Zwischen Medizin und Ingenieursdenken

RMU-Studiengang Medizintechnik zeigt beispielhaft, was Kooperation leisten kann

Diagnostik mit Präzision: Medizintechnische Systeme wie die Computertomografie ermöglichen detaillierte Einblicke in den menschlichen Körper (Bildnachweis: Uwe Dettmar)

Was passiert, wenn komplementäre Expertisen von Universitäten in neuen Angeboten münden? Die Allianz der Rhein-Main-Universitäten zeigt, welches Potenzial entsteht, wenn Profile nicht verwässert, sondern gezielt gebündelt werden. Der gemeinsame Studiengang Medizintechnik der Goethe-Universität Frankfurt und der TU Darmstadt steht exemplarisch für diese Kraft der Zusammenarbeit. Hier treffen klinische Erfahrung und Ingenieursdenken aufeinander – strukturiert, dauerhaft und mit messbarem Erfolg. Wie daraus ein Studiengang wurde, der Studierende prägt und Perspektiven öffnet, zeigt der Blick auf eine von ihnen.

Gabriela Avila, Bachelorstudentin Medizintechnik (Bildnachweis: Gabriela Avila Privat)

Wenn Gabriela Avila von ihrem Studium erzählt, dann beginnt sie nicht mit Modulen oder Prüfungen. Sie beginnt mit Menschen. „Gesundheit und Medizin waren bei uns zu Hause immer präsent“, sagt die Bachelorstudentin der Medizintechnik. Eltern, Geschwister – alle in der Medizin. Sie selbst aber wollte bewusst einen anderen Weg gehen. „Mich hat dieses Feld sehr interessiert, gleichzeitig wollte ich nicht klassisch Medizin studieren.“ Der Impuls kam früh, durch Orthesen, Prothesen, technische Hilfsmittel. Dinge, die Leben erleichtern. Dinge, die man bauen, verbessern, weiterdenken kann.

Medizintechnik erschien ihr als „perfekte Kombination aus medizinischem Bezug und technischem Gestalten“. Ein Studiengang, der kein Entweder-oder verlangt, sondern ein Sowohl-als-auch bietet. Heute pendelt Avila selbstverständlich zwischen zwei Welten. An der Goethe-Universität Frankfurt studiert sie im medizinisch geprägten Campus Niederrad, nahe der Universitätsklinik. An der TU Darmstadt erlebt sie die andere Seite: pragmatisch, systematisch, technikgetrieben. „Der Fokus liegt stärker auf Problemlösung und Systemverständnis“, sagt sie. Zwei Kulturen, zwei Denkweisen – und genau darin liegt der Reiz.

Ein Studiengang für Brückenbauer

Was für Studierende wie Gabriela Avila Alltag ist, war bei der Gründung alles andere als selbstverständlich. Der Kooperationsstudiengang Medizintechnik existiert seit 2018 und ist hessenweit einzigartig. Entstanden ist er im Rahmen der Allianz der Rhein-Main-Universitäten, in der Hochschulen ihre Stärken bündeln, statt sie nebeneinanderzustellen. Die Idee: Medizinische Kompetenz und klinische Erfahrung aus Frankfurt treffen auf Ingenieurwissenschaften und technische Forschung aus Darmstadt. Nicht additiv, sondern integriert. „Wir mussten zwei Hochschulkulturen, zwei Curricula, zwei Fachsprachen zusammenbringen“, erinnert sich Prof. Anja Klein, Studiendekanin im Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Darmstadt. „Der Studiengang Medizintechnik war anfangs ein Wagnis.“

Heute sprechen die Zahlen eine klare Sprache: 132 Abschlüsse seit Bestehen, 42 Auslandsaufenthalte, eine konstant hohe Nachfrage. Im Wintersemester 2024/25 lag der Frauenanteil im Bachelorstudiengang bei bemerkenswerten 58,8 Prozent. Ein Wert, der in technischen Studiengängen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.

Lernen für eine Medizin im Wandel

Inhaltlich geht es um weit mehr als Formeln und Geräte. Der Studiengang nutzt Grundlagen der Elektro- und Informationstechnik für medizinische Anwendungen: von KI-gestützten Diagnoseverfahren über neue Analysesysteme bis zur Weiterentwicklung der Strahlentherapie. Laborpraktika, Projektarbeit und interdisziplinäre Seminare sind fest verankert.

Prof. Miriam Rüsseler, Studiendekanin Klinik im Fachbereich Medizin der Goethe-Universität, sieht darin einen entscheidenden Punkt: „Für technische Lösungen aus dem klinischen Alltag braucht es eine gemeinsame Sprache zwischen Medizin und Technik – und ein echtes Verständnis für die Abläufe in der Klinik.“ Medizintechnik sei dort seit über hundert Jahren präsent. Neu sei die systematische Ausbildung von Menschen, die beide Seiten verstehen. Der gesellschaftliche Bedarf ist offensichtlich: eine alternde Bevölkerung, Fachkräftemangel, rasanter medizinischer Fortschritt. „Wir brauchen Absolventinnen und Absolventen, die Brücken bauen“, sagt Klein. Menschen, die mit Ärzten ebenso sprechen können wie mit Entwicklerteams.

Vom Wagnis zum Erfolgsmodell

Prof. Miriam Rüsseler, Studiendekanin Klinik, Fachbereich Medizin, Goethe-Universität Frankfurt (Bildnachweis: Uwe Dettmar)

Rückblickend ist aus dem mutigen Projekt ein stabiles Erfolgsmodell geworden. „Das große Engagement bei Konzeption und Aufbau hat sich gelohnt“, sagt Rüsseler. Bachelor- und Masterarbeiten zeigten, dass die ursprüngliche Vision trage. Beide Studiendekaninnen betonen die hohe intrinsische Motivation der Studierenden und deren überdurchschnittliche Abschlussleistungen. Für die Zukunft sehen sie große Aufgaben: personalisierte Medizin, datengetriebene Diagnostik, Unterstützung von Fachkräften in der Versorgung. Entwicklungen, die technisches Knowhow ebenso erfordern wie medizinisches Verantwortungsbewusstsein.

Zwischen Klinikflur und Schaltplan

Für Gabriela Avila haben sich die Perspektiven im Studium spürbar erweitert. Besonders prägend war ihre Mitarbeit bei der studentischen Gruppe TUcan-Sense, in der sie an einem Biosensor-Prototyp arbeitete und diesen bei einem internationalen Wettbewerb präsentierte. „Skurril war für mich, wie schnell außergewöhnliche medizinisch-technische Themen im Studienalltag völlig normal wurden“, sagt sie lachend. Auch beruflich denkt sie heute anders als zu Beginn. Ein Startup? Früher undenkbar. Heute vorstellbar. Erfahrungen wie das exist-Women-Programm – eine Gründungsförderinitiative der Bundesregierung – haben ihren Blick geöffnet. Langfristig sieht sie sich im MedTech-Umfeld – vielleicht unternehmerisch, sicher interdisziplinär. Zwischen Klinikflur und Schaltplan hat Gabriela Avila ihren Platz gefunden. Und mit ihr ein Studiengang, der zeigt, was möglich ist, wenn Universitäten ihre Unterschiede nicht glätten, sondern produktiv nutzen.

Autorin: Heike Jüngst

RMU-Profil: Kooperation als strategisches Prinzip

Die Allianz der Rhein-Main-Universitäten ist ein zentrales Instrument zur hochschulübergreifenden Profilbildung in Lehre und Forschung. Ziel ist es, komplementäre Stärken systematisch zu bündeln, Doppelstrukturen zu vermeiden und gemeinsame Formate mit nachhaltiger Wirkung zu etablieren. Der Kooperationsstudiengang Medizintechnik steht exemplarisch für diesen Ansatz: Durch die Verbindung der Ingenieurwissenschaften der TU Darmstadt mit der medizinischen Expertise der Goethe-Universität Frankfurt entstehen gemeinsame Abschlüsse, integrierte Lehrformate und enge Anknüpfungspunkte an kooperative Forschungsaktivitäten. Mit weiteren gemeinsamen Studienangeboten wie „Stadtforschung – Urban Studies“ und „Particle Accelerator Science“ wird die strategische RMU-Zusammenarbeit gezielt ausgebaut und die Wettbewerbsfähigkeit der Wissenschaftsregion Rhein-Main langfristig gestärkt.

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