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Japanologie: Reise ins Geisterland

An dem schwülwarmen Sommerabend war es sehr still auf dem Campus Westend: War die seltsame Ruhe auf die Geister und Gespenster zurückzuführen, die sich schon auf den Weg gemacht hatten für die Geisterveranstaltung der Japanologie?

Der Geruch von Räucherstäbchen durchzog die Luft des stimmungsvoll dekorierten Hörsaales A im SKW-Gebäude, der sich zusehends füllte. Schaurige Melodien erklangen, Lampions mit bleichem Licht leuchteten aus dem Bambus, und auch ein Kitsune – ein japanischer Fuchsgeist – hatte sich hinter einem Paravent vor den Besuchern verborgen.

Vier Vorträge entführten dann Zuhörer und Zuhörerinnen in eine „andere Welt“ – diesen ikai benannten, jenseitigen Raum, in dem seit den 1980er Jahren vermehrt überlieferte Gestalten wie Geister (yûrei) und Gespenster (yôkei) auf junge, urbane Geistererscheinungen aus den Großstadtlegenden (toshi densetsu) treffen, wie die Japanologin Lisette Gebhardt in ihrem Vortrag erklärte. Laut Kadowaki Atsushis soziologischer Interpretation führten die entfremdenden Umstände moderner Industriegesellschaften wie Japan zu einer Renaissance des Übernatürlichen, die spätestens in den 1990ern u.a. einen signifikanten Anstieg der Beliebtheit moderner Schauermärchen bedingte. Ihren Höhepunkt fand die Faszination für die „Anderswelt“, so Gebhardt, dann im J-Horror. Diese Horrorfilme, und darüber hinaus Manga oder Anime, gelangten auch außerhalb Japans zu großer Popularität. Geisterthemen sind – wie es in der Japanologie erforscht wurde – bis heute Teil der japanischen Medienberichterstattung. Aufgrund aktueller Gegebenheiten behandelt man derzeit „stigmatisierte Immobilien“, d.h. Wohnungen, in denen sich ein tragisches Ableben, oft ein länger nicht entdeckter Todesfall, ereignet hat. Für diese gibt es sogar „Geisternachlässe“, da spukende Mietobjekte naturgemäß nicht hochpreisig veranschlagt werden können.

Beinahe die gesamte Bandbreite der faszinierenden japanischen Geisterphänomenologie spiegelt sich im Bibliotheksbestand der Goethe-Universität.  Hier sind zahlreiche Bildbände, Ausstellungskataloge sowie einschlägige Manga und auch literarisches Material zu finden. Einiges davon stellte Elena Müller vor, zuständig für die Japanologie in der neuen Bibliothek SKW. Müller präsentierte zum Beispiel einen neu angeschafften Kunstband zum japanischen Höllenwesen sowie den Manga Hakaba resutoran (Band 9: “Das Friedhofsrestaurant”) aus der Reihe Kaidan resutoran, die von einer Mitautorin der erfolgreichen Kinderliteratur-Serie vor Jahren dem Fach gestiftet wurde.

Die Religionswissenschaftlerin und Japanologin Inken Prohl von der Universität Heidelberg erklärte, wie die sogenannten Neuen Religionen mit Reinigungsritualen oder auch Exorzismen gegen böse Geister viel Geld verdienen. Für die Geister lieber Verstorbener bietet man jedoch schöne Tauchrituale auf dem Grund des Pazifiks an. Diese Serviceleistungen verdeutlichen Zeittendenzen: Mitglieder von World Mate etwa erhalten Angebote zur Befriedung der Ahnengeister direkt per Post nach Hause, mit bereits ausgefülltem Überweisungsträger. Prohl erläuterte japanische Vorstellungen zu Geistern dahingehend, dass man in Japan nicht selten der Vorstellung anhänge, Ahnen, die einen schmerzvollen oder ungerechten Tod gestorben seien, könnten als Geister das Leben Ihrer Nachfahren unheilvoll beeinflussen. Letztere sind dann unter Umständen vom Pech verfolgt: Sie finden keine Arbeit oder keine Wohnung, bis der Geist befriedet wurde. Solche Charakterisierungen finden sich in der japanischen Kultur verbreitet, lassen sich aber nicht auf eine Religion festlegen, sondern weisen Bezüge zu Buddhismus, Shintoismus oder auch Taoismus auf. Laut japanischer Tradition kann ein Geist auf drei Arten „geboren“ werden: durch Autogenese in der Natur, z.B. im Fall von Steinen, Bäumen oder magischen Tieren wie Füchsen oder Schlangen; durch Missachtung eines Menschen zu seinen Lebzeiten oder eben durch seine Erfahrung von Leid und Schmerz.

Eva Jungmann, Doktorandin der Frankfurter Japanologie, befasste sich in diesem Kontext mit den in zeitgenössischen Todesbildern und Suizidfantasien zum Ausdruck gebrachten negativen Gefühlen, die die Malerin Matsui Fuyuko künstlerisch umsetzt. Matsui greift dabei auf die vormoderne japanische Kunstform kusôzu zurück. Kusôzu-Malerei stellt in neun Stufen den Verfall einer (meist weiblichen) Leiche dar, um die Natur der Vergänglichkeit, wie sie der Budddhismus lehrt, zu illustrieren und dem Betrachter zu innerer Einkehr und Kontemplation zu verhelfen. Nicht zuletzt Matsui verdeutlicht eindrucksvoll, wie es der japanischen Kultur bis heute gelingt, dem Jenseitigen den gebührenden Raum zu lassen und dem Bedürfnis der Menschen sich zu erinnern, durch ästhetisch perfekt gestaltete wie spirituell anrührende transzendente Figuren entgegenzukommen.

Beendet wurde der Abend mit einer „reinigenden“ Sakerunde, die jegliche Spuren einer Geister-Anhaftung vom Publikum entfernen sollte. Der Ausschank erfolgte an einem von fleißigen Helfern eigens aufgebauten, traditionellen Getränkestand. Erst spät endeten die anregenden Debatten in dieser authentisch-japanischen Atmosphäre.

Anna Springer

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