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Vertrauenskultur(en) in autoritären und krisengeschüttelten Staaten des Nahen Ostens

„Die Motivation, Politikwissenschaften zu studieren, lässt sich ganz klar benennen: Ich wollte Politik verstehen, um dann selbst gute Politik machen zu können, wie viele meiner damaligen Kommiliton*innen“, lacht Dr. Irene Weipert-Fenner, Vergleichende Politikwissenschaftlerin beim Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) und Principal Investigator (PI) bei ConTrust.

Aus dem zunächst persönlich motivierten Interesse daran, gesprochenes und modernes Hocharabisch richtig zu erlernen – Weipert-Fenner hat libanesische Wurzeln – und dem Nebenfach der Semitistik, kam es zu einem DAAD-Stipendium, das sie nach Kairo führte. Aus dem Intensivsprachkurs wurde dann ein ganzes Jahr, der jungen Politikwissenschaftlerin wurde klar, dass sie ihr Fach nicht allgemein, sondern mit Bezug zu einer Region studieren wollte. Nach ihrer Rückkehr studierte sie in Bamberg und Erlangen Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Mittlerer Osten, im Nebenfach Arabistik. Als Forschungsschwerpunkt kristallisierte sich allmählich das Thema Autoritarismus in der Region heraus. „Die Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts faszinierten mich, da man zumindest in Europa oft nicht weiß, dass es diese liberale Vorgeschichte des heutigen Staates gibt. Danach war mir klar, dass ich mehr erfahren wollte über das Parlament in heutigen autoritären Regimen.“

Daraus ging ihr Buch „The Autocratic Parliament. Power and Legitimacy in Egypt, 1866-2011” (Syracuse University Press, 2020) hervor. In einem solchen Kontext zu forschen, stellt die Wissenschaft mitunter vor große Probleme, sagt Weipert-Fenner; es stellen sich viele Fragen aus dem Bereich des Forschungsdatenmanagements, darunter auch forschungsethische Fragen, auch welche nach der eigenen Sicherheit. „An welche Daten komme ich überhaupt? Für quantitative Herangehensweisen fehlen oft Daten oder sie sind nicht belastbar genug. Ich selber bevorzuge einen qualitativen Ansatz mit Daten, die ich in Feldforschungsaufenthalten sammle. Hierfür braucht man sehr gute und vor allem vertrauensvolle Beziehungen mit Kolleg*innen und vermittelnden Personen vor Ort, die ich über die Jahrzehnte aufgebaut habe.“ Social Media böte zwar auch einerseits viele Möglichkeiten, an Daten zu gelangen, die aber andererseits auch verzerrt sein könnten; ebenfalls sei auch die Gefahr der Überwachung durch staatliche Behörden gegeben.

Dr. Irene Weipert-Fenner.
Foto: PRIF

Weipert-Fenner interessiert sich besonders für revolutionäre Massenproteste in der arabischen Welt, die sich bisher in zwei Wellen vollzogen haben: „Im Westen hat man meist nur die erste Welle, den sogenannten Arabischen Frühling von 2011, wahrgenommen; es gab aber auch die zweite Welle ab 2019 im Libanon, im Irak, in Algerien und Sudan. Wenn wir uns die Vertrauensdynamiken in den Revolutionen anschauen, dann zeigt sich zunächst, dass in beiden Wellen ein extremes Misstrauen gegen die jeweiligen Regime ausgedrückt wurde.“ Wenn man nun in Betracht zöge, dass in der Region des Nahen und Mittleren Osten das Vertrauen in Menschen, die man nicht kennt, generell gering sei, dann stelle sich die Frage, wie es überhaupt zu einer revolutionären Bewegung kommen konnte. Zwar kenne man es, dass sich in solchen politisch aufgeladenen Situationen sehr schnell affektive Gemeinschaften bilden, die ein hohes Maß an Vertrauen nach innen aufweisen. Allerdings lasse sich gerade in der zweiten Welle beobachten, dass das Vertrauen weit darüber hinaus ging: Ethno-religiöse Konfliktlinien wurden explizit überwunden. „Um ein Beispiel zu nennen: Nationale und gruppenspezifische Flaggen wurden bewusst nebeneinander getragen, um bestimmte ethnische Identitäten in nationale Identitäten zu integrieren. Die Menschen wollten sich vom Regime nicht mehr gegeneinander ausspielen lassen.“

Die Frage, wie sich in solchen Krisen Vertrauen in die Gesellschaft als Ganzes jenseits der Protestbewegung  konstituiert, bei dem religiöse und ethnische Differenzen überschritten werden, sei eine hochspannende. Weipert-Fenner kommt hier auf Konzepte zu sprechen, die in der Cluster-Initiative ConTrust entwickelt wurden, um die Mechanismen zu verstehen, wie Vertrauen im Konflikt erzeugt werden kann: Ein Mechanismus ist der Wandel der Akteure im Konflikt. Eine Gruppe präsentiert sich bewusst in einem neuen Licht, um Vertrauen zu erwecken. „Im Irak konnte man beispielsweise beobachten, wie schiitische Protestierende Slogans, die aus ihrem religiösen Kontext stammen, umgedichtet und stattdessen die nationale Einheit hervorgehoben haben.“ Weipert-Fenner ist sich sicher, dass auf dem Feld der Autokratieforschung die Frage nach dem Vertrauen eine wichtige Rolle spielen könne; Repression, sagt sie, führte nicht automatisch zur Mobilisierung oder Demobilisierung. Es müsse noch genauer untersucht werden, wie innerhalb von Bewegungen Vertrauen erzeugt, aber ebenso durch autoritäre Regime auch bewusst zerstört werden könne, beispielsweise durch Desinformation und Delegitimation.   

CONTRUST

Vertrauen wird oftmals als Gegenbegriff zu dem des Konflikts verstanden. Die Forscher*innen der Clusterinitiative »ConTrust: Vertrauen im Konflikt. Politisches Zusammenleben unter Bedingungen der Ungewissheit« gehen hingegen davon aus, dass sich in modernen Gesellschaften Vertrauen in Konflikten nicht nur bewähren muss und damit gefestigt werden kann, sondern unter bestimmten Bedingungen dort erst entsteht. Zugleich gibt es problematische Dynamiken, in denen Vertrauen in bestimmte Personen oder Parteien Konflikte schürt oder verhärtet.
Für ConTrust ergibt sich aus dieser Beobachtung die Aufgabe, die Kontexte von Vertrauen und Konflikt zu beleuchten, um die Bedingungen eines gelungenen Austragens sozialer Konflikte zu bestimmen.

https://contrust.uni-frankfurt.de/

Nahla El-Menshawy.
Foto: PRIF

Auch Nahla El-Menshawy, Assoziierte Forscherin am PRIF und Doktorandin der Politikwissenschaft bei ConTrust, interessiert sich seit ihrem Studium für die Region des Nahen und Mittleren Ostens. Bereits in ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit dem Jemen. Die junge Politikwissenschaftlerin profitierte schon damals davon, dass sie durch ihre ägyptische Familie Arabisch spricht. „Als ich gerade meine Bachelorarbeit über den Jemen beendet hatte, wütete der internationalisierte Bürgerkrieg schon seit drei Jahren. Mich hat die Frage nicht losgelassen, warum der Transformationsprozess, der vom Arabischen Frühling ausgegangen ist, im Jemen so gescheitert ist.“  Historisch gesehen, sagt die Politikwissenschaftlerin, liege der Kampf um die Gestaltung dieses Staates sehr weit zurück. Familienstrukturen hätten immer schon eine große Rolle gespielt, durch den Bürgerkrieg hätte die Bedeutung sogar noch zugenommen. „Es wird damit auch eine Lücke gefüllt: An diesem sozialen Zufluchtsort werden viele Dinge geregelt, für die der Staat nicht sorgen kann.“

El-Menshawy wählt in ihrer Forschung einen induktiven Ansatz, da soziale Phänomene im Nahen Osten oft mit einem gewissen Bias betrachtet werden. „Da schwingt oft auch implizit eine moralische Überlegenheit mit. Ich habe daher den Anspruch an mich, mich von diesen Konzepten zu lösen“, sagt sie. Kulturalistische Tendenzen in der westlich geprägten Forschung zeigten sich ihrer Ansicht nach unter anderem darin, dass enge Bindungen zur Familie grundsätzlich als unmodern angesehen würden. Dies greife aber nach ihren Beobachtungen zu kurz. „Der westliche Ansatz besagt ja, dass partikulares Vertrauen im engsten Kreis, zur Familie, nicht förderlich sei für soziales Vertrauen. Das halte ich für nicht haltbar. Denn Vertrauensnetzwerke im privaten Bereich sind zumindest im Nahen Osten sehr oft eng mit dem öffentlichen Bereich verwoben.“

El-Menshawy ist es wichtig, in ihrer Feldforschung nicht über, sondern mit den Menschen zu sprechen. „Es stellt eine große Verantwortung dar, über ein Land zu schreiben, aus dem man nicht kommt.“ Was im Falle des Themas Jemen allerdings zusätzlich schwierig war, denn der Bürgerkrieg hat eine Forschung vor Ort nahezu verunmöglicht. Sie konnte aber in Ägypten Kontakt zu migrierten Jemeniten aufnehmen. „Ich habe versucht zu ergründen, welche Netzwerke in der Diaspora aufgebaut, welche Strukturen aus der Heimat reproduziert und angefochten werden. Was empfinden die Migranten in Bezug auf ihren Staat, ihre Nation? Wie hat sich die Erfahrung mit dem Konflikt auf das Vertrauen in ihre Mitbürger ausgewirkt? „Ein interessantes Ergebnis ist, dass Konflikte in der Diaspora anders ausgetragen werden als in der Heimat. In Ägypten ist ein friedliches Zusammenleben allein durch die Gesetzeslage erzwungen. Dies ist eine bedeutsame Lehre, die zurück in den Jemen fließen kann.“

Als Forschende, sagt El-Menshawy, sei man zugleich auch Teil der Vertrauensthematik, denn man müsse zu seinen Gesprächspartnern erst einmal ein solches Vertrauen aufbauen. Profitiert hat sie auch von dem Netzwerk von Wissenschaftler*innen in Ägypten, darunter auch Jemeniten. Dadurch habe sie leichter Kontakte zu ihren Interviewpartnern knüpfen können. „Ägypten ist für mich kein fremder Ort. Denn man muss sich als Forschende natürlich immer auch fragen: Wo habe ich Zugänge zu einer Gesellschaft, wo komme ich zurecht? Als arabisch gelesene Person kann ich im Prinzip ganz gut in die Welt vor Ort eintauchen. Dennoch stelle ich im Methodenteil meiner Dissertation gerade Reflektionen darüber an, wo mir meine Herkunft geholfen hat und wo nicht.“

ExStra – die Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder

Mit vier neuen Clustern bewirbt sich die Goethe-Universität Frankfurt für die anstehende Runde der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder: Es sind die Forschungsthemen Vertrauen im Konflikt (CONTRUST), Infektion und Entzündung (EMTHERA), Ursprung der Schweren Elemente (ELEMENTS) und zelluläre Architekturen (SCALE). Die Anträge vereinen die Kompetenzen und zukunftsweisenden Ideen der Goethe-Universität mit denen der Kolleg:innen des Verbunds der Rhein-Main-Universitäten (RMU) und weitere Partner der vier großen Organisationen der außeruniversitären Forschung. Der seit 2019 bestehende Exzellenzcluster Cardiopulmonary Institute (CPI) wird im kommenden Jahr direkt einen Vollantrag einreichen.

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