
Eines steht für Britta Baumert seit langem fest: „Ich werde Lehrerin!“ weiß sie schon als Gymnasiastin. Welche Fächer sie studiert, um sie später unterrichten zu können, ist ihr dabei erstmal nicht so wichtig. Zwar ist sie katholisch aufgewachsen, war in Kindheit und Jugend in der Kirchengemeinde aktiv. Der Religionsunterricht, den sie selbst auf dem Gymnasium erhielt, hat in ihr allerdings keine Begeisterung geweckt, und der Kirche steht sie durchaus kritisch gegenüber. Katholische Theologie hat Baumert also zunächst nicht auf dem Schirm.
Und doch hat ihr akademischer Weg sie schließlich zur Professur „Praktische Theologie und Religionspädagogik“ an der Goethe-Universität geführt. Hier beschäftigt sie sich zum einen mit all jenen Feldern, auf denen Menschen die katholische Religion erleben können: Sei es als Angehörige einer Kirchengemeinde, sei es in der Schule, sei es dass sie in einer besonderen Situation (beispielsweise Krankenhaus oder Gefängnis) Seelsorge brauchen und wünschen. Zum anderen untersucht Baumert aber auch, worauf es bei der Vermittlung von Glaubensinhalten ankommt, sowohl in der vorschulischen Bildung (Kita/Kindergarten) als auch in der Erwachsenenbildung und natürlich vor allem im Religionsunterricht in der Schule.
Der ist für Baumert zum einen eine direkte Konsequenz der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit: „Um dieses Recht wahrzunehmen, brauchen Menschen auch eine Grundlage an religiöser Bildung“, erläutert sie. Des Weiteren sei es ein menschliches Grundbedürfnis sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen; dafür bilde Schulunterricht in den Fächern christliche beziehungsweise muslimische Religion sowie Ethik/Religionskunde den passenden Rahmen, sagt sie und fügt hinzu: „Außerdem sind europäische Kulturen umfassend religiös geprägt: In Literatur, Architektur, Musik, bildender Kunst tauchen so viele religiöse Motive auf, dass sich Kultur ohne eine Grundbildung in Sachen Religion nicht erschließen lässt.“
Theologie als freie Wissenschaft
Während ihres eigenen Lehramts-Studiums an der Universität Dormund lernt Baumert auch das Fach Theologie als wissenschaftliche Disziplin kennen — und ist begeistert: „In den allermeisten Fächern mussten wir zunächst Grundlagen büffeln, aber in der Theologie durften wir gleich selbst denken, das fand ich einfach großartig“, erzählt Baumert und erinnert sich, wie sie sich damals kritisch und kreativ mit Texten auseinandersetzte, wie sie sich die „großen Fragen“ des Lebens und des Glaubens stellte und wie sie darauf antwortete, indem sie nachdachte und eigene Thesen formulierte. „Ich habe Theologie an der Uni von Anfang an als freie Wissenschaft erlebt, in der es absolut nicht darum ging, dass ich mir folgsam die kirchlichen Lehren aneigne“, hebt Baumert hervor.
Ihr wird bewusst, wie sehr wissenschaftliches Arbeiten „ihr Ding“ ist, so dass sie an ihrem ursprünglichen Traumberuf einerseits festhält, aber diesen andererseits konkretisiert: Nach der Promotion absolviert sie zwar ihr Referendariat, bleibt aber nicht im Schuldienst, sondern beschließt, sich der akademischen Forschung und Lehre zu widmen. Das tut sie zunächst als Juniorprofessorin an der Universität Vechta und seit Ende 2022 zuerst für ein halbes Jahr vertretungsweise, dann als ordentliche Professorin an der Goethe-Universität.
Hier möchte Baumert ihren Studierenden die Fähigkeit weitergeben, kritisch und eigenständig über theologische Fragen nachzudenken. So, wie selbst es gelernt und erlebt hat: „Meine Studierenden sollen in der Lage sein, einen Religionsunterricht zu halten, der über ein bloßes Durchexerzieren des Religionsbuchs hinausgeht.“ Dazu gehöre es insbesondere, dass sie auch auf anspruchsvolle Schülerfragen angemessen antworten könnten, hebt Baumert hervor, „Schulkinder fragen ja nicht so etwas simples wie ‚Wo in der Bibel steht die Geschichte von der Arche Noah?.‘ Sondern sie fragen ‚Warum hat Gott bei der Sintflut so viele Tiere mit den Menschen ertrinken lassen? Die Tiere hatten doch nichts Böses getan!“
Kooperation an der Uni, in der Schule
Und auch indem sie einen Schwerpunkt ihrer Forschung auf ‚konfessionell kooperativen Religionsunterricht‘ legt, knüpft Baumert gewissermaßen an ein Konzept an, das sie selbst als Studentin kennengelernt hat: „An der Uni Dortmund haben damals Lehrende der katholischen und der evangelischen Theologie auch gemeinsame Veranstaltungen angeboten“, berichtet sie, „und es war völlig normal, dass wir Scheine in der ‚Nachbartheologie‘ gemacht haben.“ Ähnliches finde heute an den Schulen statt, die auf ‚konfessionell kooperativen Religionsunterricht‘ setzten: „Wenn katholische und evangelische Schulkinder gemeinsam unterrichtet werden – natürlich von Lehrkräften beider Konfessionen -, tragen Schulen damit einerseits der Tatsache Rechnung, dass immer weniger Schülerinnen und Schüler einer christlichen Kirche angehören“, sagt Baumert, andererseits könnten die Kinder und Jugendlichen so leichter erfahren, wie vielfältig das Christentum ist.
Wenn Baumert hingegen plant, sich mit queer-sensibler Pastoral zu beschäftigen, also mit praktischer Theologie, die explizit die Seelsorge für nicht heterosexuelle Gläubige einschließt, führt sie darin ein Forschungsvorhaben fort, das sie derzeit betreut. Darüber hinaus verfolgt sie zwar passiv, aber hochinteressiert das große Forschungsprojekt „Macht und Missbrauch“ ihres Fachbereichs, weil sie auch hier Anknüpfungspunkte für ihre eigene Arbeit beobachtet und in puncto Kollegialität und Kooperation bisher sehr gute Erfahrungen an der Goethe-Universität gemacht hat — das leicht befremdliche Erlebnis, während der Covid-19-Pandemie einen Online-Berufungsvortrag zu halten, ist für Britta Baumert längst zur fernen Erinnerung verblasst.
Stefanie Hense










