Janneke Rauscher, Maya Gradenwitz, Ruth Knepel und Annika Eisenberg (von links) promovieren an der Goethe-Universität und haben sich mit einem offenen Brief an die Unileitung gewandt. (Foto: Ricarda Menn)

Janneke Rauscher, Maya Gradenwitz, Ruth Knepel und Annika Eisenberg (von links) promovieren an der Goethe-Universität und haben sich mit einem offenen Brief an die Unileitung gewandt. (Foto: Ricarda Menn)

Mit einem offenen Brief wandten sich Ruth Knepel, Janneke Rauscher, Annika Eisenberg und Maya Gradenwitz im September an die Universitätsleitung: Stellvertretend für viele andere Promovierende und Postdocs plädierten sie dafür, den Begriff des wissenschaftlichen Nachwuchses durch eine neue, wertschätzendere Formulierung zu ersetzen. Bei Prof. Enrico Schleiff rannten sie damit offene Türen ein: Er kenne keine andere Branche, die ihre Berufseinstiger als Nachwuchs bezeichne, unterstützte der Vizepräsident das Anliegen. Bevorzugt soll in der Goethe- Universität nun von »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der frühen Berufsphase « gesprochen werden, oder – kürzer – mit Rückgriff auf die EU-Terminologie von »Early Career Researchers« oder »Early Stage Researchers«.

Imke Folkerts von der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum hat mit Knepel, Rauscher, Eisenberg und Gradenwitz darüber gesprochen, welche Bedeutung die Umbenennung für sie hat und was darüber hinaus für einen wertschätzenden Umgang miteinander wichtig wäre.

GoetheSpektrum: Über die Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus wird seit Längerem auch in den Medien diskutiert, die Doktorandinnen und Doktoranden sind seltener ein Thema, wenn es nicht gerade um Plagiate geht. Werden Ihre Leistungen überhaupt gesehen?

Ruth Knepel: In der Öffentlichkeit dominiert ein verzerrtes Bild der Arbeit von Promovierenden, doch auch die Hochschulen selbst nehmen das Potential, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Anfang ihrer Karriere zu bieten haben, nicht ausreichend wahr. Dabei leisten Promovierende in allen Fächern bereits während der Promotionsphase und parallel zu ihrer eigentlichen Dissertation wertvolle Grundlagenforschung, brillieren in der Lehre, werben Drittmittel ein, publizieren eigene Forschungsbeiträge – auch zu Themen jenseits ihres Dissertationsprojekts – und vertreten die Universität auf Tagungen und Konferenzen. Wir wünschen uns daher mehr Anerkennung und eine größere Sichtbarkeit der herausragenden Leistungen von Promovierenden – und auch mehr Gelegenheiten, das erworbene Wissen in verschiedenen Kontexten anwenden und präsentieren zu können, was oftmals aufgrund fehlender, auch finanzieller, Unterstützung scheitert.

Sie kritisieren die Verwendung des Begriffs »wissenschaftlicher Nachwuchs«. Was stört Sie an diesem Familienbild, das mit Doktorvater und -mutter abgerundet wird?

Annika Eisenberg: Wir sind der Auffassung, dass die Art und Weise, wie über eine Personengruppe gesprochen wird, die Wahrnehmung dieser Gruppe und auch die Begegnung mit ihr stark beeinflusst. Dem Begriff »wissenschaftlicher Nachwuchs« mangelt es nicht nur an Ernsthaftigkeit, er zwingt auch eine sehr heterogene Gruppe zusammen, die durch die Familien- oder Zuchtmetaphorik zudem noch kleingehalten wird. Die verschiedenen Positionen, Erfahrungen und Lebenswege sind aber in der Realität ebenso vielfältig wie die Forschungsthemen, die von Promovierenden und Postdocs bearbeitet werden. Außerdem verstärkt ein solches sprachliches Konzept nur unproduktive Hierarchien und führt zu einer Blockbildung von Professorinnen und Professoren auf der einen Seite und dem ganzen Rest als »unmündigem Nachwuchs« auf der anderen Seite. Wir verstehen uns als Wissenschaftlerinnen am Beginn unserer Karriere. Wer möchte, kann hier auch auf die gängige englische Bezeichnung zurückgreifen: Early Career Researchers oder Early Stage Researchers.

Abgesehen von der Begrifflichkeit: Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit der Wertschätzung gegenüber Promovierenden und Postdocs aus?

Janneke Rauscher: Wenn man bedenkt, welche persönlichen und wirtschaftlichen Risiken man eingeht, um überhaupt an der Universität in prekären Verhältnissen zu arbeiten, ist es schon erstaunlich, dass man bis zum Erhalt der Professur kaum Wertschätzung erfährt. Promovierende, die an Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen angestellt sind, werden oft nicht als Arbeitnehmer wahrgenommen, sondern nur in ihrer Rolle als Promovierende. Innerhalb des Wissenschaftsbetriebes wird aber gerade bei Promovierenden und Postdocs oft fraglos von einer uneingeschränkten Einsatzbereitschaft abseits der Arbeit an der jeweiligen Qualifikationsschrift ausgegangen. Das heißt, die Promotion wird zur Privatsache, während die geleistete Arbeit in der Hochschule nicht als solche anerkannt wird. Wenn dann auch noch der eigene Beitrag in den unterschiedlichsten Bereichen schlicht nicht gesehen oder honoriert, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist das überaus demotivierend.

Wie nimmt Ihr Umfeld das Thema wahr, und welche Veränderungen würden Sie sich wünschen?

Maya Gradenwitz: Unter Promovierenden und Postdocs, aber auch im Dialog mit Betreuenden und Personen aus anderen Statusgruppen finden seit geraumer Zeit teils heftige Diskussionen um Qualitätskriterien für wissenschaftliches Arbeiten und die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft statt. Was wir uns wünschen, ist eine Kultur der Anerkennung und des kollegialen Miteinanders über alle Statusgruppen hinweg. Voraussetzung dafür sind jedoch grundsätzliche Veränderungen, nicht nur im alltäglichen Umgang miteinander und in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch auf rechtlicher Ebene, etwa am Wissenschaftszeitvertragsgesetz und der Grundfinanzierung. Hier sind also auch politische Entscheidungen notwendig und die sind nicht immer so leicht zu beeinflussen. Ein erster wichtiger Schritt ist die aktive Beteiligung von Promovierenden und Postdocs an den sie betreffenden Entscheidungen. An der Goethe-Universität wird gegenwärtig die Teilhabe aller betroffenen Gruppen an Entscheidungen und Entscheidungsprozessen in der Early Career Researchers-AG »erprobt«. Gemeinsam versuchen wir, die Förderung von Forschenden in unterschiedlichen Karrierephasen auf eine neue Grundlage zu stellen. Das ist ein Anfang, es bleibt jedoch noch viel zu tun.

Informationen zu den Personen

Annika Eisenberg arbeitet in der Zentralen Studienberatung und untersucht in ihrer Dissertation den Klang der Städte Los Angeles und Dublin in Literatur, Film und Radio; dabei baut sie auf den Erkenntnissen der noch recht jungen ‚Sound Studies‘ auf. „Ich würde gerne im Bereich des Wissenschaftsmanagements arbeiten, wobei ich mir eine Stelle sowohl an der Universität als auch bei einer Stiftung oder einer anderen Organisation vorstellen kann. Meine derzeitige Projektstelle bei der Zentralen Studienberatung hat mich in dieser Richtung bestärkt.“ 

Ruth Knepel arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für England- und Amerikastudien. Ihre Dissertation »Falling Man – Icons and Myths of 9/11« untersucht, wie sich Bilder, die am 11. September 2001 in New York entstanden sind, in gegenwärtigen Romanen und Fernsehserien niederschlagen und wie sich durch ihre Verwendung eine eigene Ikonographie und Mythologie herauskristallisiert. »Was nach der Promotion passiert, lasse ich ziemlich entspannt auf mich zukommen. Eine Ausbildung vor dem Studium und ein gut gepflegtes Netzwerk in der ›freien Wirtschaft‹ während des Studiums und neben der Promotion machen mich zuversichtlich, dass sich eine gute ›Anschlussverwendung‹ für mich findet.«

Maya Gradenwitz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar und befasst sich in ihrer Dissertation mit der Frage, wie nach der deutschen Wiedervereinigung die obersten Behörden der damals neuen Länder aufgebaut wurden. »Langfristig möchte ich aus der Beobachterinnen- in die Akteurinnenrolle wechseln und in einem Landes- oder Bundesministerium, gerne aber auch auf europäischer Ebene an der Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung das gesellschaftliche Zusammenleben aktiv mit gestalten.«

Janneke Rauscher erforscht für ihre Promotion den Zusammenhang von Serialität und Raum in zeitgenössischen Kriminalromanen aus Glasgow. Außerdem arbeitet sie als Assistentin im Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften. »Prinzipiell würde ich sehr gerne im Unibetrieb bleiben. Aber da die Arbeitsbedingungen und die Aussicht, überhaupt jemals eine ›sichere‹ Stelle zu bekommen, an deutschen Universitäten derzeit sehr schlecht sind, schaue ich mich nach Alternativen um – im Ausland und in anderen Arbeitsfeldern.«

Dieses Interview ist in der Ausgabe 4/2015 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.