Universitätspräsident Prof. Enrico Schleiff (Foto: Dettmar)

UniReport: Herr Schleiff, Sie sind jetzt sechs Wochen in Ihrem neuen Amt als Universitätspräsident. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen, wie gehen Sie Ihre neue Aufgabe an?

Enrico Schleiff: Obwohl ich die Goethe-Universität auch aus meiner langjährigen Arbeit als Vizepräsident bereits gut kenne und daran anknüpfen kann, lerne ich doch täglich dazu. Es ist daher fast so, als ob ich wieder ein studiosus bin, denn ein Neubeginn gleicht immer einem Schritt auf neues Terrain. Aber gerade als Wissenschaftler treibt einen sowohl die Neugier als auch die Arbeit am Unbekannten vorwärts. Insofern gehe ich das Ganze auch fast wie ein wissenschaftliches Projekt an – mit einer klaren Frage (was und wie die moderne Universität im 21. Jahrhundert sein muss), systematisch (um die Entwicklung bewusst und selbstbestimmt gestalten zu können) und reflektiert. Weswegen ich viele Gespräche mit Kollegen*innen, insbesondere aus den Fachbereichen, aber auch mit externen Partner*innen aus der Frankfurter Stadtgesellschaft, Landes- und Kommunalpolitik, Wirtschaft und dem wissenschaftlichen Umfeld der Goethe-Universität führe, um gerade jetzt zu Beginn die Erwartungshaltungen zu eruieren und meine Ziel- und Umsetzungsvorstellungen vorzustellen und abzugleichen.

Und wie vollziehen Sie den Rollenwechsel zwischen Hochschullehrer und Forscher hin zu einem Hochschulmanager?

Es ist ja Teil der wissenschaftlichen Persona, Perspektivenwechsel vorzunehmen – insofern kommt mir jetzt das als Wissenschaftler Erlernte praktisch zugute. Aber muss es denn wirklich ein kompletter Rollenwechsel sein? Auf der einen Seite spricht vieles dafür, da ich jetzt für die Universität in ihrer Gesamtheit verantwortlich bin, auf der anderen Seite heißt es doch gerade „akademische Selbstverwaltung“. Sowohl als auch, alte und neue, fremde und eigene Perspektiven zusammen denken können, sollte die Losung sein. Insofern würde ich statt von einem Rollenwechsel davon sprechen, dass ich (mindestens) eine weitere Rolle übernommen habe. Und in der Fußnote: Noch diskutiere ich mit meinen Doktoranden*innen und Postdocs – ich hoffe, das kann ich mir noch eine Weile erhalten.

Was möchten Sie in den ersten 100 Tagen erreicht haben? Auf wen gehen Sie gerade zum jetzigen Zeitpunkt schon aktiv zu?

Wir müssen meines Erachtens gemeinsam noch klarer herausarbeiten, wofür die Goethe-Universität heute und in Zukunft stehen soll und was die Gesellschaft unter dem Eindruck von Globalisierung und neuartigen Krisen von einer Universität und von Wissenschaft erwartet. Wir brauchen heute qualifizierte und global-denkende Akteure, reflektiertes und fundiertes Wissen und erprobte Beispiele als Basis für Entscheidungen sowie Vertrauen der Gesellschaft in dieses durch Forschung entstandene und entstehende Wissen. Neben der systematischen Kommunikation mit den Fachbereichen ist mir vor allem die konstruktive Zusammenarbeit mit den universitären Organen, dem Senat und Hochschulrat zur Weiterentwicklung unserer Goethe-Universität besonders wichtig. Auch mit dem AStA hatte ich meinen ersten Jour fixe, ebenso mit dem Personalrat. 100 Tage sind in Corona-Zeiten ein vergleichsweise kurzer Zeitraum, und mir fehlen, um ehrlich zu sein, die Diskussionen in Präsenz. Der Zeitraum reicht aber aus, um zu einer aktuellen Bestandsaufnahme im Hinblick auf die Chancen und Möglichkeiten zu kommen, die sich für uns bieten.

Momentan wird viel über den Nachholbedarf deutscher Unternehmen und Institutionen in Sachen Digitalisierung gesprochen. Wenn Sie sich die Universität der Zukunft vorstellen: Welche Rolle spielen dabei digitale Formate in Forschung, Lehre und Verwaltung, was sind die nächsten Schritte?

Corona ist hier für Universitäten wie ein großes Labor und für uns zugleich Spiegel unseres Standes in Sachen Digitalisierung. Und dieser Spiegel zeigt uns in der Tat die Herausforderungen für die Zukunft. Das Gute im Schlechten der Pandemie ist jedoch, dass wir erleben, was dank des enormen Einsatzes vieler Kolleg*innen in kurzer Zeit aufgebaut und umgesetzt werden kann. Aber, um in der Symbolik zu bleiben, wir müssen das Spiegelbild genau betrachten und uns fragen, welche grundlegenden Schlussfolgerungen lassen sich daraus für die Zukunft der Goethe-Universität ziehen? Welche Veränderungen unseres Arbeits- und Studienalltags werden notwendig sein, um die Digitalität zur Stärkung der Forschung, zur Erweiterung unserer Lehrformate, zur Verbesserung unsere Verwaltungsprozesse sinnvoll einzusetzen? Ich bin überzeugt, Digitalisierung enthält gerade für eine Verbesserung und Diversifizierung von Lehre große, noch nicht genutzte Chancen.

Thema Studium in der Corona-Zeit: Man hört, dass den Studierenden auf der einen Seite natürlich der face-to-face-Austausch mit ihren Kommilton*innen und Dozierenden fehlt. Zum anderen berichten viele auch davon, dass sie im digitalen Lehrbetrieb flexibler und ortsunabhängiger ihren Stundenplan gestalten können. Erfährt auch das digitale Studium durch die Pandemie einen gewissen Schub?

Die Goethe-Universität ist eine „digital unterstützte Präsenzuniversität“, so haben wir es auch in unserem „Leitbild digitale Lehre“ formuliert, unter anderem weil für uns die Ideenvielfalt (und der daraus erwachsende Diskurs), die durch reale Begegnungen entsteht, ein wichtiges Charakteristikum der Universität, der universitären Erfahrung ist und bleiben wird. Es kann also nicht Ziel sein, jetzt Präsenzangebote auf Biegen und Brechen zu digitalisieren. Es kommt vielmehr darauf an, aus dem nicht nur pandemiebedingt entstandenen, großen Labor der digitalen Lehr- und Vermittlungsformate intelligent die auszuwählen, die mehr Flexibilität ermöglichen, aber auch zum Beispiel einen Beitrag zur Barrierefreiheit oder Internationalisierung leisten können. Wir sollten das Beste aus beiden Welten in sinnvoller Weise zusammenbringen. Das ist mein Anspruch! Mehr noch: Ein Studium ist ja nicht nur studentische Pflichterfüllung, sondern auch ein entscheidender Lebens- und Entwicklungsabschnitt für sehr viele junge Menschen. Daher ist es wichtig, dass ein Studium auch Freiräume bietet – Freiräume für eigene Erfahrungen und Kompetenzerweiterung, zum Beispiel im Umgang mit digitalen Möglichkeiten oder der akademischen Selbstverwaltung. Auch darüber werden wir uns intensiv Gedanken machen.

Die Goethe-Universität noch attraktiver für internationale Forscher*innen und Studierende zu machen, ist Ihnen ein großes Anliegen. Leider leidet der internationale Austausch im Augenblick unter den Corona-bedingten Reisebeschränkungen und Grenzschließungen wohl am meisten. Wenn im Laufe dieses Jahres die Reisebeschränkungen hoffentlich wieder aufgehoben werden können, stellt sich auch dort die Frage, inwiefern virtuelle Kontakte an die Stelle realer treten können.

Wir alle hoffen, dass auch das akademische Leben digitaler, aber dennoch auch in Präsenz wieder zurückkehrt, sobald die Pandemie beherrschbar geworden ist. Doch bestimmte Entwicklungen werden auch bleiben: So wird man es sich künftig zweimal überlegen, ob man – auch im Interesse des Klimaschutzes – für ein internationales Zwei-Stunden-Meeting wirklich in ein Flugzeug steigen muss. Etwas Anderes ist es mit dem Studium und ich glaube, dass das mit Neugier auf das Erfahren fremder – auch akademischer – Kulturen zu tun hat. Was uns als Studierende ins Ausland gezogen hat, war ja nicht allein der Wissensaustausch mit anderen, sondern das ERLEBEN einer fremden Kultur, mit den Menschen, ihren sozialen Gepflogenheiten, einfach auch mal andere Luft schnuppern etc. Das öffnet den eigenen Horizont, weitet die Perspektive auf das eigene Leben, bringt einen auf neue Ideen! Virtuelle Kontakte können dies kaum kompensieren, wenn wir von längeren Aufenthalten im Ausland reden. Diese internationale Erfahrung noch besser zu ermöglichen, so meine Überzeugung, gehört zu einer modernen Universität und hierfür werde ich mich einsetzen. Dies gilt übrigens auch dafür, dass wir die Goethe-Universität noch mehr als bisher zu einem Ort machen, an dem die Menschen aus aller Welt studieren, lehren und forschen möchten.

Die Exzellenzinitiative wirft bereits ihre Schatten voraus. Wo steht die Goethe-Universität momentan, wie schätzen Sie ihre Chancen ein, sich auf dem Feld der besten deutschen Universitäten zu positionieren?

Ich freue mich enorm, dass es uns als Goethe-Universität im gerade zu Ende gegangenen hessischen Wettbewerb um die aussichtsreichsten Antragsskizzen gelungen ist, unsere drei Anträge mit eigener Sprecherschaft und unserer Partner zum Erfolg zu führen. Es ist zugleich auch ein starkes Signal für die RMU, denn an zwei unserer Anträge ist die TU Darmstadt mit beteiligt und umgekehrt auch. Ich bin dem Land dankbar, dass es damit zeigt, wie wichtig ihm nach der Nichtberücksichtigung in der letzten Runde eine optimale Vorbereitung der hessischen Universitäten für die kommenden Runde der Exzellenzstrategie ist, die 2024 beginnt. Die Landesförderung ist aber nur ein erster Schritt (parallel läuft ja das uni-interne Unterstützungsverfahren), denn wir müssen jetzt unsere Clusterprojekte optimal weiterentwickeln, die besten Köpfe müssen gemeinsam agieren, die Universität muss, wir als Präsidium müssen die Projekte strukturell unterstützen. Man kann die Exzellenzinitiative mit einem Staffellauf vergleichen: Nur das Team wird am Ende den Rekord laufen, welches nach akribischer Vorbereitung die besten gemeinsam in die gleiche Richtung laufenden Akteure ins Rennen geschickt hatte, in einem Stadium mit herausragenden strukturellen Bedingungen und eingebettet in eine die Läufer*innen tragende Fangemeinschaft. Kurzum, es braucht uns jetzt alle, die nächste Runde der Exzellenzinitiative erfolgreich zu gestalten, und zwar im Team und nicht als Einzelkämpfer*in.

In wenigen Tagen findet die Wahl der Vizepräsidenten und Vizepräsidentinnen statt. Sie haben den bisherigen Ressortzuschnitt geändert – warum?

Wenn eine Universität lebt, bedeutet das permanente Veränderung. Die Universität an sich, ein für alle Zeit unveränderbares Ideal, kann es daher gar nicht geben. Vielmehr muss sich gerade eine Organisation wie die Goethe-Universität, will sie gesellschaftliche Impulsgeberin sein und ernst genommen werden, von sich aus verändern wollen. Aber eben nicht reaktiv (was aufgrund der Weite und Breite der komplexen strukturellen
Transformationen leider oft genug der Fall ist), sondern von sich aus, vorausschauend. Neue Forschungserkenntnisse ziehen neue Professuren, neue Studiengänge nach sich – und auch die Selbstverwaltung ist davon betroffen. Wir haben den Selbstanspruch, die Gesellschaft zu verändern – warum also nicht auch uns selbst? Hinzu kommt, dass der Bereich des „Third Space“ – also das universitäre Handlungsfeld zwischen Wissenschaft und klassischer Verwaltung – noch ein relativ neuer ist und daher im Prozess der Professionalisierung begriffen. Veränderungen sind hier an der Tagesordnung, da wir ein lernendes Gebilde sind – auf allen Ebenen. Und da schließt sich der Kreis: Denn die Goethe-Universität und all ihre Angehörigen und Mitglieder lernen tagein, tagaus – und so, wie Forschung und Lehre zusammengedacht werden, so bilden doch am besten auch Forschung und Selbstverwaltung eine Einheit. Zurück zu Ihrer Frage: Gerade weil ich als Wissenschaftler immer neue Herausforderungen angehe, will ich mich gemeinsam mit meinem Team den neuen Herausforderungen stellen. Und ich denke, dass der neue Ressortzuschnitt meine Ziele bestmöglich erreichen kann. Und ganz „neu“, beziehungsweise unerwartet ist er dann ja doch nicht, wenn ich mir die Fragen nach der Digitalisierung anschaue.

Fragen: Imke Folkerts, Dirk Frank und Olaf Kaltenborn

Dieses Interview ist in der Ausgabe 1/2021 (PDF) des UniReport erschienen.