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»Faust Edition digital«: Ein tiefer Blick in die Werkstatt von Goethes Faust

Im Jahre 1772 begann Johann Wolfgang Goethe sein Opus magnum. Der Stoff, der zunächst als »Urfaust« in die Literaturgeschichte eingehen sollte, begleitete ihn bis zum Lebensende. Den Weg bis zur Vollendung von »Faust II« macht ein ebenfalls opulentes Projekt transparent: Die »Faust Edition digital«, die unter der Regie von Goethe-Expertin Prof. Anne Bohnenkamp-Renken entstanden ist.

Wann genau Goethe damit begonnen hat, sich mit dem Faust-Stoff zu beschäftigen, das blieb bislang selbst der Fachwelt verborgen. „Die ersten Überlegungen zum Faust fanden wohl schon in Goethes Studienzeit statt“, gibt Anne Bohnenkamp-Renken, Germanistikprofessorin an der Goethe-Universität und Leiterin des Freien Deutschen Hochstifts, den Stand der Forschung wieder. Fest steht jedoch: Um das Jahr 1772 fing er in Frankfurt an, den später „Urfaust“ genannten Text zu Papier zu bringen. Fast sein ganzes erwachsenes Leben lang hat Johann Wolfgang Goethe dann am Faust-Stoff gearbeitet. Hat seine verschiedenen Texte gekürzt, ergänzt, verbessert, umgeschrieben. Dabei stand er auch immer in Kontakt mit seinen Zeitgenossen, auch deren Ansichten und Vorschläge flossen in den Text ein. Der Entstehungsprozess – ein schier endloses Gefüge aus Texten und Anmerkungen von der Hand des Dichters und von anderer Hand.

Dieses Gefüge erschließt die Datenbank „Faust Edition digital“, die unter der Leitung der Faust-Expertin Anne Bohnenkamp-Renken, dem Würzburger Computerphilologen Prof. Fotis Jannidis und Dr. Silke Henke aus dem Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar entstanden ist und 2018 zuerst freigeschaltet wurde. Schon in ihrer Doktorarbeit hatte sich Anne Bohnenkamp-Renken mit den sogenannten Paralipomena zu Goethes Faust befasst, also den Texten und Textfragmenten, die Goethe verfasst, aber nicht veröffentlicht hat. Darunter sind sowohl flüchtige Notizen auf Briefumschlägen oder Quittungen als auch Reinschriften ganzer Szenen. Doch nicht alle Handschriften, die Goethes Arbeit am ‚Faust‘ dokumentieren, hat Bohnenkamp-Renken in Ihrer Dissertation berücksichtigen können.

Anspruch auf Vollständigkeit

Die „Faust Edition digital“ hat den Anspruch, vollständig zu sein. Und das will etwas heißen: Wohl kaum ein anderer Dichter hat so viel Textliches hinterlassen wie Goethe. Und alles – von den kleinsten Textschnipseln bis hin zum vollständigen Drama – ist für diese Edition erfasst und zugänglich gemacht worden, vom „Urfaust“ bis zu „Faust II“, aus dem zu Goethes Lebzeiten nur Ausschnitte publiziert worden waren. Das Ergebnis findet sich unter www.faustedition.net im Internet.

Auch diese literarische und bibliophile Kostbarkeit ist im Rahmen des Faust-Editionsprojekts entstanden: Germanistik-Professorin Anne Bohnenkamp-Renken mit der großen, bislang unveröffentlichten Gesamthandschrift des »Faust II« als hochwertiges und aufwendiges Faksimile mit einer genauen Transkription, erschienen im Wallstein Verlag. Foto: Sauter

Die Zeugnisse der frühen Jahre sind allerdings überschaubar. Die erste Fassung, den sogenannten „Urfaust“, nahm er, soviel ist verbürgt, nach Weimar mit und trug ihn dort vor. Wichtige Szenen waren noch nicht gereimt, der Text wird der Epoche des Sturm und Drang zugerechnet. Er ist nur in einer Abschrift überliefert aus dem Besitz von Luise von Göchhausen. Dieses Manuskript tauchte erst im 19. Jahrhundert auf, als Goethe schon nicht mehr lebte.

Wesentlich beredter ist die Überlieferung hinsichtlich der späteren Fassungen. 1790 erschien „Faust. Ein Fragment“, 1808 „Faust. Der Tragödie erster Teil“ und 1832 schließlich – nach dem Tod des Dichters – „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“. Mit der Zeit sammelte der Dichter selbst immer mehr seiner Notizen und Korrespondenzen. „Ab 1814 wird Goethe sich selbst historisch, und er hat alles gesammelt, was sein Werk umgab“, sagt die Literaturwissenschaftlerin, „er war einer der Erfinder des Dichterarchivs.“ So ist die 2018 freigeschaltete „Faust Edition digital“ quasi eine Fortsetzung dessen, was schon mit Goethe selbst begann.

In der Online-edition sind sowohl die verschiedenen gedruckten Versionen ediert und miteinander in Bezug gesetzt, als auch die handschriftlich verfassten Blätter in heute lesbare Druckschrift transkribiert worden. „Auch Literaturwissenschaftler können Goethes Handschrift nicht immer lesen“, erklärt Bohnenkamp-Renken. Ob Schüler, Lehrer, Experten – wer auch immer sich dafür interessiert, kann einzelne Textstellen auf ihre unterschiedlichen Versionen hin erforschen und die sich über 60 Jahre erstreckende Arbeit des Dichters verfolgen.

Was Goethe lieber nicht drucken ließ

Ein wichtiges Ziel der digitalen Faust-Edition ist es, den Blick freizugeben in Goethes Textwerkstatt. Die Online-Edition ist dabei nicht nur ein Archiv, sie bringt die Texte auch in einen „genetischen Zusammenhang“ – philologisch betrachtet. Wer sich für das Werk interessiert, kann sich in den spannenden Verästelungen verlieren, sich über manch originelles Aperçu amüsieren und sich in die Entstehungszeit der berühmten Dichtung versetzen lassen. Wie Goethe um die beste Formulierung gerungen hat, bis er die oft zur Redewendung gewordene Variante fand, ist durchaus spannend nachzuvollziehen. Hatte Faust nun „Juristerey und Medizin“ studiert oder „Medizin und Juristerey“? Für welche Variante sich Goethe letztlich entschied, ist bekannt. Während es hier eher um Fragen der dichterischen Form ging, lässt ein Vergleich zwischen der veröffentlichten und der nichtveröffentlichten Variante von Gretchens Lied am Spinnrad tiefere Einblicke zu: Während Goethe in der frühen Frankfurter Fassung Margarete die Worte „Mein Schoos! Gott! drängt / sich nach ihm hin“ in den Mund legt, hat er die Stelle für die gedruckte Ausgabe „entschärft“. Nun sagt Gretchen: „Mein Busen / drängt sich nach ihm hin“. Und natürlich findet man in der digitalen Ausgabe auch die berüchtigte Satansmesse, die im veröffentlichten Text fehlt. Goethe hat die drastisch-obszöne Szene seinem Publikum nicht zumuten wollen, aber er hat sie aufbewahrt – „für die Zukunft“.

Parallel zur Freischaltung der digitalen Edition ist auch ein Faksimile der letzten großen Reinschrift des „Faust II“ erschienen sowie der aus der Kenntnis der gesamten Überlieferung konstituierte Text (Wallstein Verlag 2018). So ist die Hybrid-Edition auch eine „historisch-kritische Ausgabe“ im strengen Sinne, die herausarbeitet, welches die authentischste Version eines Textes ist. Ganz abgeschlossen ist die digitale Faust-Edition vorläufig nicht. So wurde vor Kurzem erst die Version 1.3 RC im Netz zugänglich gemacht, die verschiedene Erweiterungen bringt, darunter die ausführliche Dokumentation der von Goethe verwendeten Papiersorten mit Abbildungen und Zuordnungen aller Wasserzeichen.

Noch ganz ohne Reim, aber mit viel Dramatik lässt Goethe das Gretchen in der Urfaust-Kerkerszene rufen: »Küsse mich! Kannst du nicht mehr küssen? Wie! Was! Bist mein Heinrich und hasts Küssen verlernt! Wie sonst ein ganzer Himmel mit deiner Umarmung gewaltig über mich eindrang! Wie du küsstest, als wolltest du mich in wollüstigem Todt ersticken! Heinrich, küsse mich, sonst küss ich dich sie fällt ihn an Weh! deine Lippen sind kalt! Todt! Antworten nicht!«

Faust nimmt heutige Debatten voraus

Erst jüngst wurde wieder einmal diskutiert, ob deutsche Abiturientinnen und Abiturienten den „Faust“ unbedingt gelesen haben sollten. Eine strikte Verpflichtung hält Anne Bohnenkamp-Renken nicht für sinnvoll. Dass der Text aber nach wie vor aktuell ist, das steht für die Literaturwissenschaftlerin außer Frage: „Gerade im ‚Faust II‘ sind viele Themen und Probleme angesprochen, die uns heute auf den Nägeln brennen. Ob es um das Thema Inflation geht, um Naturzerstörung oder um die Frage, wie erneuerbare Energien genutzt werden können – Goethe hat seine Zeit, die beginnende Industrialisierung, sehr genau angeschaut“, so die Goethe-Kennerin.

F a u s t.
Auf meine Liebe! Dein Mörder wird dein Befreyer. Auf! — Er schliesst über ihrer Betäubung die Armkette auf. Komm, wir entgehen dem schröcklichen Schicksaal.

M a r g r e t e angelehnt
Küsse mich! Küsse mich!

F a u s t.
Tausendmal! Nur eile, Gretgen, eile!

M a r g r e t e.
Küsse mich! Kannst du nicht mehr küssen? Wie! Was! Bist mein Heinrich und hasts Küssen verlernt! Wie sonst ein ganzer Himmel mit deiner Umarmung gewaltig über mich eindrang! Wie du küsstest, als wolltest du mich in wollüstigem Todt ersticken! Heinrich, küsse mich, sonst küss ich dich sie fällt ihn an Weh! deine Lippen sind kalt! Todt! Antworten nicht!

F a u s t.
Folge mir, ich herze dich mit tausendfacher Glut. Nur folge mir!

M a r g r e t e, sie setzt sich und bleibt eine Zeitlang stille
Heinrich, bist dus?

F a u s t.
Ich binns, komm mit!

M a r g r e t e.
Ich begreiffs nicht! Du? Die Fesseln los! Befreyst mich. Wen befreyst du? Weist du’s?

F a u s t.
Komm! Komm!

M a r g r e t e.
Meine Mutter hab ich umgebracht! Mein Kind hab ich ertränckt.

Seite 93 des Urfaust (Goethe und Schiller Archiv, GSA 25/W 2890)

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