt f\u00fcr Schritt herausgearbeitet hat und f\u00fcr weitere Lernprozesse offenhalten muss \u2013 wohl wissend, wie Habermas schreibt, dass eine Vernunft, die an der Gegenwart klebte, \u201emit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verk\u00fcmmern\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re eine eigene Geschichte, die Vielzahl von politischen Interventionen des Intellektuellen Habermas zu erz\u00e4hlen \u2013 von den Auseinandersetzungen in den Sechzigern \u00fcber Bildungsreform und Studierendenbewegung, in den Siebzigern \u00fcber Radikalenerlass und den Achtzigern zu zivilem Ungehorsam, den \u201eHistorikerstreit\u201c und die Diskussionen um die Wiedervereinigung und eine neue Verfassung, sp\u00e4ter zu milit\u00e4rischen Interventionen bis zu Stellungnahmen zur Bioethik, zur Pandemie oder aktuell zum Krieg in der Ukraine \u2013 und immer wieder Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders besorgte ihn das Wiedererstarken von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in j\u00fcngster Zeit. Gemeinsam mit Nicole Deitelhoff und uns beiden verfasste er im November 2023 ein Statement, das sich gegen antisemitische Reaktionen in Deutschland auf die milit\u00e4rische Intervention Israels in Gaza wandte. Dabei unterstrichen die AutorInnen die Grunds\u00e4tze eines solchen Einsatzes, n\u00e4mlich solche der \u201eVerh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, der Vermeidung ziviler Opfer und der F\u00fchrung eines Krieges mit der Aussicht auf k\u00fcnftigen Frieden\u201c. Das \u00e4nderte allerdings nichts daran, dass diese Stellungnahme der Gegenstand vielfacher Kritik wurde, die die ausdr\u00fcckliche Anmahnung dieser Grunds\u00e4tze \u00fcbersah.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Habermas wird als Autor eines singul\u00e4ren, monumentalen wissenschaftlichen Werkes ebenso in Erinnerung bleiben wie als brillanter politischer Intellektueller. Uns wird er als Lehrer und zugewandter Mentor unvergessen bleiben. Sein Tod rei\u00dft eine L\u00fccke, die nicht zu f\u00fcllen sein wird.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Rainer Forst<\/strong> ist Professor f\u00fcr Politische Theorie und Philosophie und Direktor des Forschungszentrums Normative Ordnungen an der Goethe-Universit\u00e4t. Er war Student bei J\u00fcrgen Habermas und sein Mitarbeiter und wurde unter seiner Betreuung 1993 mit einer Arbeit \u00fcber Theorien der Gerechtigkeit promoviert. Auch an seiner Habilitation \u00fcber Geschichte und Gegenwart der Toleranz wirkte J\u00fcrgen Habermas mit.<br><br><strong>Klaus G\u00fcnther<\/strong> hatte bis M\u00e4rz 2026 die Professur f\u00fcr Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht an der Goethe-Universit\u00e4t inne; ab April ist er Goethe-Teaching-Professor. Er war Mitglied der von Habermas aus Mitteln des Leibniz-Preises der DFG 1986 ins Leben gerufenen rechtstheoretischen Arbeitsgruppe und wurde unter seiner Betreuung mit einer Arbeit \u00fcber Anwendungsdiskurse in Moral und Recht promoviert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Rainer Forst und Klaus G\u00fcnther. 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