{"id":87976,"date":"2026-04-20T14:46:31","date_gmt":"2026-04-20T12:46:31","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=87976"},"modified":"2026-04-20T14:46:32","modified_gmt":"2026-04-20T12:46:32","slug":"nicht-nur-auf-das-bip-schauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/nicht-nur-auf-das-bip-schauen\/","title":{"rendered":"Nicht nur auf das BIP schauen"},"content":{"rendered":"<p><em>Alfons Weichenrieder, Professor f\u00fcr Finanzwissenschaft an der Goethe-Universit\u00e4t, zeigt in einem aktuellen Beitrag: Wer wissen m\u00f6chte, wie stark die Einkommen einer Volkswirtschaft wachsen und welche Ressourcen tats\u00e4chlich verteilt werden k\u00f6nnen, erh\u00e4lt mit dem Nettoinlandsprodukt (NIP) das realistischere Bild.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/beitrag-nicht-nur-auf-das-bip-unireport-1-126-650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-88124\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/beitrag-nicht-nur-auf-das-bip-unireport-1-126-650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/beitrag-nicht-nur-auf-das-bip-unireport-1-126-650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/beitrag-nicht-nur-auf-das-bip-unireport-1-126-650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/beitrag-nicht-nur-auf-das-bip-unireport-1-126-650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Entwicklung der deutschen Bruttoinvestitionen und Abschreibungen seit 1991<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Das Bruttoinlandsprodukt gilt als bew\u00e4hrte und zentrale Messgr\u00f6\u00dfe wirtschaftlicher Leistungsf\u00e4higkeit. Sie haben in einem aktuellen Paper die These aufgestellt, dass diese Kennzahl ein zu positives Bild zeichnet. Wie ist das zu erkl\u00e4ren, was hat sich ver\u00e4ndert? Und ist diese Erkenntnis neu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weniger um eine neue These als um eine Beobachtung, die sich anhand offizieller Daten nachvollziehen l\u00e4sst. Der Ausgangspunkt ist einfach: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) enth\u00e4lt auch Abschreibungen, also den Wertverlust des Kapitalstocks. Diese Mittel stehen jedoch nicht f\u00fcr Einkommen oder Konsum zur Verf\u00fcgung, sondern werden ben\u00f6tigt, um Maschinen, Geb\u00e4ude oder Infrastruktur zu ersetzen. Wer auf Nachhaltigkeit schaut, kann sich daher vom BIP t\u00e4uschen lassen. Entscheidend ist: Der Anteil der Abschreibungen ist in Deutschland deutlich gestiegen \u2013 von etwa 15,6 % des BIP im Jahr 1991 auf rund 20,6 % im Jahr 2025. Dadurch w\u00e4chst das BIP systematisch schneller als das Einkommen, das tats\u00e4chlich verteilt werden kann. Das Wirtschaftswachstum erscheint daher, gemessen am BIP, h\u00f6her, als es aus Sicht der verf\u00fcgbaren Einkommen tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welchen Vorteil hat demgegen\u00fcber die Messgr\u00f6\u00dfe des Nettoinlandsprodukts (NIP)?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Nettoinlandsprodukt zieht die Abschreibungen vom BIP ab und liegt damit n\u00e4her an dem Einkommen, das tats\u00e4chlich verteilt werden kann, ohne dass der Kapitalstock schrumpft. Wer wissen will, wie stark die Einkommen einer Volkswirtschaft wachsen und welche Ressourcen tats\u00e4chlich verteilt werden k\u00f6nnen, erh\u00e4lt mit dem NIP das realistischere Bild.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie erkl\u00e4ren Sie sich, dass das BIP aber immer noch f\u00fcr wirtschaftspolitische Debatten herangezogen wird, auch wenn die Verzerrungen doch mittlerweile deutlich sein m\u00fcssten? M\u00f6chte man, gerade in der Politik, ein sch\u00f6n gef\u00e4rbtes Bild des Wirtschaftsstandortes Deutschland zeichnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein, da geht es nicht um b\u00f6se Absicht. Wenn es darum geht, die konjunkturelle Auslastung der Produktionskapazit\u00e4ten zu beurteilen, ist das BIP durchaus ein geeigneter Indikator. Es ist seit Jahrzehnten die zentrale Kennzahl der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und fest in Politik, Statistik und \u00f6ffentlicher Debatte verankert, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Zudem reagiert das NIP st\u00e4rker auf Ver\u00e4nderungen relativer Preise. Dadurch kann es sich ver\u00e4ndern, ohne dass sich die konjunkturelle Lage tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert hat. F\u00fcr die Konjunkturanalyse hat das BIP daher Vorteile.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wo sehen Sie Gefahren, gerade auch vor dem Hintergrund einer ohnehin schon angeschlagenen Wirtschaft in Deutschland ohne viel Wachstum? Steht die Zunahme von Abschreibungen generell f\u00fcr eine Wirtschaft, die in hohem Ma\u00dfe ihren Kapitalstock erhalten muss, aber zu wenig Neues erwirtschaftet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahr liegt vor allem in einer \u00dcberforderung der Wirtschaft. Der Blick auf das BIP verdeckt, dass gemessen am NIP \u2013 also an den tats\u00e4chlich erwirtschafteten Nettowerten \u2013 Schulden, Sozialleistungen und Staatsausgaben deutlich st\u00e4rker gestiegen sind, als es die BIP-basierten Kennzahlen nahelegen. Ein Beispiel: Die gesamten Staatsausgaben beliefen sich 2024 auf etwa 49,5 % des BIP. Das ist die bekannte Staatsquote, die anzeigen soll, wie stark der Staat in das Wirtschaftsleben eingreift. Seit 1991 ist sie um moderate 2,9 Prozentpunkte gestiegen. Berechnet man die Quote dagegen auf Basis des NIP, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Die Quote liegt dann bei 62,2 %, und der Anstieg seit 1991 betr\u00e4gt satte 7,1 Prozentpunkte. Die letzten Jahre gingen also mit einer deutlichen Ausweitung der Staatsausgaben gemessen an den verf\u00fcgbaren Einkommen einher. Das mag man politisch unterschiedlich bewerten \u2013 aber der g\u00e4ngige Indikator bildet diese Entwicklung einfach unzureichend ab.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Steht die Zunahme von Abschreibungen generell f\u00fcr eine Wirtschaft, die in hohem Ma\u00dfe ihren Kapitalstock erhalten muss, aber zu wenig Neues erwirtschaftet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja und nein. Zum einen steigen die Abschreibungen tats\u00e4chlich, weil der Kapitalstock aufgrund niedriger Neuinvestitionen im Durchschnitt \u00e4lter geworden ist. Das bedeutet k\u00fcrzere Restlebensdauern der Kapitalg\u00fcter und damit h\u00f6here Abschreibungsbetr\u00e4ge. Zum anderen spielen immaterielle Investitionen in Forschung, Software und Patente eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Diese sind im Durchschnitt kurzlebiger als materielle Investitionsg\u00fcter und werden daher schneller abgeschrieben. Fest steht: Ein steigender Abschreibungsanteil bedeutet, dass ein gr\u00f6\u00dferer Teil der Wirtschaftsleistung allein f\u00fcr den Erhalt des bestehenden Kapitalstocks aufgewendet werden muss.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ist die problematischer werdende Heranziehung des BIP auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu beobachten, steht das Ph\u00e4nomen m\u00f6glicherweise f\u00fcr eine umfassende (Wirtschafts-)Krise der westlichen Welt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit Ausnahme vieler osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder zeigt sich f\u00fcr die Bedeutung der Abschreibungen ein \u00e4hnlicher Trend in zahlreichen entwickelten Volkswirtschaften \u2013 etwa in der EU, aber auch in den USA, Kanada oder Japan. Das spricht daf\u00fcr, Bruttogr\u00f6\u00dfen wie das BIP auch international st\u00e4rker durch Nettoindikatoren zu erg\u00e4nzen, um ein realistischeres Bild der Wohlfahrtsentwicklung zu erhalten. Grunds\u00e4tzlich ist ein schwaches oder schw\u00e4cheres Wachstum nichts, was per se zu einer Krise f\u00fchrt. Da die Wirtschaftspolitik aber gerne Probleme durch Schulden kaschiert, wird es zum Problem, wenn man nicht in der Lage ist, aus den Schulden herauszuwachsen. Eine nachhaltige Wirtschaftspolitik bei hohen Schuldenst\u00e4nden sollte ganz besonders auf das Wachstumsziel achten. Wenn man sich mit den expliziten Schulden des Staates und den impliziten Schulden, wie sie in unseren Sozialversicherungen stecken, einen schweren Rucksack aufgeladen hat, dann ist es im Hinblick auf die jungen Generationen besonders wichtig, dass man sich nicht noch mit wachstumsfeindlichen Politiken das Leben schwer macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Questions: Dirk Frank<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Zur Studie<\/strong> <br>\u00bbAbschreibungen und die wachsende Kluft zwischen Brutto- und Nettoinlandsprodukt\u00ab<br>von Alfons Weichenrieder: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/pwp-2025-0045\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/pwp-2025-0045<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfons Weichenrieder, Professor f\u00fcr Finanzwissenschaft an der Goethe-Universit\u00e4t, zeigt in einem aktuellen Beitrag: Wer wissen m\u00f6chte, wie stark die Einkommen 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