Prof. Rolf van Dick; Foto: Uwe Dettmar

Seit Mai 2018 ist Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie, Vizepräsident für Internationalisierung, wissenschaftlichen Nachwuchs, Gleichstellung und Diversity. Für den Bereich der Internationalisierung hat er bereits erste Akzente gesetzt. Im Interview erläutert er Erfolgsfaktoren für die internationale Vernetzung, die Auswirkungen der aktuellen politischen Weltlage auf die Internationalisierungsstrategie der Goethe-Universität und wie ihn eigene Auslandserfahrungen geprägt haben.

Herr van Dick, ein Blick auf Ihren Lebenslauf zeigt, dass es Sie immer wieder ins Ausland und auf verschiedene Kontinente gezogen hat – eine typische Wissenschaftlerkarriere oder auch ein Stück Abenteuerlust?

Mein Vater war Arbeiter und hat als Kabelmonteur den Großteil seines Lebens im Ausland verbracht, in Indien, China, Algerien, Polen. Als Kinder haben wir ihn in den Ferien oft im europäischen Ausland besucht; später, als ich erwachsen war, habe ich drei Monate bei ihm in Bombay gewohnt. Wenn er zurückkam, hat er Dinge mitgebracht, von fremden Speisen und Kulturen erzählt – das hat uns schon begeistert. Insofern spielt Abenteuerlust sicher eine Rolle. Gleichzeitig ist Internationalität in der Wissenschaft heute fast eine Selbstverständlichkeit: Die Teilnahme an internationalen Konferenzen, berufliche Stationen im Ausland und entsprechende Fremdsprachenkenntnisse werden bei der Berufung auf eine Professur gewissermaßen vorausgesetzt.

Wie haben diese internationalen Aufenthalte Sie geprägt?

Auf der einen Seite habe ich mich natürlich bei diesen Aufenthalten fachlich und inhaltlich weiterentwickelt. Zum anderen hat es mich gelehrt, demütig zu sein gegenüber unterschiedlichen Startbedingungen und Arbeitsumständen. Wenn man beispielsweise, so wie ich das lange war, Herausgeber eines Fachmagazins ist, bekommt man hunderte von wissenschaftlichen Artikeln eingereicht. Bei der Auswahl tendiert man schnell dazu, Artikel, deren Überschrift und Abstract nicht in perfektem Englisch formuliert sind, abzulehnen, weil sie unprofessionell erscheinen. Wenn ich dann aber zum Beispiel in Nepal bin und selbst in der Hauptstadt nur vier Stunden Strom am Tag habe; wenn ich sehe, wie schwer der Zugang zu Internet und Büchereien ist, habe ich einen anderen Respekt vor der erbrachten Leistung.

Dann schaue ich als Herausgeber vielleicht doch ein zweites Mal auf eine Studie oder habe als Professor einen anderen Blick auf Bewerbungen von Doktoranden oder Postdocs aus dem Ausland. Wobei man den Blick gar nicht so weit in die Ferne richten muss: Auch die Kollegen in Südeuropa haben natürlich massiv unter der Finanzkrise gelitten und entweder kaum eine Chance, im System eine Anstellung zu bekommen, oder sie müssen, wie in Griechenland, Lohnkürzungen trotz guter Arbeit hinnehmen. Diese Dinge erlebt man viel intensiver, wenn man im Land ist, mit den Kollegen dort auch mal über eine Konferenz hinaus einen Abend verbringt. Ich finde das wichtig und versuche auch immer, wenn ich in Frankfurt internationale Kollegen zu Gast habe, diese vom Flughafen abzuholen, mit ihnen am ersten Abend etwas essen zu gehen; und wenn es geht, sind auch meine Frau und meine Kinder dabei.

Und welche strategischen Ziele haben Sie sich als Vizepräsident für die Internationalisierung gesetzt?

Zum einen möchte ich mehr Internationalität in die Lehre an der Goethe- Universität bringen – da gehören wir noch nicht zu den Top-Universitäten in Deutschland. Ich möchte Studierende stärker motivieren, einen Teil ihres Studiums im Ausland zu verbringen und gleichzeitig daran arbeiten, mehr internationale Studierende nach Frankfurt zu holen. Um das zu erreichen, brauchen wir zum einen mehr fremdsprachiges Unterrichtsangebot. Das sollten wir aber nicht als Universitätsleitung mit Regelungen und Satzungen herbeizwingen wollen, sondern mit den Fachbereichen erörtern, welche Maßnahmen für ihre jeweilige Situation gut und richtig sind. Ich komme ja aus der Psychologie, und dort haben wir uns im Sinne einer Selbstverpflichtung darauf geeinigt, dass jede Abteilung einmal pro Jahr eine Veranstaltung auf Englisch ausrichtet.

So können internationale Studierende, die nicht oder nicht so gut Deutsch sprechen, sich aus verschiedenen Modulen ein Angebot zusammenstellen. Das ist in manchen Bereichen relativ einfach umzusetzen, in anderen komplizierter. Wir wären als Psychologen wahrscheinlich nicht gut beraten, einen englischsprachigen Studiengang für die klinische Psychologie einzuführen, aber es funktioniert, wenn wir Teilbereiche so ausrichten, dass ausländische Studierende dazustoßen können. Der zweite wichtige Faktor: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten genauso international sein wie die Studierenden. Hierzu noch ein Beispiel aus meinem Fachbereich: In den vergangen Jahren ist es uns gelungen, einige Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien zu berufen. Diese bieten dann Lehrveranstaltungen auf Englisch an und ziehen wiederum internationale Doktoranden und Postdocs an. Irgendwann bildet sich dann eine kritische Masse und die Internationalität wird ganz selbstverständlich.

Sie haben auch damit begonnen, sich den Rahmen für internationale Partnerschaften näher anzuschauen.

Ja, die weltweite Vernetzung mit anderen Hochschulen ist der dritte wichtige Punkt, wenn Internationalisierung gelingen soll. Dabei sollten wir den Blick auch durchaus auf neue Regionen richten: Gleich zu Beginn meiner Amtszeit konnte ich beispielsweise im Rahmen einer Delegationsreise ein kleines Kooperationsabkommen mit der Universität in Mumbai abschließen. Kürzlich war ich dann in Montreal und habe dort mit den drei großen Universitäten gesprochen – Kanada wird auch von daher zunehmend für uns interessant, weil unsere Studierenden den USA gegenüber skeptischer werden. Ich versuche, dort anzusetzen, wo wir schon Kontakte auf Forschungs- oder Lehrebene haben. Wir müssen dorthin gehen, wo unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohnehin aktiv sind.

Nur so kann ein Netzwerk wachsen, das auch nachhaltig ist. Im Rahmen einer Themenwerkstatt mit Vertretern verschiedener Fachkulturen und von Einheiten wie dem International Office stellen wir außerdem derzeit unser Partnerschaftskonzept noch einmal auf den Prüfstand. Die DAAD-Förderung der Strategischen Partnerschaften, bei denen Städteund Unipartnerschaft Hand in Hand gehen, läuft 2019 aus. Jetzt ist also ein guter Zeitpunkt, um zu schauen, ob noch alle strategischen Partner gleichermaßen wichtig für uns sind oder ob es mittlerweile andere Uni- »Die internationalen Aufenthalte haben mich gelehrt, demütig zu sein gegenüber unterschiedlichen Startbedingungen und Arbeitsumständen.« versitäten gibt, mit denen wir kooperieren und mit denen die Zusammenarbeit weiter ausgebaut werden sollte.

Der französische Präsident Macron hat die Bildung von Europa-Universitäten angeregt – ein Thema auch für die Goethe-Universität?

Ja, dieser Vorstoß passt sehr gut zu uns. Die Europäische Kommission bereitet derzeit eine Ausschreibung vor, mit der Allianzen von europäischen Universitäten über Ländergrenzen hinweg gefördert werden, damit diese sich stärker vernetzen und ihr mehrsprachiges Angebot intensivieren. Wir haben uns sehr früh im Präsidium entschieden dort mitzumachen: Frankfurt ist im Herzen von Deutschland und von Europa, und damit ein idealer Standort, um sich mit Partnern in Europa zu vernetzen. Ganz unabhängig davon, ob wir über diese Initiative gefördert werden oder nicht: Ich wünsche mir, dass wir über Birmingham und Prag hinaus strategische Partner in Europa finden, mit denen wir langfristig gut zusammenarbeiten.

Inwieweit spielt die fragile politische Weltlage auch für die Internationalisierungsstrategie eine Rolle?

Es ist wichtig, den derzeitigen nationalen Abgrenzungstendenzen etwas entgegenzusetzen. Wir sind ein Ort der Toleranz, eine liberale Universität, in der offen diskutiert werden sollte. Deshalb kommt es gerade in Zeiten von Trump und Brexit darauf an, unsere Partner jetzt nicht im Stich zu lassen – zum Beispiel in Großbritannien, wo wir darauf achten sollten, wie wir unsere Partneruniversitäten auch in Zukunft ins Boot holen können. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Regionen, denen wir uns widmen müssen, weil dort Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedroht sind, wie etwa in der Türkei.

Wir können zwar nur Einzelne mit Programmen wie »Goethe goes global« unterstützen, aber wir sollten diese Zeichen trotzdem setzen. Gleichzeitig geht es darum, die veränderte globale Lage auch beim Ausbau unserer Partnerschaften zu berücksichtigen: Ich hatte ja bereits erwähnt, dass die Studierendenmobilität in Richtung USA abnimmt, und es ist wichtig, dass wir uns bei unserer Vernetzung möglichst breit aufstellen: Wir sollten uns weiter mit China, Japan, anderen Ländern in Südostasien verbinden, schauen, wo wir in Afrika oder dem Nahen Osten Partner finden können. Was derzeit geopolitisch passiert, wird sich auch auf die Universitäten auswirken – es ist sicher gut, dass wir uns frühzeitig Gedanken machen.

[Interview: Imke Folkerts]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.18 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.