Vier Jahrtausende Kulturgeschichte

Interdisziplinäre Publikation mit studentischen Arbeiten zu Ökosystemforschung im Nördlinger Ries

Vor rund 15 Millionen Jahren durch einen Asteroideneinschlag entstanden, ist das Nördlinger Ries eine ganz besondere geologische Landschaft. Auch siedlungsgeschichtlich ist die Region hochinteressant. Dies veranschaulicht die jüngst erschienene erste Publikation zu den interdisziplinären Arbeiten zwischen Ipf und dem Kartäusertal am Westrand des Ries mit archäologischen, archäobotanischen und naturwissenschaftlichen Abschlussarbeiten, die an der Goethe-Universität und an der Universität Tübingen entstanden sind.

Die mittelalterliche Stadt Nördlingen mit dem Kirchturm Daniel der St.-Georgs-Kirche, im Hintergrund (im Westen) der mächtige Ipf mit seinen bronze- und eisenzeitlichen Befestigungen. (© Geyer, Heidenheim)
Die mittelalterliche Stadt Nördlingen mit dem Kirchturm Daniel der St.-Georgs-Kirche, im Hintergrund (im Westen) der mächtige Ipf mit seinen bronze- und eisenzeitlichen Befestigungen. (© Geyer, Heidenheim)

Ökosystemforschung befasst sich mit den Veränderungen von Landschaft und Umwelt durch den Eingriff des Menschen; mit diesem hochaktuellen Ansatz näherten sich Studierende der Goethe-Universität und der Uni Tübingen ihrem Forschungsgegenstand im Nördlinger Ries. Ausgangspunkt war der markante Berg Ipf mit einem der berühmten Fürstensitze Mitteleuropas der älteren Eisenzeit. Gefördert von einer Firmenstiftung, entstanden seit 2022 Studien zur Region zwischen dem Westrand des Ries bis ins Kartäusertal, das sich durch eine ungewöhnliche Dichte an mittelalterlichen Burgen auszeichnet.

Im Freilichtmuseum am Fuße des Ipf: Rekonstruktion einer Pfostenschlitzmauer des 5. Jh. v. Chr. mit Studierenden und Mitarbeitern der Goethe-Universität. (© R. Krause/Goethe-Universität)
Im Freilichtmuseum am Fuße des Ipf: Rekonstruktion einer Pfostenschlitzmauer des 5. Jh. v. Chr. mit Studierenden und Mitarbeitern der Goethe-Universität. (© R. Krause/Goethe-Universität)

Mit seiner markanten Kegelform ist der nördlich von Bopfingen gelegene Ipf weithin sichtbar. Der Berg, ein „Härtling“ des Weißen Jura, der – wie der Name schon sagt – aus sehr hartem Gestein besteht und nichts mit dem Asteroideneinschlag zu tun hat, könnte viel erzählen von der Jahrtausende langen Besiedelung durch Menschen: Er war Machtzentrum, Fürstensitz und Handelsknoten, die fruchtbaren Böden und Felder warfen reiche Ernten ab. Der Mensch und seine Tiere haben die Landschaft geformt, seit der Bronzezeit hat die intensive Holz- und Landwirtschaft das Erscheinungsbild deutlich verändert. Dies alles weiß man, weil Archäologen und Naturwissenschaftler seit vielen Jahren versuchen, die Vergangenheit des Nördlinger Ries ans Licht zu bringen. Archäologe Prof. Rüdiger Krause und Archäobotanikerin Prof. Astrid Stobbe, beide Goethe-Universität, haben dazu Wesentliches beigetragen.

Aus zwei DFG-Schwerpunktprogrammen und mehreren, ebenfalls von der DFG geförderte Einzelprojekte gingen u.a. archäologische, archäobotanische und geomorphologische Daten hervor. Um die Erkenntnisse zu verdichten, wurden diese Meta-Daten seit 2022 in einem weiteren Projekt ausgewertet und durch zusätzliche Forschungen ergänzt – mit dem Ziel, vier Jahrtausende Kulturgeschichte zu rekonstruieren. Erste Ergebnisse sind jetzt in einer ansprechend gestalteten Publikation nachzulesen. Die Beiträge, darunter vor allem auch studentische Arbeiten, vermitteln Wissenschaft auf für den interessierten Laien verständliche Weise und geben detaillierte Einblicke in das Vorgehen der Forscherinnen und Forscher. Großformatige Fotografien und Grafiken veranschaulichen die Ergebnisse der Forschungen.

Gefördert wurden sowohl das Projekt als auch die Publikation durch die Firmenstiftung Kessler + Co für Bildung und Kultur mit Sitz in Abtsgmünd im Ostalbkreis (Baden-Württemberg).

Zum Umfeld des Ipf zählt eine Siedlung der Eisenzeit am Ohrenberg, in der sogar das Schmelzen von Bronzen und die Fertigung von zahlreichen Gegenständen wie etwa Fibeln (Gewandnadeln) belegt ist. Eine Besonderheit ist hier auch der Nachweis der Glasverarbeitung in keltischer Zeit, denn blaues Glas wurde wieder eingeschmolzen (recycelt) und neue Glasartefakte wie Perlen und Armringe hergestellt. Die Landschaft bietet aber noch mehr Stoff für die Rekonstruktion von Lebensverhältnissen insbesondere im Kartäusertal. Während der Ungarneinfälle im 10. Jahrhundert nach Chr. wurden drei kleine Befestigungen attackiert, wovon Hunderte Pfeilspitzen aus Eisen zeugen. Aus karolingischer Zeit sind Mühlen und Siedlungen überliefert, aus dem Hochmittelalter drei Steinburgen, aus dem Spätmittelalter das Kloster Christgarten. Im Dreißigjährigen Krieg wurden auf dem Albuch in der berühmten Schlacht von Nördlingen an einem Tag mehr als 10.000 Soldaten niedergemetzelt, weite Landstriche und Dörfer verwüstet.

Bohrkern mit Feuchtsedimenten und Moorablagerungen aus einem Moor bei der Pulvermühle in Ederheim, Kartäusertal. In diesem Milieu haben sich organische Reste und vor allem Pollen erhalten, die zur Rekonstruktion der Vegetationsgeschichte und der Landschaftsveränderung dienen. Im Bild: Doktorandin Lisa Bringemeier. (© R. Krause/Goethe-Universität)
Bohrkern mit Feuchtsedimenten und Moorablagerungen aus einem Moor bei der Pulvermühle in Ederheim, Kartäusertal. In diesem Milieu haben sich organische Reste und vor allem Pollen erhalten, die zur Rekonstruktion der Vegetationsgeschichte und der Landschaftsveränderung dienen. Im Bild: Doktorandin Lisa Bringemeier. (© R. Krause/Goethe-Universität)

Durch die Zusammenschau der Teile vermittelt der Sammelband ein umfassendes Gesamtbild: wie mit Hilfe von Pollenanalysen aus Feuchtarchiven wie Mooren die Vegetation rekonstruiert wurde, wie sich die Gegend durch die Jahrhunderte von einer Wald- in eine Kulturlandschaft verwandelte. Mehrere studentische Abschlussarbeiten werden vorgestellt: So hat Elaine Schneider in ihrer Masterarbeit Strontiumanalysen an Tierzähnen durchgeführt, um Erkenntnisse über die Weidewirtschaft und die Mobilität von Haustieren zu gewinnen. Denn in Zähnen lagert sich Strontium an, welches Hinweise auf die Aufenthaltsorte von Individuen geben kann. Elsa Jansen hat für ihre Bachelorarbeit die historische Topographie im Retzenbach- und Kartäusertal erforscht. Jonathan Schmidt hat die Bronzeverarbeitung in der Siedlung am Ohrenberg untersucht, Simone Pivesan das Schmelzen von Glas und den Reichtum an Glasartefakten analysiert. Hinzu kommt eine historisch-topographische Landschaftsstudie durch den Nördlinger Geologen Kurt Kroepelin und die erstmalige Präsentation der Untersuchungen in den Trichter- oder Wassergruben für die Wasserversorgung am Ipf. Lisa Bringemeier hat im Rahmen ihrer Dissertation Bohrkerne pollenanalytisch ausgewertet, eine wichtige Grundlage für die Rekonstruktion der Vegetation und Landwirtschaft.

Die ausführlichen wissenschaftlichen Publikationen werden später in den Frankfurter Archäologischen Schriften erscheinen.

Am Ipf: Studierende bei geoelektrischen Untersuchungen in einer Trichtergrube. (© R. Krause/Goethe-Universität)
Am Ipf: Studierende bei geoelektrischen Untersuchungen in einer Trichtergrube. (© R. Krause/Goethe-Universität)
Archäobotanik: Auszählen von Pollen unter dem Mikroskop im archäobotanischen Labor der Vor- und Frühgeschichte der Goethe-Universität. (© A. Stobbe/Goethe-Universität)
Archäobotanik: Auszählen von Pollen unter dem Mikroskop im archäobotanischen Labor der Vor- und Frühgeschichte der Goethe-Universität. (© A. Stobbe/Goethe-Universität)
Die hochmittelalterliche Ruine der Burg Niederhaus bei Ederheim am Ausgang des Kartäusertals. (© Geyer, Heidenheim)
Die hochmittelalterliche Ruine der Burg Niederhaus bei Ederheim am Ausgang des Kartäusertals. (© Geyer, Heidenheim)
Die Schlacht von Nördlingen im Jahr 1634, dargestellt von Mathäus Merian.
Die Schlacht von Nördlingen im Jahr 1634, dargestellt von Mathäus Merian.

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