Auf dem Weg nach oben: Die Goethe-Universität will Promovenden und Postdocs bedarfs- und zielorientiert fördern. (Foto: Jürgen Lecher)

Auf dem Weg nach oben: Die Goethe-Universität will Promovenden und Postdocs bedarfs- und zielorientiert fördern. (Foto: Jürgen Lecher)

Die Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus wird schon länger in den Medien debattiert. Auf der einen Seite bleibt die Wissenschaft für viele ein Traumberuf. Auf der anderen Seite ist der Weg zur Professur nicht nur lang und herausfordernd – er kann auch jäh enden, ohne zur erhofften (Dauer-)Stelle geführt zu haben. Dennoch nehmen weiterhin viele Promovenden und Postdocs dieses Risiko in Kauf. Verstärkt verlangen sie aber eine Anerkennung ihrer Leistungen und eine Unterstützung von Seiten der Universität, die ihren tatsächlichen Bedürfnissen gerecht wird.

An der Goethe-Universität setzt sich jetzt unter anderem eine »Early Career Researchers«-AG für diese Ziele ein. Im engen Dialog mit Promovierenden und Postdocs arbeitet die Universitätsleitung an einem Konzept, das die bisherige Nachwuchsförderung noch einmal weiterdenkt. »Wir wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Berufsphase bedarfs- und zielorientiert fördern. Dabei ist es wichtig, dass die Promovierenden und die Postdocs selbst signalisieren, was sie für ihre Entwicklung brauchen«, erklärt Vizepräsident Prof. Enrico Schleiff. Dass die Impulse von der Basis kämen, sei elementar, »sonst werden die Konzepte erdacht von Menschen, die sich nicht mehr in dieser Phase befinden«, so Schleiff. Einen ersten Aufschlag dafür gab es im August 2015 mit einer Vollversammlung der Doktoranden, bei der diese sich über gemeinsame Probleme und Forderungen austauschten. Mittlerweile hat sich eine Early Career Researchers-AG gegründet, in der sich Promovierende, Postdoktoranden, aber auch Angehörige anderer universitärer Statusgruppen einbringen.

Gemeinsame Ziele identifizieren

Damit die Initialzündung nach der Gründung dieser AG nicht wieder verpuffe, müssten die jungen Wissenschaftler nun die übergreifenden Interessen und Bedarfe identifizierten, die sie mit den anderen teilten, sagt Schleiff. Eigenständig organisierte Konvente auf Fachbereichs- und zentraler Ebene sollen den rund 6.000 Promovierenden an der Goethe-Universität helfen, ihre Themen in die universitären Gremien zu transportieren. Beim wissenschaftlichen Mittelbau, so Schleiff, käme die Herausforderung hinzu, dass dieser sich in zwei Gruppen unterteile: diejenigen mit permanenter Stelle und die mit befristeter Stelle.

Unterstützt die Initiativen der Early Career Researchers: Vizepräsident Prof. Enrico Schleiff. (Foto: Uwe Dettmar)

Unterstützt die Initiativen der Early Career Researchers: Vizepräsident Prof. Enrico Schleiff. (Foto: Uwe Dettmar)

»Die Kolleginnen und Kollegen mit Befristungen stehen unter einem enormen Karrieredruck. Sie müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt viel erreicht haben und haben kaum die Kapazität, sich dann noch in Kommissionen für ihre Ziele zu engagieren«, erklärt Schleiff. Dennoch benötigten sie unbedingt eine Plattform, um gehört zu werden. Vor diesem Hintergrund entwickelt ein Team von Mittelbau-Vertretern nun eine Umfrage, die sich an alle wissenschaftlichen Mitarbeiter richten wird. »Hier fragt nicht (nur) das Präsidium oder der Senat, sondern die Betroffenen haben sich selbst überlegt, wie sie herausfinden können, was ihre Bedürfnisse sind«, betont Vizepräsident Schleiff. »Sobald uns diese Informationen vorliegen, können wir uns mit unseren jungen Kolleginnen und Kollegen zusammensetzen und überlegen, wie wir die Problemfelder angehen können.«

Für Schleiff stehen einige grundsätzliche Punkte für den Weiterbildungsrahmen aber bereits fest: »Wenn wir die aktuelle Diskussion verfolgen, spielen Transparenz über Personalstrukturen an der Universität und die Entwicklung des eigenen Karriereprofils eine wichtige Rolle.« Bei den Personalstrukturen gehe es darum darzustellen, welche Kompetenzen die Universität heute benötige, um ihren Aufgaben gerecht zu werden, und welche Karriereund Stellenprofile damit verbunden seien. Gleichzeitig gelte es, Stärken der einzelnen Wissenschaftler in der frühen Berufsphase zu identifizieren und diese Stärken gezielt weiterzuentwickeln. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, Besetzungsvorgänge und Leistungsmerkmale von Positionen offen zu kommunizieren, damit die Promovierenden und Postdoktoranden reflektieren könnten: Bin ich für diese Aufgabe gewappnet? Was brauche ich dafür vielleicht noch? Oder bin ich vielleicht gar nicht für diese Position geeignet, sehe dafür aber im Uni-Portfolio etwas anderes, das mich interessiert?

»Wir sollten uns aber auch nicht in die Tasche lügen: Es kann nicht jeder eine feste Stelle an der Universität bekommen; wir werden in den nächsten fünf Jahren keinen Aufwuchs an Mittelbaustellen um 100 Prozent erleben«, plädiert Schleiff für Ehrlichkeit im System. Auch darum sei es wichtig, dass die »Early Career Researchers« ebenfalls Karrieremöglichkeiten außerhalb der Universität in Betracht ziehen würden. Schleiff sieht Chancen für ambitionierte Wissenschaftler gerade auch im Mittelstand, in dem Innovationen und Kreativität oft einfacher umgesetzt und gelebt werden könnten als in stark hierarchisierten Großunternehmen.

Existierende Angebote bündeln

Im Fokus der aktuellen Diskussion stehen aber auch die bereits existierenden Angebote für Nachwuchswissenschaftler. Die Strukturen müssten noch stärker gebündelt und transparenter dargestellt werden, um zum Beispiel zu zeigen, welche Möglichkeiten es in Graduiertenschulen oder für »freie« Promovenden gebe. »Und wenn sich herausstellen sollte, dass bestimmte Angebote noch fehlen, müssen wir schauen, wie wir diese unter Einbeziehung der jungen Kolleginnen und Kollegen entwickeln können«, so Schleiff. Der Vizepräsident geht davon aus, dass dabei gerade auch dem Mentoring eine wachsende Rolle zukommen werde: »Große Firmen entdecken das gerade wieder: dass erfahrende Kollegen Berufseinsteiger begleiten, um deren Potenziale zu identifizieren und zu fördern – ohne zu bevormunden.«

„Ich beobachte mit großem Interesse das Wiedererstarken des Selbstbewusstseins von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der frühen Berufsphase.“ Vizepräsident Prof. Enrico Schleiff Mit der verstärkten Karriereentwicklung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Berufsphase arbeitet die Goethe-Universität gewissermaßen ein Stück auf Distanz vom System, nach dem Universitäten funktionieren – die eben nicht primär Arbeitgeber, sondern Stätten der Forschung und Lehre sind. Schleiff: »Das Wissenschaftssystem erwartet hervorragende Arbeiten, Publikationen, Lehre, akademische Selbstverwaltung – nicht aber in erster Linie Karrierereflexion, -planung, Weiterbildung.« Vor diesem Hintergrund seien die Bedürfnisse und Sorgen der Early Career Researchers vor und nach der Promotion vergleichbar, da beide Gruppen häufig von kürzeren Beschäftigungsverhältnisse betroffen seien und mit Unsicherheiten über die berufliche Zukunft umgehen müssten. »Darum gehen diese beiden Gruppen mit ähnlichen Fragestellungen eigenmotiviert voran.«

Ein neues Selbstbewusstsein

Vizepräsident Schleiff zeigt sich begeistert vom Engagement der Doktoranden und Postdocs: »Ich beobachte mit großem Interesse das Wiedererstarken des Selbstbewusstseins von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der frühen Berufsphase. Das sind kreative Köpfe, die einfach Lust haben mitzugestalten, obwohl sie nicht unbedingt davon ausgehen können, dass sie selbst noch von möglichen Reformen profitieren werden. Das ist höchst respektabel, und diese Personen werde ich, soweit ich kann, unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten, damit wir etwas wirklich Gutes bauen können, von dem auch die künftigen Berufseinsteiger etwas haben werden.«

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4/2015 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.