{"id":9952,"date":"2016-10-17T13:39:29","date_gmt":"2016-10-17T11:39:29","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=9952"},"modified":"2016-10-17T13:39:29","modified_gmt":"2016-10-17T11:39:29","slug":"zur-preiswuerdigkeit-des-werks-von-bob-dylan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/zur-preiswuerdigkeit-des-werks-von-bob-dylan\/","title":{"rendered":"Zur Preisw\u00fcrdigkeit des Werks von Bob Dylan"},"content":{"rendered":"<p><em><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-9963\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/blog_dylan-essay-knut-wenzel.jpg\" alt=\"blog_dylan-essay-knut-wenzel\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/blog_dylan-essay-knut-wenzel.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/blog_dylan-essay-knut-wenzel-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Knut Wenzel schreibt in seinem Dylan-Essay \u00fcber \u201ePathos und Indolenz\u201c im Werk des gerade mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Musikers und Lyrikers. Wenzel ist Professor f\u00fcr Fundamentaltheologie\/Dogmatik im Fach Katholische Theologie; er hat 2011 das Buch \u201eHoboPilgrim. Bob Dylans Reise durch die Nacht\u201c ver\u00f6ffentlicht.[dt_gap height=&#8220;10&#8243; \/]<\/em><\/p>\n<h3>Pathos und Indolenz. Zur Preisw\u00fcrdigkeit des Werks von Bob Dylan<\/h3>\n<p><em>von Knut Wenzel<\/em><\/p>\n<p>Bob Dylan erh\u00e4lt den Nobelpreis f\u00fcr Literatur 2016. Muss der Kunstbegriff erweitert werden, wieder einmal, um diese Entscheidung zu rechtfertigen? Wohl kaum. Was macht ein Kunstwerk aus? Dass es im selben, eminenten Ma\u00df, in dem es gewollt und gemacht ist, zust\u00f6\u00dft und unterl\u00e4uft. Was nur ungewollt geschieht, ist ein naturhafter Ablauf; was nur produziert wird, ist Zweck- und Gebrauchsobjekt. Im Kunstwerk wird eine eigent\u00fcmliche, n\u00e4mlich unheimlich fruchtbare, Einheit des Willentlichen und des Unwillentlichen manifest.<\/p>\n<h4>Sorglosigkeitspol seiner Kunst<\/h4>\n<p>Pr\u00e4zision und Nachl\u00e4ssigkeit, oder Sorglosigkeit: Nicht durch die ausgefeilte Komposition noch durch die gebildete Kunstfertigkeit l\u00e4sst sich ein gesuchter k\u00fcnstlerischer Ausdruck produzieren; auch stellt er sich nicht durch ein blo\u00dfes <em>letting go<\/em> idiosynkratischer Expressivit\u00e4t ein; weswegen der wohlgesetzte k\u00fcnstlerische Akt \u2013 in der Bearbeitung von Sprache, von Musik \u2026 \u2013 notwendig ist, genauso notwendig aber intrinsisch offen sein muss auf den nicht gewollten, nicht gewussten Ausdruck, auf das Wort, das der geschriebene Text, das aufgef\u00fchrte Lied gar nicht ausdr\u00fccklich enth\u00e4lt, das gleichwohl mit gemeint ist, ohne deswegen freilich identifizierbar zu sein, sich jedoch im Bedeutungsfeld des Lieds wie von selbst einfinden und aufhalten kann. Jene Sorglosigkeit (im Umgang mit dem Material k\u00fcnstlerischer Bearbeitung, wie auch mit den F\u00e4higkeiten zur Gestaltung), die ein vitales Verh\u00e4ltnis zum Pr\u00e4zisionspol k\u00fcnstlerischer Kreativit\u00e4t unterh\u00e4lt, r\u00e4umt die M\u00f6glichkeit des sich Einstellens ungeahnter Bedeutungen ein. Was also als das Unkontrollierte, Triviale oder nur reduziert Literarische an der Kunst Bob Dylans wahrgenommen wird \u2013 <em>lyrics<\/em> nur, doch nicht Lyrik \u2013, verdankt sich dem Sorglosigkeits- oder Fahrl\u00e4ssigkeitspol seiner Kunst; indem von ihm her die Verkn\u00fcpfungen der Bedeutungstextur weitmaschig werden, die Muster ihre Ordnungssch\u00e4rfe verlieren, die Geweber\u00e4nder ausfransen k\u00f6nnen, wird unintendierbaren Bedeutungen Platz einger\u00e4umt: sie k\u00f6nnen gelesen, geh\u00f6rt, gedeutet werden, aber sie stehen nicht da.<\/p>\n<p><em>My love she speaks like silence<\/em> (aus <em>Love Minus Zero\/No Limit<\/em> von 1965): Es sind gerade Lieder der Liebe, in denen ersichtlich wird, wie in diesem Werk insgesamt das Sag- und Singbare unter dem Vorbehalt des Absoluten steht, ein Vorbehalt, der nichts vorenth\u00e4lt, sondern alles freisetzt. Wenn dieses, das Absolute, das in jedem Wort \u2013 in jeder Lebens-Artikulation \u2013 stets Gemeinte ist, wird es doch als das jeweils nicht Einholbare benannt: <em>It\u2019s just a shadow you\u2019re seein\u2019 that he\u2019s chasing<\/em> (aus <em>Mr. Tambourine Man<\/em> von 1965). Daraus entsteht eine Lebens- und Dichtungsbewegung ins Unendliche: <em>Ain\u2019t talkin\u2018, just walkin\u2018 \/\/ Heart burnin\u2018, still yearnin\u2018<\/em> (<em>Ain\u2019t Talkin\u2018<\/em> von 2001) \u2013 knappe Notate einer nicht abschlie\u00dfbaren Gegenwart des Sehnens, des Gehens, des sich Verzehrens, unter dem Siegel des Nicht-Sprechens: das unendliche Lied.<\/p>\n<p>Bob Dylan hat einmal in einem poetologischen Lied eine Weise der Identit\u00e4t von Pr\u00e4zision und Sorglosigkeit beschrieben \u2013 als <em>Series Of Dreams<\/em> (von 1989). Der Traum \u2013 die erinnerte, erz\u00e4hlbare Traumsequenz \u2013 ist diese Einheit von verantworteter Bedeutung und unwillentlich-\u00fcberw\u00e4ltigend sich einstellendem Bild.<\/p>\n<h4>Religi\u00f6se Metaphorik<\/h4>\n<p>Es ist deswegen weder k\u00fcnstlerischer Eigenwilligkeit noch etwa dem Schema des Folksongs geschuldet, dass Dylans Werk von Anfang an mit religi\u00f6ser Metaphorik durchsetzt ist. Wenn das Religi\u00f6se, die <em>pietas<\/em>, vor aller Programmatik oder Doktrin zuerst eine Haltung ist, eine Wirklichkeitseinstellung, die eine gedeutete fundamentale Existenzerfahrung zu ihrem Kern hat, dann l\u00e4sst diese sich treffend mit dem Doppelausdruck von Pathos und Indolenz bestimmen: unbedingtes Sich-beanspruchen-Lassen durch das Je-Konkrete; von allem Je-Einzelnen prinzipiell abgel\u00f6stes Offensein auf das Ganze, Unendliche, Absolute. In diesem Spannungsfeld von Pathos und Indolenz zu leben (nicht anders zu k\u00f6nnen), kann als Haltung der Fr\u00f6mmigkeit bestimmt werden. Als solche geht sie jeder Religion voraus \u2013 und mag sich gegebenenfalls <em>dann<\/em> eine Ausdrucksgestalt suchen, in den Kulturen der Religion, der Poesie \u2026, diskursiv. Bob Dylan hat in der Geschichte seines Werks wie auch seiner Pop-Identit\u00e4ten exemplarisch das <em>prius<\/em> der <em>pietas<\/em> vor jeder Ausdruckskultur, und sei es die einer manifesten Religion, begreifbar gemacht. Es war vielleicht zwangsl\u00e4ufig, dass er auch das Christentum durchspielte, und zwar in der hocherhitzten Variante des Pfingstlertums, notwendig aber war es, dass er es wieder verlassen hat. So hat er viele Ausdrucksidentit\u00e4ten durchlaufen, die des Folk-Revival der fr\u00fchen 60er Jahre, die damit verquickten Protestkulturen von B\u00fcrgerrechts- und Anti-Vietnamkriegsbewegung, einen durch hermetisch-surreale Poesie aufgeladenen Gestus des elektrischen Rock, Spielarten von Beat-Poetry und, erst in der Phase der Rolling Thunder Revue (1975\/76), der Hippie-Kultur, die Ruralit\u00e4t des Country und die Urbanit\u00e4t des Soul, die mehrfache Ber\u00fchrungsaufnahme mit dem Bedeutungsraum der j\u00fcdischen Tradition, die komplette Ort-, Heimatlosigkeit eines ununterbrochenen Unterwegsseins auf der <em>Never Ending Tour<\/em> seit 1988 bis in die Gegenwart \u2026 Keine dieser und anderer Ausdrucks- und Identit\u00e4tsgestalten ist auf Dylans Pilgerfahrt ohne festgesetztes Ziel als verbindlich authentisch unangetastet geblieben, keine aber auch als wert-los abgelegt worden; jede scheint stattdessen eingegangen zu sein in den Zusammenhang eine jede einzelne Gestalt transzendierenden G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p><em>If dogs run free, why not me \/ across the swamp of time? \/ My mind weaves a symphony and tapestry of rhyme<\/em> (aus <em>If Dogs Run Free<\/em> von 1970). Unterm Schein blo\u00dfer Pop-Musik arbeitet das Werk Bob Dylans an einer radikalen Verwirklichung des Poetischen. In diesem radikal Poetischen selbst, das Dylan vermittels einer dialektischen Schreibweise aus Pr\u00e4zision und Sorglosigkeit zu verwirklichen sucht, erschlie\u00dft sich jene Haltung von Pathos und Indolenz, die zuvor als <em>pietas<\/em> bestimmt worden ist und die einem Religionsbekenntnis voraus- oder entgeht. Es gibt einen gemeinsamen Quellgrund des Poetischen und des Religi\u00f6sen; dar\u00fcber, diesem Ausdruck zu verleihen, dessen Formen aber stets wieder aufl\u00f6sen zu m\u00fcssen, kann Bob Dylans Kunst sich nicht beruhigen.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;normal&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-9967\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/blog_Knut-Wenzel-Foto-Homepage-Uni-Frankfurt.jpg\" alt=\"blog_knut-wenzel-foto-homepage-uni-frankfurt\" width=\"150\" height=\"225\" \/>Knut Wenzel<\/strong> ist Professor f\u00fcr Fundamentaltheologie\/Dogmatik im Fach Katholische Theologie an der Goethe-Universit\u00e4t. Von ihm ist 2011 das <a href=\"http:\/\/www.gruenewaldverlag.de\/hobopilgrim-p-1076.html\" target=\"_blank\">Buch \u201eHoboPilgrim. 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