„Fishbowl-Diskussion“ – ein Platz war reserviert für Diskutanten aus dem Publikum.

„Fishbowl-Diskussion“ – ein Platz war reserviert für Diskutanten aus dem Publikum.

Hochschulforum Third Mission diskutiert Kooperationen zwischen Hochschule und Politik.

Welche Aktivitäten an der Schnittstelle zur Politik gibt es aktuell an der Goethe-Universität, in welcher Weise profitieren Forschung und Lehre von diesen Kooperationen? Wie lassen sich diese Kooperationen ausbauen – sofern man sie denn ausbauen möchte? Diese Fragen standen im Fokus des Hochschulforums »Gut beraten«, an dem über 80 Vertreter aus Hochschule und Politik teilnahmen. Eingeladen hatte Univizepräsident Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz, der für den Strategieprozess »Third Mission« an der Goethe-Universität verantwortlich ist.

Prof. Andreas Hackethal, Krista Sager (r.) und Myrella Dorn (l.)

Prof. Andreas Hackethal, Krista Sager (r.) und Myrella Dorn (l.)

Schubert-Zsilavecz wies einleitend auf die gesellschaftliche Verantwortung einer von Bürgern gegründeten Stiftungsuniversität hin: »An der Goethe-Uni bildet daher die Third Mission, der Dialog und Austausch mit der Gesellschaft, eine dritte Säule, die eng und synergetisch an die ersten beiden Säulen Forschung und Lehre rückgekoppelt ist .«

»Transmissionsriemen« zwischen Politik und Wissenschaft

Einleitend sorgte eine so genannte „Fishbowl-Diskussion“, bei der auch das Plenum mit eingebunden war, für einen ersten Austausch von Definitionen, Positionen und Ideen. Moderator Dr. Oliver Märker fragte zu Beginn in die Runde, welche Erfahrung die Diskutanten mit Kooperationen zwischen Politik und Wissenschaft bislang gemacht hätten. Krista Sager, Grünen-Politikerin und frühere Hamburger Wissenschaftssenatorin, führte aus, dass Politik sich gerne auf Wissenschaft stütze, wenn es darum ginge, die eigene Arbeit zu legitimieren. Daher bedürfe es Qualitätskriterien für eine seriöse Zusammenarbeit. Dass die Politik längst noch nicht die von der Wissenschaft angebotenen Inhalte ausreichend nutze, beklagte Prof. Andreas Hackethal, Professor für Finanzen an der Goethe-Universität.

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Prof. Birgit Blättel-Mink (M.) u. Prof. Harry Harun Behr (l.).

„Der Transmissionsriemen zwischen Politik und Wissenschaft hakt noch ein wenig“, sagte Hackethal. Er warf zudem die Frage auf, wie die Politik angesichts vieler heterogener Forschungsansätze und -ergebnisse sich überhaupt noch einen Überblick verschaffen könne. Dass es eigener Institutionen an den Hochschulen bedarf, die wie beispielsweise das House of Finance oder das IWAK diese Beratungsund Vermittlungsleistung übernehmen, bestätigte auch die Industrieund Organisationssoziologin Prof. Birgit Blättel-Mink (Goethe-Uni). Mit der an den Universitäten erbrachten Grundlagenforschung könne die Wissenschaft der Politik wichtige Impulse geben.

Prof. Tanja Brühl (M.) u. Prof. Martin Lanzendorf (l.).

Prof. Tanja Brühl (M.) u. Prof. Martin Lanzendorf (l.).

„Leider werden Studien von politischen Entscheidern oftmals nur gehortet, nicht genutzt“, so Blättel-Mink. Myrella Dorn, Studentin der Soziologie an der Goethe-Uni und Mitglied der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt, kritisierte, dass Parteien heute vor allem Mehrheiten organisieren wollten; dies habe zu einer Unglaubwürdigkeit von Politik geführt. Politikberatung sollte mit dazu beitragen, Vertrauen in Politik wiederherzustellen.

Besondere Verantwortung der Bürgeruniversität

Erhellende Einblicke in seine Zusammenarbeit mit Bildungsministerien und muslimischen Religionsgemeinschaften gewährte der Erziehungswissenschaftler Prof. Harry Harun Behr (Goethe-Universität): So verfasste er unter anderem im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums die Lehrpläne des Faches islamische Religion. „Eine ganz neue Rolle für mich als Wissenschaftler.“ Die Potenziale der Third Mission für Lehre und Studium unterstrich Prof. Tanja Brühl, Politikwissenschaftlerin und Vizepräsidentin der Goethe-Uni. Sie habe mit ihren Studierenden das Verfassen von Policy-Papers geübt: Die Fähigkeit, mit der Politik adäquat kommunizieren zu können, sei kein Selbstzweck, sondern an einer Hochschule, die sich als Bürgeruniversität verstehe, eine wichtige Kompetenz, um in die Gesellschaft hineinwirken zu können.

Blick ins Plenum des Hochschulforums “Gut beraten”.

Blick ins Plenum des Hochschulforums “Gut beraten”.

Ein Umdenken forderte der Mobilitätsforscher Prof. Martin Lanzendorf, dessen Expertise bei Verkehrsprojekten sehr gefragt ist, hinsichtlich des Umgangs mit Drittmitteln: Jene Mittel, die nicht von Forschungsförderorganisationen wie der DFG, sondern von Ministerien kämen, würden in der Scientific Community nicht als „wissenschaftlich“ angesehen. Politikberatung: Die Arbeit der »Weisen« Nach Gruppendiskussionen in Form eines „World-Café“ zu Fragen der Legitimität von Politikberatung, Fragen der praktischen Umsetzung und zur Einbindung in Forschung und Lehre sowie einem Vortrag des Hessischen Staatssekretärs für Europa, Mark Weinmeister, bildete eine Diskussion mit drei Teilnehmern den Abschluss des Hochschulforums „Gut beraten“.

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Univizepräsident Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz

Unipräsidentin Prof. Birgitta Wolff sprach mit dem „Wirtschaftsweisen“ Prof. Volker Wieland und dem „Gesundheitsweisen“ Prof. Ferdinand Gerlach. Wieland, Volkswirtschaftler an der Goethe-Uni und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, stellte dar, dass der Rat sich als unabhängiges Gremium und Berater der Öffentlichkeit verstehe. „Gerade wegen der Freiheit der Forschung bin ich nach Jahren meiner Tätigkeit für die amerikanische Notenbank überhaupt wieder nach Europa zurückgekehrt.“ Gerlach, Allgemeinmediziner an der Goethe-Uni und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, betonte die Nachhaltigkeit der Arbeit des Rates: „Die Hälfte der in den Gutachten enthaltenen Empfehlungen wurden von der Politik wirklich umgesetzt.“

Mark Weinmeister, Hessischer Staatssekretär für Europa; Foto: Gröschel

Mark Weinmeister, Hessischer Staatssekretär für Europa; Foto: Gröschel

Seine Arbeit im Rat komme aber auch der Universität zugute: „Man gewinnt einen breiteren Blick auf das Fach und erwirbt eine höhere Kompetenz, die Inhalte zu kommunizieren.“ Birgitta Wolff bemerkte mit Blick auf ihre Zeit als Ministerin in Sachsen-Anhalt: „Politiker denken oft, dass sie den Menschen verkürzte Wahrheiten vermitteln müssten.“ Der Suche nach Mehrheit in der Politik stehe oft die Suche nach Wahrheit in der Wissenschaft gegenüber: „Wir könnten aber in der Uni daran arbeiten, den Widerspruch aufzuheben.“ Die Hochschulen sollten ihren Part nicht nur darin sehen, sich erst dann mit gesellschaftlichen Problemen zu beschäftigen, wenn diese an sie herangetragen werden; vielmehr ginge es darum, auch im Vorhinein bereits Probleme zu identifizieren, so Wolff.

Moderator Dr. Oliver Märker (l.) im Gespräch mit Prof. Birgitta Wolff, Prof. Ferdinand Gerlach (M.) und Prof. Volker Wieland (r.); Foto: Gröschel

Moderator Dr. Oliver Märker (l.) im Gespräch mit Prof. Birgitta Wolff, Prof. Ferdinand Gerlach (M.) und Prof. Volker Wieland (r.); Foto: Gröschel

Im Herbst wird ein weiteres Hochschulforum Third Mission an der Goethe-Universität stattfinden; dann wird es um den Themenkomplex „Alumni – Ehemalige der Hochschule“ gehen. www.uni-frankfurt.de/third-mission

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4-2016 des UniReport erschienen [PDF].