{"id":8909,"date":"2016-08-11T11:48:47","date_gmt":"2016-08-11T09:48:47","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=8909"},"modified":"2016-08-11T11:48:47","modified_gmt":"2016-08-11T09:48:47","slug":"katja-lange-mueller-gute-erzaehlungen-aehneln-bruehwuerfeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/katja-lange-mueller-gute-erzaehlungen-aehneln-bruehwuerfeln\/","title":{"rendered":"Katja Lange-M\u00fcller: \u201eGute Erz\u00e4hlungen \u00e4hneln Br\u00fchw\u00fcrfeln\u201c"},"content":{"rendered":"<h4><strong><em><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8913 alignleft\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/blog_unireport_lange-m\u00fcller-300x199.jpg\" alt=\"blog_unireport_lange-m\u00fcller\" width=\"350\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/blog_unireport_lange-m\u00fcller-300x199.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/blog_unireport_lange-m\u00fcller.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/>Der UniReport (Ausgabe 4.16) sprach mit Katja Lange-M\u00fcller \u00fcber ihre Vorg\u00e4nger der Frankfurter Poetikdozentur und ihre Zeit als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.<\/em><\/strong><\/h4>\n<p>Die Schriftstellerin Katja Lange-M\u00fcller hat in ihren f\u00fcnf Frankfurter Poetikvorlesungen \u00fcber \u00bbDas Problem als Katalysator\u00ab doziert. Der UniReport hatte nach der dritten Vorlesung, in der sie sich unter anderem mit Kurt Tucholsky und Wolfgang Hilbig besch\u00e4ftigte, die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen \u2013 nat\u00fcrlich erst, nachdem sie unz\u00e4hlige B\u00fccher signiert hatte.<\/p>\n<p><strong><em>Frau Lange-M\u00fcller, Sie sprachen in der ersten Vorlesung dar\u00fcber, dass Sie ohne Abitur und akademische Bildung eigentlich gar nicht zur Goethe-Uni passen. Haben Sie sich mittlerweile hier etwas akklimatisiert? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Naja, so richtig habe ich die akademische Welt hier in Frankfurt ja nie kennen gelernt, so gesehen kann ich da gar nichts zu sagen. Ich denke aber mal, dass das, was ich hier zu sagen habe, nicht so ganz unakademisch ist. Vielleicht suche ich aber auch gar nicht die N\u00e4he zur Wissenschaft? Man hat an der Uni manchmal den Eindruck, dass die Schriftsteller nur etwas geschrieben h\u00e4tten, um den Literaturwissenschaftlern eine Freude zu machen, aber so ist es definitiv nicht (lacht). Ein Problem ist sicherlich, dass der akademische Diskurs die Menschen leider oft davon abh\u00e4lt, sich mit literarischen Fragen zu besch\u00e4ftigen, lesend zu besch\u00e4ftigen. Und nat\u00fcrlich habe ich mit meinen Vorlesungen genau das Gegenteilige im Sinn: dass die Zuh\u00f6rer nicht \u00fcber Literatur lesen, sondern einfach die Literatur selbst!<\/p>\n<p><strong><em>Sie waren 1989 Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim, gar nicht so weit vom Campus Westend entfernt. Was haben Sie f\u00fcr eine Erinnerung daran? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ziemlich gute! Ich hatte damals viele M\u00f6glichkeiten dort: Kollegen einladen, eine Ausstellung machen, mit Menschen reden. Da ich den Westen zu der Zeit noch nicht besonders gut kannte, habe ich mich auch im Ort Bergen-Enkheim etwas umgeguckt, habe viele Menschen kennen gelernt, zum Beispiel Monika Steinkopf, die damals dort noch Buchh\u00e4ndlerin war, oder Dragi, die Gastwirtin. Die Bergen Enkheimer sind daran gew\u00f6hnt, dass dort st\u00e4ndig Autoren herumlaufen. Die haben keine Hemmungen, auf der Stra\u00dfe mal zu fragen, wie es einem so geht. Ich kam mit dieser Offenheit gut klar; andere Schriftsteller waren und sind da vielleicht etwas menschenscheuer. Mein Kollege Peter Bichsel ist wohl in seiner Zeit dort zu fast jeder Beerdigung gegangen; davon sind die Bergen-Enkheimer heute noch begeistert \u2013 so war das bei mir denn doch nicht (lacht).<\/p>\n<p><strong><em>Marcel Beyer, Ihr direkter Vorg\u00e4nger bei den Frankfurter Poetikvorlesungen, war auch Stadtschreiber in Bergen-Enkheim \u2026 <\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u2026 und Wolfgang Hilbig, \u00fcber den ich heute gesprochen habe, auch!<\/p>\n<p><strong><em>Was halten Sie von dem frischgebackenen B\u00fcchner-Preistr\u00e4ger Beyer? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich kenne ihn lange und gut, sch\u00e4tze ihn sehr. Sowohl als Dichter als auch als Prosaautor, sofern man das bei ihm \u00fcberhaupt trennen kann. Denn auch wenn er Prosa schreibt, ist er vor allem Dichter. Das, was Marcel Beyer macht, w\u00fcrde ich auch nie Lyrik nennen, das f\u00e4nde ich zu albern: Das ist Dichtung. Ach, \u00fcberhaupt ist der Beyer ein fabelhafter Kerl!<\/p>\n<p><strong><em>Und wie finden Sie Clemens Meyer, der im letzten Sommersemester hier Poetikdozent war? Seine Vorlesungen haben die Zuh\u00f6rer doch bisweilen etwas \u00fcberrascht, um es vorsichtig auszudr\u00fccken. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Als Autor sch\u00e4tze ich ihn sehr, seine Frankfurter Poetikvorlesungen kenne ich nicht. Aber ich habe mir das Buch zu seinen Vorlesungen, das jetzt bald erscheint, schon bestellt. Er erz\u00e4hlt in seiner Literatur ja auch von den plebejischen Menschen, und darin ist er mir schon sehr nahe. Und er ist dar\u00fcber hinaus jemand, der sich sehr f\u00fcr seine Kollegen interessiert, beispielsweise f\u00fcr den Leipziger Dichter Andreas Reimann, den man hier im Westen seltsamerweise kaum kennt. Ich lege in meinen Vorlesungen auch den Fokus auf Dichter, die nicht in Vergessenheit geraten d\u00fcrfen, Dichter wie Kurt Tucholsky, Adolf Endler oder Wolfgang Hilbig.<\/p>\n<p><strong><em>Wenn Sie sich hier die j\u00fcngeren Leser von Literatur anschauen: Haben dann Ost-Autorinnen und -autoren noch eine Chance, st\u00f6\u00dft die DDR-Literatur noch auf Interesse? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Diese Autoren kommen doch nur aus dem Osten, die schreiben nicht unbedingt dar\u00fcber! \u201eWenn man nur \u00fcber die DDR schriebe, w\u00e4re das auch Zeitverschwendung\u201c, hat Heiner M\u00fcller mal gesagt, und das, als es die DDR noch gab. Das ist ja auch so ein Vorurteil, das Autoren nur \u00fcber das schreiben, was um sie umgibt. Das trifft auf einen wie Wolfgang Hilbig sowieso nicht zu. Seine Erz\u00e4hlung \u201eDie Flaschen im Keller\u201c, aus der ich heute Ausz\u00fcge vorgetragen habe, handelt von der Sucht \u2013 einem existenziellen Thema, das nun wirklich nicht auf den Osten beschr\u00e4nkt ist. Das muss ich hier in Hessen, wo man zum Apfelwein gerne mal einen Calvados trinkt, wohl nicht extra betonen.<\/p>\n<p><strong><em>Sie haben in einer Vorlesung Ihre Vorliebe f\u00fcr kurze und pr\u00e4gnante Erz\u00e4hltexte thematisiert, besonders Erz\u00e4hlungen. Beliebt sind aber heute gerade dicke \u201eSchwarten\u201c, z. B. historische Romane. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es gibt nur ganz wenige umfangreiche Romane, von denen man behaupten k\u00f6nnte: Aus denen l\u00e4sst sich sozusagen \u201akein Wasser mehr rausquetschen\u2018. Aber viele Romane sind doch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig lang. Und Leser, selbst die bravsten, leben ja nicht ewig.<\/p>\n<p><strong><em>Suchen die Leser vielleicht zunehmend spannende Unterhaltung, aber keine hochliterarische Erleuchtung mehr? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201eErleuchtender\u201c als Romane sind Erz\u00e4hlungen auch nicht. Es geht nicht um Erleuchtung, au\u00dfer vielleicht in der Kirche. In der Erz\u00e4hlung geht es ums Artistische, um Sprache und Pr\u00e4gnanz und Verknappung, eben um das, was sich in Erz\u00e4hlungen ganz anders zeigt als in vielen Romanen.<\/p>\n<p><strong><em>Sie haben in Ihrer Vorlesung heute \u00fcber Kurt Tucholsky gesprochen. Er hat mal die Metapher des \u201eFleischextraktes\u201c verwendet, mit Blick auf die monologische Erz\u00e4hlweise von James Joyce. Nicht direkt genie\u00dfbar, aber damit k\u00f6nne noch viel gekocht werden. Sie haben vom \u201eBr\u00fchw\u00fcrfel\u201c gesprochen \u2026 <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, so \u00e4hnlich habe ich das auch gemeint: Der Leser muss sich seine Br\u00fche je nach Gusto selber verd\u00fcnnen, mit mehr oder weniger Wasser. Eine sehr naheliegende Metapher, wenn es um kompakte Extrakte geht, also um Texte, denen alles \u00dcberfl\u00fcssige entzogen wurde. Ich pers\u00f6nlich lecke ja auch gerne mal an einem Br\u00fchw\u00fcrfel \u2026<\/p>\n<p><strong><em>Eine Frage zu Ihrem Roman \u201eB\u00f6se Schafe\u201c, der in der Vorwendezeit in West-Berlin spielt: Sie haben ja mal Ihre Verwunderung dar\u00fcber zum Ausdruck gebracht, dass diese Zeit von Autoren mit Missachtung gestraft werde. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mit dem Verschwinden der DDR hat man sich intensiv auseinandergesetzt, aber mit dem viel radikaleren Verschwinden des \u201ainsularen\u2018 Westberlins der 80er Jahre kaum, von Sven Regeners \u201eHerr Lehmann\u201c einmal abgesehen.<\/p>\n<p><strong><em>Wie sehen Sie als Berlinerin die Stadt heute? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Name Berlin ist ja eigentlich eine Metapher f\u00fcr die permanente Metamorphose. Keine andere Stadt hat sich so oft und so schnell ver\u00e4ndert. Das kann man bedauern oder auch toll finden \u2013 es ist, wie es ist. Dass wir alteingesessenen Aborigines mit diesen Ver\u00e4nderungen zu k\u00e4mpfen haben, kann ich nicht von der Hand weisen. Das Gespenst der Gentrifizierung geistert nun auch durch Berlin, und zwar wirklich durch jeden Bezirk!<\/p>\n<p><strong><em>Was w\u00fcrden Sie dem geneigten Leser als Einstieg in Ihr Werk empfehlen? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201eVerfr\u00fchte Tierliebe\u201c, \u201eDie Letzten\u201c und \u201eB\u00f6se Schafe\u201c \u2013 die drei B\u00fccher bilden ja fast so etwas wie eine Trilogie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Fragen stellte\u00a0Dirk Frank<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4-2016 des UniReport erschienen [<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/62394146\/Unireport_4-16.pdf\" target=\"_blank\"><strong><em>PDF<\/em><\/strong><\/a><strong><em>].<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der UniReport (Ausgabe 4.16) sprach mit Katja Lange-M\u00fcller \u00fcber ihre Vorg\u00e4nger der Frankfurter Poetikdozentur und ihre Zeit als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim. 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