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Die Grenzen von Sprache und Vernunft

Die slowenische Philosophin Alenka Ambrož ist auf Einladung des Forschungsschwerpunktes „Democratic Vistas: Reflections on the Atlantic World“ Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften.

UniReport: Frau Ambrož, in Ihrem Postdoktorandenprojekt geht es um die Untersuchung von Vernunft und Wahnsinn als politische Kategorien im Kontext der atlantischen Welt. Warum ist die Forschung dazu relevant?

Alenka Ambrož: Im Laufe der Geschichte hatte die Unterscheidung zwischen Vernunft und Wahnsinn immer eine politische Bedeutung, da sie als Faktor der Ausgrenzung und der Aufrechterhaltung von Machtbeziehungen fungierte. Frauen, Ausländer, Anhänger einer anderen Religion oder politische Gegner wurden als unvernünftig oder verrückt bezeichnet, um sie zu diskreditieren. Auf etwas ungewöhnliche Weise wurde mein Interesse an diesem Thema durch meine Forschungen im Bereich der Übersetzungsphilosophie geweckt. Dabei habe ich Strategien untersucht, die in der Vergangenheit verwendet wurden, um Sprachen und Lebenswelten, die sich radikal von unserer eigenen Sprache und Lebenswelt unterscheiden, zu übersetzen. Eine typische ethnologische Haltung gegenüber einer fremden Sprache und fremden Sitten bestand darin, die betreffende Sprachgruppe als „wild“ zu bezeichnen und ihr eine „prälogische Mentalität“ zuzuschreiben. Eine der frühesten Formen der Ausgrenzung, basierend auf der Differenz von Vernunft und Wahnsinn, lässt sich somit auf den Umgang mit sprachlichen Unterschieden und die Tendenz von Gemeinschaften zurückführen, diejenigen auszugrenzen, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Dies war zum Beispiel die Haltung der alten Griechen gegenüber den Barbaren, die als unvernünftig galten, weil ihre Sprache als unverständlich galt. Da das Teilen einer Sprache (Logos) als Kriterium für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Menschen galt, war ein Ausschluss aus der Sprachgemeinschaft einer der schärfsten Vorwürfe, denen man ausgesetzt sein konnte. In der Tat ist diese spontane Haltung, die eigene Sprache und Kultur als Modell für alle anderen zu betrachten, nach Lévi-Strauss „die älteste Haltung“: Der Ethnologe hat bei seinen Aufenthalten in den Gesellschaften der amerikanischen Ureinwohner beobachtet, dass die Tendenz, das Menschsein auf die Grenzen der eigenen Gemeinschaft (Stamm, Sprachgruppe, Dorf) zu beschränken, universell auf alle Gruppen zutrifft, die miteinander in Berührung kommen, seien es Kolonisatoren oder Eingeborene. Traurigerweise ist dies heute mehr denn je der Fall. Mit dem Aufkommen der so genannten „Migrationskrise“ wurden populistische Narrative verbreitet, die die Vertriebenen als unzivilisiert beschreiben; diese prägen immer noch die kollektiven Vorstellungen in ganz Europa. Die Weigerung, andere Denkweisen als die eigenen zu akzeptieren, führt zu Rechtfertigungen verschiedener Formen von Gewalt.

Welche Bedeutung hat die Idee der atlantischen Welt für Sie und Ihre Arbeit?

Die atlantische Welt ist die Wiege der Moderne, der demokratischen Ideale und vieler wertvoller humanistischer Werte, aber auch einiger der größten Verbrechen gegen die Menschheit, wie dem transatlantischen Sklavenhandels, der Rassentrennung und der brutalen Kolonisierung der indigenen Völker Amerikas. Es ist wichtig, sich diese beiden widersprüchlichen Aspekte der Geschichte dieses Raums vor Augen zu halten, um den ersten nicht ad acta zu legen und den zweiten nicht zu vergessen. Der Atlantik war und ist ein Raum des intensiven kulturellen Austauschs, der mehrere Zivilisationen hervorgebracht hat. Wir neigen dazu zu vergessen, dass unsere Kulturen und Sprachen gerade durch den Kontakt und den Austausch mit anderen Kulturen entstanden sind: Die moderne europäische humanistische Kultur ist das Ergebnis einer Reihe von kulturellen Transfers und Übersetzungen, die nicht nur durch das antike Griechenland und Rom, sondern auch durch die arabische Welt gingen. Die Idee der atlantischen Welt ist eine Erinnerung daran, dass das „Andere“ immer schon ein Teil von uns ist. Wenn wir uns weigern, dies anzuerkennen, entstehen verschiedene Formen von Beziehungspathologien, wie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Diese Pathologien betreffen nicht nur diejenigen, die von Formen der Beherrschung und Diskriminierung betroffen sind, sondern auch diejenigen, die sie ausüben.

Sie arbeiten auch in dem Projekt Democratic Vistas mit; wie sehen Sie die Rolle der Geisteswissenschaften, das Projekt der Demokratie noch besser zu verstehen und vielleicht auch zu stärken?

Die gegenwärtigen Krisen der Demokratie, mit denen wir in Europa und darüber hinaus konfrontiert sind, erinnern uns daran, dass Demokratie immer ein Prozess ist, der noch nicht abgeschlossen ist und nie als selbstverständlich angesehen werden sollte. Das hat schon der amerikanische Dichter Walt Whitman gesehen, auf dessen Essay „Democratic Vistas“ aus dem Jahre 1871 sich das Forschungsprojekt bezieht. Er schrieb, dass Demokratie keine historische Errungenschaft ist oder etwas, zu dem wir uns selbst beglückwünschen sollten, sondern das Projekt einer kollektiven Lebensform, das noch nicht abgeschlossen ist. Da unsere Demokratien mit systemischem Rassismus, Menschenrechtsverletzungen gegenüber marginalisierten Gruppen, Polizeigewalt gegen Demonstranten und so weiter zu kämpfen haben, bleibt die Demokratie ein angestrebtes und noch nicht erreichtes Projekt. In diesem Sinne verstehe ich auch Whitmans Aufruf, Demokratie als ein Gewebe des täglichen Lebens zu interpretieren: Demokratie nicht vom abstrakten Standpunkt eines normativen Ideals aus zu betrachten, sondern vom Standpunkt der gelebten Erfahrungen aller verschiedenen Gruppen, die unsere Gesellschaften ausmachen. Die Geisteswissenschaften ermöglichen es uns, gelebte Erfahrungen mit einer kritischen Bewertung systemischer Ungerechtigkeiten im Lichte unserer gemeinsamen humanistischen Ideale zu verknüpfen. Gleichzeitig ermöglichen es uns postkoloniale, dekoloniale, feministische und ökologische Ansätze in den zeitgenössischen Geisteswissenschaften, einseitige und interessengeleitete Ansätze zur Demokratie zu hinterfragen und Demokratie als ein wirklich globales Projekt zu begreifen. Die Welt, wie wir sie heute kennen, ist viel stärker globalisiert als die Welt, in der Whitman schrieb. Deshalb glaube ich, dass wir heute über Demokratie auf einer globalen Ebene nachdenken müssen.

Wie hat Ihr Aufenthalt in Bad Homburg Ihre bisherige Forschung beeinflusst?

Mein Aufenthalt ermöglichte mir die Teilnahme an verschiedenen wissenschaftlichen Veranstaltungen an der Goethe-Universität; dadurch konnte ich meinen Forschungshorizont erweitern, vor allem im Bereich der Kritischen Theorie. Verschiedene Konferenzen und Seminare boten die Gelegenheit, die spannendsten Forscher zu treffen und sich mit ihnen anzufreunden. Mir ist aufgefallen, wie sehr sich der philosophische Horizont in Frankfurt von dem unterscheidet, den ich in Paris kennengelernt habe. Nur vier Stunden Zugfahrt entfernt, aber eine ganz andere Forschungskultur! Es gibt definitiv viele Aspekte, die ich mitnehmen und in meine zukünftige Forschung und Lehre integrieren werde. Das Forschungskolleg in Bad Homburg bringt Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Für einen Philosophen ist es sehr anregend, beim Mittagessen informelle Diskussionen mit Rechtswissenschaftlern, Linguisten, Historikern, politischen Theoretikern und so weiter zu führen. Dieser Austausch brachte neue wertvolle Elemente in meine Forschung ein.

Was hat es für Sie persönlich bedeutet, am John McCloy Transatlantic Forum, das zum Forschungsschwerpunkt gehört, mitzuwirken?

Das John McCloy Transatlantic Forum hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Nachdenken über Demokratie in der Öffentlichkeit zu stärken. So hatte ich die Gelegenheit, meine Forschung mit Schülern eines Gymnasiums Bad Homburg zu diskutieren, was eine wunderbare Erfahrung war. Ich war sehr beeindruckt von der Neugierde und dem Engagement der Schüler. Sie kannten sich sehr gut in der globalen Geschichte und Politik aus und hatten ihre eigene kritische Einschätzung der aktuellen Ereignisse, von der tragischen Situation in Gaza bis zu den bevorstehenden US-Wahlen. Mir persönlich hat es Hoffnung gegeben zu sehen, dass trotz der zunehmenden medialen Polarisierung das kritische Denken bei der jungen Generation in Deutschland sehr lebendig ist.

Fragen: Monika Hellstern

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