Einschätzungen zur Social-Media-Regelung in Australien

Verbote allein reichen nicht

Einschätzungen der Erziehungswissenschaft und Psychologie zur neuen Social-Media-Regelung in Australien

Seit dem 10. Dezember ist es unter 16-Jährigen in Australien verboten, ein eigenes Konto auf Social-Media-Plattformen zu besitzen. Die Alterssperre gilt neben TikTok auch für Snapchat, Instagram, Facebook, Threads, X, YouTube, Twitch, Reddit und Kick. Der UniReport wollte von zwei Expertinnen wissen, wie sie dieses weltweit erste Verbot von Social Media für eine bestimmte Altersgruppe einschätzen: Prof. Denise Klinge ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Medienbildung an der Goethe-Universität; sie hat die Fragen gemeinsam mit Masterstudierenden aus der Erziehungswissenschaft diskutiert und Antworten erarbeitet. Dr. Andrea Irmer ist Psychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

UniReport: Frau Klinge, Frau Irmer, heutige Kinder und Jugendliche sind Digital Natives und mit den digitalen Möglichkeiten ganz selbstverständlich aufgewachsen, nutzen die Plattformen massenhaft. Warum sollte man Ihnen diese Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten überhaupt entziehen? Wirkt da die Aussage des australischen Premiers Albanese, die jungen Australier sollte mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen, nicht etwas zynisch (wenn man zumindest die Freunde nicht mehr im Netz treffen kann)? Wäre es wirklich sinnvoll, wenn Jugendliche erst mit 16 in die Welt von Social Media eintreten? (und ist das Alter angemessen – warum nicht mit 14 Jahren?)

Denise Klinge (Foto: Lecher)

Denise Klinge: Die Debatte um ein mögliches Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche in Australien greift ein reales Problem auf, greift in ihrer aktuellen Zuspitzung jedoch zu kurz. Ein pauschales Verbot verkennt sowohl die sozialen Funktionen digitaler Räume als auch die Verantwortung von Politik, Plattformen und Erwachsenen. Einerseits sprechen sich Studierende aufgrund eigener medienbiographischer Erfahrungen für ein Verbot im frühen Kinder- und Jugendalter aus, andererseits stellen wir und die Frage, wie sonst Medienkompetenz erlernt werden soll, wenn nicht im Umgang mit den Medien selbst (Medienkompetenzmodelle schlagen den selbstbestimmten Umgang mit Medien vor, um Reflektionskompetenzen zu erlernen). Es werden die falschen Akteure und die falschen Probleme benannt, es sollten Plattformen vielmehr in die Pflicht einer grundsätzlichen Regulierung genommen werden; algorithmischen Empfehlungsmechanismen, die im System halten sollen, problematische Inhalte und unzureichende Meldemöglichkeiten (und fehlende Regelung der Konsequenzen) werden nicht adressiert.

Bevor neue Verbote diskutiert werden, müssen bestehende Regeln konsequent durchgesetzt werden. Der Fokus sollte klar auf der Regulation der Plattformen liegen: schnelle und verpflichtende Löschung problematischer Inhalte, Regulierung algorithmischer Verstärkung, Umgang mit Hassrede, KI-generierten Inhalten, Bots und manipulativen Designs. Diese Regulierung darf sich nicht nur auf Minderjährige beschränken, sondern muss für alle Nutzer*innen gelten. Der Einfluss des digitalen Kapitalismus und profitorientierter Plattformlogiken auf soziale Dynamiken muss politisch begrenzt werden. Zentral ist weiterhin der Ausbau von Medienkompetenz – und zwar für alle Altersgruppen. Jugendliche bewegen sich längst kompetent in digitalen Räumen, während viele Erwachsene sie dabei weder begleiten noch schützen können. Eltern, die selbst unreflektiert Inhalte über ihre Kinder veröffentlichen, untergraben häufig den Jugendschutz, den sie einfordern. Statt Jugendliche zu entmündigen, braucht es eine Stärkung der Medienkompetenzen aller Altersgruppen.

Soziale Medien sind für Jugendliche mehr als Unterhaltung. Online-Freundschaften, Communitys und themenbasierte Vernetzung sind zentrale Bestandteile jugendlicher Entwicklungsprozesse. Gerade für marginalisierte Jugendliche stellen digitale Räume oft Rückzugsorte dar. Ein Verbot würde diese Safe Spaces entziehen und soziale Teilhabe einschränken. Erfahrungen aus der Pandemie zeigen zudem, dass digitale Kommunikation nicht nur Ablenkung, sondern auch stabilisierend und notwendig sein kann.

Probleme wie Mobbing, Ausgrenzung oder Gruppendruck sind keine rein digitalen Phänomene. Der kompetente Umgang damit ist ebenso für analoge Kontexte relevant. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte müssen daher postdigitale soziale Logiken verstehen und vermitteln können. Medienpädagogik gehört verbindlich in den Unterricht – nicht als Zusatz, sondern als Grundlage zeitgemäßer Bildung. Ein altersbasiertes Verbot wirft grundlegende Fragen auf: Nach welchen Kriterien wird die Altersgrenze festgelegt? Sozialisationstheoretisch sind Peer-Beziehungen gerade im Jugendalter besonders relevant – genau dort, wo Plattformen zentral sind. Zudem bleibt unklar, wie ein Verbot praktisch durchgesetzt werden soll und wie zwischen Nutzung und Account-Besitz unterschieden wird, wenn Inhalte weiterhin zugänglich bleiben. Das Verbot in Australien bietet jedoch eine Chance mit empirischer Begleitung (qualitativ und quantitativ) die tatsächlichen Effekte, unbeabsichtigte Nebenfolgen und die Rolle verschiedenster Akteure zu untersuchen.

Andrea Irmer (Foto: privat)

Andrea Irmer: Social Media ist heute ein fester Bestandteil des Alltags vieler junger Menschen. Hier finden Freundschaften und sozialer Austausch statt, es können Gefühle von Zugehörigkeit entstehen und Unterstützung erlebt werden. Diese Räume pauschal zu entziehen, würde bedeuten, einen relevanten Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen auszublenden – das halte ich nicht für sinnvoll. Wir können uns der digitalen Welt nicht mehr verschließen und aus meiner Sicht sollte das auch nicht das Ziel sein.  Vor diesem Hintergrund kann die Aussage des australischen Premiers, Jugendliche sollten „mehr Zeit mit Freunden und Familie verbringen“, tatsächlich ambivalent wirken. Für viele junge Menschen finden Freundschaften heute auch online statt. Gleichzeitig verweist diese Aussage auf ein reales Problem: Wenn soziale Medien sehr viel Raum im Alltag einnehmen, bleibt für andere Aktivitäten entsprechend weniger Zeit. Hinzu kommt, dass digitale Plattformen keine neutralen Kommunikationskanäle sind, sondern hochoptimierte Systeme, die Aufmerksamkeit binden und Nutzung intensivieren sollen. Entwicklungsbedingt können wir von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie diesen Mechanismen aus eigenem Antrieb dauerhaft widerstehen.  Eine starre Altersgrenze für einen sinnvollen Einstieg in Social Media lässt sich aus psychologischer Sicht nur schwer festlegen. Entwicklung verläuft nicht in Jahresschritten, sondern individuell: Manche 14-Jährige sind bereits sehr reflektiert und kommen früh gut zurecht, während andere deutlich länger Orientierung und Schutz benötigen. Was es aus meiner Sicht braucht, ist ein gestuftes, verantwortungsvolles Heranführen – beginnend mit begrenzten, geschützten Nutzungsformen, klaren Regeln durch Eltern und einer kontinuierlichen Begleitung. Dazu gehören regelmäßige Gespräche darüber, wie viel Raum soziale Medien im Alltag einnehmen sollen und was daneben nicht verloren gehen darf. Auf dieser Grundlage kann die autonome Nutzung mit zunehmender Reife schrittweise ausgeweitet werden, mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, soziale Medien selbstbestimmt, reflektiert und in einem ausgewogenen Verhältnis zu anderen Aktivitäten zu nutzen.

Besteht nicht die Gefahr, dass nun ein Run auf andere, noch nicht verbotene, aber auch nicht kontrollierte Plattformen stattfinden wird?

Denise Klinge: Ein Verbot einzelner sozialer Plattformen wird die Nutzung digitaler Kommunikation nicht beenden, sondern lediglich verlagern. Mediengeschichte zeigt, dass neue Plattformen dort entstehen, wo bestehende Angebote eingeschränkt werden. Nutzungspraktiken verschieben sich – potenziell in Räume, die pädagogische Bezugspersonen, Schulen und Eltern noch weniger kennen und begleiten können. Damit steigt das Risiko einer Entgrenzung digitaler Praktiken bis hin zur Entwicklung illegaler oder schwer kontrollierbarer Kommunikationsräume. Ein solches Ausweichen entzieht sich nicht nur dem Jugendschutz, sondern erschwert auch Prävention, Aufklärung und Intervention erheblich. Zudem droht ein technologisches Wettrüsten: auf der einen Seite immer restriktivere Kontroll- und Altersverifikationssysteme, auf der anderen Seite neue Umgehungsstrategien, Plattformen und technische Lösungen. Die eigentlichen Probleme – Plattformdesigns, ökonomische Anreizstrukturen und fehlende Durchsetzung bestehender Regeln – bleiben dabei unangetastet.

Man hört jetzt schon, dass die Plattformbetreiber nicht umfassend die Altersabfrage durchführen könnten, mit gefälschten Ausweisen etc. könne man das Verbot leicht aushebeln.

Denise Klinge: Die Umsetzung einer Alterskontrolle in sozialen Medien wirft zahlreiche praktische, rechtliche und ethische Fragen auf. Schlupflöcher durch bestehende Medienpraktiken sind kaum zu verhindern: Jugendliche können Accounts über ältere Personen nutzen, Teenie-Influencer*innen bieten sogar schon Online-Beratung für Gleichaltrige an. Zentrale Fragen bleiben offen: Wer überprüft die Altersangaben tatsächlich? Wie werden Datenschutz, Anonymität und Meinungsfreiheit gewahrt, wenn persönliche Ausweise mit Social-Media-Konten verknüpft werden? Wer entscheidet, welche Daten erhoben, gespeichert und kontrolliert werden – und wie lange? Zudem ist unklar, wie strafrechtliche Konsequenzen umgesetzt werden sollen, etwa bei Cybermobbing, Hassrede oder nicht gekennzeichneten Inhalten, einschließlich Werbung oder KI-generierter Beiträge. Die praktische Umsetzung stellt zudem hohen technischen und organisatorischen Aufwand dar: Personal, KI-Systeme und klare Regelwerke müssten bereitgestellt werden, um Anmeldung, Altersprüfung und Inhaltskontrolle zu überwachen. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld zwischen Schutz der Jugendlichen und möglichen Eingriffen in Grundrechte wie Anonymität und freie Meinungsäußerung.

Neben den Gefahren des Cybermobbings und des Stalkings im Netz: Wie sehen Sie den Einfluss der Plattformen aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Sicht? Was macht das mit jungen Menschen, wenn sie z. B. zu oft und zu intensiv dort unterwegs sind und andere Dinge darüber vernachlässigen?

Andrea Irmer: Grundsätzlich zeigen viele Studien, dass eine sehr häufige oder zeitintensive Nutzung sozialer Medien mit verschiedenen Belastungen einhergehen kann, etwa mit schlechter Stimmung, einem niedrigeren Selbstwert, depressiven Symptomen, Angst-, Schlaf- und Essstörungen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen sowie Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Diese Zusammenhänge gelten jedoch nicht pauschal für alle, sondern es bestehen große individuelle Unterschiede. Gerade im späteren Kindes- und Jugendalter gewinnen Rückmeldungen von Gleichaltrigen eine besondere Bedeutung, während Selbstbild und Identität noch im Aufbau sind. Plattformen, die stark auf Sichtbarkeit, Vergleich und Bewertung ausgerichtet sind, können diese Prozesse verstärken und das Wohlbefinden beeinträchtigen. Das zeigen auch die Ergebnisse meiner eigenen Studie mit 10- bis 14-jährigen Social-Media-Nutzer*innen: Die Nutzung von Instagram, TikTok und YouTube geht häufig mit dem Eindruck einher, dass andere ein besseres Leben führen, hübscher und beliebter sind oder sich mehr leisten können – und dieser Eindruck hängt wiederum mit schlechterer Stimmung und einem geringeren Selbstwert zusammen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus eine allgemeine Ursache-Wirkungs-Beziehung abzuleiten. Soziale Medien wirken nicht im luftleeren Raum. Rahmenbedingungen spielen eine zentrale Rolle: Wie stabil ist das familiäre Umfeld? Gibt es tragfähige Freundschaften außerhalb des Netzes? Gibt es Ansprechpartner*innen bei belastenden Themen? Wie wird in der Familie und in der Schule mit digitalen Themen umgegangen? Junge Menschen, die gut eingebunden sind, über Probleme und Schwierigkeiten sprechen können und klare Strukturen haben, kommen mit Social Media oft besser zurecht als diejenigen, die ohnehin belastet oder verunsichert sind. In diesem Sinne verstärken Plattformen häufig bestehende Dynamiken, statt sie allein zu verursachen.

Denise Klinge: Die Diskussion über den Einfluss sozialer Medien auf Jugendliche wird häufig durch Annahmen der älteren Generation geprägt, während die empirische Studienlage bislang uneindeutig ist. Soziale Medien werden oft automatisch als Risiko für familiäre Beziehungen oder Lebensbereiche interpretiert – gleichzeitig ermöglichen sie aber verstärkten Kontakt zu Freund*innen und Familie. Jugendliche nutzen digitale Räume als Teil ihrer sozialen Entwicklung: Sie trennen sich sukzessive von Eltern und beziehen Peers stärker in ihre Lebenswelt ein, ein zentraler Aspekt der Entwicklungsaufgabe nach Erikson. Plattformen unterstützen diese Abnabelung, eröffnen Möglichkeiten der Selbstentfaltung und der Vernetzung, gerade in postsozialen Lebenswelten. Gängige Vorstellungen, wonach Familien normorientiert sein sollten, verstellen oft den Blick auf die tatsächlichen Medienpraktiken von Eltern und Jugendlichen. Die Praxis zeigt vielmehr ein komplexes Zusammenspiel zwischen digitalen und analogen Lebensbereichen, das in seiner gesellschaftlichen Dimension verstanden werden muss. Eine differenzierte, empirisch fundierte Betrachtung ist daher notwendig, um die Rolle sozialer Medien zu bewerten.

Wenn Verbote (allein) keine Lösung des Problems darstellen: Was könnte stattdessen helfen? Ein Mehr an Medienkompetenz wird ja bereits seit vielen Jahren gefordert, aber reicht das?

Denise Klinge: Auf Grundlage der Erfahrungen der Studierenden und der Perspektive der Medienbildung fassen wir zusammen, dass Verbote zu kurz greifen. Stattdessen sollten folgende Maßnahmen im Vordergrund stehen:
– Medienkompetenz stärken: Kontinuierliche, altersübergreifende Bildung, die Jugendliche aber auch Pädagog*innen befähigt, souverän mit digitalen Räumen umzugehen. Dazu gehört kritische Reflexion der eigenen Nutzung, Austausch zwischen den Generationen und systematische Integration in Schule, Jugendarbeit und Familien. Ebenso relevant ist die medienpädagogische Ausbildung von Lehrer*innen, etc.
– Verantwortung der Plattformen erhöhen: Plattformen müssen Inhalte konsequent moderieren, Algorithmen und KI-generierte Inhalte transparent machen, Werbung klar kennzeichnen und Datenschutz gewährleisten. Spezifische Abteilungen und ausreichend Personal sollten vorhanden sein, um Regelverstöße zu überwachen. Vor diesem Hintergrund müssen aber auch globale Ungleichheiten diskutiert werden, wenn Abteilungen der Sichtung problematischer Inhalte in benachteiligte Länder transferiert werden.
– Rechtliche und politische Rahmenbedingungen: Strafrechtliche Verfolgung von Cybermobbing und Hassrede muss klar geregelt und transparent kommuniziert werden. Jegliche Maßnahmen sollten evidenzbasiert begleitet werden.
– Ein wirksamer Schutz von Jugendlichen entsteht nur durch Befähigung, Begleitung und regulierte Rahmenbedingungen, nicht durch Entzug sozialer Räume. Strafrechtliche Verfolgungen; Transparenz der Möglichkeiten.

Andrea Irmer: Ich plädiere nicht für ein generelles Verbot von Social Media, sondern für einen kombinierten Ansatz aus Schutz, Aufklärung und struktureller Regulierung. Soziale Medien sind Teil unserer Lebenswelt – entscheidend ist, unter welchen Bedingungen junge Menschen ihnen begegnen. Medienkompetenz ist dabei wichtig, reicht aus meiner Sicht jedoch allein nicht aus. Digitale Plattformen sind gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden und Nutzungszeiten zu maximieren. Aus psychologischer Sicht kann man nicht erwarten, dass Aufklärung allein gegen solche suchtfördernden Mechanismen ausreicht, insbesondere im Kindes- und Jugendalter, wenn Selbstregulation noch nicht vollständig entwickelt ist. Diese Verantwortung können junge Menschen allein nicht tragen. Deshalb braucht es tragfähige und verbindliche Rahmenbedingungen. Dazu gehört ein gesetzlich geregeltes Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien, das nicht nur formal besteht, sondern auch verlässlich eingehalten wird. Darüber hinaus halte ich ein altersabhängiges, gestuftes Vorgehen für sinnvoll, bei dem ich eine zentrale Verantwortung bei den Anbietern sozialer Medien sehe. Es sollten insbesondere solche Mechanismen eingeschränkt werden, die nachweislich suchtfördernd wirken – etwa endloses Scrollen, Push-Benachrichtigungen oder permanente soziale Rückmeldesignale. Hier geht es nicht um Inhalte im engeren Sinne, sondern um Nutzungsarchitekturen, die gerade für junge Menschen schwer zu kontrollieren sind. Gleichzeitig braucht es informierte und sensibilisierte Eltern, die altersangemessene Regeln und Grenzen setzen und diese auch in ihrer Vorbildfunktion vorleben.

Ein anderes, aber damit eng verbundenes Thema: Man hört von vielen Lehrkräften, dass Handys den Schulbetrieb in erheblichem Maße behindern. Wäre ein generelles Handyverbot in der Schule aus Ihrer Sicht sinnvoll? 

Andrea Irmer: Auch wenn die empirische Datenlage hierzu noch nicht eindeutig ist, spricht aus psychologischer Sicht einiges für ein klares Smartphone-Verbot während des Unterrichts. Soziale Medien wirken im Jugendalter besonders stark auf Aufmerksamkeits- und Belohnungssysteme. Allein die Möglichkeit, jederzeit etwas zu verpassen – die sogenannte fear of missing out – bindet kognitive Ressourcen. Ein verbindliches Verbot kann hier entlastend wirken, indem es den inneren Konflikt reduziert, ständig zwischen Unterricht und Smartphone hin- und hergerissen zu sein. Entscheidend ist jedoch, wie solche Regeln zustande kommen und vermittelt werden. Wenn Kinder und Jugendliche verstehen, warum bestimmte Regeln sinnvoll sind und dass sie dem Schutz von Konzentration und emotionaler Präsenz dienen, werden sie eher als Orientierung denn als Strafe wahrgenommen – und entsprechend besser akzeptiert.

Denise Klinge: In Hessen gilt in den Grundschulen ein umfassendes Verbot digitaler Endgeräte, während die Nutzung in weiterführenden Schulen schulspezifisch geregelt wird. Dies bietet eine gute Grundlage für empirische Begleitung, um die Auswirkungen auf Kommunikation, Lernprozesse und soziale Interaktionen der Schüler*innen zu untersuchen. Um einen gemeinsamen Kommunikationsraum für den Unterricht zu erhalten, ist das Verbot sinnvoll. Digitale Endgeräte (und nicht nur Smartphones und IPads) sollten jedoch auch gezielt in den Unterricht integriert werden, um Medien- und Recherchekompetenzen zu erlernen (Stichwort Desktop- und Datenkompetenz abseits der Applogik).

Fragen: Dirk Frank, Redaktion UniReport

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