Vizepräsident Prof. Rolf van Dick

Vizepräsident Prof. Rolf van Dick war im März in Israel unterwegs. Er lernte er eine sehr diverse Gesellschaft und hervorragende Universitäten kennen – und empfiehlt, sich selbst ein Bild zu verschaffen.

Mit seiner Anerkennung der Golanhöhen als Teil Israels hat US-Präsident Trump gerade wieder für Schlagzeilen gesorgt. Auch wenn Trumps Entscheidung in Israel auf Zustimmung stößt, sei unsere Wahrnehmung davon, was „die Israelis“ oder „die Palästinenser“ ausmache, oft verkürzt, meint Prof. Rolf van Dick. Der Vizepräsident war im März auf einer DAAD-Informationsreise in Israel und lernte dort eine sehr diverse Gesellschaft und hervorragende Universitäten kennen. Er ermutigt Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, den Austausch zu suchen – etwa durch einen Aufenthalt an der Partneruniversität in Tel Aviv.

Neue Sichtweisen auf ein Land mit alter Geschichte

„Normalerweise organisieren wir als Goethe-Universität die Besuche bei unseren internationalen Partnern selbst. Jetzt war ich erstmals mit 19 weiteren Präsidiumsmitgliedern großer deutscher Universitäten Teilnehmer bei einer Studienreise des DAAD durch Israel und die palästinensischen Gebiete. Innerhalb von sieben Tagen haben wir verschiedene Hochschulen, Forschungsinstitute und Wissenschaftsorganisationen besucht, zahlreiche Kontakte geknüpft und viel über das Land gelernt. Durch die Zusammenstellung und Größe unserer Delegation haben sich uns überall Türen und Tore geöffnet. An allen Universitäten und dem Weizmann-Institut (Israels Pendant zum Max-Planck-Institut) nahmen sich die Präsidenten und Wissenschaftler für uns Zeit, gewährten uns Einblicke in ihre Hochschule, das Wissenschaftssystem und die Gesellschaft.

Überall war ganz klar der Wunsch nach Kooperation zu erkennen, in Palästina wie in Israel. Wiederholt wurden wir mit direkt mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern in Verbindung gebracht, die alle hervorragend Englisch, teils auch Deutsch, sprachen – gerade in Palästina gibt es viele Wissenschaftler, die in Deutschland ihre Promotion gemacht haben und dann in ihr Land zurückgekehrt sind. An der Palestine Polytechnical University gab es beispielsweise eine sehr professionelle Poster-Präsentation für uns von Master-Studierenden, die ein DAAD-Stipendium eingeworben hatten, um an eine deutsche Uni zu gehen – mehrere meiner Kollegen haben direkt ihre Visitenkarten gezückt, weil sie diese Studierenden für ihre Hochschule gewinnen wollten.

Politische Situation erschwert Wettbewerb

Prof. Rolf van Dick, Vizepräsident der Goethe-Universität (rechts), mit Prof. Raanan Rein, Vizepräsident an der Tel Aviv University), bei der Konferenz „Life in extreme conditions“, die klimatisch und thematisch passend am Toten Meer stattfand.

In Israel, aber auch in Palästina sind die Universitäten in der Regel hervorragend ausgestattet und in hochmodernen Gebäuden untergebracht; oft finanziert über großzügige Spenden von Alumni, die in den USA bzw. im arabischen Raum zu Wohlstand gekommen sind. Gleichzeitig ist die prekäre politische Situation im Land ein Wettbewerbsnachteil für die Hochschulen. So gibt es zwar auch palästinensische Wissenschaftler, die durchaus an trilateraler Zusammenarbeit mit Israel und Deutschland interessiert wären – solche gemeinsamen Projekte müssen dann aber unbedingt unter dem Radar bleiben: Die Palästinenserbehörde hat einen Kooperationsboykott ausgegeben, da man nicht durch eine Normalisierung der Beziehungen eine Festlegung auf den status quo riskieren will.

In Israel wiederum arbeiten die Forscherinnen und Forscher am Weizmann-Institut eigentlich unter paradiesischen Umständen, weil für jedes gute Projekt ausreichend Gelder vorhanden sind. Trotzdem ist es schwer, internationale Wissenschaftler für das Institut zu gewinnen; von 250 Professoren stammen nur fünf aus dem Ausland. Wenige wollen länger als zwei, drei Jahre in Israel bleiben; auch, weil ihnen die Sicherheit zu instabil erscheint, um ihre Familie nachzuholen.

Die prekäre Sicherheitslage und die Zerrissenheit des Landes zu erleben, hat mich sehr berührt. Einige Gebiete dürfen nur von Juden, andere nur von Palästinensern betreten werden. Weil überall Checkpoints passiert werden müssen, braucht man für 20 Kilometer leicht zwei Stunden. Und so, wie Raketenangriffe der Palästinenser Israelis bedrohen, provozieren auch extremistische Siedler die Palästinenser und versuchen, mit Gewalt ihre Interessen zu vertreten.

Zwei sehr heterogene Gesellschaften

Die Berichterstattung in unseren Medien kann leicht dazu verleiten, ‚die Israelis‘ und ‚die Palästinenser‘ als jeweils als homogene Gruppen wahrzunehmen. Tatsächlich sind beide Gesellschaften sehr heterogen, und die meisten Menschen wollen einfach ein normales Leben in Frieden führen. Angesprochen auf Arafat-Graffiti in Palästina erzählte mir ein Student der Birzeit-Universität, dass einige seiner Kommilitonen Arafat lieben und andere ihn hassen. Und wer in Haifa oder Tel Aviv unterwegs ist, trifft auf weltoffene, moderne Menschen, für die Religion im allgemeinen auch keine größere Rolle spielt als für die meisten Christen in Deutschland. Haifa hat sogar einen muslimischen Vizepräsidenten – etwas, was in Jerusalem undenkbar wäre, wo viele orthodoxe und ultraorthodoxe Juden leben.

Die Israelis haben gelernt, mit der Situation zu leben. Die tatsächliche Gefahr, von einem Raketenanschlag getroffen zu werden, ist für den einzelnen Israeli, wenn er nicht gerade in der Westbank siedelt, natürlich verhältnismäßig gering.

Die Eindrücke, die ich auf dieser Reise und durch die Gespräche gewonnen haben, waren bereichernd. Sie haben meinen Blick auf Israel und die palästinensischen Gebiete erweitert. Diese Erfahrung hat mich auch darin bestärkt, dass wir die Zusammenarbeit mit der Universität Tel Aviv, die ja schon lange ein strategischer Partner der Goethe-Universität ist, weiter unterstützen und ausbauen sollten: Es gibt dort hervorragende Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende; und Tel Aviv ist eine weltoffene Stadt, in der religiöse Konflikte keine Rolle spielen. Sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch Studierenden empfehle ich, den Austausch zu suchen. Man profitiert persönlich von der kulturellen Erfahrung vor Ort, aber es gibt auch genug fachliche Gründe, gemeinsam mit Israel zu forschen. Bei Zukunftsfragen wie etwa zur Agrarwirtschaft in Zeiten des Klimawandels oder dem Einsatz Künstlicher Intelligenz können wir viel von den Kollegen aus Israel lernen und überprüfen, wie sich diese Erkenntnisse für unsere Gesellschaft nutzen lassen.“

Autor: Rolf van Dick, Vizepräsident für Internationalisierung, Nachwuchs, Gleichstellung und Diversity