Alumni im Porträt: Friederike von Bünau

Im Gespräch mit Friederike von Bünau, Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Generalsekretärin des Bundesverbandes Friederike von Bünau (Bildnachweis: BVDS/David Ausserhofer)

Als Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen steht sie für einen Sektor, der leise wirkt, aber viel bewegt: Friederike von Bünau gehört zu den prägenden Stimmen der deutschen Zivilgesellschaft. Mit ihrem beruflichen Schritt aus der Privatwirtschaft ins Stiftungswesen folgte von Bünau ihrem klaren Wertekompass. Über Jahre hinweg arbeitete sie an den Schnittstellen von Kultur, Kirche, Bildung und öffentlicher Debatte. Im Gespräch erzählt sie von biografischen Entscheidungen, Macht und Maß der Stiftungen und der Kunst, Verantwortung langfristig zu denken. Ein Interview über Freiheit, demokratische Verantwortung und die langfristige Arbeit am Gemeinwohl.

Frau von Bünau, als Generalsekretärin vertreten Sie mit über 4.500 Mitgliedern den größten Stiftungsverband Europas. Die 60 größten Stiftungen haben 2024 allein rund fünf Milliarden Euro für das Gemeinwohl eingesetzt. Wird diese gesellschaftliche Bedeutung von Stiftungen in Politik und Öffentlichkeit ausreichend wahrgenommen?

Der allergrößte Teil der Stiftungen ist lokal oder regional aktiv. Hier engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich in der Nachbarschaft oder in sozialen Einrichtungen. Dies geschieht oft leise und fernab der täglichen Schlagzeilen. Daneben gibt es die von Ihnen genannten großen Stiftungen, die noch einmal mit ganz anderen Mitteln und einem weiteren Radius für das Gemeinwohl wirken können. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen meist diese großen Namen im Mittelpunkt. Der alltägliche Beitrag vieler kleiner und mittlerer Stiftungen vor Ort wird dagegen oft unterschätzt. Ich mag besonders die berührenden Geschichten und die Menschen hinter den Zahlen. Sie zeigen, wie viel bewegt wird, und machen Mut, gerade in diesen Zeiten. Stiftungen haben in Deutschland eine lange Tradition: Sie ergänzen staatliches Handeln, erproben neue Ideen und fördern Begegnung vor Ort.

Sie beschreiben Stiftungen als „Agenten der Freiheit“ und „demokratische Anker“. In welcher Weise können Stiftungen gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und populistischer Bewegungen stabilisierend wirken?

In einer Gesellschaft, in der die jeweiligen Lebensrealitäten und Milieus immer weiter auseinanderdriften, können Stiftungen Freiräume bereitstellen: für Debatten, für Verständigung, für brennende Themen. Stiftungen wohnt die „Freiheit des Anfangen-Könnens“ inne. Sie agieren unabhängig von Wahlzyklen oder Mitgliederinteressen, was eine besondere Stärke ist. Dabei geht es nicht um vermeintliche Neutralität, sondern um eine klare Haltung jenseits parteipolitischer Auseinandersetzungen. Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang auch, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und gesellschaftliche Spannungen nicht vorschnell zu vereinfachen. Das Gebot der Stunde: Ambiguitätstoleranz, also Widersprüche aushalten und trotzdem konstruktiv bleiben. Gleichzeitig ist diese Freiheit kein Selbstzweck: Gemeinnützige Organisationen sind steuerbegünstigt und müssen transparent machen, wofür sie stehen und wofür sie Mittel einsetzen. Gerade diese Verbindung aus Unabhängigkeit und Verantwortung machen Stiftungen zu stabilisierenden Kräften in polarisierten Zeiten.

Mit Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz stehen Stiftungen vor großen Transformationsaufgaben. Welche Innovationen und Entwicklungen im Stiftungssektor beobachten Sie mit besonderer Aufmerksamkeit?

Ich beobachte mit großem Interesse, wie sich auch der Stiftungssektor selbst transformiert. Viele Stiftungen denken ihre Wirkung heute systemischer, arbeiten datenbasierter und öffnen sich noch stärker für Kooperationen. Besonders spannend ist, wie Digitalisierung und KI nicht nur als Förderthema, sondern auch als Instrument für die eigene Arbeit genutzt werden, etwa bei Wirkungsmessung, Transparenz oder Beteiligungsformaten. Zugleich wächst das Bewusstsein dafür, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Programmschwerpunkt ist, sondern die gesamte Organisation betrifft: von der Vermögensanlage bis zur Governance. Das verlangt neue Kompetenzen, neue Instrumente – und manchmal auch die Bereitschaft, eigene Rollen zu hinterfragen.

Sie haben in Gastbeiträgen die „solidarische Vernetzung“ von Stiftungen als Zukunftsaufgabe beschrieben. Welche Potenziale sehen Sie in der Kooperation zwischen Stiftungen, Universitäten wie der Goethe-Universität und anderen gesellschaftlichen Akteuren?

Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht von einzelnen Akteuren lösen. Solidarische Vernetzung bedeutet deshalb, Wissen, Ressourcen und Perspektiven zusammenzuführen. Universitäten spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie sind Orte der Forschung, der kritischen Reflexion und oft auch Orte, an denen zukünftige Verantwortungsträgerinnen und -träger ausgebildet werden. In der Zusammenarbeit mit Stiftungen können sie wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in gesellschaftliche Praxis übersetzen, während Stiftungen von der analytischen Tiefe und Unabhängigkeit der Wissenschaft profitieren. Solche Partnerschaften schaffen Wirkung über den einzelnen Förderzeitraum hinaus.

Die Goethe-Universität profitiert wie viele Bildungs- und Forschungseinrichtungen von Stiftungsengagement. Wie sehen Sie die Rolle von Universitäten und Hochschulen im deutschen Stiftungssektor – als Empfängerinnen, Partnerinnen oder auch als Vorbilder?

Universitäten sind all das zugleich. Sie sind Empfängerinnen von Förderung, aber zunehmend auch strategische Partnerinnen, die gemeinsam mit Stiftungen neue Themenfelder erschließen und gesellschaftliche Wirkung entfalten. Darüber hinaus können Hochschulen Vorbilder sein, wenn es um Transparenz, langfristiges Denken oder den verantwortungsvollen Umgang mit Freiheit geht. Besonders überzeugend wird das Zusammenspiel dort, wo Stiftungen nicht nur finanzieren, sondern gemeinsam mit den Hochschulen lernen, reflektieren und gestalten. Dann entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe im Dienst von Wissenschaft, Demokratie und Gemeinwohl.

Sie selbst haben an der Goethe-Universität Wirtschaftswissenschaften studiert. Inwiefern hat Sie Ihre Studienzeit in Frankfurt geprägt – sowohl fachlich als auch persönlich?

Frankfurt hat mir damals eine typische Großstadterfahrung ermöglicht: auf der einen Seite die Campuskultur, auf der anderen ein paralleler Einblick in die Praxis durch meine Tätigkeit bei der Lufthansa. Im Studium mochte ich besonders die Kurse, in denen es um globale Märkte und internationale Zusammenhänge ging. Diese Mischung aus internationaler Perspektive und praktischen Einblicken hat meinen weiteren Weg sicher mitgeprägt.

Nach Ihrem Studium haben Sie Ihre Karriere bei der Lufthansa und der Deutschen Bank begonnen, bevor Sie 2006 ins Stiftungswesen wechselten. Was hat Sie zu diesem radikalen Kurswechsel bewogen?

Meine Zeit bei der Lufthansa endete bereits mit dem Studium. Danach wollte ich mit der Deutschen Bank noch einen weiteren großen Player kennenlernen, um besser zu verstehen, wie Wirtschaft in der Praxis und auch die Kapitalmärkte funktionieren. Das war die Phase des »Neuen Marktes« mit vielen Börsengängen, eine außergewöhnliche Phase. Mit der Zeit hat sich jedoch mein Blick auf Arbeit und Verantwortung verändert. Nach der Geburt meiner beiden Kinder merkte ich, dass ich meine wirtschaftliche Expertise stärker mit gesellschaftspolitischen Themen verbinden wollte. Nach der Elternzeit habe ich mich deshalb neu orientiert und die Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit aufgebaut. Rückblickend war das weniger ein radikaler Bruch als eine bewusste Weiterentwicklung.

Sie sind Mentorin im Programm „Lead ME“ der Deutschlandstiftung Integration und engagieren sich im Stiftungsrat der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Was bedeutet Ihnen persönlich ehrenamtliches Engagement neben Ihrer hauptamtlichen Tätigkeit?

Ich arbeite gern mit jungen Menschen, besonders mit Studierenden aus dem Ausland, die nicht selbstverständlich Zugang zu Förderung und Netzwerken haben. Dabei lerne ich selbst viel und gewinne neue Perspektiven, es ist also kein einseitiges Geben. Insgesamt engagieren sich in Deutschland rund 29 Millionen Menschen ehrenamtlich – in Vereinen, Initiativen und Stiftungen. Dieses Engagement trägt unsere Gesellschaft und es motiviert mich persönlich, dass ich mit meiner Arbeit dazu beitragen kann, gute Rahmenbedingungen dafür zu schaffen – ein Ziel, das auch unseren Verband leitet.

Wenn Sie jungen Alumni der Goethe-Universität, die über gesellschaftliches Engagement nachdenken, einen Rat geben wollen: Welche Rolle kann das Stiftungswesen für ihre Generation spielen und wie können sie sich einbringen?

In unserer Zeit, in der die Welt unübersichtlicher und unsicherer wird, gewinnen regionale und lokale Strukturen an Bedeutung. Ich denke, es ist grundsätzlich wichtig für junge Menschen zu spüren, dass sie ihr Umfeld mitgestalten und etwas bewirken können. Engagieren kann man sich natürlich nicht allein in Stiftungen, aber wer Verantwortung übernehmen und eigene Ideen umsetzen will, wird bei ihnen auf offene Ohren stoßen.

Die Fragen stellte Heike Jüngst.

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