Zukunftsprojekte mit viel Energie weiterverfolgen, dabei gleichzeitig die Fehleranalyse ernst nehmen: Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff spricht im Interview über das weitere Vorgehen nach dem enttäuschenden Abschneiden der Goethe-Universität im Exzellenzcluster-Wettbewerb.

GoetheSpektrum: Frau Prof. Wolff, Ende September gab es die große Ernüchterung: Von insgesamt acht Voranträgen der Goethe- Universität für die Exzellenzstrategie wurde nur einer zur Vollantragstellung aufgefordert. Gibt es mittlerweile Hinweise, woran das gelegen haben könnte?

Prof. Birgitta Wolff: Uns war schon bewusst, dass mindestens drei unserer Cluster-Ideen nicht ohne Risiko waren – u.a. weil einige Wissenschaftlerteams gerade erst mit der intensiven Zusammenarbeit begonnen hatten. Wir hatten die Ausschreibung so verstanden, dass innovative, vielleicht auch unkonventionelle, Ideen gefragt waren. Wir sind nie davon ausgegangen, dass wir mit acht Cluster-Skizzen zur Vollantragstellung aufgefordert werden – das wäre administrativ auch kaum handhabbar gewesen. Zwei bis fünf Anträge erschienen uns aber realistisch – einer ist eindeutig zu wenig und enttäuschend.

Mittlerweile liegen die Gutachten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vor. Wie wird die Goethe-Universität die Antragstellung analysieren und aufarbeiten?

Die Ergebnisse werden sehr genau ausgewertet, sowohl von den Clusterteams als auch von Seiten des Präsidiums. Zudem gibt es eine Senatskommission, die sich damit befasst. Für unsere interne Analyse haben wir mit Prof. Bereiter-Hahn und Prof. Stolleis zwei sehr renommierte Kollegen gewinnen können, die sich alles genau anschauen und uns schon sehr bald eine zusammenfassende Auswertung zur Verfügung stellen werden. Soweit ich bisher sehe, dürfen wir hier nicht mit einfachen Antworten rechnen. Jede Skizze steht in einem eigenen Bewertungskontext, wobei die gesamtuniversitäre Einbindung und auch Querschnittsthemen, wie Nachwuchsförderung und Gleichstellung, zumeist relativ positiv beurteilt werden. Aber wir warten jetzt die Auswertung ab. Dabei beziehen wir auch externe Expertise ein. Im Frühjahr 2018 soll dann ein belastbarer Bericht vorliegen.

Zur Vorbereitung der ExStra-Voranträge hatte die Goethe-Universität einen Green Paper-Prozess gestartet und den Forschungsrat als beratendes Gremium hinzugezogen. Wie bewerten Sie das Verfahren im Nachhinein?

Die Analyse läuft, wie bereits erwähnt, noch. Aber anfängliche Vermutungen, dass wir vielleicht grobe handwerkliche Fehler im Prozess gemacht hätten, bestätigen sich bislang nicht. Wir haben die üblichen, anerkannten Instrumente eingesetzt: beratende »Paten« aus dem Forschungsrat für jedes Projektteam, interne und externe Gutachter und Sparringspartner, Workshops mit den Clusterinitiativen, auch die wissenschaftlichen Beiräte der Cluster waren beteiligt. Es gab aus diesem Prozess Rückmeldungen an die Cluster, in denen durchaus einige der Kritikpunkte genannt wurden, die jetzt auch in den Gutachten stehen. Die spannende Frage ist daher möglicherweise gar nicht so sehr, ob es nicht hinreichend Rückmeldungen gab, sondern ob wir diesen genug Gehör geschenkt haben. Wir müssen uns fragen, ob und wie wir dem einen oder anderen Punkt zu mehr Geltung hätten verhelfen können. Waren wir vielleicht zu selbstbewusst und zu wenig offen für Ratschläge? Möglicherweise bewerte ich das im Nachhinein aber auch über, und uns fehlte an vielen Stellen schlicht und einfach Zeit. Letztlich bin ich überrascht, dass die zukünftigen Exzellenzcluster in der Vorbereitung und Vorbegutachtung – auch von Seiten der DFG – mit relativ geringem Aufwand bedacht werden; jeder normale SFB erhält mehr Aufmerksamkeit und auch mehr zeitlichen Vorlauf.

Würden Sie so weit gehen, ein Stück weit sogar von einem heilsamen Schock zu sprechen?

Das klingt sehr hart. Die Rhetorik allerdings, auf die ich bei meinem Amtsantritt gestoßen bin, hat die Forschungsstärke der Universität sehr betont. Auch ich glaube nach wie vor an die Stärke der Universität, aber es darf nicht dazu kommen, dass wir selbstgerecht werden. Bodenhaftung und Bescheidenheit bleiben sehr wichtig. Zu Beginn meiner Amtszeit habe ich, als ich gefragt wurde, was ich von der Formel »Harvard am Main« halte, gesagt, »Goethe am Main« ist auch klasse. Daran möchte ich aus gegebenem Anlass erinnern. Aber was heißt es, »Goethe am Main« zu sein? – Eine Volluniversität mit der Verantwortung für inzwischen über 48.000 Studierende? Eine Universität mit ausgeprägten Forschungsstärken über ein breites Fächerspektrum hinweg? Eine Universität mit einer besonderen Gründungstradition, fester Verankerung in Region und Gesellschaft? Natürlich ist diese Frage nach unserem Profil und unserem Selbstverständnis nicht neu, aber durch das Abschneiden in der Exzellenzstrategie wird sie erneut gestellt. »Goethe am Main« ist nicht schlechter als »Harvard am Main«, aber anders, und wir müssen klären, was es für uns bedeutet.

Von einem Antrag in der Förderlinie »Exzellenzuniversitäten « im Verbund der Rhein-Main-Universitäten (RMU) haben die Beteiligten inzwischen Abstand genommen. Wäre es alternativ denkbar gewesen, sich mit Gießen und anderen Partnern zu einem Antrag zusammenzuschließen, da mit Gießen ja gemeinsam der Antrag für das Cardio-Pulmonary Institute gestellt wird?

Die Zusammenarbeit mit Gießen klappt wunderbar, gleichwohl wäre ein solcher Antrag viel zu kurzfristig und zu wenig strategisch vorbereitet. Wir hatten ja schon als RMU Bedenken, womöglich als »Beutegemeinschaft « wahrgenommen zu werden. Ein Beispiel für eine überzeugende gemeinsame Initiative bieten dagegen die Berliner Universitäten, die inzwischen seit Jahrzehnten in vielen Handlungsfeldern eng und erfolgreich zusammenarbeiten und deren gemeinsamer Antrag daher plausibel erscheint.

Gibt es schon Ideen, wie die für die Exzellenzstrategie generierten Ideen gegebenenfalls auf anderen Förderwegen angeschoben werden könnten?

Da gibt es unterschiedliche Denkpfade. Am 12. Dezember habe ich die Sprecher der Clusterinitiativen wieder für eine Bestandsaufnahme getroffen; Gespräche mit dem Land, mit Stiftern, Freunden und Förderern laufen; es gibt Ideen zur Konfiguration skizzenverwandter Forschungsprojekte – die müssen jetzt ausgearbeitet werden. Wichtig ist anzuerkennen, dass die kritisierten Clusterskizzen nicht eins zu eins weiterverfolgt werden können. Wir müssen die Anmerkungen aus den Gutachten ernst nehmen und schauen, wie wir vielleicht Teilaspekte anders konfigurieren können, um geschärfte Forschungsideen im Rahmen neuer Projekte zu formulieren.

Wird es für die neuen Anträge Unterstützung von Seiten des Präsidiums geben?

Unterstützung und Moderation auf jeden Fall. Wir können die Konfiguration neuer Projekte aus den Clusterinitiativen heraus auch finanziell unterstützen, so wie wir schon die Skizzenentwicklung finanziell unterstützt haben. Dafür hatten wir zusätzliche Landesmittel eingeworben. Was aber an der Goethe-Universität sicher auf wenig Akzeptanz stoßen würde, wäre eine Einflussnahme des Präsidiums auf die konkreten Forschungsfragen und -projekte. Ich habe im Forschungsrat gelernt, dass in der letzten Exzellenzinitiative durchaus von zentraler Seite eingegriffen und auch entschieden wurde – mit gemischtem Erfolg. Es gibt hier keine Patentrezepte. Präsidium und Forschungsrat sehe ich hier als Sparringspartner; über die Mitglieder des Forschungsrates und ihre Netzwerke können darüber hinaus einschlägige Experten als Gutachter gewonnen werden. Wir können den Prozess, in dem eine Idee verfolgt wird, unterstützen, Rahmenbedingungen entwickeln und bei Bedarf auch einmal Leitplanken abstecken – so verstehe ich auch unsere Aufgabe. Gleichzeitig bieten sich Unterstützungsmöglichkeiten durch neue und neu ausgerichtete interne Förderformate: den Förderfonds zum Aufbau koordinierter Programme, den RMU-Innovationsfonds oder die Goethe- Fellowships. Wir müssen schauen, wie wir mit Bordmitteln und eingeworbenen Mitteln Anschubfinanzierungen für vielversprechende Ideen bereitstellen können. Wichtig ist: Die Neuentwicklung und Weiterverfolgung von Forschungsideen muss ein fortlaufender Prozess sein. Wenn es einen Anlass wie die Exzellenzstrategie gibt, kann man auch mal eine »Hauruckaktion« starten mit einem Aufruf, anlassbezogen Antragsideen für interessante Forschungsprojekte einzureichen – aber Initiativen, die auf einen Exzellenzcluster zielen, benötigen einen belastbaren wissenschaftlichen Unterbau.

»Wir können den Prozess, in dem eine Idee verfolgt wird, unterstützen, Rahmenbedingungen entwickeln und bei Bedarf auch einmal Leitplanken abstecken – so verstehe ich auch unsere Aufgabe.«

Könnten beispielsweise neue Sonderforschungsbereiche die nach dem Wegfall der Cluster entstehende finanzielle »Wunde« lindern?

Bis Oktober 2019 können die Cluster weitgehend normal arbeiten, erst ab dann läuft die Finanzierung aus. Den beiden Clustern, die aus der Finanzierung herausfallen werden, stehen derzeit rund 11 Mio. Euro pro Jahr für ihre Forschung und die benötigte Infrastruktur zur Verfügung. Insgesamt verfügt die Universität über gut 184 Mio. Euro Drittmittel. Wenn man sich überlegt, wie sich das mit anderen Quellen ersetzen lässt, fallen einem schon Alternativen ein, zu denen auch, aber keineswegs nur, die von Ihnen angesprochenen SFBs gehören. Trotzdem bleibt es traurig, dass diese Clusterfinanzierungen wegfallen und damit die Cluster ihre Fragestellungen nicht wie erhofft weiterführen können.

Was passiert mit den Beschäftigten, die für die Cluster oder im Zuge der ExStra-Vorbereitungen eingestellt wurden?

Wir haben so viel Vorlauf durch die Auslauffinanzierung, dass es keine unerwarteten Härten geben sollte. Bei der Planung befristeter Stellen oder Projekte haben Cluster und Verwaltung immer auf die Ausfinanzierung geachtet. Die Nachhaltigkeit von durch die Cluster vergebenen Dauerstellen ist über die Fachbereiche und die Administration gesichert.

Die Exzellenzcluster sind die Visitenkarte der Goethe-Universität schlechthin gewesen. Was bedeutet der (Nicht-)Förderbescheid für unsere Berufungspolitik?

Die Cluster als einzige Visitenkarte der Uni zu interpretieren, ist und war aus meiner Sicht schon immer unangebracht – der größte Teil der Uni-Community und ihrer Umgebung hat und hatte mit der Universität ganz andere Berührungspunkte. Aber tatsächlich ist der gefühlte Reputationsschaden etwas, woran viele von uns am härtesten zu knabbern haben. Die Finanzausfälle sind mit entsprechenden Anstrengungen kompensierbar, aber natürlich geht es ans Selbstbewusstsein, wenn wir nicht mehr darauf verweisen können, dass wir zwar nicht Exzellenzuniversität sind, aber immerhin zweieinhalb Cluster haben. Das könnte in der Tat auch Folgen für die Universität haben, denn dieser Wettbewerb wird in der internationalen Wissenschaftsszene ziemlich genau beobachtet. Deswegen ist es umso wichtiger, andere große und wichtige Forschungsprojekte weiterhin intensiv zu verfolgen. Das Frankfurt Cancer Institute ist zum Beispiel ein solches Projekt, ebenso die Verstetigung von SAFE und das Fraunhofer-Projekt für translationale Arzneimittelforschung. In Kooperation mit außeruniversitären Partnern passiert einiges, aber auch aus eigener Kraft haben wir gute Themen. Und die müssen wir mit umso mehr Sorgfalt und Energie fortführen.

Für den Antrag in der Förderlinie »Exzellenzuniversitäten « waren auch Ideen entwickelt worden, die nicht-wissenschaftliche Querschnittsaufgaben betreffen. Wie sehen Sie Chancen, dort auch ohne Exzellenzförderung am Ball zu bleiben?

Die Themen, die wirklich wichtig sind, müssen wir unabhängig von Fördergeldern aus der Exzellenzstrategie umsetzen – dazu gehört für mich zum Beispiel die Personalentwicklung. Die Task Force E, die an den Vorbereitungen für die Förderlinie Exzellenzuniversitäten arbeitete, hat eine ganze Reihe von Ideen entwickelt, die auch dem vom Senat initiierten Forum_E vorgestellt wurden. Dabei geht es sowohl um die ständige Erneuerung von Forschung als auch um akademische Infrastrukturen. Diese Ideen würden wir gerne in den Hochschulentwicklungsprozess einfließen lassen, zumal die Vorbereitungen für den nächsten Hochschulentwicklungsplan (HEP) in diesen Monaten anlaufen. Es ist wichtig, dass wir uns für den anstehenden HEP mehr Zeit nehmen als 2015, als wir in Windeseile gemeinsam mit der Senatskommission und teilweise in Arbeitsgruppen einen Hochschulentwicklungsplan formuliert haben, der schon ab 2016 gelten musste. Für derartige strategische Entwicklungsaufgaben brauchen wir kontinuierliche Prozesse und Strukturen.

Dass die Exzellenz ein flüchtiges Phänomen ist, haben andere Unis lange schon vor der Goethe- Universität erfahren müssen. Was lässt sich von diesen vielleicht lernen?

Das werden wir herausfinden. Wir möchten im nächsten Frühjahr auch Kollegen und Kolleginnen von anderen Universitäten wie Bremen, Göttingen, Heidelberg oder Konstanz zu Veranstaltungen einladen. Im Moment sind alle zu beschäftigt mit ihren Clusteranträgen, aber ich denke, ab März wird es zumindest teilweise auch wieder mehr Gelassenheit geben. Dann sollten wir schauen, was wir aus der Exzellenzstrategie gelernt haben und wie wir diese Erfahrungen konstruktiv in die Vorbereitungen des nächsten Hochschulentwicklungsplans einfließen lassen können.

Das Interview führte Imke Folkerts

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.17 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.